Herzmuskelentzündung bei jungen Männern: sehr seltene Nebenwirkung nach mRNA-Impfungen

Weitere Daten zu Häufigkeit und Verlauf einer schwerwiegenden akuten Impfkomplikation, auch bei Kindern und Jugendlichen

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Artikels aus der Juli-Ausgabe der pharma-kritischen wissenschaftlichen Monatszeitschrift "Der Arzneimittelbrief" und zugleich eine Ergänzung des entsprechenden Kapitels im Telepolis-Artikel vom 24. Juli 2021.

Wie häufig ist eine Myokardits nach der Impfung?

Der Artikel im Arzneimittelbrief beginnt mit der Aussage, dass Covid-19 gelegentlich mit einer Myokarditis (Herzmuskelentzündung) verlaufen kann. Unklar ist, wie häufig eine Myokarditis auch nach einer Impfung mit mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 auftreten könne.

Bisher gab es hierzu nur publizierte Einzelfallberichte. In das "Vaccine Adverse Event Reporting System" (VAERS) der US-amerikanischen "Centers for Disease Control and Prevention" (CDC) sind 1.226 Meldungen über Myokarditis nach Impfung mRNA-Vakzinen bis Mitte Juni 2021 eingegangen. Das mediane Alter der betroffenen Personen ist 26 Jahre (Spanne: 12 bis 94 Jahre), mehr als zwei Drittel (923) sind Männer, und bei ebenfalls zwei Dritteln trat das Ereignis nach der zweiten Impfung auf.

Eine Subgruppe von 323 jungen Personen (Altersmedian: 19 Jahre) mit einer als wahrscheinlich angesehenen Diagnose Myokarditis wurde von den CDC genauer untersucht. Da 96 Prozent der Betroffenen im Krankenhaus behandelt worden waren, sind die Kriterien einer schwerwiegenden Nebenwirkung erfüllt. Der klinische Verlauf wird als mild beschrieben, und 95 Prozent waren zum Zeitpunkt der Analyse wieder entlassen. Es gab keinen Todesfall.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren in den USA etwa 296 Millionen Dosen mRNA-Covid-19-Impfstoffe verabreicht worden, davon 52 Millionen an Personen im Alter von 12 bis 29 Jahren (30 Millionen Erst- und 22 Millionen Zweitimpfungen). Eine durch mRNA-Vakzine verursachte Myokarditis ist also wahrscheinlich sehr selten, verlässliche Aussagen zur Inzidenz sind derzeit aber noch nicht möglich.

Impfstoff-induzierte Myokarditiden wurden unter anderem nach Pockenimpfungen und nach Impfungen gegen Influenza beschrieben. Bislang wurden diese Nebenwirkungen auch als sehr selten angesehen. Als möglicher Pathomechanismus einer Vakzin-assoziierten Myokarditis kommt eine Hypersensitivität (Überempfindlichkeit) gegenüber Arzneimitteln infrage, die auch bei anderen Medikamenten auftreten kann, z.B. bei verschiedenen Antibiotika, Phenytoin oder Clozapin.

Retrospektive Fallserien beschrieben

Das israelische Gesundheitsministerium berichtet über 121 Myokarditis-Fälle nach zweifacher Impfung von mehr als fünf Millionen Geimpften. Das britische "Yellow-Card-System" hat bis zum 23. Juni 2021 nach mehr als 36 Millionen Impfungen insgesamt 60 Berichte über Myokarditis und 42 Berichte über Perikarditis (Entzündung des Herzbeutels) nach Anwendung von Comirnaty erhalten.

Auch im Zusammenhang mit dem in Großbritannien wesentlich häufiger verimpften Covid-19-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria) gab es 51 Berichte über Myokarditiden und 89 über Perikarditiden. Ob es hier einen Zusammenhang mit dem Impfstoff gibt, bleibt ungeklärt.

Im JAMA (Journal oft he American Medical Association) wurde ein Bericht über Myokarditiden, die bei Mitgliedern des US-amerikanischen Militärs nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff zwischen Januar und April 2021 aufgetreten waren, in einer Fallserie retrospektiv aufgearbeitet.

