Herr Sloterdijk, belieben Sie mit uns zu scherzen?

Die Sphären-Trilogie oder wie man sich zu einem Spezialisten durch Einrichtung in eine begriffliche Sphäre aus Worterfindungen macht

Wenn die Antwort auf die Frage, ob Sloterdijk mit seinen Lesern scherzt, Ja ist, dann sollte der Kritisierte die Kritik des Kritikers humvorvoll aufnehmen, da es ja Teil der Strategie von Sloterdijk ist, gerade eine solche zu provozieren. Wie wurde Sloterdijk ein gesuchter Philosoph und Fernseh-Talker? Diese Frage stellt sich im besonderen, wenn man sich mit dessen Sphären-Triologie beschäftigt. Eine mögliche Antwort auf diese Frage ist sicherlich, sich zu einem Spezialisten auf einem Gebiet zu machen, auf dem man zwar kein Spezialist ist, aber durch die Initiierung von Aufmerksamkeit für soviel Wirbel sorgt, dass dieser Tatbestand zu einer Nebensache degeneriert. Eine andere allfällige Antwort ist, dass man seine Aussagen den jeweiligen Modetrends anpasst, aber die Worte so wählt, dass man den Lesern mehr Rätsel aufgibt, als diese in nützlicher Frist lösen können. Bei eingehender Analyse gibt es jedoch noch wesentlich detailliertere Antworten, auf die ich in diesem Essay, der sich nicht als Buchrezension im eigentlichen Sinne, sondern als Diskurs über Sloterdijks Thesen versteht, näher eingehen möchte.

Sloterdijks Erkenntnis, dass es Psychosphären gibt, die in unendliche Verstrickungen mit der Welt eingebunden sind, ist wenig spektakulär. Der Medientheoretiker McLuhan hat dies mit seiner Theorie des globalen Dorfes viel früher gewusst, und der Chaostheoretiker Otto E. Rössler hat die "spektakuläre Erkenntnis der Sphären" bereits Anfang der 90er Jahre mit der Theorie des freundlichen Interface beschrieben.

Wo steckt also der Mehrwert aus Sloterdijks Thesen gemessen an den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Netzwerktheorie, der Kybernetik und von Ökosystemen? Ist dieser im Versuch zu sehen, die Seele mit der Mystik des Engels zu verbinden, um die Topographie des Subjekts und seiner Begleiter auszuloten? Reicht es aus, durch philosophisches Sprachspiele die Geschichte der Menschheit der letzten zweieinhalbtausend Jahre freizuschaufeln? Gewinnen wir durch Sloterdijks Archäologie einen Eindruck davon, wie sich das Leben in Form von Welterfindungen schaumartig entfaltet?

Ausgestattet mit der besonderen Fähigkeit zu Worterfindungen leistet sich Sloterdijk den Luxus, diese so zu verschwenden wie luxussüchtige Frauen das Geld ihrer Männer. Während jedoch nicht nur bei Haushalten, sondern auch bei Unternehmen die exzessive Verschwendung den Konkurs bedeutet, führt bei Autoren eine Verschwendungssucht für Worte zu einem immer größer werdenden Verlust der Bodenhaftung, die sich mit jedem weiteren Satz, der als Ballast aus dem Ballon des jeweiligen Weltbildes abgeworfen wird, in noch größere Höhen zu steigern vermag.

Fremdwörter sind die verlorene Hälfte, in der Sloterdijk den Leser oftmals völlig allein zurücklässt. Nicht, dass man diese in dieser Einsamkeit nicht nachschlagen könnte, aber leider wird oftmals der Sinnzusammenhang bei den Übersetzungen seiner literarischen Ergüsse noch nebulöser.

Der Mann der angetreten ist, um den geometrischen Vitalismus auszuloten, erklärt uns nicht die Lebenserscheinungen, sondern führt uns in ein wasserloses Flussbett angeblicher Zusammenhänge. Anstatt den Durchbruch des Intellekts aus den "Höhlen der humanen Illusion", wie Sloterdijk es ausdrückt, zu leisten, feiert sein Denken die Reinkarnation der sprachlichen Verhüllung. Wenn Sloterdijk die Geburt des Totalitarismus aus dem Geist der Hebammenkunst behauptet, so darf angenommen werden, dass das Fruchtwasser, in dem er selbst badete, zu heiß gewesen sein muss.

Getoppt werden können Sloterdijks Interpretationskünste nur durch ihn selbst, insbesondere dann, wenn er auf Hildegard von Bingens Rezepte für "Fleischrouladen mit Plazentafüllung" verweist.1 Er versucht den Leser in eine Endo-Blase einzuschließen, in dem die neuzeitliche männliche Sirene Peter den Leser in den Urzustand des Entstehens neuer Begriffe zurückversetzt: "Analphabetenwahrheiten", "oraler Fundamentalismus", "gehauchte Kommune", "eucharistischen Exzess" oder "mariologische Grille" sind nur einige der extravaganten Worthülsen, die uns der Neologiker Sloterdijk nahe bringen will.

