Herdenimmunität: Der umstrittene schwedische Sonderweg

Anders Tegnell ist "statsepidemiolog" bei der schwedischen Gesundheitsbehörde, seine zurückhaltende Strategie ist umstritten. Bild: Lena Katarina Johansson

Corona-Krisenmanagement in Skandinavien

Ganz Skandinavien schottet sich ab. Grenzen werden dichtgemacht, Touristen ausgeladen. Ganz Skandinavien? Nein. Nach Schweden darf man immer noch einreisen, wenn man denn einen Weg dahin findet, und die Covid-19-Restriktionen sind vergleichsweise milde. Schwedens Taktik in der Coronakrise ähnelt der Großbritanniens und ist auch im Land selbst höchst umstritten.

Bis vor kurzem kannte kaum jemand in Schweden den Namen Anders Tegnell und außerhalb des Landes schon gar nicht. Tegnell ist "statsepidemiolog" bei der Gesundheitsbehörde, also von Amts wegen der oberste Beschützer vor Seuchen in Schweden. Seine Äußerungen zu Covid-19 werden inzwischen auch in den Nachbarländern aufmerksam verfolgt.

Als erstes Land im Norden schloss bekanntlich Dänemark die Grenzen, was Tegnell mit "völlig sinnlose Maßnahme" kommentierte. Von generellen Schulschließungen hält er auch nichts: "Eine Verbreitung in der Schule ist nicht gefährlich." Bei Kindern verlaufe diese Krankheit mild und sie würden sie auch nicht in dem Maße weiterverbreiten, wie es bei anderen Coronaviren oder Grippe der Fall sei. Zudem würden sonst die Eltern im Job fehlen, deren Einsatz man gerade in der Krise benötige. Und auf keinen Fall sollten die Großeltern die Betreuung übernehmen, da diese besonders gefährdet seien.

Diese Linie verfolgte bekanntlich auch der deutsche Virologe Christian Drosten, bevor er seine Meinung aufgrund einer neuen Studie korrigierte. Tegnell lehnt zwar Schulschließungen nicht grundsätzlich ab, predigt aber stets " die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit".

Unterschiedliche Maßnahmen in den skandinavischen Ländern

Die bisher in Schweden ergriffenen Maßnahmen und der Unterschied zu Norwegen zeigen sich anschaulich im grenzübergreifenden Skigebiet: Im schwedischen Sälen brummt der Betrieb - es ist die beste Zeit dafür. Zumindest bis zur jüngsten SVT-Reportage fand dort auch noch Aprés-Ski mit bis zu 499 Personen statt. Veranstaltungen mit mehr als 500 Personen sind inzwischen auch in Schweden verboten. Nur ein paar Kilometer weiter, im norwegischen Trysil, steht bereits alles still, nicht einmal der Lift fährt.

Wer zum Skifahren in den Alpen war, kann in Schweden nach seiner Rückkehr sofort wieder zur Arbeit gehen, und sei es als Krankenschwester oder Altenpfleger - sofern man keine Symptome hat. Nach der offiziellen Statistik der schwedischen Gesundheitsbehörde haben sich 52 Prozent der aktuell diagnostizierten Fälle in Italien oder Österreich angesteckt. Denn im Norden waren gerade die beliebten Sportferien, die viele für Auslandsreisen nutzen.

Die direkten Nachbarn Norwegen und Finnland setzten inzwischen jeden für zwei Wochen in Quarantäne, der im Ausland war, egal, wo. Einige nordnorwegische Kommunen setzten sogar Leute unter Quarantäne, die sich in Südnorwegen aufgehalten haben. Die schwedische Quarantäneregelung bei Erkrankung bezieht sich jeweils nur auf die Erkrankten selbst, nicht auf Personen, die mit ihnen in Kontakt waren. Auch das ist bei den Nachbarn anders.

Die Herdenimmunität-Theorie

"Herdenimmunität" ist das Wort, das im Zusammenhang mit der britischen Strategie häufig fiel. Es besagt, dass ein Erreger unschädlich wird, wenn eine ausreichende Menge Menschen dagegen immun ist. Dies ist auch ein Teil der schwedischen Strategie. Tegnell nennt das Vorgehen Schwedens und Großbritanniens die "wissenschaftlichere" Vorgehensweise.

Herdenimmunität wurde bisher bei einigen Krankheiten angestrebt, indem man die Mehrheit der Bevölkerung impfte, also mit einem abgeschwächten Erreger Antikörper aufbauen ließ. Dadurch sollten auch die, die nicht geimpft werden können, geschützt sein. Im aktuellen Fall von Sars-CoV-2 ist es jedoch das Virus selbst, das in der Bevölkerung grassiert. Bis ein wirksamer Impfstoff in ausreichender Menge verfügbar ist, wird es noch dauern.

Tegnells Haltung ist, dass das Virus nicht aufzuhalten sei. Man müsse aber die Kurve abflachen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Die Maßnahmen müssten allerdings auch über längere Zeit von den Menschen einzuhalten sein und zudem "zur richtigen Zeit kommen". Wichtig sei, Risikogruppen wie ältere Menschen vor dem Virus zu schützen, da bei ihnen die Krankheit einen schweren Verlauf nehmen könne. Deshalb sollen diese sich nun isolieren und auch Angehörige den persönlichen Kontakt beschränken.