Insgesamt wurden 23 männliche Soldaten im Alter von 25 bis 51 Jahren (Median: 25 Jahre) identifiziert, bei denen innerhalb von vier Tagen nach einer Impfung mit einem mRNA-Impfstoff akuter Brustschmerz aufgetreten war. Alle waren zuvor körperlich gesund und sehr fit. Sieben waren mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty und 16 mit dem Covid-19-Impfstoff Moderna (neuer Name: Spikevax) geimpft worden.

Die meisten Betroffenen (insgesamt 20) entwickelten die Symptome nach der zweiten Impfung. Bei allen war im Blut ein deutlich erhöhtes Troponin (Eiweißbaustein des Aktinfilaments als Hinweis auf eine Schädigung der Herzmuskelzellen) festzustellen. Bei 19 Patienten fanden sich typische Veränderungen im EKG. Bei elf wurde eine Koronarangiografie durchgeführt und bei fünf ein Angio-Computer-Tomogramm, jeweils ohne krankhaften Befund.

Vier Patienten hatten eine leicht- bis mittelgradige reduzierte linksventrikuläre Ejektionsfraktion von 40 bis 50 Prozent. Bei acht Betroffenen konnte die Diagnose im kardialen MRT bestätigt werden. Bei keinem Patienten gab es differenzial-diagnostisch Hinweise für eine Covid-19 oder andere Virus-Erkrankungen, eine akute Autoimmunerkrankung oder eine kardiale Ischämie. Alle Patienten hatten sich zum Zeitpunkt der Analyse bereits von der Erkrankung spontan erholt oder waren im Stadium der Rekonvaleszenz.

In einer zweiten im JAMA erschienenen Recherche wurde die Häufigkeit von Myokarditis am Duke University Medical Center in North Carolina in den drei Monaten Februar bis April ausgewertet. Mit Beginn der Impfkampagne fanden sich sieben Patienten mit akuter Myokarditis, von denen vier innerhalb der fünf Tage zuvor mit einem mRNA-Impfstoff geimpft worden waren: drei junge Männer im Alter von 23 bis 36 Jahren und eine 70-jährige Frau. Zwei hatten ihre zweite Impfdosis mit Covid-19-Impfstoff Moderna (Spikevax) erhalten und zwei mit Comirnaty.

Alle hatten die Symptome einer Myokarditis sowie eine leicht eingeschränkte linksventrikuläre Funktion von 40 bis 59 Prozent. Im Kardio-MRT wurde die Erkrankung bestätigt. Eine SARS-CoV-2-Infektion wurde akut und in der Anamnese ausgeschlossen, ebenso wie weitere Differenzialdiagnosen. Alle Patienten hatten sich im Verlauf von einer Woche erholt.

Im Einzugsbereich der Klinik waren bis Ende April 2021 insgesamt 561.000 Einwohner zweifach geimpft worden (33 Prozent der Bevölkerung). Die Inzidenz der Myokarditis ist mit vier Betroffenen nach mRNA-Impfung gegenüber dem Vergleichszeitraum der Vorjahre zwar etwas erhöht, gemessen an der Zahl der verimpften Dosen aber sehr niedrig. Unklar ist, wie viele Geimpfte sich möglicherweise wegen geringer Symptome nicht in der Klinik vorgestellt haben.

Myokarditis bei Kindern und Jugendlichen

Die beiden zitierten Artikel des JAMA (Literaturangaben siehe Artikel im Arzneimittelbrief) werden von zwei Editorials begleitet, und es wird im Hinblick auf die Impfung von Kindern und Jugendlichen auf eine weitere Online-Vorabveröffentlichung in der Zeitschrift Pediatrics hingewiesen: eine Fallbeschreibung von 7 männlichen US-amerikanischen Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren mit einer Myokarditis nach Impfung mit Comirnaty. Auch hier bestand ein Zeitfenster von 4 bis 5 Tagen von der Impfung bis zum Beginn der Symptome.