Als sprachlicher Verkleidungskünstler setzt er hierbei auf die allgemeine Theorie der Immunsysteme. Richtig daran ist, dass diese an Bedeutung gewinnen. Noch richtiger ist es jedoch, sich eine Sphäre zu schaffen, um sich vor sprachlicher Verwirrung zu schützen, wie dieses erste Beispiel zeigt: "Die Sphäre ist das innenhafte, erschlossene, geteilte Runde, das Menschen bewohnen, sofern es ihnen gelingt, Menschen zu werden."2 Erst wenn es uns also gelingt Mensch zu sein, leben wir in der Sphäre. Die erstaunlichere Erkenntnis Sloterdijks hierbei ist allerdings, dass diese aufgrund seines Faibles für Fruchtblasen rund ist. Sloterdijk lässt offen, warum diese heute im Zeitalter des WorldWideWeb nicht fraktal aussehen kann?

Konnte Sloterdijk in den 80er und 90er Jahren noch mit Pointen glänzen, die zitierfähig waren, so konzentriert sich der aktuelle Sloterdijk auf sprachlich unnötig verkomplizierte Allgemeinplätze. Was Bohlen für das breite Publikum der Ballermann-Fetischisten geleistet hat, realisiert Sloterdijk für das schmale Publikum der heutigen Aphorismen-Aristokratie. Je mehr man in Sloterdijks Thesen einsteigt, desto mehr stellt sich dem Leser die Frage, was er eigentlich aussagen will?

Überträgt man Sloterdijks Schlussfolgerungen auf ihn selbst, so könnte man als vorzeitiges Fazit aus der Sphären-Triologie ziehen, dass Sloterdijks Individualismus in vielerlei Hinsicht theoretisch haltlos ist. Mit seiner Vorgehensweise des außenstehenden Beobachters, der selbst kein Teilnehmer ist und deshalb nichts eigenhändig gestaltet, sondern nur philosophisch interpretiert, überhöht sich Sloterdijk zu einem "gottähnlichen", außerhalb der Welt hockenden Alien. Der Exorianer Sloterdijk steht somit im krassen Gegensatz zu den heute dringend notwendigen Designern der Welt, die allesamt interaktive Teilnehmer, d.h. Endorianer, sein sollten.

Die gesunde Immunreaktion eines Endorianers auf Sloterdijk kann deshalb nur diejenige sein, ihn nicht zu allzu ernst zu nehmen und auf humorvolle Weise seinen Aphorismen zu begegnen. Wer weiterdenken will, was durch die modernen Technologien auf uns zukommt, braucht zwar nicht unbedingt eine Sphären-Metapher, jedoch kann diese hilfreich sein, den Diskurs über die kybernetischen Zusammenhänge der Welt zu fördern. Dies sei Sloterdijk durchaus angerechnet.

Der Außenstehende kann letztendlich nur beobachten, aber er kann ohne Kenntnis der Zusammenhänge nicht sehen, warum ein System so funktioniert, wie es funktioniert. Nur der Teilnehmer in einem Markt kann den Markt aktiv beeinflussen und für sich nutzen. Der Nicht-Teilnehmer ist zur Passivität des Neutralen verurteilt, da er alles nur als eine unsichtbare Blackbox betrachten kann. Wie sollten wir also Sloterdijks Blackbox-Interpretationen Glauben schenken können?

Wenn sich die Philosophie aus dem Feedback-Loop der Teilnahme ausgekoppelt hat, kann diese die Kultur nicht mehr rückversichern. Mögliche Interpretationen, was uns Sloterdijk möglicherweise sagen will, kann deshalb nur noch die Medientheorie selbst liefern. Für Wahrheiten braucht sich Sloterdijk angesichts der Untiefen der heutigen Massenmedien und deren Aufmerksamkeits-Hype nicht mehr zu interessieren, weil es diese dort nicht mehr gibt. Heute gibt es nur mehr Gewissheiten. Deren besonderes Merkmal ist die Relativität, nach deren Prinzipien sich Sloterdijk mittlerweile gekonnt zu verhalten versteht.

Als Relativitätstheoretiker der Philosophie versucht er durch seine Aphorismen der Leserschaft in Lichtgeschwindigkeit zu enteilen. Sein scheinbar langsameres Altern gegenüber seinen Lesern durch die systematische Erhöhung deren Übersetzungs- und Nachdenkzeit, führt jedoch nicht, wie man glauben möchte, zu einem Wissensvorsprung, sondern kurioserweise zu einem zunehmenden Nicht-Verständnis der aktuellen und zukünftigen Situation durch den Philosophen selbst.

Wenn Sloterdijk den außenstehenden Gottesblick des Widersinns überführt, sich selbst im Rahmen seiner Philosophie jedoch den Luxus des Außenstandpunktes gestattet, so ist der Regelkreis des Philosophen zum Verständnis der Welt irreparabel gestört, da er über kein Interface zur Wirklichkeit mehr verfügt. Es darf deshalb die These vertreten werden, dass die nicht-kybernetische, simplifizierende Philosophie, wie sie Sloterdijk praktiziert, ihren Zenit längst überschritten hat, weil diese immer weniger in der Lage ist, dem wegen der zunehmenden Komplexität in den Interfaces immer hilfloser werdenden Publikum wirkliche Erkenntnisfortschritte zu liefern.

