Herausforderung für Muslime

Die islamische Welt hat den Anschluss an die Wissenschaft verloren

Einst waren es Muslime, die den christlichen Europäern wichtige Kenntnisse der Wissenschaft vermittelten und dadurch die Renaissance ermöglichten. Aber das ist lange her und heute spielen die Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit in der globalen Wissenschaftsgemeinde kaum eine Rolle. Viel ist darüber spekuliert worden, was die Gründe für dieses Manko sind. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Nature widmet der Wissenschaft in der muslimischen Welt ein umfassendes Special und Experten formulieren konkrete Forderungen für eine Verbesserung der Verhältnisse.

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Mehr als 1,3 Milliarden Muslime leben heute in den 57 Staaten, in denen sie die Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Von Marokko über Uganda, Kasachstan und Malaysia bis zum Iran sind sehr verschiedenen Nationen Mitglieder der Organization of the Islamic Conference (OIC). Viele von ihnen wie Sierra Leone oder Bangladesch gehören zu den ärmsten Ländern der Welt, andere wie Saudi-Arabien oder Kuwait haben durch ihren Ölreichtum keine finanziellen Probleme. Aber in Sachen wissenschaftlicher Forschung gehören fast alle zu den Schlusslichtern im internationalen Wettbewerb.

Studentinnen im Iran. Bild: Azarbaidjan Tarbiat Moallem University

Wissenschaftler aus den islamischen Staaten veröffentlichen sehr wenige Artikel in den führenden Fachmagazinen und aus ihren Reihen kamen bisher nur zwei Nobelpreisträger, die beide im Westen arbeiteten: Abdus Salam aus Pakistan gewann den Nobelpreis für Physik 1979, der Ägypter Ahmed Zewail den für Chemie 1999.

Die Anzahl der erteilten Patente ist ein weiterer Beleg für die marginale Stellung der Forschung in diesen Ländern. Zwischen 1980 und 2000 wurden Erfindern in den arabischen Ländern ganze 370 Industriepatente erteilt, allein in Südkorea waren es im gleichen Zeitraum 16.000.

Im internationalen Ranking der Universitäten kommen muslimische Staaten fast gar nicht vor, unter den Top 500 findet sich nur die Türkei. Arabische Wissenschaftler haben in den letzten Jahren in genau drei Bereichen herausragende Forschungsarbeiten vorgelegt: Entsalzung zur Wassergewinnung, Kamelreproduktionstechniken und Falknerei-Forschung. Wobei die beiden letzteren in der internationalen Wissenschaftsgemeinde wenig Beachtung fanden, da Kamelrennen und die Falkenjagd eher arabische Herrscherhäuser begeistern als das Nobelpreiskomitee.

Es gibt einige Ausnahmen. Beachtliche Fortschritte wurden unter anderem in Pakistan erzielt, wo ab 2001 die Anzahl der Studierenden von 276.000 innerhalb von drei Jahren auf 423.000 erhöht werden könnte. Im Iran gab es 1979 unter dem Schah gerade mal 100.000 Studenten, heute sind im Mullah-Staat zwei Millionen an den Universitäten eingeschrieben. In vielen Fakultäten gibt es genauso viele persische Studenten wie Studentinnen, in den Ingenieurwissenschaften dominieren mit ungefähr 70 Prozent Anteil sogar die Frauen.

Woran liegt dieses manifeste wissenschaftliche Defizit, etwa an der Religion? Im Westen gilt der Islam inzwischen als Religion der Intoleranz, des Fundamentalismus, des Extremismus und des Terrorismus. In den Augen der meisten Muslime ist das ein Irrtum, den sie klar ablehnen. Sie sehen sich missverstanden und in die Ecke gedrängt, denn für die ist der Islam eine Religion des Friedens. Oft wird auf die Übereinstimmung zwischen den Texten des Korans und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen verwiesen (Quran und moderne Wissenschaft).