Comirnaty ist seit Anfang Mai in den USA und seit Ende Mai durch die Europäische Kommission (EMA) als einziger Impfstoff für Minderjährige über 12 Jahre zugelassen. Moderna (Spikevax) hat für seinen Impfstoff ebenfalls eine Zulassung für Kinder und Jugendliche beantragt. Bei Jugendlichen ist eine höhere systemische Reaktogenität (unmittelbare kurzfristige Reaktionen des Körpers auf den Impfstoff) und Immunogenität von Comirnaty bekannt. Ob dies vermehrt zu Myokarditiden führt, ist unklar.

Wie bei den Sinusvenen-Thrombosen nach SARS-CoV-2-Vektorimpfstoffen (siehe "Neue Erkenntnisse zur Sicherheit der Covid-19-Impfstoffe") ist es auch bei den Fällen von Myokarditis: Seltene Komplikationen fallen in den Zulassungsstudien nicht auf. Umso wichtiger sind daher Systeme, die solche Meldungen jederzeit entgegennehmen, kontinuierlich auswerten und transparent veröffentlichen. Die Autoren des Arzneimittelbriefs raten daher weiterhin, alle Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einer Impfung gegen SARS-CoV-2 an die zuständigen Stellen zu melden, einschließlich Fällen von Covid-19 nach Impfungen.1

Fazit der Autoren des Arzneimittelbriefs

Eine Hypersensitivitäts-Myokarditis nach Impfung mit SARS-CoV-2-mRNA-Impfstoffen ist eine seltene, aber schwerwiegende Komplikation. Sie tritt vermehrt bei jungen Männern auf und nach der zweiten Impfdosis. Die Symptome beginnen meist innerhalb weniger Tage nach der Impfung. Der Verlauf scheint in den allermeisten Fällen mild zu sein. Ob Personen, die nach einem mRNA-Impfstoff gegen SARS-CoV-2 eine Myokarditis entwickelt haben, Auffrischimpfungen erhalten sollen - und wenn ja, mit welchem Impfstoff - ist noch völlig ungeklärt.

Schlussbemerkungen:

1. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass neben dem Thrombose-mit-Thrombopenie-Syndrom (TTS) nach Vektorimpfstoffen das Auftreten einer Myokarditis und/oder Perikarditis nach mRNA-Impfstoffen sehr seltene, aber schwerwiegende Impfkomplikationen sind2, die in den Phase-III-Zulassungsstudien aus Gründen der geringen Anzahl nicht aufgefallen sind.

2. Trotzdem schätze ich das individuelle Nutzen-Risiko-Verhältnis einer Impfung bei Erwachsenen, insbesondere älteren Personen (50 Jahre und älter), und solchen mit gesundheitlichen Risikofaktoren wie z. B. einer ausgeprägten Adipositas, einem Diabetes und chronischen Herz- und Lungenerkrankungen eindeutig als positiv ein. Diese Personengruppen dürften zweifellos von einer Impfung profitieren und sollten sich deshalb für eine Impfung entscheiden, falls sie zu den bisher noch Ungeimpften gehören.

3. Anders ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen, bei denen eine Covid-19-Ansteckung von vielen Experten als harmloser als eine Impfung eingeschätzt wird.3 Auch wenn für die Vakzination dieser Altersgruppe der mRNA-Impfstoff Comirnaty von der EMA zugelassen worden ist, hat die Ständige Impfkommission (STIKO) für diese Personengruppe bisher aus guten Gründen keine generelle Impfempfehlung abgegeben, es sei denn, es liegen Risikofaktoren für einen schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 (siehe oben) vor.4

4. Das mögliche Auftreten einer akuten Myokarditis und/oder Perikarditis als Impfnebenwirkung bei jungen Erwachsenen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, ist für mich ein weiterer Grund dafür, die Covid-19-Impfung dieser Personengruppe infrage zu stellen, zumal eine durch die Impfung möglicherweise verursachte Langzeit-Nebenwirkung wie z. B. eine chronische Herzmuskelschädigung (dilatative Kardiomyopathie) in späteren Jahren beim derzeitigen Wissensstand nicht ausgeschlossen werden kann.

Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin - Gastroenterologie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin- Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als medizinischer Sachverständiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein tätig. Zudem arbeitet er in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit. E-Mail: klaus-dieter.kolenda@gmx.de

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.