Es hat den Anschein, dass Sloterdijks fundamentale Kritik eines individualistischen Menschenbildes, das das Subjekt als eine Monade konzipiert, im Grunde eine Kritik an ihm selbst ist, da gerade Sloterdijk selbst sich wie ein monadischer Beobachter verhält. Nur für jemanden, der bisher selbst nicht in Wechselwirkungen gedacht hat, kann die Schlussfolgerung, dass das Subjekt Funktion einer Wechselwirkung ist, wirklich neu sein. Dies philosophisch in Resonanzeffekte und in die Aufhebung der Subjektgrenze zu kleiden, mag zwar Nach-Freudsche-Psychoanalytiker erfreuen, bietet jedoch für im Internet-Zeitalter agierende Wissensarbeiter nur brotlose Kunst.

Der Mensch ist deshalb auch kein klimatisiertes Tier, das eine wärmende Hülle aus geistigen Banden schützt, sondern vielmehr ein wissensbasiertes Interface, welches in den endlosen Weiten des Cyberspace dieses Wissen in Umlauf bringt. Schutz entsteht nicht, wie Sloterdijk uns dies weismachen will, durch die Verhüllung der geistigen Bande, sondern es ist gerade die Enthüllung dieser, welche den Weg von der Subjektivität zur Intersubjektivität weist.

Im Zeitalter der aufziehenden Klimakatastrophe kommt es eben nicht auf die Klimatisierung an, sondern die Entklimatisierung des Treibhauseffektes ist der Weg zu einer die Systeme durchdringenden Nachhaltigkeit. Damit dies gelingen kann, muss die Umlaufgeschwindigkeit des Wissens über die möglichen Konsequenzen einer möglichen Klimakatastrophe gesteigert werden. Die "Ivanisierung" des Klimas durch globale Aufheizungseffekte erfordert ein Umdenken bei den stärksten Umweltverschmutzern. Erst wenn es in den USA und in China ein komplettes ökologisches Umdenken gibt, wird das Immunsystem der Mutter Erde, oder sollten wir lieber Gebärmutter Erde sagen, nicht versagen.

Besonders aufschlussreich für das Denken Sloterdijks sind seine Ausführungen über den menschlichen Fötus. So lesen wir unter anderem folgenden Satz:

Besäße der Fötus schon ein Weltbild, so wäre sein Verhältnis zu ihm das der romantischen Ironie.

Gehen wir einmal davon aus, dass wir wüssten, was unter romantischer Ironie zu verstehen ist, so stehen wir bei der Interpretation seiner Aussagen vor der gleichen Problematik wie der Fötus, nämlich derjenigen der medialen Gleichgültigkeit. Doch diese steigert sich angesichts von Sätzen wie:

Die luxurierende Entwicklung zur Interiorisierung des Eies ... schafft den Hintergrund für die riskante Gewinnung des Außen durch den neuen Organismus.

Jetzt verstehen wir, warum in der Blechtrommel von Günter Grass das Neugeborene Mühe hat, die Welt in Form einer von hohen Wattzahlen geprägten Glühbirne zu erblicken. Es ist die Angst des Kindes im Mutterleib vor der Aufgabe der luxuriösen Plazenta durch den Austausch mit der Blendung durch das Licht. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass Sloterdijk über den Unterschied zwischen einem Idioten und einem Engel reflektiert. Im Gegensatz zum vom Licht durchtränkten Engel hat der Idiot keine Botschaft, wie Sloterdijk richtig feststellt. Die entscheidende Frage ist jedoch, wer welche Rolle einnimmt. Die Freundlichkeit gegenüber anderen gebietet uns, den Lesern die Rolle der Engel zuzubilligen, auch wenn diese im Wettbewerb mit Sloterdijk Analphabeten sind.

Doch begeben wir uns nun in den Endo-Raum der Reflexion, um Sloterdijks Schlüsselfrage zu beantworten:

Wo also sind wir, wenn wir in einem kleinen Innen sind?

Seine Antworten hierauf sind, im "Interkordialraum", in der "Interfazialsphäre", im "Feld magischer Bindekräfte", in der "Immanenz", in der "Mit-Dyade" oder der "plazentalen Doublierung", in der "Obhut des unabtrennlichen Begleiters" und im "Resonanzraum der Mutterstimme". Vielleicht könnte man im Medienzeitalter eine etwas schlichtere, aber dafür nicht weniger aussagekräftigere Antwort geben: im Cyberspace!

Dieser ist hoch vernetzt, basiert auf der kommunikativen Begegnung mit anderen, forciert Bindungen durch Communities, schafft Zugehörigkeiten, basiert auf Sendern und Empfängern, braucht den jeweils Anderen und ist in der Lage, für jeden Einzelnen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zu schaffen. Von einem angeblichen Medienphilosophen, der sich bei genauem Hinsehen lediglich als Aphoristiker entpuppt, darf man eine solche Erkenntnis jedoch nicht erwarten. In seinem dreibändigen Großessay entstehen die Aussagen aus einem Produkt von Belesenheit und mit Bildern angereichertem Informationswahn, was alleine jedoch noch nicht für die Qualität der Aussagen bürgen kann.

