Hilfe für Hartz IV-Empfänger

Interview mit einer "Mitgängerin" über Unterstützung beim Gang zum Jobcenter

Nachdem der Piraten-Politiker Johannes Ponader in einem Artikel in der FAZ über seine Erfahrungen mit der Hartz IV-Behörde berichtete, bildete sich auf Twitter eine Initiative von Freiwilligen, die sich als Amts-Mitgänger und -Mitgängerin zur Verfügung zu stellen. Telepolis sprach darüber mit mit Claudia B.1, die an dieser Initiative teilnimmt.

Wie sind Sie denn auf Idee gekommen, sich auf Twitter als Mitgängerin bei Hartz IV-Empfängern zum Jobcenter bereitzustellen?
Claudia B.: Ich hole mal aus. Ich bin selbst schon lange Empfängerin von Leistungen zu Lasten der Solidargemeinschaft, allein für meine Gesundheitsversorgung müssen wahrscheinlich dauerhaft 4-5 Leute Krankenkassenbeiträge bezahlen und von Arbeitsamt/ARGEN/Jobcentern habe ich schon mehr bekommen, als ich je bezahlt habe. Für meine Zukunft sieht es eher schlechter als besser aus. Ich werde mit meinen chronischen Krankheiten wohl nie in der Lage sein, meinen Lebensunterhalt komplett selbst zu verdienen (derzeit beziehe ich ergänzende Leistungen zu meiner selbständigen Tätigkeit) und ich kann sagen: Ohne unser Solidarsystem und die Möglichkeiten in Deutschland wäre ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seit Jahren tot. Und ich bin dankbar dafür, dass ich noch lebe, eine Wohnung, Medikamente und Essen habe und sonst das Allernötigste. Es gibt viele, die das nicht haben.
Aber das System gängelt und zermürbt mich, sofern das meine Krankheiten nicht schon erledigen. Dennoch: Egal wie lange ich gegängelt werde, werde ich davon weder gesund noch leistungsfähiger. Und der Unterschied, ob das System und viele in dieser Gesellschaft mich und so viele andere als "Sozialschmarotzer" behandeln und mich nötigen, durch die institutionellen Mühlen treiben, oder mich in Würde leben lassen, ist meiner Ansicht nach nicht die erste Frage, ob das mehr Geld kostet (ich glaube nicht), sondern wie wir als Gemeinschaft miteinander umgehen wollen.
Ich kenne das Hartz-4-System und es ist systematisch menschenverachtend, ich will beitragen, es menschlicher zu gestalten, nicht nur im eigenen Interesse sondern für alle. Ich halte @wirgehenmit für einen sehr guten Anfang, ein bisschen mehr Menschlichkeit in das System zu bringen. Seit Jahren denke ich darüber nach, der Gesellschaft in irgendeiner Form etwas zurückzugeben. Ich habe mich früher, bevor ich krank wurde, auch ehrenamtlich engagiert. Aber ich kann mich nicht mal selbst ernähren, nicht ausreichend arbeiten - und ein regelmäßiges ehrenamtliches Engagement kann ich nicht leisten. Ich kann gelegentlich ein paar vereinzelte Euros spenden, aber das war es.
Dann habe ich den Artikel von Johannes Ponader in der FAZ gelesen, der bei mir einen Nerv getroffen und einen Funken in mir entfacht hat. Ich weiß, dass es unheimlich viele Initiativen gibt, die sich für Hartz-4-Empfänger einsetzen. Es gibt zu diesem Thema viele, viele Internetseiten. Aber ich hatte das Gefühl - und es ist vielleicht nur eine subjektive Wahrnehmung - dass das jetzt etwas anderes ist. Dass da ein Stein ins Rollen kommen kann. Dann habe ich über Twitter von @wirgehenmiterfahren, was als Reaktion auf Ponaders Artikel entstanden ist, ich konnte einfach sagen: Ja, ich begleite Leute unabhängig von Organisationen und Ideologien, ich habe etwas gefunden, was ich mit allen meinen Einschränkungen noch leisten kann. Nicht nur Worte sondern kleine Taten. Hin und wieder jemanden begleiten, einen kleinen Beitrag leisten, ganz konkret. Ich wollte dabei sein und mithelfen, persönliche Erfahrungen habe ich ja genug.
