Herdenimmunität bleibt ein ferner Traum

Erfolgsmodell Schweden? Nach Tests haben selbst in Stockholm nur 7-10 Prozent Covis-19-Antikörper im Blut

Wie viele Schweden haben bereits Covid-19 gehabt und sind jetzt dagegen immun? Schweden hat bekanntlich doppelt Schlagzeilen gemacht, zum einen, weil es weniger harte Maßnahmen ergriff, zum anderen, weil dort extrem viele Todesfälle verzeichnet wurden und werden.

Diese Woche sind die ersten Ergebnisse von zwei Antikörper-Untersuchungen bekannt geworden: eine vom Karolinska Institut (KI) in Stockholm, das Angestellte testete, und eine von der zuständigen Behörde (Folkhälsomyndigheten) selbst, die landesweit testete. Das Ergebnis: Selbst in der stark vom Virus betroffenen Region Stockholm hatten in der Testwoche (18. Woche, Ende April/Anfang Mai) nur 7,3 Prozent Antikörper im Blut laut der Untersuchung der Behörde. KI kommt auf zehn Prozent. Von einer "Herdenimmunität" ist man also noch weit entfernt.

Der Unterschied zwischen den beiden Ergebnissen ist nicht so groß, wie er scheint. Die Behörde hat Personen von 0 bis 70 Jahre getestet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung zwischen 20 und 64 häufiger erkrankt ist und Antikörper ausgebildet hat (landesweit 6,7 Prozent) als die unter 20 (4,7 Prozent, trotz offener Schulen). Am wenigsten Antikörper hatten die Getesteten ab 65, die offenbar den Behördenempfehlungen gefolgt und besonders konsequent auf Distanz gegangen sind (2,7 Prozent).

Die Angestellten von KI in Stockholm gehörten logischerweise alle in die Gruppe der 20-64-Jährigen, die sich am häufigsten angesteckt haben. KIs vorläufiges Ergebnis beruht auf 3200 Antikörpertests. Die Behörde untersuchte 1104 Proben aus neun Regionen. Västra Götaland (mit Göteborg) kommt auf 3,7 Prozent, Skåne (mit Malmö) auf 4,2. Die niedrigen Zahlen liegen auf einer Linie mit den Berichten über Antikörpertests aus anderen Ländern, beispielsweise aus Spanien mit nur fünf Prozent.

Staatsepidemiologe Anders Tegnell, inzwischen weltweit bekannt als der Architekt des "Schwedischen Weges", betont zwar immer wieder, das Ziel sei nicht Herdenimmunität. Ziel sei, die Ausbreitung der Infektion zu bremsen und die Kurve so niedrig zu halten, dass das Gesundheitssystem allen Erkrankten die Behandlung zukommen lassen kann, die sie verdienen. Trotzdem gab es von Anfang an in Schweden einen Fokus auf die Entwicklung der Immunität. Denn diese sei das einzige, was die Gesellschaft schütze, solange es weder Heilmittel noch Impfstoff gebe.

Tegnell und eine Reihe von Kollegen gehen davon aus, dass das Virus so schnell nicht verschwinden wird. Je mehr Menschen immun seien, desto langsamer verbreite es sich aber. Wie viele Menschen im Fall von Covid-19 immun sein müssen, damit die Ausbreitung gestoppt und Risikogruppen geschützt sind, ist Gegenstand von Vermutungen, ebenso, wie lange sie hält. Bisher wurde allgemein davon ausgegangen, dass dafür mindestens 60 Prozent der Bevölkerung immun sein müssen. Mathematiker der Universität Stockholm berechneten aufgrund früherer Daten von Folkhälsomyndigheten, es könne schon bei 40 bis 45 Prozent für Herdenimmunität reichen. Davon ist aber selbst Stockholm, das zeigen die beiden neuen Untersuchungen, noch weit entfernt.

Tegnell: "Etwas niedriger als erwartet, aber nicht so viel"

Antikörper lassen sich erst einige Zeit nach der Infektion nachweisen. Das Ergebnis aus der 18. Woche (27.4. bis 3.5.) zeigt also eigentlich einen noch älteren Stand, etwa den der 15. Woche. Das Karolinska Institut hat neben Antikörpern auch aktuelle Infektionen getestet. Insgesamt macht die Gruppe derer, bei denen sich zum Testzeitpunkt eine frühere oder eine akute Covid-19-Infektion nachweisen ließ, 15 Prozent aus. Trotzdem erweist sich eine frühere Prognose von Folkälsomyndigheten mit 26 oder 27 Prozent Immunität am 1. Mai in Stockholm als unrealistisch.

