Herdenimmunität nicht mit 60, sondern schon mit 43 Prozent der Bevölkerung

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Studie von schwedischen und britischen Wissenschaftlern will das Konzept mit fragwürdigen Voraussetzungen retten, schließlich ist nicht einmal gesichert, dass eine Infektion Immunität schafft

Schweden und Großbritannien waren dem Konzept der Herdenimmunität gefolgt, das auch zu Beginn der Pandemie wohl der Politik der Bundesregierung zugrundelag. Während Boris Johnson Mitte März schnell in die Herde der übrigen Regierungen einschwenkte (Britische Regierung verfolgt nicht mehr die Strategie der Herdenimmunität) und schließlich auch einen Lockdown verhängte, nachdem eine Simulation des Imperial College vor Hunderttausenden von Toten und einer Überlastung des Gesundheitssystem warnte, hielten die Schweden unter der Anleitung des Staatsepidemiologen Anders Tegnell weitgehend an ihrem Konzept fest, auch als die Zahl der Todesfälle vor allem in den doch nicht geschützten Alten- und Pflegeheimen in die Höhe gingen.

Jetzt hat Schweden mit 612 auf 100.000 Personen den höchsten Anteil von Infizierten in Europa, liegt aber bei der Zahl der mit Covid-19 verbundenen Todesfällen mit 51,2 auf 100.000 Personen hinter Belgien, das mit 85,1 an der Spitze liegt, Großbritannien mit 64,8 an zweiter Stelle, gefolgt von Spanien, Italien und Frankreich. In Deutschland gibt es 10,8 mit Covid-19 verbundene Todesfälle pro 100.000 Personen. Die Nachbarstaaten Schwedens weisen deutlich geringere Infektions- und Todeszahlen auf. In Dänemark sind 10, von 100.000 verstorben, in Finnland 5,9 und in Norwegen 4,7. Die Reproduktionszahl schwankt seit einigen Wochen um 1. Gleichwohl ist Schweden auf der RKI-Karte für Covid-19-Inzidenzen das einzige Land in Europa mit mehr als 50 Fällen pro 100.000 Einwohner in den letzten 7 Tagen (Stand 25.06.).

Nach einer Umfrage haben 80 Prozent der Schweden im Zeitraum von Mai bis Juni ihr Verhalten der Pandemie angepasst, fast 90 Prozent sagen, sie hätten innen und außen die Abstandsregeln beachtet. Viele würden nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder sich mit vielen Menschen an einem Ort aufhalten.

Schweden: Noch weit weg von einer Herdenimmunität

Was sich aber herausgestellt hat, ist, dass Schweden noch weit weg ist von einer Herdenimmunität. Man nimmt gemeinhin an, dass dafür mindestens 60 Prozent der Bevölkerung infiziert sein und Immunität ausgebildet haben müssen. Nach einer am 18. Juni veröffentlichten Untersuchung für die Gesundheitsbehörde hatten in einer Stichprobe wahrscheinlich nur 0,3 Prozent der Schweden Ende Mai eine aktive Infektion, in Stockholm 0,7 Prozent. In einer Studie, für die in der 10. Kalenderwoche Ende April/Anfang Mai Blutproben genommen und auf Antikörper analysiert wurden, waren in Stockholm 7,3 Prozent der Blutproben positiv, in anderen Landesteilen um die 4 Prozent (Schwedens Corona-Weg: Wer zu spät kommt).

Von Herdenimmunität spricht man bislang im Hinblick auf die Impfquote, die erzielt werden muss, um eine Epidemie zu stoppen. Wenn man eine Herdenimmunität bei einer Epidemie erzielen will, für die es keinen Impfstoff gibt wie bei Covid-19, muss man unterstellen, dass die Menschen, die infiziert worden sind, dadurch auch eine zumindest zeitweise andauernde Immunität erworben haben. Das ist allerdings alles andere als sicher bei Covid-19.

Mit der Annahme einer strukturierten Bevölkerung könnte Herdenimmunität schneller erreicht werden

Trotzdem haben jetzt schwedische und britische Wissenschaftler eine in Science veröffentlichte Studie vorgelegt, um auch bei Covid-19 doch noch das Konzept der Herdenimmunität zu retten, zumindest gewinnt man diesen Eindruck. Dabei geht es nicht um die grundsätzliche Frage, ob Menschen nach einer Infektion in welchem Ausmaß immun sind und wie lange diese Immunität anhält, sondern die Wissenschaftler haben ein Modell entwickelt, um zu berechnen, ab welchem Bevölkerungsanteil immuner Personen die Epidemie sich nicht mehr weiter verbreitet. Unabhängig von der konkreten Grundlage der Immunität war die Kritik schon immer, dass eine Durchseuchungsrate von 60 Prozent der Bevölkerung einfach irreal ist, zu lange dauern und zu viele Opfer fordern würde.