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Der Prophet Muhammad hielt sehr viel vom Forschen und Denken, immer wieder ermahnte er die Gläubigen, sich zu bilden. Es sind unter anderem folgende Aussprüche von ihm, sogenannte Hadise, überliefert: „Das Wissenserwerben ist Dschihad“ oder „Ein für den Wissenserwerb verbrachter Tag ist Gott lieber als 100 Kriege für Gott“ (Europäischer Fortschritt und Islam).

Muslime sammelten im goldenen Zeitalter der arabischen Zivilisation zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert das Wissen aus der ganzen Welt und führten es zusammen. Bagdad und Damaskus waren wichtige Forschungszentren, riesige Bibliotheken entstanden, Texte wurden übersetzt und ausführlich diskutiert. Das Arabische war die Wissenschaftssprache des Zeitalters.

Von den Indern übernahmen die arabischen Gelehrten damals das Ziffernsystem und die Null, sie entwickelten das Rechnen unter anderem mit Dezimalbrüchen, der Trigonometrie und der Algebra entscheidend weiter (Quadratische Gleichungen bei al-Khwarizmi). Aber auch andere Wissenschaften wie die Medizin, die Physik, die Botanik oder die Astronomie erlebten eine Blüte.

Universalgelehrte wie Ibn Ruschd (Averroes), Ibn Sina (Avicenna) oder Al-Biruni beeinflussten maßgeblich das europäische Denken.

Es kann also nicht wirklich an der Religion liegen, dass die Wissenschaft heute in den islamischen Staaten daniederliegt, auch wenn muslimische Fundamentalisten die Evolution anzweifeln, weil sie ihrer Meinung nach der Vorstellung eines Schöpfergottes widerspricht (Gott oder die Evolution?). Aber das ist nichts speziell islamisches, denn fundamentalistische Christen vor allem in den USA sind massenhaft Anhänger des Kreationismus (Gefährlicher Schmusekurs).

Seit Jahren appellieren verschiedene Experten an die Mitgliedstaaten der Organization of the Islamic Conference, die Bedingungen wissenschaftlicher Ausbildung und die Forschungsmöglichkeiten zu verbessern. Sie fordern vor allem die Bereitstellung von mehr finanziellen Mitteln (Wissenschaftliche Forschung ist Dschihad), aber auch den freien Fluss der Information und eine Demokratisierung (Glanzvolle Vergangenheit, glanzlose Gegenwart), um aus der Isolation herauszutreten und endlich Teil der globalisierten Wissensgesellschaft zu werden.

In Nature legt jetzt Nader Fergany vom Almishkat-Forschungszentrum in Ägypten nach. Er ist der Chefautor des Arab Human Development Report (AHDR), dessen verschiedene Teile seit 2002 erschienen sind. Geschrieben haben diesen Bericht mehr als 100 arabische Experten, unterstützt vom United Nations Development Programme. Der vierte und letzte Teil über das Thema „Rise of women in the Arab world“ soll im Dezember erschienen.

Der Bericht formuliert die strategische Vision einer Restrukturierung der Region, um eine arabische Renaissance einzuläuten, deren Mittelpunkt eine wissensbasierte Gesellschaft sein soll. Ziel ist die Entwicklung einer freien und offenen Zivilgesellschaft, in der die menschliche Freiheit, Gerechtigkeit und Würde sich entfalten können. Der erste AHDR kam zu dem Schluss, dass der erfolgreichen Weiterentwicklung der Region vor allem drei Barrieren im Weg stehen: Defizite im Wissenserwerb und in der Wissensproduktion, zu wenig Rechte der Frauen und ein genereller Mangel an Freiheit.

Die Vision einer Wissenschaftsgesellschaft schließt nicht nur die Wissenschaften ein, sondern auch künstlerische und literarische Freiheiten. Die Forderungen der Autoren sind folglich hoch politisch. Nader Fergany erläutert:

Es ist kein Zufall, dass eine zentrale Säule der Vision des Reports der ‚totale Respekt für die Schlüsselfreiheiten wie Meinungsfreiheit, freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit sowie die Garantien dafür durch entsprechende verantwortungsbewusste Regierungen’ darstellt.