Für Sloterdijk besteht die Geschichte aus großpolitischen und sozialen "Sphärenerweiterungskämpfen". Um diese Vorstellung glaubhaft zu machen, betont Sloterdijk, dass Sphären "lernfähige Gebilde, gleichsam übende Immunsysteme und Behälter mit wachsenden Wänden" sind. Wer in morphologischen Leitbilder von Globen und Kugeln denkt, d.h. in einem Gefängnis der Krümmungen gefangen ist, kann wahrscheinlich auf gar keine andere Schlussfolgerungen kommen. Der Innenraum der Kurven verlangte nach einem kongenialen Geist, der diesen beleben musste. Hier durfte Sloterdijk nicht abseits stehen und musste in seinen Büchern von diesem Kurvenlabyrinth berichten.

In der Zeit der Nanotechnologien und der Mikrosystemtechnik wäre es naheliegend gewesen, wenn Sloterdijk seine mikrosphärischen Einheiten, die er Blasen nennt, auch auf die neuen Technologien bezogen hätte. Sein Konzept der Virtualität ist jedoch dasjenige des modernisierten Außen. Doch auch hier irrt Sloterdijk, da wir durch die kybernetischen Medien nicht in eine Exo-Welt, sondern vielmehr in eine neue Endo-Welt eindringen.

Jetzt wissen wir, warum sein Denken in Schäumen ein Navigieren auf labilen Strömungen ist. Wer das neue Interface nicht erkennt, begeht eine Gratwanderung zwischen Wadi und Wasser, wobei jederzeit der vollständige Kontrollverlust über die Gedanken möglich ist. Wenn alles, wie Sloterdijk behauptet, sich zwischen Gesichtern abgespielt hätte, dann stellt sich die Frage, warum es immer wieder Kriege gab. Erst die Anonymität des Abschottens vom Anderen hat dazu geführt, dass wir anstatt Interfaces Schnittstellen bekamen, die leider, wie es der Name bereits erraten lässt, in der westlichen Welt blutig waren.

Für Sloterdijk, der die Philosophie nicht als eine Sache der Vielen sieht, kommt es auf die Außen- und Innenansichten an. Da die Mächtigen für ihn immer nur Außenansichten haben, wobei es auch eine Außenansicht ist, diese These zu vertreten, spricht er vielen die Kompetenz ab, über bestimmte Sachverhalte zu reflektieren. Wenn jedoch ein Philosoph ohne kybernetische Kenntnisse über Netzwerke nachdenkt, so ist dies genauso, als wenn ein Pilot ohne Cockpit versucht, durch eine Wolkenbank zu fliegen. Der philosophische Blindflug könnte deshalb wohl nur dann gestoppt werden, wenn Sloterdijk endlich Teilnehmer würde, d.h. wenn er durch Interaktion anstatt durch ein selbstauferlegtes Dozenten-Monadentum die tatsächlichen Wechselwirkungen untersuchen würde.

Zwar ist seine Aussage, das 21. Jahrhundert wird eines der Immunsysteme sein, richtig. Doch wer ein solches System, welches sich im Inneren eines Körpers manifestiert, verstehen will, muss selbst in diesen Körper einsteigen. Die Blase ist nur deshalb eine Blase für Sloterdijk, weil er außen steht. Würde er innen sein, bräuchte er keine Schaummetapher, um zu erkennen, wie die Welt codiert ist, sondern er könnte sich den fraktalen Strukturen widmen, die letztendlich jedes Endo-System oder Endo-Interface aufbauen. Es geht im Sinne von Tim Berners-Lee, des Erfinderes des WorldWideWeb, um nichts Geringeres als um das Verstehen von Codes, um die persönliche Gödel-, d.h. Erkenntnisgrenzlinie zu erweitern.

Sloterdijks Position ist es, das abgeschlossene Wesen der Kugel bereits in seinem embryonalen Stadium mit seinen Aphorismen zu besetzen. Deshalb zementiert er auch gleich das Phänomen der Stadt in das Gehäuse seiner Kurven-Architektur. Die Stadt ist für ihn die "gelandete Arche", deren Heil sich auf der Krümmung der Erdoberfläche verankert.

Nur im Rahmen derartiger hochgravitativer Betrachtungen lassen sich die altmesopotamischen Mauerwerke sehen als "morphologische Experimente über die Möglichkeit, eine Großwelt als selbstbrütende Innen- und Eigenwelt herzustellen". Indem Sloterdijk die kosmischen Sphären als "Hauswände des Seins" interpretiert, zwängt er den Menschen in das Gefängnis seiner gekrümmten Räume. Da wir jedoch wissen, dass sehr stark gekrümmte Räume "Schwarze Löcher" sind, sollten wir aufpassen, dass wir nicht vollständig in das Sloterdijksche Wortschwerkraftmonster hineingezogen werden.

Wenn Sloterdijk schreibt: "Wo bloße Umgebung war, soll die Kugel werden", so dürfen wir ihn mit Fug und Recht als Geo-Messias feiern, der unter Zuhilfenahme von semantischer Einengung alles dem Kugel-Weltbild unterzuordnen vermag. Die Neuzeit besteht für ihn nur noch aus einer Kugel, auf der niemand mehr heimisch werden kann, weil der Weltmarkt den permanenten Besitzerwechsel von Geld, Waren und Fiktionen diktiert.