"Etwas niedriger als erwartet, aber nicht so viel", fand Tegnell auf der Pressekonferenz der Behörde am Mittwoch. Schließlich handele es sich um einen Stand von vor einigen Wochen. Er vermutet außerdem, dass die bereits entstandene Immunität schon zur Verlangsamung der Ausbreitung beitrage. Der Immunologe Petter Brodin (KI) geht im Interview mit dem Fernsehsender SVT davon aus, dass leichte Fälle möglicherweise vom Test nicht erkannt wurden, die Leute aber trotzdem immun sind. Auch er geht davon aus, dass die sinkende Zahl der Infektionen in Stockholm auf eine beginnende Immunität hindeute. Folkhälsomyndigheten gibt die Sensitivität der verwendeten Methode mit 98,3 Prozent und die Spezifität mit 97,7 Prozent an.

Ein großes Fragezeichen bei der Einschätzung möglicher Immunität war und ist die Dunkelziffer all jener, die Covid-19 auskurierten, ohne einen Arzt aufzusuchen, oder so leichte Symptome hatten, dass sie es gar nicht merkten. Schweden schafft aktuell nur knapp 30.000 Tests in der Woche (auch wenn es eigentlich nach Vorgabe der Politik 100.000 sein sollten), und diese sind den schwer Erkrankten, dem Gesundheitspersonal und der Altenpflege vorbehalten.

Tegnells populärer Vorgänger Johan Giesecke war in den Medien mit extrem optimistischen Prognosen aus dem Bauch heraus präsent, die noch über die der Behörde hinaus gingen ("Herdenimmunität im Mai/Juni"). Im Gegensatz dazu warnten vor kurzem 22 Fachkollegen in DN Debatt erneut vor einer Strategie der Herdenimmunität, die gefährlich und unrealistisch sei, und forderten zu härteren Maßnahmen auf.

Die ersten Ergebnisse der beiden neuen Antikörperstudie haben jedenfalls der Hoffnung auf eine schnelle Herdenimmunität und damit auf eine einfache Lösung des Virusproblems einen Dämpfer versetzt. Allerdings ist bisher nicht zu erkennen, dass dies die Strategie der Behörde irgendwie ändern wird.

Die schwedische Strategie: Zwischenbilanz

Bilder von belebten Restaurants wurden zum Symbol des schwedischen Weges zu einer Zeit, als dies in vielen anderen Ländern nicht erlaubt war. Der schwedische Weg wurde sowohl als Erfolgsmodell wie auch als abschreckendes Beispiel hingestellt. Was lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt darüber sagen?

Bei 31.523 Menschen in Schweden wurde bis zum 20.Mai offiziell Covid-19 diagnostiziert. Diese Fälle verteilen sich regional sehr unterschiedlich.

Schweden hatte ursprünglich nur 528 Intensivbetten. Diese Kapazität wurde durch Umorganisation verdoppelt. SVT veröffentlicht die aktuellen Zahlen aus dem Intensivbehandlungsregister, die zeigen, wie die Belegung aussieht. Allein für Coronapatienten wurden im April zeitweise bis zu 558 Betten benötigt. Inzwischen nimmt die Zahl aber ab und liegt seit dem 15.Mai unter 400. Es gibt allerdings auch noch andere Intensivpatienten, sodass immer noch mehr Betten und das dazugehörige Personal benötigt werden, als es ursprünglich gab ( Stand 20.5.: 372 mit Covid-19 und 278 andere, außerdem rund 1500 in anderen Abteilungen der Krankenhäuser).

Das Personal macht Überstunden und 44.000 geplante Operationen wurden eingestellt. Das Feldlazarett in der Stockholmer Messe wurde nicht in Betrieb genommen, allerdings wurden einige Patienten in weniger ausgelastete Krankenhäuser transportiert.

Am 20. Mai lag die Gesamtzahl der Covid-19-Toten bei 3831. Im Mai starben zwischen 60 und 80 Personen täglich. Die bisher schlimmsten Tage waren der 8. April mit 115 und der 15. April mit 116 Todesfällen. Die Statistik auf der Seite der Behörde zeigt das Sterbedatum, nicht das Meldedatum. In die Statistik gehen Verstorbene aus Krankenhäusern und Seniorenwohnanlagen mit Covid-19-Diagnose ein.

