Herbst des Freibeuters

Die Ohnmacht des allmächtigen Alleinunterhalters, Wahlkämpfers und Cavaliere Silvio Berlusconi

Als Regierungschef hat Silvio Berlusconi eine magere Bilanz: Die Gehälter sind niedrig, die Inflation hoch, der Staatshaushalt außer Kontrolle, die Exportzahlen schlecht, Ausbildung und Wohlfahrtsstaat liegen im Argen. Doch Fakten sind das eine, politische Propaganda das andere. Und ein begnadeter Selbstdarsteller war Silvio Berlusconi schon immer. Kurz vor der Wahl machen jetzt Künstler gegen den Ministerpräsidenten und seine mediale Konsensmaschine mobil, und der Demagoge liegt in den Umfragen hinten.

Vielleicht war die Fußball-WM ja an allem schuld. 1990 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, schied Italien unerwartet früh aus dem Turnier aus. Kurz darauf begannen unter dem Slogan "Mani Pulite", "saubere Hände", Anti-Korruptionsermittlungen und eine Art demokratische Revolution, die in den folgenden Jahren die "Erste Republik" beendete und das gesamte, knapp 50 Jahre stabile italienische Parteiensystem hinwegfegte. 1994 verkündete der Baulöwe, Medienmagnat und Fußballvereinsbesitzer Silvio Berlusconi, damals ein bekannter Profiteur des alten Regimes und erklärter Freund des ins Zwielicht geratenen Ex-Ministerpräsidenten Bettino Craxi, der von den Ermittlungen bis dahin verschont geblieben war, er werde "sich einwechseln" und "das Spielfeld betreten" ("scendere in campo"), also seinen Eintritt in die Politik.

Der Fußballsprache entlehnt war auch der Name seiner neu gegründeten Partei: "Forza Italia", mit der er 1994 die italienischen Parlamentswahlen gewann. Nach dem Bruch seiner Koalition und drei linksliberalen Regierungen kam Berlusconi 2001 als Führer einer Koalition aus seiner Ein-Mann-Partei, Gianfranco Finis disziplinierten Neofaschisten und den Europagegnern der Ressentimentpartei Lega Norte wieder an die Macht, und regiert das Land seitdem wie seinen Privatbetrieb - ein unglaublicher Aufstieg.

Vor den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag und Montag liegt der Premierminister zwar in vielen Umfragen hinten, doch hofft er immer noch seine Regierungsmacht zu verteidigen - so wie sein eigener Verein, der AC Mailand, der am Mittwoch, nachdem er bereits gegen Lyon ausgeschieden schien, doch noch durch zwei Tore in den allerletzten Minuten sein Weiterkommen in der Championsleague sicherte.

In dieser Lage machten zuletzt auch Italiens Künstler mobil: Auch in Deutschland startete die scharfe Polit-Satire "Bye Bye Berlusconi!" von Lucia Chiarla und dem Deutschen Jan Henrik Stahlberg. Berlusconi heißt dort "Topolino" wie die italienische Mickey Maus, handelt statt mit Medien mit Melonen, bringt seine Polit-Propaganda durchs "Melonen-TV" unters Volk und sagt Sachen wie "Ich hab gestohlen wie ein Rabe, und diese Idioten wählen mich trotzdem." Dass er nicht "Berlusconi" heißen darf hat persönlichkeitsrechtliche Gründe. Denn im Gegensatz zu einer Dokumentation, in der auch kontroverse Meinungsäußerungen über "Personen der Zeitgeschichte" erlaubt sind, kann man sich gegen eine Satire, also Kunst, gerichtlich wehren.

