Herr der Gespenster?

Karl Marx 1875

Thomas Steinfeld über die Theorien von Karl Marx

2017 jährte sich die Veröffentlichung des "Kapitals" zum hundertfünzigsten Mal. Der Kulturwissenschaftler und Auslandskorrespondent der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, hat sich in dem Buch Herr der Gespenster seine Gedanken darüber gemacht.

Herr Steinfeld, Sie haben ein Buch über Karl Marx geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen?
Thomas Steinfeld: Es kamen mehrere Motive zusammen. Marx ist mir seit den siebziger Jahren, meiner Studienzeit, gegenwärtig, mit wechselnder Intensität. Vor ein paar Jahren ist das Interesse neu erwacht, weil ich immer dringender den Eindruck hatte, in einer vom Kapital beherrschten Welt zu leben, in der es nicht einmal mehr den Versuch gibt, sich grundlegende Gedanken über das Warum und das Wie des Kapitals zu machen. Stattdessen erscheint die Warenform als die natürliche Gestalt nicht nur aller Dinge, sondern aller menschlichen Beziehungen überhaupt. Und dann habe ich mich gestoßen: einerseits an der Behauptung, Marx gehöre ins 19. Jahrhundert und sonst nirgendwohin, andererseits an den meist nicht von größerer Textkenntnis getragenen Erklärungen, Marx habe doch irgendwie recht behalten. Ich kehrte dann zu den Texten selbst, zu Marx zurück, und aus dieser Arbeit entstand das Buch.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns im Vorfeld einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise befinden. Welche wirtschaftlichen Mechanismen, die darauf hinführen, lassen sich mit Marx erklären?
Thomas Steinfeld: Die Krise gehört, so sah es Marx, notwendig zur Bewegung des Kapitals. Krisen entstehen durch Überproduktion. Was wir gegenwärtig erleben, besteht nun allerdings in der Überproduktion einer sehr speziellen Ware, nämlich des Geldes. Die Grundlage dieser Überproduktion ist die Emanzipation der Wertschöpfung von der Realisierung der geschaffenen Werte auf dem Markt - woraufhin alle Deckung in Richtung Unendlichkeit transzendiert. So weit hat Marx diese Prozesse beschrieben. Und nun heißt es weiterdenken: Wenn die Emanzipation von der Realisierung geschaffener Werte die Grundlage der Finanzwirtschaft ist - stellt sich dann nicht jede darauf gründende Krise als Glaubenskrise dar, insofern die ganze Geldvermehrung auf bloßen Hoffnungen beruht?
Weswegen sie jederzeit und überall eintreten kann, also jederzeit als katastrofische Möglichkeit gegenwärtig ist? Ich würde nicht behaupten wollen, dass man Marx auf die Gegenwart projizieren sollte. Aber im Rückgriff auf Marx und dessen Kategorien lassen sich durchaus ein paar entscheidende Dinge aus der Jetztzeit erklären: falls man selbständig weiterdenken will.
Wie verändert nach Marx der Kapitalismus die Arbeit, und welche Konsequenzen hat dies für die Gegenwart? Wie ordnen Sie die Reformen der "Agenda 2010" in diesem Kontext ein?
Thomas Steinfeld: Der Kapitalismus verwandelt Arbeit in Lohnarbeit - und damit systematisch in einen Dienst an fremdem Eigentum. Deswegen erscheint Arbeit in jeder unternehmerischen Kalkulation als Kostenfaktor und wird auch so behandelt: nämlich als eine Größe, die prinzipiell zu senken ist. Deswegen ist Automatisierung eine Antwort auf Lohnkosten, und deswegen war die "Agenda 2010" eine Maßnahme zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit einer Nation. Die Folgen dieser Maßnahme lassen sich - nicht nur, aber auch - in Italien betrachten, in dem Land, in dem ich lebe. Sie schlagen sich dort als mangelnde Konkurrenzfähigkeit nieder. Im Weltmaßstab betrachtet, stellen sich diese Verhältnisse indessen noch einmal anders dar, insofern ganze Branchen die physische Arbeit in ferne Weltgegenden ausgelagert haben.
Was daraus entsteht (vorläufig nur auf den Westen bezogen), sind kapitalistische Verhältnisse, in denen Menschen darum konkurrieren, sich als Arbeitskraft zur Verfügung stellen zu dürfen - während die Zahl der objektiv Überflüssigen wächst.
Marx hat als Humanist, als moralischer Denker und Revolutionär und gleichzeitig als Wissenschaftler gearbeitet. Wie geht das zusammen?
Thomas Steinfeld: Die Unterscheidung zwischen dem Moralisten und dem Theoretiker ist richtig, und die Verbindung zwischen dem einen und dem anderen stellt vermutlich den Ursprung der wesentlichen Unstimmigkeiten innerhalb des theoretischen Werks dar. Die Arbeitswertlehre, um den wichtigsten Punkt zu nennen, funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass man sich Ausbeutung um jeden Preis (im wörtlichen und im übertragenen Sinn) als grundsätzlich quantifizierbar vorstellen will - ein Kalkül, das nur dann aufgeht, wenn man glaubt, sich Ungerechtigkeit (und das ist von vornherein eine problematische Kategorie) unbedingt in mathematisch gefassten Größenverhältnissen vor Augen führen zu müssen. Aber was weiß man dann über gesellschaftliche Verhältnisse?