Schweden gehört zu den wenigen Ländern, die keine Notstands- oder Ausnahmegesetze angewendet haben. Die Regierung hat sich zwar kurz vor Ostern noch mit der Opposition auf eine Vollmacht geeinigt, die ihr Maßnahmen erlaubt hätte, die das schwedische Infektionsschutzgesetz nicht vorsieht. Dazu gehörte beispielsweise die Schließung von Häfen oder Flughäfen. Sie wurde aber nicht eingesetzt, vermutlich, weil die freiwilligen Maßnahmen danach eine gewisse Wirkung zeigten.

Fixierung auf die Symptome - zu eng?

Ein entscheidender Unterschied der schwedischen Herangehensweise zu vielen anderen Ländern liegt im Umgang mit den Angehörigen und Kontakten der Infizierten. In Deutschland und in allen anderen nordischen Ländern gelten Quarantäneregelungen für all jene, die mit nachweislich Infizierten in Kontakt waren. Mehr als die Hälfte aller auf Island registrierten Covid-19-Fälle waren beispielsweise bereits in Quarantäne, bevor die Krankheit bei ihnen ausbrach.

Nicht so in Schweden. "Bleib zuhause, wenn du dich krank fühlst", wird zwar überall gepredigt. Angehörige von Kranken dürfen aber weiter zur Schule oder Arbeit, sofern sie keine Symptome zeigen. Infektionsketten werden in der Regel nicht mehr nachverfolgt, da das medizinische Fachpersonal jetzt anderswo gebraucht wird.

Die Behördenvertreter gestehen zwar zu, dass eine infizierte Person möglicherweise auch schon anstecken kann, obwohl sie (noch) keine Symptome ausgebildet hat. Die größte Ansteckungsgefahr gehe aber von denen mit Symptomen aus. Da auch die Testkapazität begrenzt ist, können viele nur vermuten, dass sie Covid-19 hatten - und ahnungslose Virusträger weiter zur Arbeit ins Altenheim gehen.

Kitas und Schulen - durchgehend geöffnet

Kitas und Schulen waren die ganze Zeit mit einigen neuen Regelungen grundsätzlich geöffnet - lediglich die gymnasialen Oberstufen und die Universitäten gingen zum Fernunterricht über. Schulschließungen wurden zwar von der Regierung gesetzlich vorbereitet, aber nicht umgesetzt.

Das ist nicht so ungewöhnlich, wie es scheint. Auf Island waren Kitas und die drei untersten Klassen die ganze Zeit unter Auflagen offen. Auch die norwegische Fachbehörde Folkhelseinstittutet hatte Schulschließungen nicht empfohlen - dies wurde von der Politik entschieden. Norwegische Kitas haben bereits am 20. April wieder geöffnet, die ersten norwegischen Schulklassen am 27. April. Beide Länder haben trotzdem das Virus sehr erfolgreich bekämpft.

Wie der schwedische Unterricht in Corona-Zeiten gelaufen ist, dazu gibt es (noch) keine Gesamtsicht. Laut Tegnell gab es keine besonderen Auffälligkeiten in Zusammenhang mit Schulen. Medien berichten, dass vor allem in der Zeit vor Osten sowohl mehr Schüler als auch mehr Lehrer als normal fehlten. Denn jeder mit Erkältungssymptomen sollte ja zuhause bleiben. Ob diese allerdings Covid-19 oder eine gewöhnliche Erkältung hatten, dürften die meisten selbst nicht wissen.

Einzelne Schulen und Kitas schlossen vorübergehend, wenn der Krankenstand zu hoch wurde oder wenn tatsächlich Covid-19 diagnostiziert wurde. Inzwischen soll sich die Personalsituation wieder verbessert haben. Ein großer Teil der Eltern konnte weiter arbeiten - und wurde in den Gesundheitsberufen ja auch dringend gebraucht. Kinder behielten ihren gewöhnlichen Tagesablauf und damit zumindest ein Element von Normalität.

Landesweit bekannt wurde der Fall einer Schule in Skellefteå, der als Ausnahme gilt: Dort gab es einen extrem hohen Krankenstand, und ein älterer Lehrer starb an Covid-19. Die Schule wurde für zwei Wochen geschlossen. Alle 76 Lehrer wurden getestet, 18 davon positiv. Die Schüler wurden nicht getestet. Begründung: Es sei bekannt, dass das Virus in der Bevölkerung vorhanden sei.