Aber jeder weiß natürlich, wer eigentlich gemeint ist, zumal Hauptdarsteller Maurizio Antonini ein fast perfekter Doppelgänger Berlusconis ist. Glänzend imitiert er dessen Gesten, sein gefrorenes Lachen, seine Posen. Außerdem macht der Film aus der Not eine Tugend, und baut die Unmöglichkeit, eine Satire über Berlusconi zu drehen, geschickt mit ein - genauso, wie die Versuche Berlusconis, den Filmemachern im Vorfeld der Wahlen im April hinter den Kulissen Steine in den Weg zu legen, sie einzuschüchtern, zu schikanieren und zu bedrohen. So ist "Bye Bye Berlusconi!" quasi ein Making-off über sich selbst geworden, eine Fake-Doku darüber, wie aus einem geplanten Film etwas ganz anderes wurde.

„Bye Bye Berlusconi!”

Und die Geschichte der Produktion dieses Film ist nicht weniger interessant, als der Film selbst, in dem "Topolino" entführt wird, und ihm im Internet der Prozess gemacht wird. Nebenbei erfährt man viel über die Karriere Berlusconis, der als Sänger und Alleinunterhalter auf Kreuzfahrtschiffen begann und zum Multimilliardär wurde. Je länger der Film dauert, um so mehr vermischen sich die verschiedenen Ebenen. Der Zuschauer verliert ein wenig die Orientierung - allerdings mit Absicht, denn Stahlberg möchte auf den Kern seines Themas, die tatsächlichen politischen Verhältnisse zurückführen. Was ist wahr, was ist Betrug? Wer so fragt, denkt bereits kritisch, und lässt sich nicht von Politikern aufs Glatteis führen.

Dann kam der "Caiman". Selten war ein Film mit ähnlicher Spannung erwartet worden, wie dieser: War doch der Regisseur mit Nanni Moretti Italiens international am höchsten gehandelter Filmemacher, zudem in erklärter Linker. Der - im Konkreten fiktive - Spielfilm erzählt die Geschichte eines B-Movie-Produzenten, der überredet wird, einen Film über Italiens Premierminister, den mächtigsten und reichsten Mann des Landes zu drehen. Voller Spitzen und grundsätzlicher Feindschaft gegen Berlusconi, dreht sich das Werk vor allem um die mysteriösen Karriereanfänge Berlusconis.

Der Aufstieg des unbekannten, zunächst nicht mit den Eliten des Landes vernetzten Kleinbürgerkindes von einem Einserjuristen und Touristenanimateur zum reichsten Italiener war, wie neueste Buchveröffentlichungen zu belegen versuchen, im Wesentlichen von zwei Quellen finanziert worden: Der sizilianischen Mafia, die Mitte der 70er Jahre ihr Geld in Mailand anlegte, und diskreten Finanziers aus der Katholischen Hochfinanz, die über Lichtensteiner Briefkastenfirmen bereits in den 60-er Jahren Vatikangelder in halblegale Bauprojekte fließen ließen. Quasi aus dem Nichts stampfte Berlusconi damals die Trabantenstadt "Milano Due" für 10.000 Bewohner aus dem Boden - der Beginn seiner Karriere.

Trotz solcher Zusammenhänge ist Morettis Film doch nicht das Anti-Berlusconi-Machwerk, das viele erwartet hatten. Vielmehr dreht er sich vor allem um die Italiener, um jene Wähler, die sich bisher (und weiterhin?) nur allzu gern von dem begnadeten Verkäufer Berlusconi einwickeln lassen. Wie gut dieser Vollprofi sein Handwerk und Geschäft beherrscht, zeigte seine Reaktion: "Meine Damen und Herren, hier ist der Caiman!" grinste Berlusconi kürzlich zur Begrüßung seiner Anhänger.

Fiebrig waren die Erwartungen die Medien: Nicht weniger als drei ganze Zeitungsseiten räumte der renommierte "Corriere della Sera" zum Start am 24. März frei, zugleich reagierte die Linke nervös: "Mir wäre lieber, der Film würde erst nach der Wahl starten." meinte Oppositionsführer und Berlusconi-Gegenkandidat Romano Prodi. Und Oliviero Diliberto von der Kommunistischen Partei sprach von einem "Fehler". Offenbar fürchtete man einen "Fahrenheit-Effekt", eine Solidarisierung mit dem Satire-Opfer. Denn nicht wenige Bush-Gegner in den USA machen Michael Moores Filmpamphlet "Fahrenheit 9/11" für die knappe Wiederwahl Bushs verantwortlich.

