Hemingway unter Mordverdacht

40 Jahre nach dem Tod des weltberühmten Schriftstellers wird die Leiche eines FBI-Agenten auf seinem Grundstück gefunden. Hat der impulsive Schriftsteller und passionierte Großwildjäger hier seine Hände im Spiel?

Mario Conde ist wieder da. Acht Jahre nach seinem freiwilligen Abschied von der kubanischen Polizei verstrickt ihn ausgerechnet die Liebe zur Literatur in einen Kriminalfall, wie ihn der mal melancholische, mal rebellische Cop zu regulären Dienstzeiten noch nicht erlebt hat. Auf der Finca Vigía bei Havanna, wo Ernest Hemingway den beschaulichen Teil seines ansonsten ereignisreichen Lebens verbrachte, wird eine Leiche ausgegraben. Der vierzigjährige Aufenthalt im herrschaftlichen Garten hat ihrem Zustand beträchtlich geschadet, trotzdem gibt es keinen Zweifel daran, dass der frühere FBI-Agent mit zwei Kugeln gewaltsam vom Leben zum Tode befördert wurde und die beiden obendrein aus einer Pistole stammen, die einst Teil von Hemingways opulenter Waffensammlung war.

Ein pikanter Fall für die lokalen Ordnungshüter, die sich schnell daran erinnern, dass ihr Ex-Kollege Mario Conde seine überschaubaren Einkünfte mittlerweile als Schriftsteller und Antiquar verdient und von jeher ein besonderes Interesse an dem eigenwilligen Gastarbeiter hatte. Condes Verhältnis zu Hemingway ist allerdings gespalten, denn seine Verehrung des berühmten Literaten verträgt sich schlecht mit der erklärten Abneigung gegen den „großen und ausfallenden, obszönen und betrunkenen, selbstgefälligen und großkotzigen Amerikaner“. Gleichwohl will er unbedingt verhindern, dass Hemingway posthum für einen Mord verantwortlich gemacht wird, den er möglicherweise gar nicht begangen hat.

Condes Untersuchungen gestalten sich weit schwieriger als erwartet, denn im Laufe der Zeit muss er feststellen, dass er nicht gegen das kraftstrotzende Künstler-Ego ermittelt, das sich rücksichtslos seinen Platz in der Literaturgeschichte erkämpft hat. Sein virtueller Gegner ist ein „entkräfteter, gedächtnisschwacher Greis“, der zuletzt sogar den Mut verliert „das Leben in jener Welt, die er sich selbst geschaffen hatte, zu ertragen“.

Beim Havanna-Quartett, den vier Romanen, mit denen Leonardo Padura in den 90er Jahren weit über Kuba hinaus für Aufsehen sorgte, ist es also nicht geblieben. Mario Conde, der leicht exzentrische, angriffslustige, bisweilen alkoholabhängige, schnell verliebte und doch stets unglückliche Polizist, der mit 36 Jahren den Dienst quittierte, hält es im freiwilligen Ruhestand nicht mehr aus. Doch in „Adiós Hemingway“ geht es nur am Rande um die Aufklärung eines Verbrechens.

Für Conde, der in vielem ein anarchisches Spiegelbild von Henning Mankells nahezu zeitgleich entstandenem Kommissar Wallander ist, wird die kriminalistische Spurensuche immer mehr zur literarischen und persönlichen Entdeckungsreise. Das verwundert umso weniger, als sich Padura selbst jahrelang durch eine „heftige Hassliebe“ mit Hemingway verbunden fühlte und keine andere Möglichkeit sah, als seine Obsessionen „auf Mario Conde zu übertragen“. Dieses nicht eben unübliche Verfahren praktizierte er bereits im ersten Teil des Havanna-Quartetts, „Ein perfektes Leben“. Schon damals liebäugelte der Kommissar damit, Hemingway, „dem bewunderten Idol seines Lebens“, nachzueifern und eine „Geschichte über das Untergründige“ zu schreiben, während sich seine Altergenossen mit staatstreuen Betrachtungen „über die Alphabetisierung, die ersten Jahre der Revolution und den Klassenkampf“ abmühten.

Auch Padura ist noch immer fasziniert von der Fähigkeit des Nobelpreisträgers, „Schönheit, herausragende Figuren oder Momente der Rebellion“ zu gestalten, fühlt sich aber gleichzeitig von Hemingways amoralischer Erscheinung abgestoßen - der Art und Weise, wie der egozentrische Dichter frühere Gönner wie Sherwood Anderson oder Gertrude Stein abfertigte, Schriftstellerkollegen vom Format eines Scott Fitzgerald oder John Dos Passos öffentlich bloßstellte oder sich fortgesetzt als Waffennarr und Frauenheld stilisierte.

Interessanterweise empfindet Padura diese beiden gegensätzlichen Erlebnisse nicht als notwendige Seiten ein- und derselben Medaille. Das literarische Genie und die menschliche Katastrophe schließen sich allerdings auch nicht aus, denn die Verzweiflung der letzten Lebensjahre und der ruppige Selbstmord mit dem eigenen Jagdgewehr fungieren in Paduras Betrachtung als versöhnendes Element.