Die Theorie dahinter: Haben genug gesunde, widerstandsfähige Menschen Covid-19 in einem leichten Verlauf durchlebt und sind dagegen immun, hilft dies später auch den Risikogruppen. Doch dies ist eine Theorie, die sich bisher noch nie mit einem neuen, aktiven Virus umsetzen ließ. Und Großbritannien ist davon nach einer neuen Studie zumindest teilweise abgerückt (Britische Regierung verfolgt nicht mehr die Strategie der Herdenimmunität).

Tegnells Linie ist in Schweden höchst umstritten. Es gibt Leute, die ihn als jemanden rühmen, der den klaren Kopf behält und seine Argumentation nachvollziehbar finden. Es gibt aber auch solche, die ihm Äußerungen aus der Vergangenheit vorhalten, die zeigen, dass er die Auswirkungen von Sars-CoV-2 anfangs massiv unterschätzte. Es gibt Bürger, die sich als Teil eines extrem risikoreichen Menschenexperimentes fühlen und dies in den sozialen Medien äußern. Es gibt eine Unterschriftensammlung zu seiner Absetzung.

Und es gibt fachlich hochqualifizierte Kollegen, die ihm öffentlich widersprechen und darauf drängen, schärfere Maßnahmen zu ergreifen, so wie Joacim Rocklöv, Epidemiologe und Statistikprofessor der Universisät in Umeå, oder die Molekularbiologin Cecilia Söderberg-Nauclér , Professorin am Karolinska Institutet in Stockholm. Sie verweisen auf Erfahrungen aus China und Italien. Die bisherigen Maßnahmen seien "zu wenig, zu spät". Die Vorstellung, man könne die Ausbreitung des Virus mit Maßnahmen "zur richtigen Zeit" kontrollieren, sei eine Illusion.

Auch das schwedische Gesundheitssystem hat schon im Normalzustand Personalmangel, insbesondere in den dünn besiedelten Gebieten. Um die Kapazitäten freizuhalten für jene, die es wirklich brauchen, sollen Covid-19-Verdachtsfälle ihre Krankheit möglichst in Selbstisolation zuhause auskurieren. Getestet werden hauptsächlich die klinischen Fälle. Die aktuellen Infiziertenzahlen aus Schweden sind also wenig aussagekräftig. Die Zahl der Covid-19-Toten lag zuletzt bei zehn - Tegnell bereitet die Bevölkerung nun darauf vor, dass es mehr werden.

Appelle statt Verbote in Schweden

Es ist nicht so, dass man in Schweden tatenlos zusieht, wie das Virus grassiert. Auf lokaler Ebene werden Besuchsverbote für Krankenhäuser und Seniorenheime erlassen. Die regional organisierten Gesundheitsbehörden bereiten sich auf den Ansturm an medizinischen Notfällen vor. Die Regierung hat das Versammlungsverbot ab 500 Personen erlassen, daneben gibt es die bekannten Ermahnungen: Hände waschen, zuhause bleiben, wenn man sich krank fühlt, Kontakt zu Risikogruppen meiden, um diese zu schützen.

Damit Leute auch wirklich nicht zur Arbeit gehen, wenn sie krank sind, wurde beispielsweise der Karenzabzug vorübergehend abgeschafft. Oberstufen (gymnasieskolor) und Universitäten sind bereits zum Fernunterricht übergegangen. Die übrigen Schulen haben weitgehende Freiheiten bekommen, auf die Situation vor Ort zu reagieren. Denn bisher ist Covid-19 landesweit ungleich verteilt. Schwerpunkt sind, wie zu erwarten, die dichter besiedelten Gebiete, vor allem Stockholm. Inzwischen wird auch eine vollständige Schulschließung gesetzlich vorbereitet. Von Auslandsreisen, egal wohin, wird deutlich abgeraten, inzwischen auch von Reisen innerhalb Schwedens. Verglichen mit den Nachbarländern sind die Maßnahmen aber vergleichsweise milde und beruhen größtenteils auf Freiwilligkeit.

In ganz Europa werden nun Grenzen geschlossen. Auch Norwegen und Finnland haben dies getan. Vor wenigen Wochen noch hätte das wohl kaum jemand für möglich gehalten. Im Norden hat man bisher eng zusammengearbeitet und war darauf auch sehr stolz. Es gibt die nordische Passunion, als Bürger eines nordischen Landes hat man in den anderen noch weitergehende Privilegien denn als gewöhnlicher EU-Bürger. Es gibt einen eng ineinander verflochtenen Arbeitsmarkt und Leute, die täglich über eine Grenze pendeln.

Die Nachbarstädte Haparanda (Schweden) und Tornio (Finnland) am nördlichen Ende der Ostsee arbeiten so eng zusammen, dass es gar nicht möglich sein wird, eine Trennung einzuhalten. Für Arbeitspendler wurden Ausnahmeregelungen geschaffen. Wer aber als norwegischer Staatsbürger seine Hütte in Schweden aufsucht, muss nun bei seiner Rückkehr erst einmal zwei Wochen in Quarantäne. Ob es diesen Prozess auch gegeben hätte, wenn Schweden schärfer reagiert hätte, darüber kann man nur spekulieren. Coronaviren aus Schweden will man jedoch in Finnland oder Norwegen definitiv nicht haben. Obwohl es auch dort durchaus Leute gibt, die mit Tegnells Theorien liebäugeln. Denn der totale Lockdown kostet. Und wer "recht" gehabt hat, wird sich erst in Zukunft zeigen. ( Andrea Seliger)