Die Wissenschaftler weisen auf ein mathematisches Modell hin, nach dem 26 Prozent der Menschen in Stockholm bereits infiziert gewesen sein könnten. Empirische Basis hat dies allerdings nicht. Nach einer spanischen Studie, für die über 60.000 positiv Getestete untersucht wurden, haben 11,4 Prozent der Menschen in Madrid Antikörper Ende Mai ausgebildet. Die Wissenschaftler übergehen aber, dass es landesweit nur 5,2 Prozent sind, bei Kindern und Jugendlichen sind es noch weniger. Interessant auch hier, dass nur 2,8 Prozent der asymptomatisch positiv Getesten Antikörper ausgebildet haben und dass etwa 33 Prozent der Infektionen asymptomatisch sind. Leitet man Immunität vom Vorhandensein von Antikörpern ab, müsste man von den Infizierten mindestens 30 Prozent abziehen.

Für ihr Modell haben die schwedischen und britischen Wissenschaftler die Bevölkerung in unterschiedlichen Gruppen nach Alter und sozialen Kontakten eingestuft. Menschen, die sozial aktiver sind, werden in einem höheren Maße infiziert und verbreiten das Virus deswegen weiter. Das hängt, so das Ergebnis, nicht vom Alter, sondern vom sozialen Verhalten ab. Beim üblichen Konzept der Herdenimmunität geht man davon aus, dass ohne Beachtung von Unterschieden ein zufälliger Bevölkerungsanteil von 60 Prozent geimpft sein muss. Man geht also von einer homogenen Bevölkerung aus, was aber nicht realistisch sei.

Für die Simulation gehen die Wissenschaftler von einer Reproduktionsrate von 2,5 am Beginn der Epidemie am 15. Februar aus. Zu dem Zeitpunkt gibt es erst noch wenige Infizierte. Am 15. März ist die Epidemie immer noch klein, aber es werden unterschiedlich schwere Maßnahmen verhängt, die beibehalten werden, bis die Epidemie am 30. Juni ausläuft und die Einschränkungen wieder beendet werden. Wenn bis dahin keine Herdenimmunität erreicht wird, wird es eine zweite Welle geben. Geprüft wurden in der Simulation für die beiden Szenarien vier Bevölkerungsmodelle: homogen, unterschieden nach Altersgruppen, unterschieden nach sozialen Aktivitätsgruppen, unterschieden nach Alters- und sozialen Aktivitätsgruppen. Eine Herdenimmunität wird von einer homogenen Bevölkerung mit höheren Zahlen als mit einer heterogenen Bevölkerung erreicht, Alter hat einen geringeren Einfluss als die soziale Aktivität. Eine Herdenimmunität wird mit der nach Alter und sozialer Aktivität unterschiedenen Bevölkerung bereits mit 43 Prozent erreicht.

Starke Einschränkungen fördern zweite Welle?

Berechnet wurde in der Simulation auch die Auswirkung verschieden starker Einschränkungen. Das Ergebnis lässt sich vorhersehen. Nur bei den schärfsten Maßnahmen gibt es eine zweite Welle, weil zu wenige Menschen infiziert wurden. Ohne Maßnahmen explodieren die Infektionen, die Infektionswelle endet aber am schnellsten nach 100 Tagen. Auch bei den anderen weniger strengen Maßnahmen wird eine Herdenimmunität innerhalb von 130 Tagen erreicht.

Die Wissenschaftler sagen, dass nach ihrem einfachen Modell die Herdenimmunität mit deutlich geringeren Werten als bei einer homogenen Bevölkerung erreicht wird. Statt mit 60 Prozent würde sie in einer strukturieren Bevölkerung schon bei 43 Prozent erreicht werden. Das dürfe man aber nur als Illustration, nicht als genauen Wert oder als beste Schätzung bewerten. Genauere Berechnungen müssten noch gemacht werden, die weiter differenzierte Bevölkerungsgruppen (Haushaltsgrößen, Schulen, Arbeitsplätze, aber auch ländliche und urbane Regionen) einbeziehen.

Jedenfalls werde, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler, eine Herdenimmunität bei einer sich verbreitenden Epidemie mit einem geringeren Bevölkerungsanteil als bei einer Impfung erreicht. Und keine oder geringe Interventionen, so wird suggeriert, würden eine zweite Welle vermeiden. Das Modell berücksichtigt aber, abgesehen von der unterstellten anfänglichen Reproduktionszahl von 2,5, nicht die Letalität der Epidemie allgemein und für verschiedene Bevölkerungsgruppen. Plausibel könnte das Konzept der Durchseuchung erscheinen, wenn man nur die Zahl der Infizierten betrachtet, aber entscheidend wäre eben, zu welchem Preis auf diese Weise eine Herdenimmunität erreicht würde. Eigentlich deswegen eine Nonsense-Studie, man muss sich fragen, warum sie überhaupt von Science veröffentlicht wurde. (Florian Rötzer)