Sein Tod am 2. Juli 1961, als er sich das Hirn wegpustete, hat ihn menschlicher gemacht. Jener Hemingway, der in seinen letzten Lebensjahren am Rand einer Neurose schweres Leid durchlebte, der nicht mehr trinken, lieben, jagen und kaum mehr schreiben konnte, gewann neues Ansehen. Ein trauriger Hemingway, am Ende einsam Aug in Auge mit seinem Schicksal, ohne die vielen schützenden Masken, mit denen er sich im Laufe der Jahre geschmückt hatte: die des Jägers, des Boxers, des Guilleros, des Experten für Stier- und Hahnenkampf.

Leonardo Padura

Gegen Ende des Romans, der teilweise aus der Perspektive Hemingways geschrieben ist, kommt er auch Mario Conde nur noch wie ein „schmuddeliger Weihnachtsmann“ vor, der längst aus der Zeit gefallen ist und für die Gegenwart allenfalls noch ein trauriges Menetekel abgeben kann. Die Kubaner des 21. Jahrhunderts haben andere Sorgen:

Alle schienen von einer Unruhe gepackt, die sich in Geschrei, hektischen Bewegungen und gehetzten Blicken äußerte. Der Alltag trieb sie an, schickte sie in eine Schlacht, die unter freiem Himmel geschlagen wurde, an tausend Fronten. (...) In diesem Schwindel erregenden Durcheinander versuchte sich El Conde zurechtzufinden, was ihm jedoch nicht gelang. Zum ersten Mal in seinen mehr als vierzig Lebensjahren kamen ihm die Straßen des Viertels fremd vor, feindlich, bedrohlich. Diese chaotische Realität, die viele Jahre geschlafen oder im Verborgenen vor sich hingeköchelt hatte, nun war sie zum Ausbruch gekommen wie ein Vulkan, dessen Rauchwolken alarmierende Notsignale aussandten. Man musste weder Polizist noch Privatdetektiv sein, nicht einmal Schriftsteller, um zu begreifen, dass es niemand auf diesen Straßen interessierte, ob Hemingway einen Mann, der darauf aus gewesen war, ihm das Leben zu versauen, umgebracht hatte oder nicht. Das Leben und der Tod spielten sich woanders ab, viel zu weit weg von der Literatur und dem unwirklichen Frieden der Finca Vigía.

Zitat aus Adiós Hemingway

Dass Conde den Fall, der ihm inoffiziell übertragen wurde, nicht mehr ruhen lassen kann, bringt ihn schließlich selbst an den Rand der gesellschaftlichen Verwendbarkeit.

Alles in allem war er ein guter Polizist gewesen, trotz seiner Abneigung gegen Waffen, Gewalt und Unterdrückung und gegen die Macht, die durch Angst und die schaurigen Mechanismen des Apparats jeden manipulieren und erledigen kann. Nun aber, das wusste er, war er ein beschissener Privatdetektiv in einem Land, in dem es weder Detektive noch ein Privatleben gab, mit anderen Worten: Er war eine schiefe Metapher in einer schiefen Wirklichkeit.

Zitat aus Adiós Hemingway

Die Offenheit, mit der Padura die Situation im Kuba der späten Castro-Ära schildert, ist zweifellos dazu angetan, den einen oder anderen Funktionär auf den Gedanken zu bringen, ihn wegen „ideologischer Probleme“ noch einmal strafzuversetzen – so wie vor vielen Jahren, als er von der Zeitschrift „El Caimán Barbudo“ zum weniger provokanten Blatt „Juventud Rebelde“ wechseln musste. Doch mittlerweile dürfte das schwierig werden. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller ist international bekannt und im eigenen Land gerade wegen seiner unmissverständlichen Formulierungen besonders populär. Padura achtet nach eigenem Bekunden allerdings selbst darauf, „die Schraubenmutter nicht zu überdrehen.“

Doch wenn er in Romanen und Interviews mitunter davon träumt, „einfach mit offenem Hemd, den Anhänger auf der Brust und das Bierchen in der Hand, in der Straße herumzustehen und auf alles zu scheißen, wie es so viele in diesem Land tun“, dann hat der sozialistische Realismus endgültig ausgedient. Wer in diesem skurrilen, bisweilen aus- und abschweifenden, insgesamt aber höchst anregenden Buch sieht, wie die bedingungslose Fortschrittsgläubigkeit der revolutionären Anfangsjahre tiefer Resignation gewichen ist, ahnt, dass die wirtschaftliche Eroberung und Umgestaltung des Landes, die mit Einwilligung der sozialistischen Führungskader längst begonnen hat, erst der Anfang einer schwierigen und schmerzhaften Entwicklung ist. Immerhin darf man gespannt sein, was in einem halben Jahrhundert möglicherweise im Garten des „Maxímo líder Fidel“ ausgegraben wird ...

Leonardo Padura: Adiós Hemingway. Aus dem kubanischen Spanisch übersetzt von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag. Juli 2006. 192 Seiten. EUR 17,90

Der Unionsverlag hat darüber hinaus alle vier Bände des Havanna-Quartetts veröffentlicht, die für je 9,90 € erhältlich sind:
- Pasado perfecto (1991, dt.: Ein perfektes Leben, 2003)
- Vientos de cuaresma (1994, dt.: Handel der Gefühle, 2004)
- Máscaras (1997, dt.: Labyrinth der Masken, 2005)
- Paisaje de otoño (1998, dt.: Das Meer der Illusionen, 2005)

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