High-Tech einmal weiblich

Cyberfeminismus Konferenz: in der Theorie schwach, in der Praxis facettenreich

Beim Abendessen im Restaurant zücken vier Frauen ihre Palmtops und versuchen, sich gegenseitig Nachrichten herüber und hinüber zu beamen. Großes, ausgelassenes Gelächter. Der Kellner ist verwirrt. Da haben wir sie, die sprichwörtliche soziale Kompetenz von Frauen gepaart mit einer ausgeprägten Liebe zum technischen Gerät.

"Girls using high-tech-machines to talk to each other"

Rund 60 weibliche Technik-Freaks, Künstlerinnen und Theoretikerinnen mit feministischem Bewusstsein trafen sich vom 13. bis zum 15.12.2001 in Hamburg zur Very Cyberfeminist International, der bisher dritten Konferenz von selbst ernannten »Cyberfeministinnen« in Deutschland. Ausgerichtet wurden diese Treffen bislang vom »old boys network« (obn), das sich - 1997 gegründet - die digitale Vernetzung von Frauen, feministische und künstlerische Aktionen via Internet zur Aufgabe gemacht hat. Zusätzlich will das Netzwerk den Begriff »Cyberfeminismus« lancieren, ohne ihn zu definieren, frei nach dem Motto: ein Begriff, den man oft genug wiederholt, macht sich schließlich selber wahr.

Beides aber, die digitale Logik des Netzes zur Organisationsform zu machen und im wahrsten Sinne des Wortes mit einem virtuellen Begriff zu arbeiten, hat problematische Seiten. Die vier Gründerinnen von obn, Cornelia Sollfrank, Verena Cuni, Helene von Oldenburg und Claudia Reiche, hatten sich ihr Netzwerk anders vorgestellt, es sollte ein freies, sich selbst generierendes System werden. Das scheint nicht ganz zu funktionieren, die organisatorische Arbeit zumindest und die ungewollte Definitionsmacht liegt immer noch bei den Initiatorinnen. Und immer noch bleibt im Untergrund der unbefriedigte Wunsch, sich doch darüber klar werden zu wollen, was oder wer eine Cyberfeministin ist. Pragmatische Antwort einer Teilnehmerin: »girls using high-tech-machines to talk to each other«.

Poster-Entwurf für die "very cyberfeminist international"

Interessant an »Cyberfeminismus« ist, dass er im Schnittpunkt von elektronischer Kunst, Frauenbewegung, Gender-Studies und Medientheorie liegt. Das ließe eine Menge neuer Ideen erwarten. Doch die Vorsilbe »Cyber« generiert nicht von selbst neue Inhalte, die Diskussionen beim Hamburger Kongress erinnerten zeitweilig an alte Frauenbewegungszeiten mit ihren Kategorien Gleichheit und Differenz, Rasse und Klasse; die politisierte Theoriesprache, aufgepeppt mit Foucault, Homi Bhabha und Dona Haraway, lief ernsthaft Gefahr, sich im Gebetsfloskelhaften zu verlieren. Man möchte nun wirklich nichts mehr von »embodies practices« und »power structures« hören und schon gar nichts mehr von einer Weltsicht, die postmoderne Denkstrukturen nur deshalb gut findet, weil sie essentialistisches Denken (böse), Dualismen (böse), Ausschlüsse (böse) kritisiert, schlicht: eine Weltsicht, die Theorie für zu einfache politische Inhalte instrumentalisiert.

Spielerischer ging es bei den praktischen Präsentationen zu, etwa mit dem Projekt "plug in", das digitale Kunst im Internet präsentiert - jenseits der Allmacht von Kuratoren und Galeristen, oder mit den Musik-Foto-Shortcuts s.EXE von Christina Göstl. Sehr amüsant zu sehen war auch das Dokumentations-Video der niederländischen Genderchangers, die mit einer kleinen Frauengruppe ein rein männlich besetztes Hacker-Treffen besuchten und öffentlich mit einem Vorschlaghammer defekte Hardware zertrümmerten.

Die Hamburger Cyberfeministinnen-Konferenz fungierte als Informations-Börse in Sachen weltweiter weiblicher Web-Auftritte, als »real life« Chat mit Teilnehmerinnen aus Singapur, Mexiko, den USA, Finnland, Frankreich, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Russland. Als politischen und dramaturgischen Höhepunkt hatte obn zwei Frauen der afghanischen Widerstandsorganisation RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan) eingeladen. Viel Optimismus über die Situation der Frauen unter einer neuen afghanischen Regierung verbreiteten sie nicht. Auch RAWA hat eine Homepage und nutzt digitale Technologien. Mag es mit der Theorie auch noch hapern, die politischen Utopien, die mit dem Internet verbunden sind, wurden am Beispiel von RAWA besonders deutlich.

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