In jedem Fall hat Berlusconi - durch eigenes Zutun, wie durch seine Gegner - geschafft, was bisher nur Diktatoren gelang: Er ist das zentrale Gesicht seines Landes, das im Ausland weithin mit diesem identifiziert wird. Zumindest hierin und in der Form seiner politischen Propaganda ähnelt Berlusconi tatsächlich dem faschistischen Duce Benito Mussolini. Seine Botschaften bringt Berlusconi bekanntlich mithilfe einer beispiellosen, legislativ unkontrollierten Medienmacht geballt unter die Wählerschaft. Zwar hat ausgerechnet er sich kürzlich darüber beklagt, dass er zu wenig im Fernsehen zu sehen sei.

Doch in Italien spricht man von "Silviomania". Berlusconis Medien zeigen eine einzige Personality-Show, das propagandistische Dauerfeuer einer Meinungsdiktatur, bei dem die Wähler praktisch um Berlusconi nicht herumkommen. Carlo Freccero, Ex-Chef von RAI Due, nennt das "Faschismus light". Berlusconi führe ein Regime, das zwar "weniger dramatisch" als der Faschismus sei, aber "schwerer zu bekämpfen." Diese "Konsensmaschinerie" ersetze "die Gummiknüppel von damals durch das Fernsehen. Ideologie verkauft Berlusconi wie Spülmittel."

“Il Caimano“

Das Programm von Berlusconi lautet allerdings vor allem und immer wieder Berlusconi. Vier Eigenschaften bilden die Konstante dieses Berlusconi-Spektakels, neben der schon erwähnten Dauerpräsenz auch:

  1. Männlichkeit und Potenz. Auch seinen Gegnern gilt Berlusconi als "dominant", "entscheidungsfreudig", und durchsetzungsstark, als einer, der Führungsstärke und klare Hierarchien verspricht: "Ich bin in meinem Lager der Chef. Alles hängt von mir ab." sagt er - und erinnert damit daran, dass sein Gegenspieler Romano Prodi nach seiner Wahl 1996 bereits nach zwei Jahren wegen interner Streitereien im Lager seines "L'Ulivo" wieder aufgeben musste.
  2. Zweitens "giovinezza", Jugend und die mit ihr konnotierten Eigenschaften der Dynamik und der Effizienz. Die Geschichten über seine Face-Lifting-Operationen, über implantiertes Haar und die immerwährende Bräune des 69jährigen müssen hier nicht wiederholt werden. Erinnernswert ist aber, dass "giovinezza" auch in entscheidender Bestandteil der Propaganda Benito Mussolinis war. Der ließ sich beim Skifahren fotografieren, obwohl er diesen Sport nie ausübte - mit nacktem Oberkörper. So wurde er auch beim Baden abgebildet, oder im Verein mit Bauern beim Ernteeinsatz. Dazu passend wurden Mussolinis Geburtstage nie öffentlich erwähnt, genauso wenig wie seine Enkel - so als ob dem Diktator ewige Jugend eigen wäre.
  3. Drittens Allmacht. Auf Wahlkampfveranstaltungen der letzten Wochen verglich Berlusconi sich wechselseitig mit Jesus und Napoleon, verband Größenwahn mit der Pose des Underdogs. Er sei "ein Verfolgter wie Jesus Christus … Christus und ich, das sind zwei Menschen, die die Welt verändert haben." Nur Napoleon habe Europa mehr verändert, hieß es ein andermal, schließlich meinte Berlusconi von sich selbst, er sei der "vom Herren Gesalbte". Auch das hat in Italien eindeutige Tradition: Der "Auserwählte" war Mussolini in seiner Propaganda, und als er einmal nach Sizilien flog dichteten ihm die Zeitungen übernatürliche Kräfte an: "Mussolini kam an, der Ätna stand still."