Sloterdijks Aphoristik ist die Arbeitshypothese des Auserwählten: des Neo-Philosophen von "Treibhäusern", "Weltbrutkästen", "Nabelhermeneutik" und "Selbstcontainern". Eine solche Haltlosigkeit der Gedanken können sich jedoch nur Modephilosophen leisten, die aufgrund ihrer Ausstattung mit einem hohen Beamtengehalt keine finanziellen Immunsysteme mehr benötigen. Schon frühzeitig hat der matrix-philosphische Kreuzfahrer Sloterdijk in seinem Buch Kritik der zynischen Vernunft eine besonders schnell wachsende Lesergruppe für sich entdeckt: "Die Internationale der Ärsche ist die einzige weltumspannende Organisation, die auf Statuten, Ideologien und Mitgliedsbeiträge verzichtet."3

In diesem Kontext ist die Schaumtheorie für alle jene nützlich, die begriffen haben, dass sie mit Arschlöchern nichts zu tun haben wollen und trotzdem eine gute Erklärung dafür brauchen, warum die Welt voll von dieser Resonanzgemeinschaft ist. Ob dies der Individualimmunologie des Einzelnen hilft, bleibt jedoch dahin gestellt. Die Sloterdijkschen Fremdwörtereskapaden und Metapherndelirien bilden jedoch immer öfter eine autistische Privatsprache, die nur ein Ziel verfolgen kann: die persönliche Entleuchtung des Philosophen selbst.

Glücklicherweise führt diese Stromstörung dazu, dass Sloterdijks Blase sich zu dekomprimieren beginnt. Sein Globus wird zunehmend fraktal und seine Schäume sind mittlerweile gesättigt, da er es versäumt hat, vor lauter Eintauchen in seine Weltbilder die radikale Konstruktion der Wirklichkeit um ihn herum wahrzunehmen. "Verwöhnung" ist sein neues Zauberwort, das von sozialer Gerechtigkeit nichts mehr wissen will. Was die Mutter für das "Uterotop" an Verwöhnungsleistungen erbringt, leistet für ihn der Luxusstaat als "Allomutter".

Merkwürdig an dieser Interpretation ist nur, dass die Vermögensdisparität in den westlichen Industrienationen immer größer wird und es geradezu als eine Verhöhnung von Arbeitslosen gilt, wenn diese als Sozialstaatsgewinnler denunziert werden. Sloterdijks Immunsysteme basieren auf der Basis der neo-darwinistischen Auslese. Er versteht diese nicht als Ökosysteme, um das Leben vieler im Rahmen von Win-Win-Situationen eines Erhardschen Wohlstandes für alle zu verbessern, sondern vielmehr als Optimierungsinstrumente für den einzelnen Marktteilnehmer. Wenn Sloterdijk in einer solchen Sphäre leben will, ist dies seine persönliche Wahl. Kreative Menschen empfinden solche Räume jedoch als Gefängnis, aus dem es auszubrechen gilt. Bleibt zu hoffen, dass uns Sloterdijks Interpretationen die Immunität erteilen, damit der Leser straffrei ausgeht.

Für Sloterdijk hat das 20 Jahrhundert begonnen, den Raum als Matrix zu begreifen. Ebenso wie die Matrix-Triologie, deren zweiter und dritter Teil in die Langeweile abdrifteten, offenbart uns die Sphären-Triologie, was es bedeutet, den Rezipienten in der "intensiven Idylle" des Kontext-Nirwana zurückzulassen. Nur in diesem können wir begreifen, dass die Globalisierung als "Geometrisierung des Unermesslichen"4 beginnt.

Als Schlussfolgerung zieht Sloterdijk die radikale Konsequenz, dass die eigentliche Tatsache der Neuzeit nicht ist, dass die Erde um die Sonne läuft, sondern dass das Geld die Erde umrundet. Bei solch leuchtenden Schlussfolgerungen fühlt man sich sofort in die Zeiten von Ben Hur zurückversetzt, als der Umrundungsfetischismus im Rahmen der durch Wagenrennen geprägten römischen Brot- und Spiele-Ökonomie seine blutigen Blüten trieb. Umrundungen müssen für Sloterdijk so zwangsläufig eine erste "Analysis der Macht" liefern:

Wo alle Gewalt von der Mitte ausgeht, dort gibt es kein absolutes Außen."

Dies ist die reine Leere einer Rundstreckenmetaphysik der Formel 1-Rennen, bei der niemand mehr, der es sich leisten kann, abseits zu stehen hat. Nur in diesem Kontext wird verständlich, warum Sloterdijk seinen Band Globen als ein Mausoleum des All-Einheitsgedankens bezeichnet. War in seinem ersten Band die wesentliche Erkenntnis, dass das Wort Mikrokosmos für Paare, nicht aber für den Einzelnen verwendet werden darf, so lehrt uns sein zweiter Band, dass alle Geschichte "die Geschichte von Beseelungen ist, die aus der Raumteilung der Zwei" entstehen: Sieger und Besiegte.