Dafür konnte ich mich leicht entscheiden, das hat 5 Minuten gedauert. Und die Hürde, über Twitter mitzumachen, ist niedrig. Ich musste mir keine Organisation suchen, mit deren Regeln und Ideologien ich einverstanden bin, Kontakt knüpfen, nirgendwo hingehen, mich einweisen lassen, was auch immer. Das ging mit 140 Zeichen vom Schreibtisch aus: Ich helfe - kontaktier mich. Und umgekehrt ist die Hürde auch nur 140 Zeichen lang vom Schreibtisch aus: Kannst Du mich begleiten?
Haben Sie schon erste Erfahrungen damit machen können?
Claudia B.: Bis jetzt hat sich noch niemand bei mir gemeldet und nach Begleitung gefragt. Die Initiative ist ja auch erst ein paar Tage alt - und ich denke, es wird ein bisschen dauern, bis sich das alles rumspricht und die Infos bei denen ankommen, die sie brauchen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich jetzt von Anfragen erschlagen werde. Aber egal wie viele das Angebot nutzen (hoffentlich viele) - allein die Tatsache, dass Leute sagen "So geht’s nicht, ich mach mit" hat ja auch schon eine Wirkung, vor allem dann, wenn das auch von Leuten kommt, die nicht selbst betroffen sind und sonst wenig damit zu tun haben - nicht immer nur die üblichen Verdächtigen. Ich würde mich zum Beispiel wahnsinnig freuen, wenn auch ein paar "höhere Tiere" aus der Wirtschaft oder andere Prominente, denen man vielleicht keine soziale Ader zutraut, jemandem beistehen und sich das mal von unten anschauen. Jemand wie unser Ex-Kanzler Schröder zum Beispiel. Vielleicht hat ja jemand seine Kontaktdaten und will ihn öffentlichkeitswirksam dazu auffordern?
Kennen Sie Geschichten von Leuten, denen das Jobcenter übel mitgespielt hat, weil sie alleine auf das Amt gegangen sind und für das, was dort passiert ist, keinen Zeugen haben, auf den sie sich berufen können?
Claudia B.: Ich kenne einige Berichte - überwiegend aus dem Internet. Eine aktuelle und wirklich augenöffnende Seite ist jobcenterleaks.de. Es lohnt sich für jeden, da mal zu stöbern. Ich selbst habe erst angefangen, mich mit Hartz-4 zu beschäftigen, als ich selbst betroffen davon war. Und ich glaube, dass viele, die nicht direkt mit der Problematik in Berührung sind, überhaupt keine Ahnung haben, was da eigentlich passiert (oder es interessiert sie einfach nicht).
In meinem Umfeld bin ich weit und breit die einzige Hartz-4-Empfängerin, zumindest gibt es niemanden, der offen darüber spricht. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Ich habe großes Glück, dass ich der deutschen Sprache mächtig bin und auch passive Fremdsprachenkenntnisse in Amtsdeutsch habe, dass ich gerade so ausreichend intelligent bin, zu erkennen, was mir da so unterschoben wird, dass meine Schwester Juristin ist, die ich im Zweifel befragen kann, und dass ich mich deswegen meistens einigermaßen klar wehren kann. Aber wie viele Leute können das nicht? Müssen Dinge unterschreiben, die sie nicht verstehen, deren Folgen sie nicht absehen können, ohne ihr eigenes Verschulden? Wie viele sind psychisch nicht in der Lage, ausreichend aufmerksam zu sein, geschweige denn, sich zu wehren?
Und noch ein anderer Aspekt: Ich bin ein freundlicher und umgänglicher Mensch, aber ich wurde durch die Unverschämtheiten und Erniedrigungen teilweise so bis auf die Knochen provoziert, dass es zu minutenlangem gegenseitigen Anschreien zwischen mir und meiner Sachbearbeiterin kam. Und das waren offenbar keine Ausnahmesituationen. Es ist wohl eine individuelle Frage, wie viel Demütigung man aushält, bis einem der Kragen platzt. Mich würde es überhaupt nicht überraschen, wenn mal ein Amoklauf in einem Jobcenter passiert. Wollen wir wirklich so miteinander umgehen? Um solche Eskalationen zu vermeiden, denke ich, ist eine Begleitung auch eine sehr gute Idee. Manchmal braucht man einen Zeugen, manchmal braucht man aber auch einfach nur Unterstützung, um ruhig zu bleiben oder um sich zu trauen, den Mund aufzumachen - einfach ein bisschen Rückendeckung, Trost, Solidarität.