So angemessen die Faschismus-Vergleiche hier sind, und so skandalös das Verhalten der EU gegenüber diesen Entwicklungen ist, kann man doch auch einfach von Populismus reden. Berlusconi bringt diese, längst auch außerhalb der Politik allgemein gewordene Kulturtechnik vielleicht nur zur Perfektion. Berlusconi repräsentiert die Ersetzung von politischem Handeln durch Symbolpolitik, die Eventkultur mit ihren billigen Effekten, vor allem die moralische Gleichgültigkeit und Anomie der westlichen Gesellschaften.

Nur der ist zu verdanken, dass Berlusconi von Fakten redet, die keiner Überprüfung standhalten, sich als Oppositioneller geriert, obwohl er fünf Jahre an der Macht war. Treffend nennt ihn der Schriftsteller Andrea Camilleri "den übelsten Vertreter der Partei derjenigen, die immer bei Rot über die Ampel fahren", der Wirtschaftsprofessor Paolo Slavini nennt ihn einen "Freibeuter an der Macht". Und der Turiner Philosoph Hugo Perone analysiert die Gründe seiner beständigen Anhängerschaft:

Wir hatten lange eine quasi Staatspartei, die "Democrazia Cristiana" (DC), die in den Umfragen regelmäßig hinten lag, die Wahlen am Ende aber gewann: Das lag daran, dass man sich schämte, die DC zu wählen. Vielleicht ist es auch im Fall von Berlusconi so: Wer wenig Steuern zahlt, wer in spekulative Projekte investiert, wer schnell Geld machen will, hat kein Interesse an einem wohlgeordneten Staat.

Aus diesem Grund argumentiert die Linke in Italien auch legalistischer, als in anderen Ländern. Man dürfe Italien nicht behandeln, als wäre es eine von Berlusconis Firmen; Politik und Bürger müssten die Gesetze achten, augenzwinkernde Staatsverachtung sei Kennzeichen der Rechten. Berlusconi ist so gefährlich, weil er an eine alte Mentalität anknüpft: "Eine gewisse Fremdheit dem Staat gegenüber hat in Italien lange Tradition. Berlusconi verkörpert den Versuch einer Demontage des Staates." (Perone). Trotzdem sollte man das Phänomen Berlusconi nicht mit der traditionellen westeuropäischen lächelnden Verachtung der "Italianitá" abtun.

Vielleicht wird es bald wieder die Richter beschäftigen. Sollte Berlusconi die Wahl verlieren, dürfte auch die Linke - wie Berlusconi 2001 - gelernt haben. Nachdem bereits sein Anwalt in vier Verfahren wegen Richterbestechung verurteilt, engste Mitarbeiter wegen diverser anderer Delikte, und er selbst mit zwei laufenden Verfahren wegen Richterbestechung zu tun hat, könnte es Berlusconi an den Kragen gehen.

Im Wahlkampf spielen die ganzen Vorwürfe zwar kaum eine Rolle, handelt es sich doch um so genannte Tabuthemen. Doch die zunehmenden Beleidigungen und Eklats, die peinlichen Fettnäpfchen, in die der Premier tritt, die Bezeichnung oppositioneller Wähler als "Schwachköpfe", die gesamte Aggressivität an Berlusconis Auftritten macht offenkundig, dass hier einer verzweifelt ist, spürt, dass ihm die Macht entgleitet.

Literatur:

Andrea Camilleri: "Italienische Verhältnisse"; Wagenbach Verlag, Berlin 2005

Paul Ginsborg: "Berlusconi. Politisches Modell der Zukunft oder italienischer Sonderweg?"; Wagenbach Verlag, Berlin 2005

Alexander Stille: "Citizen Berlusconi"; Beck Verlag 2006

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