Sloterdijk ist hier in eine Sphäre vorgedrungen, die vor ihm noch nie ein Mensch betreten hat. Mit dieser neuen Form der Zellteilung hat er endgültig die geometrische DNA des Raumes entmystifiziert und uns den Weg zum ewigen Frieden im Sinne Kants gewiesen. Wenn da nicht ein kleiner Störfaktor in seiner Argumentation wäre: "Mit der Unterscheidung der Friedensarten beginnt der eigentliche Weltkrieg."5 Die friedliche Matrix lässt grüßen!

Für Sloterdijk ist die Welt "nicht alles, was der Fall ist", sondern "was von einer Form oder einer gewussten Grenze enthalten werden kann".6 Die Welt ist für ihn somit eine Art "Gefäß-Erinnerung". Folgerichtig ist für ihn jede Gesellschaft ein "uterotechnisches Projekt". Die Unterscheidung Exo-/Endo ist jedoch für ihn nicht eine Unterscheidung zwischen Nicht-Wissen und Wissen, sondern wird für Sloterdijk durch die Gebärmutter markiert.

Angesichts solcher Geistesblitze können wir endlich begreifen, warum Theologisieren die Beteiligung an Eskalationen bedeutet7, warum aus morphologischer Sicht "die frühen Riesenstädte ummauerte Seifenblasen" sind8, warum "der Umklammerung dieser Welt" keiner lebend entgeht9, warum, wer Welt sagt, damit immer schon "Welt-Krieg" meint10 und warum der Krieg der Immunsysteme die "Wirklichkeit des Wirklichen im Weltalter nach der Ermordung Gottes" ist11.

Man kommt als Kritiker an dieser Stelle nicht umhin zu fragen: Wie viel Exil vertragen Sie Herr Sloterdijk? Eine zweite Frage könnte lauten: Sind Sie ein semantischer Terrorist? Und eine letzte Frage schließt sich an: Haben Sie schon Ihr Weltraumticket gebucht, um den "Raumfahrt-Charakter der Dichterreise durch die luminose Sphärenwelt" kennenzulernen und um von dort aus zu beobachten, dass "der Mord an Gott" eine "Art von menschengemachter Klimakatastrophe heraufbeschwört"?12

Wenn Sloterdijk Gott als höchste Quelle von Versicherungsschutz bezeichnet, hat er entweder ein strategisches Bündnis mit einem Rückversicherer geschlossen oder er ist bereits in den Zustand der Hyperimmunität abgedriftet. Gehen wir einmal von ersterem aus, um den Philosophen nicht unnötig zu überhöhen, so dient dieser Versicherungsschutz keinem geringeren Zweck als seine Seele vor der Hölle zu retten.

Für Sloterdijk ist die Hölle das "zweite Gesicht des Anbetungsgottes, das notwendige Revers der Communio-Theologie - weswegen Dante, so obszön dies klingen mochte, ganz recht hatte, sein Höllentor sagen zu lassen, es sei von der Ersten Liebe errichtet worden".13 Deshalb ist für Sloterdijk der Teufel ganz in der Welt, der von der Weltmitte sein Wesen treibt. So kommt es nicht von ungefähr, dass nun auch eine Theorie, die die Welt beschreibt, dran glauben muss: die Systemtheorie.

Sloterdijks Interpretation der Luhmannschen Systemtheorie als "letztes Neutralisierungsprodukt der Satanologie"14 setzt einen traurigen Höhepunkt seines Metaphern-Infernos, welches sich kaum mehr toppen lässt. Sein autopoetisch geschlossenes System lässt mit höchster Wahrscheinlichkeit gar keine andere Lösung zu, als zu einem Medium ohne Botschaft zu greifen. Das Medium braucht bei Sloterdijk kein Selbst zu haben, wenn es einen "heiligen Absender" gibt.15

Doch wenden wir uns nun wieder den irdischeren Sachverhalten zu. Sepp Herbergers berühmter Satz: Der Ball ist rund! erlebt durch Sloterdijk Kugel-Wahn ein erstaunliches Revival: "Im umrundeten Raum gelten alle Punkte gleich viel."16 Die ideale Kugel wird so zum Ausgangspunkt des Umkurvens der Welt im Rahmen einer terrestrischen Globalisierungsphilosophie. "Schaun mehr mal", ob man die Geschichte der Neuzeit tatsächlich nur als "die des Übergangs von der meditativen Kugelspekulation zur realen Kugelerfassungs-Praxis" deuten kann. Bei soviel Praxis darf natürlich Jules Vernes Buch "In 80 Tagen um die Welt" nicht fehlen. Sloterdijk meint, die Botschaft des Buches auf das Verschwinden des Abenteuers und die Einführung der Verspätung in die technische Zivilisation reduzieren zu können. Dabei darf er es nicht unterlassen, Jules Verne, der immerhin in seinem Buch "Reise um den Mond" die bemannte Mondlandung durch Amerikaner vorausgesagt hatte, im Horizont des Jahres 1874 nicht als Visionär zu bezeichnen.

Geben wir uns nun die letzte Kugel im Sloterdijkschen Metaphern-Roulette und lassen wir nun das Geld sprechen, welches den Globalisierungsmythos der Postmoderne für ihn erst begründet. Sloterdijks ökonomisches Wissen beschränkt sich leider jedoch nur darauf, Unternehmer als Schuldner-Produzenten zu denunzieren:

Diese Schuldner-Produzenten geben der Idee der geschuldeten Schuld eine revolutionäre, neuzeitliche Bedeutung."