Haben Sie Informationen, wie die Mitgänger-Bewegung deutschlandweit läuft?
Claudia B.: Seit vielen Jahren gibt es Sozialverbände und lokale Initiativen, die solche Begleitungen anbieten. Träger wie die Caritas zum Beispiel - auch Internetforen (beim googeln wird man fündig). Es gibt also schon einiges, allerdings weiß ich nicht, wie gut die Initiativen vernetzt sind, wie flächendeckend sie sind, wie groß die bestehenden Kräfte jetzt schon sind und wie die, die es gut gebrauchen könnten, tatsächlich über diese Angebote Bescheid wissen.
Bei @wirgehenmithaben sich spontan gleich einige Mitgänger gemeldet - vor allem in größeren Städten. Es gab Medienresonanz auf den Artikel von Johannes Ponader. Webseiten entstehen und in meiner Twitter-Timeline bewegt sich gerade etwas. Da habe ich aber natürlich nur meinen ganz persönlichen Tunnelblick, und kann nicht einschätzen wie die Reichweite tatsächlich ist. Meine Mitbewohnerin zum Beispiel bekommt davon gar nichts mit.
Man muss auch sehen, dass der Großteil der Bevölkerung ja arbeitet, und zu den Öffnungszeiten des Amtes auch gar nicht die Möglichkeit hat, jemanden zu begleiten, das ist natürlich ein begrenzender Faktor für eine Massenbewegung. Ich denke, die nächsten Wochen werden zeigen, ob da etwas ins Rollen kommt, ich hoffe es sehr.
Welche Tipps geben Sie Leuten, die aus irgendwelchen Gründen alleine sich in den Jobcenter begeben müssen?
Den Besuch vorbereiten. Sich Klarheit darüber schaffen, was man selbst erreichen will und was das Amt (vermutlich) von einem will. Mit spontanen Überraschungen kann man viel schwerer umgehen als mit erwarteten.
Die eigenen Anliegen und Argumente vorbereiten, und die Rechtslage möglichst kennen. Auch auf die Gegenargumente vorbereitet sein. Initiative ergreifen. Wenn ich der Sachbearbeiterin sage, welche Maßnahmen ich konkret ergreifen will, um in Arbeit zu kommen, habe ich die Chance, dass mir nicht vorgeschrieben wird, wie ich es zu machen habe. Und das gilt für alles. Immer versuchen, erst selber Vorschläge einbringen, bevor sie einem diktiert werden. Jobangebote, mögliche Weiterbildungsmaßnahmen, et cetera schon vor dem Termin recherchieren. Auch das sind Eigenbemühungen, auf die man am besten auch immer deutlich hinweist.
Wenn niemand mitgehen kann, gibt es vielleicht jemanden, der beim Vorbereiten hilft, an dem ich meine Argumente austesten kann. Lernen, solche Hilfe anzunehmen und danach zu fragen, das ist manchmal verdammt schwer.
Eingliederungsvereinbarungen sollte man erst unterschreiben, wenn man sie vollständig und genau gelesen, verstanden und ggf. korrigiert hat. Wenn es irgendwie geht, sachlich und freundlich bleiben. Sich Gesprächsnotizen machen, schon während des Gesprächs. Wenn man rechtswidrig behandelt wird, klar kommunizieren, dass man Dienstaufsichtsbeschwerden in Betracht zieht. Das Wort Dienstaufsichtsbeschwerde wirkt manchmal Wunder und schafft neue Möglichkeiten. Eine drohende Dienstaufsichtsbeschwerde wirkt sich auf die Sachbearbeiterin auch viel direkter aus, als eine Klage. Das ist ggf. der schnellere Weg, etwas zu erreichen. Wenn sich keine Lösung finden lässt und auch ein Hinzuziehen des Vorgesetzten nicht funktioniert, konsequent sein und die Ankündigungen wahr machen.
Dafür sorgen, dass man zum Termin maximal wach, stark, ruhig und aufmerksam ist. Vorher genug schlafen, frühstücken, einen starken Kaffee trinken, sich in den Arm nehmen lassen, was auch immer einem hilft. Solche Termine können sich massiv auf das eigene Leben auswirken - entsprechend ernst muss man sie nehmen. Die letzte Zigarette für nach dem Termin aufheben. Und nicht klein kriegen lassen.
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