Dazu bedarf es nationaler, regionaler und globaler Reformen. Die breite Bevölkerung muss auf der nationalen Ebene künftig politisch mitbestimmen können – heute liegt die Macht in arabischen Staaten meist nur in den Händen weniger. Regional versagten bislang praktisch alle Kooperations-Versuche der arabischen Staaten, obwohl sie über eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte verfügen. Der Panarabismus könnte ein enormes, bislang ungenutztes Potenzial frei setzen (vgl. Plädoyer für einen neuen Panarabismus).

Global wurde Wissen in der Vergangenheit zunehmend vom öffentlichen zum privaten Gut, das vom Profitstreben multinationaler Unternehmen kontrolliert wird. Ein Rückblick auf das goldene Zeitalter der Wissenschaft in der islamischen Welt verdeutlicht, dass Wissen damals von den Europäern nicht teuer erkauft werden musste, sondern ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Das war die Voraussetzung der europäischen Renaissance. Der freie Fluss von Information und Wissen von den reichen westlichen Staaten in Richtung Orient wäre heute unter diesem historischen Gesichtspunkt betrachtet nur ein Zurückzahlen alter Schulden.

Nader Fergany betont nachdrücklich, dass die Entwicklungskrise der arabischen Staaten nicht länger ignoriert werden kann. Nur durch Reformen, eine faktische Umstrukturierung kann die bereits bestehende Isolation durchbrochen werden:

… partielle Reformen werden nicht mehr ausreichen. Die Industrieländer entwickeln immer stärker intensive Wissensgesellschaften. Wenn die arabische Welt sich nicht schnell reformiert, wird die Asymmetrie der weltweiten Wissensproduktion andauern und die arabischen Staaten werden unaufhörlich weiter marginalisiert.

Die arabische Welt muss sich zudem der Welt und anderen Kulturen mehr öffnen, verstärkt in Bildung investieren und vor allem die Meinungsfreiheit respektieren.

In einem zweiten Kommentar-Artikel in Nature äußert sich Herwig Schopper, ehemaliger Direktor des CERN und heute Präsident des Council von SESAME (Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East), einem Projekt unter Federführung der UNESCO mit Sitz in Jordanien, das die Wissenschaft und Technik in der Region voranbringen soll. Herwig Schopper engagiert sich selbst, seine Analyse beruht aber vor allem auf vielen Gesprächen mit Wissenschaftlern und Politikern vor Ort, wie er betont. Er fragt sich, welche Umständen es ermöglichen würden, dass die arabische Welt einen ähnlichen Quantensprung im Bereich von Wissenschaft und Technik erlebt, wie in jüngster Vergangenheit Taiwan, Südkorea und aktuell China – verbunden mit einem enormen ökonomischen Aufschwung. Herwig Schopper ist überzeugt, dass ein derartiger Kurswechsel fundamental angegangen werden muss:

Eine der größten Herausforderungen, der sich muslimische Staaten stellen müssen, ist dass sie bislang zu oft wissenschaftliche Erkenntnisse als eine Handelsware betrachten, die von dem vorausgegangenen Denkprozess getrennt wird. Die wohlhabenden arabischen Staaten glauben, sie könnten mit ihrem Ölreichtum einfach westliche Technologie kaufen und sie so als wissenschaftliche und technologische Produkte konsumieren. Aber damit Wissenschaft und Technologie florieren können, bedarf es einer kulturellen Basis, die nur durch wissenschaftliche Ausbildung und Forschungsprogramme erreicht werden kann. (…)

Es gibt viele Begründungen für die unbefriedigende heutige Situation von Wissenschaft und Technologie – einschließlich der Konflikte und ökonomischer Sanktionen – aber Entschuldigungen helfen nichts. Der Wettbewerb in den anderen Teilen der Welt macht rasche Fortschritte. Ein großer Entwicklungssprung ist notwendig.

Nach seiner Ansicht muss sich die muslimische Welt an die Blütezeit zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert erinnern – und an die Voraussetzungen, die es ermöglichten. Damals hatte die Wissenschaft ihre größten Förderer in den Herrschern der Zeit, den Abbasiden-Kalifen. Der Untergang kam durch die Invasion der Mongolen, aber gleichzeitig setzten intern eine wachsende Selbstisolation und eine Beschränkung der Meinungsfreiheit ein. Weltoffenheit und Toleranz wurden durch einen strengen und das rationale Denken ablehnenden Konservativismus ersetzt.