Wenig, wie man gegenwärtig sieht, denn die meisten Menschen lassen sich durchaus nicht von der Rede, die da Wir sind die 99 Prozent heißt, beeindrucken, sondern leben weiter, wie sie es zuvor auch taten. Andererseits steht außer Frage, dass der moralische Impetus bei Marx eine wesentliche Triebkraft zur Theorie ist. Es gibt lange Passagen, auch im "Kapital", die in der Hauptsache aus Empörung bestehen. Und man kann nicht sagen, dass es dafür keine handfesten Gründe gegeben hätte, die ihrerseits in die Theorie führten.
Wie ist es um das Verhältnis von Theorie und Praxis bei Marx bestellt?
Thomas Steinfeld: Wie ist es denn überhaupt um das Verhältnis von Theorie und Praxis bestellt? Revolutionen oder versuchte Revolutionen gab es im späten achtzehnten und dann im neunzehnten Jahrhundert etliche. Keiner von ihnen gingen Theorien voraus, geschweige denn, dass eine Revolution aus nur einer Theorie hervorgegangen wäre. Andere Voraussetzungen waren wichtiger, allen voran der Hunger, aber auch so etwas wie eine Lust an der Sensation. In der "Éducation sentimentale" von Flaubert ist dieses Durcheinander von mehr oder minder pragmatischen Motiven sehr anschaulich dargestellt. Ich nehme an, dass Marx in den fünfziger und sechziger Jahren durchaus daran dachte, es könnte eine Theorie mit unmittelbar praktischen Implikationen geben - obwohl er sein eigenes Leben, also seine Existenz in der Bibliothek, dann in einiger Differenz zu einem solchen Gedanken gestaltete.
In seinem späteren Leben scheint er die Idee, aus einer richtigen Theorie müsse eine richtige Praxis folgen, aufgegeben zu haben. Tatsächlich ist es wohl so, dass die Theorie stets mit dem Rücken zur Praxis steht. Das spricht aber nicht gegen die Theorie - wenngleich mir die größte Schwierigkeit aller Theorie zu sein scheint, dass nur wenige Menschen überhaupt die Idee teilen würden, Theorien könnten etwas Wichtiges sein. Lieber praktizieren sie Theorien, von denen sie überhaupt nicht wissen, dass sie Theorien sind - die Idee zum Beispiel, der Arbeitsmarkt sei eine einzige Herausforderung, auf die man mit einer optimalen Bewirtschaftung seiner selbst zu reagieren habe.
Berühmt ist Marx mit dem "Manifest der kommunistischen Partei" und dem "Kapital" geworden. Wie sehen Sie die Beziehung zwischen beiden Werken?
Thomas Steinfeld: Das "Kommunistische Manifest" ist allenfalls eine schnell dahingeworfene Programmschrift, die einen konkreten Zweck erfüllen sollte, nämlich zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Verhältnissen größtmögliche Einheit unter den vielen Fraktionen herzustellen, die Sozialisten und Kommunisten schon in ihrer Anfangszeit hervorgebracht hatten. Das "Kapital" ist, nach den "Grundrissen", ein groß angelegter Versuch, die Dinge zu erklären, die im "Manifest" allenfalls angerissen sind. Und das heißt vor allem: die Erklärung des Weltgeschehens durch die Ökonomie.
Welche Beschreibungen und Prognosen im "Manifest" haben im "Kapital" ihre rationale Widerlegung, beziehungsweise Konkretisierung erfahren?
Thomas Steinfeld: Das ergibt eine lange Liste, angefangen bei der Arbeit, die ja im "Manifest" noch nicht als Verausgabung von Arbeitszeit erscheint, sondern als irgendwie qualitativ bestimmte Größe, bis hin zu dem absurden Versuch, den Kapitalisten ihre Unmoral im Umgang mit ihren Gattinnen vorzuwerfen - ganz so, als wäre der Kommunismus ein Unternehmen zur Rettung der bürgerlichen Ehe. Im "Manifest" geht vieles durcheinander, es ist ein eiliges Produkt aus einer Zeit der Gärung.
Welche verhängnisvolle Rolle spielt das "Manifest" im öffentlichen und wissenschaftlichen Bild der Marx’schen Theorie?
