Heldentum

Deutsche Kernkraftwerke sind sicher

Kurz nach dem 11. Sept. 2001 sammelte meine Schwägerin Definitionen von "Held" für ihr neues Theaterprojekt. Das verblüffende Ergebnis: Die meisten Menschen, die sie fragte, glaubten gar nicht an Helden oder dachten zuerst an Menschen, die man zwar mit Tugenden wie Mut und Tapferkeit bis zur Selbstaufgabe durchaus in Verbindung bringt, die aber meistens nicht in der Presse als Helden dargestellt werden: Mütter. Und wie steht es um die Männer, die den Brand im Kernkraft Tschernobyl unter Kontrolle brachten - und den Einsatz mit ihrem Leben bezahlten?

Laut Presseberichten wäre die Katastrophe von Tschernobyl schlimmer gewesen, wenn die ersten Einsatztrupps - so genannte "Liquidatoren" - den Brand im Kernkraftwerk von Tschernobyl nicht so schnell unter Kontrolle gebracht hätten. Und genau diese Menschen sind es, die von allen Seiten unbestritten als Todesopfer der Katastrophe angesehen werden: mindestens um die 50 Menschen, die größtenteils nicht um die Gefahr wussten, die dort lauerte. Verraten, reingelegt: Es war ein Selbstmordkommando, aber die ganze Menschheit hat davon profitiert.

In Deutschland würde das alles freilich anders ablaufen. Erstens war Tschernobyl ein menschliches Versagen und soll keineswegs als generelle Gefahr missverstanden werden, die auch von deutschen Kernkraftwerken ausginge. Zweitens würde man hierzulande selbstverständlich die Notfalltrupps über alle Gefahren informieren. Die Frage stellt sich also: Wer hat sich in Deutschland dazu verpflichtet für den - äußerst unwahrscheinlichen, ja, eigentlich ausgeschlossenen - Fall eines GAUs, unter Lebensgefahr einen Brand in einem Kernkraftwerk unter Kontrolle zu bringen?

Ein Anruf beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), Dr. Bühling am Apparat. "Die einzelnen Betreiber haben jeweils Werksschutzmannschaften, und danach kommt die Feuerwehr." Ob die ausgerüstet sind? "Für einen Brand wie in Tschernobyl wäre der Bleianzug so schwer, dass kein Mensch ihn tragen könnte." (Ob die Feuerwehrleute auch Kernkraftbefürworter sind?)

Vermutlich, so Dr. Bühling, würde man deshalb gar nicht erst versuchen, in so einem Fall Menschen hineinzuschicken. Über Hubschrauber könne man vielleicht zu Beginn was unternehmen.

Wir sind Papst

Zum Glück ist das alles in Deutschland ausgeschlossen. "Quality Made in Germany" beschränkt sich nicht nur auf ICE-Züge, die ja nie vom Gleis fliegen, oder wegweisende Autobahnmautsysteme, sondern vor allem auf Kernkraftwerke. Spätestens seit ein Deutscher Papst wurde, wissen wir von der Unfehlbarkeit deutscher Kulturgüter. Tschernobyl könnte hier nie passieren!

Man wundert sich deshalb umso mehr, dass sich die Perfektion so wenig herumgesprochen hat. Selbst ein Experte wie Dr. Kurt Kugeler, Professor für Reaktortechnik und Reaktorsicherheit an der RWTH Aachen, wurde in der letzten Ausgabe von Energie & Management dahingehend zitiert, deutsche Kernkraftwerke könnten mit "erheblichen Nachrüstungen… schmelz- und explosionssicher" gemacht werden. Prof. Kugeler: Sitzen, Sechs! Deutsche Kernkraftwerke müssen nicht erst sicher gemacht werden, deutsche Kernkraftwerke sind sicher.

Schließlich nutzt es nichts, wenn wir aus der Atomkraft aussteigen, denn - wie ein TP-Leser neulich richtig kommentierte - die Windenergie und Photovoltaik sind auch nicht auf Dauer beherrschbar. Stimmt: ganz schlimm, so ein Solar-GAU.

Im Andenken an die Menschen, die im Kampf gegen den Brand in Tschernobyl gestorben sind - und noch sterben werden.

(Craig Morris)

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