Obwohl die Organisation der islamischen Staaten schon vor Jahren ein spezielles Committee on Science and Technological Cooperation (Comstech) geschaffen hat, scheint eine wirkliche Förderung der wissenschaftlichen Forschung für die meisten Politiker in diesen Ländern keine Priorität zu haben. Es gab in der jüngsten Vergangenheit einige Forschritte, Pakistan investierte verstärkt in die Wissenschaft und konnte dadurch wesentlich mehr Fachkräfte ausbilden und die Anzahl der veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsätze in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends um 40 Prozent steigern. Auch die Türkei, Jordanien und der Iran legten kräftig zu. Diese Beispiele könnten den anderen ein Vorbild sein.

Die nackten Zahlen verdeutlichen, dass der Rückstand nicht zuletzt auf mangelnden Investitionen beruht. Nach Erhebungen der Weltbank (World Development Indicators) gaben die muslimischen Staaten zwischen 1996 und 2003 nur 0,4 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Forschung aus, der weltweite Durchschnitt lag dagegen bei 2,36 Prozent.

Ibn Sina, auch Avicenna genannt, 980-1037, persischer Gelehrter des goldenen Zeitalters

In den letzten Jahren wurden viele Anläufe gemacht, um neue Programme zur Förderung der Wissenschaft in den islamischen Staaten auf den Weg zu bringen – nicht zuletzt durch das Comstech. Aber bislang ist leider keine der vollmundigen Ankündigungen konkret umgesetzt worden. Tatsächlich erleben die islamischen Staaten einen kontinuierlichen intellektuellen Aderlass, denn die klugen Köpfe verlassen ihre Heimatländer, um im Westen erfolgreich zu forschen. Nach einer Studie des Gulf Center for Strategic Studies in Kairo wandern jährlich die Hälfte der Studienabgänger in Medizin aus, ebenso 23 Prozent der Ingenieure. Die meisten gehen nach Großbritannien, in die USA oder nach Kanada. Dazu kommt, dass 45 Prozent der arabischen Studenten, die für ihre Ausbildung ins Ausland gehen, nach ihrem Abschluss nicht in ihre Heimatländer zurückkehren. Ein beachtlicher Brain Drain, wie diese Abwanderung der Intelligenz genannt wird (Kampf um die Gehirne).

Herwig Schopper betont, dass der Politik eine zentrale Rolle zukommt, wenn die bestehenden Missstände beseitigt werden sollen. So wie einst die Abbasiden-Kalifen sollten führende Politiker persönlich die Schirmherrschaft übernehmen. Aktuelle positive Beispiele aus islamischen Staaten sind König Abdullah II. von Jordanien und der Staatschef Pakistans, General Pervez Musharraf.

Überall in der islamischen Welt sollte die wissenschaftliche Infrastruktur ausgebaut werden, wozu nationale und internationale Forschungsnetzwerke gehören, aber auch verbesserte elektronische Kommunikationsnetze und Forschungszentren. Und nicht zuletzt muss den Wissenschaftlern mehr geboten werden – mehr Stellen, eine angemessene Bezahlung und Absicherung. Wenn es gelingt, die wissenschaftliche Forschung wirklich voran zu bringen, kann sie einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau von Vertrauen und damit zur Friedensförderung leisten. Ein Beispiel dafür ist das SESAME-Projekt, das nach dem Vorbild des CERN geschaffen wurde. Im Rahmen von SESAME arbeiten Israelis, Palästinenser, Türken und griechische Zyprioten friedlich zusammen und lösen gemeinsam Probleme. Herwig Schopper erklärt:

Das ist der Grund, warum Organisationen wir das CERN und SESAME von der UNESCO unter dem Motto ‚Wissenschaft für den Frieden’ eingerichtet wurden. Wenn wir dieser Idee folgen, gibt es viel zu gewinnen und nur sehr wenig zu verlieren.

(Andrea Naica-Loebell)

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