Der Schutz der Risikogruppen hat nicht funktioniert

Das Versagen in Bezug auf die Älteren, die man eigentlich schützen wollte, ist bereits ausführlich diskutiert worden. Bisherige Untersuchungen zeigen einen fatalen Mix aus individuellen und strukturellen Fehlern in einigen Heimen und ambulanten Diensten.

Wie in vielen anderen Ländern auch leidet die Pflege unter Personalmangel. Um Löcher zu stopfen, werden schlecht bezahlte und unqualifizierte Aushilfen eingesetzt. "Bleib zuhause, wenn du dich krank fühlst", ist für jemanden in prekären Verhältnissen weniger leicht zu befolgen als von jemandem in sicherer Position.

Hygienemängel gab es schon vorher in einigen Einrichtungen, bei Covid-19 hatten sie tödliche Auswirkungen. Mangel an Schutzausrüstung und falsche Verwendung sind weitere Faktoren. Und selbstverständlich ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass das Virus unabsichtlich in ein Seniorenheim eingeschleppt wird, wenn es draußen häufiger vorhanden ist.

Es kamen auch mehrfach die Vorwürfe auf, ältere Menschen würden in den Krankenhäusern wegpriorisiert und hätten nicht die Behandlung bekommen, die sie verdienten. Die offizielle Anweisung ist, dass jeweils aufgrund der individuellen Situation entschieden werden soll. Zumindest offiziell wurde keine Triage angewendet. Ob einzelne Ärzte oder Abteilungen trotzdem so etwas praktiziert haben, lässt sich schwer beweisen.

Und die Wirtschaft?

Es gab keine pauschalen Geschäftsschließungen aufgrund des Infektionsschutzes wie anderswo - das bedeutet aber nicht, dass alles so lief wie vorher. Einige Lokale schlossen, weil sie die Vorgaben der Behörde nicht einhalten konnten.

Betriebe im touristischen Bereich und Hotels hatten und haben keine Kunden mehr. Vergnügungsparks und Live-Veranstaltungen fielen der 50-Personen-Grenzen zum Opfer. Und solange in Europa keiner Autos kaufen kann oder will, braucht Volvo nicht seine Bänder anwerfen. 70 Prozent des schwedischen Exports geht in die EU und sind - abgesehen vom Klopapier vielleicht - von den dortigen Maßnahmen ebenso betroffen. Auch die schwedische Regierung packt ein Krisenpaket nach dem anderen. Mehr als 400.000 Schweden waren Mitte Mai in Kurzarbeit.

Der schwedische Weg ist noch nicht zu Ende

In den meisten europäischen Ländern wurden die strengen Restriktionen nun gelockert. In Schweden werden die beibehalten, die man hat - es wird höchstens darüber diskutiert, wie weit man nun im Land herumreisen darf und ob gesunde 70-Jährige endlich mal wieder ihre Enkel sehen dürfen. Die Bevölkerung wird darauf eingeschworen, sich weiter an die Empfehlungen zu halten und auszuhalten. Und während Kinderfußball praktisch immer erlaubt war, gibt es für Ligafußball immer noch kein festes Startdatum.

Der schwedische Weg besteht aus vielen Komponenten, an denen sich Wissenschaftler in Zukunft noch lange abarbeiten können. Hätte nur ein Lockdown die vielen Toten verhindern können oder hätten es auch eine bessere Vorbereitung, eine bessere Materialausstattung und bessere Arbeitsbedingungen in den Altenheimen getan? Welche Folgen haben die teils sehr lang andauernden Schulschließungen in anderen Ländern für die Kinder dort, verglichen mit schwedischen Kindern? Wie wirkt sich die extrem hohe Belastung des schwedischen Gesundheitssystems durch Covid-19 und die vielen verschobenen Operationen langfristig aus? Wie entwickelt sich Schwedens Wirtschaft im Vergleich zu den Lockdown-Ländern?

Kommt eine zweite Welle und sind die Schweden mit ihrer vielleicht etwas höheren Immunität darauf tatsächlich besser vorbereitet? Oder war das Streben nach Immunität für die Katz, weil es bald ein Super-Medikament oder einen hochwirksamen Impfstoff gibt? Wir wissen es nicht. Noch nicht. (Andrea Seliger)