Die fatale Rolle, die das "Manifest" - das ja nach Erscheinen über Jahrzehnte so gut wie vergessen war - in der Rezeptionsgeschichte der Marx’schen Theorie spielt, besteht darin, dass es eine geschichtsphilosophische Verheißung enthält: Wer sich auf die Seite des Arbeiters stellte, dem wurde nicht nur versprochen, langfristig auf der richtigen Seite zu stehen, sondern auch, dem Glück auf Erden auf irgendeine Weise den Weg zu bereiten. Was für ein Unsinn! Wer an solches Zeug glaubt, der muss ja gar nicht mehr denken, geschweige denn irgendetwas tun: Er kann sich ganz der geschichtsphilosophischen Notwendigkeit überlassen, dass die Geschichte irgendwann das Richtige tun muss, nämlich den Arbeiter zum Herrn der Welt zu machen und damit alle Herrschaft enden zu lassen. Der real existierende Sozialismus war davon überzeugt, dass es mit solchen Ideen seine Richtigkeit hat, was ihm nicht gut bekam.
Mit Althusser hat sich im wissenschaftlichen Kanon die Trennung des Marx’schen Spätwerks vom Frühwerk durchgesetzt. Was halten Sie davon?
Thomas Steinfeld: Nun, ich weiß nicht, was solche Unterscheidungen bringen sollen: dass man ein Werk in eine Veranstaltung für die Philologie zerlegt, worauf man sich in scheinbar demütiger, de facto aber reichlich hoffärtiger Besserwisserei über die so entstandenen Elemente beugt und Zuordnungsprobleme erörtert? Wäre es da nicht besser, die ungeheure Anstrengung wahrzunehmen, die Marx in seine Werke legte, in Revision nach Revision, in immer neue Wissensgebiete hinein? Selbstverständlich gibt es Dinge, die den jungen Marx umtreiben, während sie dem älteren Marx eher gleichgültig sind, die Lehre von der Entfremdung zum Beispiel. An dieser Lehre ist aber nicht das Interessanteste, dass der junge Marx sie hegte (und mit ihm die Frankfurter Schule), sondern allenfalls, warum der ältere sie aufgab. Er hatte seine Gründe.
Denn was wäre ein nicht entfremdeter Mensch? Die absolute Unschuld, ein Mensch vor der Begegnung mit Gesellschaft? Was für ein absurd idealistischer Gedanke.
Aber kann man die Entfremdungstheorie des frühen Marx anhand seines Spätwerks nicht dahingehend konkretisieren, dass damit eine Subjekt-Objekt-Verkehrung in der bürgerlichen Warenwirtschaft thematisiert wird, insofern der Mensch als Produzent und eigentliches Subjekt der Wirtschaftsabläufe immer mehr zm Objekt derselben degradiert wird und diese sich immer mehr als unabhängig von ihm erweisen?
Thomas Steinfeld: Ich glaube nicht, dass es hier mit einer "Konkretisierung" getan ist, und das wusste auch der ältere Marx. Denn es stimmt ja nicht, dass auf der einen Seite die Warenwirtschaft steht und auf der anderen Seite der Mensch, dort das Objekt und hier das Subjekt, was sich dann, wenn es zu viel Warenwirtschaft gibt, "degradiert" wiederfindet. Schauen Sie sich um: Die werden unzählige Menschen finden, die in den Prinzipien der Warenwirtschaft ihr ureigenstes Wesen erkennen, ohne eine Spur von Distanz. Sie sind geradezu beseelt vom Treiben das Kapitals. Wollen Sie sagen, dass sich diese Menschen täuschen, auch über sich selbst, während Sie wissen, was der Mensch "eigentlich" ist? Ich halte das für einen massiven Idealismus, der an dem Schrecken, der sich an dieser Art von "Identität" festmacht, gründlich vorbeigeht.
Man kommt ihm wohl nur bei, wenn man das "Eigentliche" bei der Ware sucht und dann sorgfältig auseinandernimmt, was die "Ware" in jedem einzelnen anstellt. Oder anders gesagt: Was gegen die Entfremdungstheorie spricht, das spricht für den Fetisch, auch in einem buchstäblichen, sagen wir: animistischen Sinn.
Welche Impulse können Ihrer Einschätzung nach progressive Bewegungen von heute von Marx aufnehmen?
Thomas Steinfeld: Ich mag keine Impulse und schon gar keine Impulsreferate. Ich mag auch keine Bewegungen und schon gar keine progressiven. All diese Versuche, sich, obwohl in elender Vereinzelung gefangen, zu einem Kollektiv zu verklären, dem die Zukunft schon irgendwie recht geben soll, weil man doch "progressiv" zu sein meint, sind mir zuwider. Eine bessere Idee wäre es, sich hinzusetzen und sich Rechenschaft über Verhältnisse abzulegen, die einen stören - und darüber nachzudenken, warum sie einen stören.
Das ist Arbeit, aber sie wird einem nicht erlassen. Dann kann man gucken, ob man andere Menschen findet, die wenigstens ähnlich denken - und darauf setzen, dass aus der Not trotz allem ein Bedürfnis nach Theorie erwächst, und nach einer Theorie, die weiß, dass sie eine ist. Das ist keine große Perspektive, ich weiß, aber die einzige, die ich kenne, auf die einigermaßen Verlass ist. (Reinhard Jellen)
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