Zwar hat Sloterdijk recht, dass der heutige Kapitalismus auf Schulden basiert, jedoch versteht er nicht, dass Unternehmer Unternehmen nicht gründen, um Schulden zu machen, sondern weil sie eine interessante Geschäftsidee haben. Ist diese erfolgreich, macht der Unternehmer Gewinne und somit alles andere als Schulden. Hätte sich Sloterdijk bei seiner Kritik auf die vor allem nach dem 2. Weltkrieg aufkommende Spezies der Manager konzentriert, könnte man ihn vielleicht noch ernst nehmen, so jedoch überkommt einen auch hier das Gefühl, dass vieles von ihm nicht zu Ende gedacht wurde, insbesondere durch die Tatsache, dass mindestens 75 % der Arbeitsplätze in den westlichen Industrienationen von Unternehmern in kleineren und mittleren Betrieben geschaffen werden.

Sloterdijks monetäre Ekstase wird am deutlichsten durch seine Interpretation des Return of Investment sichtbar: "Return on Investment, das ist die Bewegung der Bewegungen, der alle Akte des Risikohandelns gehorchen." Sieht man mal davon ab, dass es zu Zeiten der Fugger diese Kennzahl noch nicht gab und dass heute andere Kennzahlen wie der Cash Flow viel wichtiger sind, so offenbart uns diese Definition zumindest seinen Drang nach Geschwindigkeit und sein Bedürfnis nach Sicherheit. Nur in diesem Zusammenhang wird verständlich, warum die Assekuranz der handeltreibenden Berufe an die Stelle Gottes getreten ist: "Beten ist gut, Versicherung ist besser"17, ist für Sloterdijk die vor-leninistische Interpretation des geflügelten Wortes: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Nur wenn wir versichert sind, können wir völlig locker bleiben und erkennen, was die Freiheit des Unternehmers für Sloterdijk letztendlich bedeutet: "vollendete An-Archie"18. Denn wo das Geld Station macht, kann kein Punkt "dem Schicksal, ein Standort zu werden"19 entgehen.

Man kann nicht wissen, ob es dem unvorbereiteten Leser den Schweiß auf die Stirn treibt oder dieser einen epileptischen Anfall bekommt und vor Wut schäumt, wenn er zum ersten Mal vom Metaphern-Jünger Peter träumt. Eines ist jedoch sicher, dass er das Wort Sphäre, welches ihm eine Tauchfahrt in die Abgründe Sloterdijkscher Metaphysik ermöglicht, nicht mehr vergessen wird.

Seine Präzisierung des Unscharfen durch die Verschwommenheit des Klaren führt die Heisenbergsche Unschärferelation in eine neue philosophische Dimension: Entweder wir sehen Schwarz auf Weiß, was Sloterdijk geschrieben hat, können diesem jedoch keine Bedeutung zuordnen. Oder wir müssen zwischen den Zeilen lesen, um Bedeutungen hinein zu interpretieren. Dann wissen wir jedoch nicht mit absoluter Gewissheit, wie er es gemeint hat und ob sein Zeitpfeil tatsächlich auf eine höhere Explizitheit zustrebt.

Wenn der wirkliche Grundbegriff der Moderne nicht Revolution, sondern Explikation bedeutet, wie Sloterdijk betont, so überrascht es nicht, dass er den Terrorismus als verzweifelten Explikationsakt sieht:

Terrorist ist, wer sich einen Explikationsvorsprung hinsichtlich der impliziten Lebensvoraussetzungen des Gegners erarbeitet und für die Tat verwertet."

Der Sonderklimatologe und Pneumatologe Sloterdijk setzt den Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert unter das Motto: "Making the air conditions explicit."20. Jetzt verstehen wir auch, warum sich am 11. September 2001 Menschen aus den brennenden Türmen des World Trade Center stürzten. Sie waren Frischluftfanatiker, die der Klimaanlagen überdrüssig waren und dem freien Fall des Gebäudes durch ihren Aktionismus zuvor kommen wollten. Für Sloterdijk bedeutet nämlich In-der-Welt-Sein immer und ohne Ausnahme In-der-Luft-Sein. Eine wahrlich windige Erkenntnis für den Nicht-Fisch genannt Mensch, welcher sich plötzlich im freien Fall befindet. Als Kommentator Sloterdijkscher Lufttheorien bleibt einem hier nichts anderes übrig. als die Rolle des Narkosearztes für Sloterdijk zu übernehmen, um durch angemessene Kritik die Stabilität seiner Privattrance wiederherzustellen.

Wo es schäumt, sind für Sloterdijk die Antikörper nicht weit. Für ihn ist der Trend zu den Autoimmun-Pathologien eine "gefährliche Tendenz des Eigenen, sich im Kampf gegen das Andere zu Tode zu siegen".21. Die Patrouille des Antikörper avanciert hierbei zum Star Wars gegen das Böse, als kybernetische Schwadron der Vielfalt, die - was ihr Sloterdijk immerhin zubilligt - nach den internen und externen Betriebsbedingungen von Bewusstsein fragt. In einem solchen Prozess kann es nicht Ausbleiben, dass autoimmunitäre Paradoxien des Wissens auftreten, weshalb der freie Geist, den er als theoretischen Immunologen bezeichnet22, für ihn ein langes Programm an Impfungen mit Bionegativität über sich ergehen lassen muss.

Betrachten wir Bionegativität als Ausrottung des Lebens, so benötigen wir also nur homöopathische Dosen an Gift, um dem Überleben auf die Sprünge zu helfen, getreu dem Motto: "Making the immune systems explicit."23 Sloterdijk lässt hier allerdings offen, wie sich die Menschen bei einem Angriff von Bioterroristen zu verhalten haben. Zwar sind die Aussagen zur Immunologie, wenn man alle drei Bände Sloterdijks betrachtet, die mit Abstand besten, jedoch lässt er den Leser im Bezug auf die Dosis des Gegengiftes allein.

Die Beschreibung der Antrophosphäre als neun-dimensionaler Raum verpufft, angesichts der heute vor allem in der Physik vorherrschenden Theorien von 11-dimensionalen Räumen, weil Sloterdijk zwei entscheidende Dimensionen fehlen: die Prophylaxe und die Medizin. Ganz im Gegensatz zu Buckminster Fuller, der hier vortreffliche Vorarbeit geleistet hat, beobachtet Sloterdijk nur. Solterdijks Pneumatologie knüpft nicht bei möglichen Lösungen an, vielmehr ist er geradezu vernarrt in den Bau von luftgefüllten "thallemschen" Hallen, die permanent unter Überdruck stehen.

Sloterdijk lehrt uns, dass bei den Römern das Wort immunis steuer- und abgabenbefreit bedeutet hat. Damit können wir uns ohne langen Übergang direkt zum Begriff Kapitalismus beamen. Der zum Immunologen des Seins avancierte Philosoph, als eine Art Kaptain Kirk auf Antikörperpatrouille, ausgestattet mit einem endokrinologischen Schutzschild, tritt hierbei jedoch nur scheinbar an, um die soziale Ungerechtigkeit eines neu aufkommenden Suppenküchen-Kapitalismus durch die Marktsophisten anzuprangern.

Wenn das jedoch alles so einfach ist, so wäre es interessant zu erfahren, welches Gegenmittel Sloterdijk dem Patienten Ökonomie zu verabreichen gedenkt. Die Frage, wie viel Eigenstabilität der "Homo Oeconomicus" unter den zunehmenden Angriffen von Viren noch aufrecht erhalten kann, beantwortet der Philosoph freilich nicht. Sloterdijk verpasst die große Chance ein Operating Manual für den Post-Neoliberalismus zu verfassen, welches uns ermöglichen würde, dem neuaufkommenden religiösen Kreuzritter-Totalitarismus Bushscher Prägung zu entfliehen.

Es hätte sich beispielsweise angeboten, den aktuellen amerikanischen Kredit- und Immobilien-Bubble als einen unter Überdruck stehenden Markt anzuprangern, der sich in nicht allzu ferner Zukunft in Luft auflösen wird. Nicht die Fernspannung der Erwartungen ist in diesem Kontext interessant, sondern der Zeitpunkt bei dem einem Markt die Puste ausgeht: der Zeitpunkt des Platzens der Blase. Der Begriff, der Sloterdijk fehlt, ist derjenige der Millisekundenpleite, des vollständigen Black Day an den Finanzmärkten, der sich ähnlich wie die Stromausfälle an der Ostküste der USA oder Italiens dominoartig über die Kugel genannt Erde ausbreitet.

Der Tensegritätseffekt der Maßlosigkeit führt die USA unweigerlich in den Parasitismus der vollständigen Entwertung von Vermögenswerten, welcher durch das Nachlassen der Kaufkraft der Babyboomer-Generation noch zusätzlich autokatalytisch verstärkt wird. Das Haus der Ökonomie hat deshalb kein Immunsystem, weil es bereits in der Designphase als ein Kartenhaus konzipiert wurde - und dies gilt auch und im besonderen für virtuelle Kartenhäuser in Form von Hedge-Fonds und Derivaten in den Cybermärkten. Das zusätzlich im Raum stehende Gespenst der Megaviralität in Form des totalen Kollapses des Internet, als Manifestation der, wenn vielleicht auch kurzzeitigen, vollständigen Löschung der Cybermärkte, würde eine Echtzeit- Massenpanik dann zu einer neuen Hybris führen.

Bleibt zu hoffen, dass Sloterdijk uns in seinen nächsten Bänden den Weg zum totalen "Reboot" der kybernetischen Systeme weist. Der "Cybersokrates" Heinz von Foerster hätte eine solche Wiedermobilmachung aus der Krise des kommenden entnetzten Massendeliriums sicherlich für gut befunden. Vielleicht kommt ja dann doch noch das Zeitalter der Ritter der Tafelrunde, welches Sloterdijk in seiner simulierten Position als Literaturkritiker verhöhnt: "Die Menschheit möge eine Artuskommune werden, die die Kunst des Teilens auf die Höhe der Zeit bringt."24

Anzeige