Hilflose Roboter und sarkastische Firmenethik

Die Ausstellung "Smile Machines" findet Medienkunst vor allem witzig

Dank großzügiger Förderung seitens der Bundeskulturstiftung ist das Berliner Medienkunstfestival Transmediale in diesem Jahr in der erfreulichen Situation, eine Ausstellung mit „Smile Machines“ zu präsentieren. Kunst, Technologie und ihre Beziehung zum Humor werden hier auf hintersinnige Weise auf die Probe gestellt. Kuratorin Anne-Marie Duguet erblickt im Humor eine positive Kraft, mit der die Macht von Medien und Medientechnologie entlarvt werden kann.

Was mag der Denker von Rodin bloß denken, wenn er bei Nam June Paik, zum Nachsitzen verdonnert, unentwegt in eine Bildröhre starrt, wo er das eigene Konterfei sieht, wie es sitzt, starrt und denkt? Die Closed-circuit-Installation des vergangene Woche verstorbenen koreanischen Medienkünstlers Paik, einem der Väter der Videokunst, stammt aus dem Jahre 1976 und ist eines der älteren Exponate in der „Smile Machines“-Ausstellung, die von Fluxus bis in die Gegenwart reicht. Paik hatte seinerzeit Kritik am Überfluss und an der Dominanz der Fernsehkultur geübt. Heute hat die tägliche mediale Überdosis ein Ausmaß angenommen, dass jeder sich bequem in die Figur des Denkers hinein versetzen kann: Außer den Medienbildern ist kaum etwas anderes wahrzunehmen.

Komisch bloß, dass die Rodin-Skulptur nicht lächelt. Das tun doch alle beim Fernsehen. Unentwegt und ohne Gnade wird dort ein Dauergrinsen angestimmt, dessen sich „Cheese“, eine zeitgenössische Installation von Christian Möller, annimmt. Sechs Schauspielerinnen wurden beauftragt, vor einer Videokamera so lange wie möglich zu lächeln. Wann immer sie zu Entspannungsübungen ansetzten, wies sie ein „Emotionserkennungssystem“ an, ihren Job doch bitte ernster zu nehmen. Auf Monitoren kann man ihnen bei ihrer mühevollen Arbeit zusehen. Ein Lichtbalken zeigt die jeweilige „Wahrhaftigkeit“ der Emotionen an. Die Videos dauern immerhin zwischen fünfzig und achtzig Minuten und vermitteln einen guten Eindruck über den großen Druck zum Dauerlächeln, der auf Personen des öffentlichen und medialen Lebens lastet.

Während man angesichts solcher Werke kaum geneigt ist, selbst zu schmunzeln, ist der „Helpless Robot“ von Norman T. White eine wirkliche Lachnummer. „Dreh’ mich rum“, „Nicht so schnell“ oder „Jetzt in die andere Richtung“ lauten die Befehle, die aus einem unansehnlichen Holzkasten auf einem Drehgestell ertönen. Im Nu jedoch hat der gar nicht so hilflose Roboter dabei den Spieß umgedreht und drangsaliert, anstatt selber nutzvolle Dinge zu verrichten, den Benutzer und kommandiert ihn herum. Ein altertümlicher 386er-PC mit 512 programmierten Möglichkeiten zur Interaktion steckt in dem Holzkasten. Low-Tec lautet auch die Devise von „Petit Mal“ von Simon Penny, einem auf zwei Rädern angebrachten interaktiven Roboter, der ebenso wenig nutzvoll erscheint. An einen Rollstuhl erinnernd, kurvt der elektronische Geselle in einer kleinen Arena herum und interagiert mit den hinzutretenden Besuchern. Augenscheinlich leidet „Petit Mal“ jedoch an Sehschwäche, denn er hantiert übervorsichtig. Bevor er sich zu nah an einen Mitspieler heranwagt, sucht er lieber das Weite.

Low-Tec und Selbstironie

Man sieht, die Zeiten aufwändiger interaktiver Medienkunst-Installationen, welche ganze Räume eingenommen haben und in die Höhe gestapeltes Computer-Equipment verlangten, sind offenkundig vorbei. Deren bisweilen affirmativer Charakter, der sich gerne am technisch Machbaren delektierte, ist ausgetauscht worden durch Selbstironie und den humorvollen Umgang mit der Technologie. Für die französische Kuratorin der Ausstellung, Anne-Marie Duguet, stellt das Thema Humor einen idealen Zugang dar, um Kunst und ihre Rolle in der Gesellschaft zu hinterfragen:

In allen Arbeiten findet man eine Distanz. Die Werke sind nicht nur sarkastisch, humorvoll oder witzig, sondern sie stellen ihrerseits auch Fragen an die Gesellschaft. Manche Arbeiten leisten einen sehr direkten politischen Kommentar, andere benutzen subtilen Humor. Humor ist für mich immer ein Weg, Aufmerksamkeit auf bestimmte Fragen zu lenken, die von Technologie, Kunst und Medien aufgeworfen werden. Für mich ist die Ausstellung auch der Versuch, die übliche Distanziertheit bei der Kunstbetrachtung durch Vergnügen zu ersetzen. Ich finde es besser, mit Vergnügen an Kunst heranzugehen als mit kritischem Abstand. Denn ich glaube, dass ein leichtgängiger, humorvoller Zugang zu Kunst letztlich direkter ans Ziel führt als alle Distanziertheit.

Anne-Marie Duguet

Muss Kunst politisch sein?

Eine Kunstaktion von The Yes Men unterstreicht dies. Der amerikanischen Gruppe von Künstlern und Aktivisten war es 2004 mittels der gefakten Website dowethics.com gelungen, auf eine Bankerkonferenz nach London eingeladen zu werden. Dort stellten sie den (fiktiven) „Acceptable Risk Calculator“ vor, eine Formel, die eine akzeptable Mitarbeiter-Todesrate in Zusammenhang mit Unternehmensgewinnen abbildet. Der sarkastische Vortrag wurde heftig beklatscht, einige der Zuhörer trugen sich gar in Listen ein und posierten vor einem goldenen Skelett. Dass ihnen die Show, die eine lediglich korrupte Firmenethik vor Augen führt, nicht aufgefallen war, muss etwas irritieren.

Solcher Aktionismus ist ganz nach dem Geschmack der Transmediale-Leitung, die bereits im letzten Jahr mit dem Critical Art Ensemble aus Buffalo einen Schwerpunkt auf eine politisch motivierte Medienkunst gelegt hatte und auch dieses Jahr alles daran setzt, Kunst mit Protest, Kritik und Invektiven in Verbindung zu bringen. Unumstritten ist das nicht. Der Künstler und Programmierer Sebastian Lütgert hielt etwa bei einer Podiumsdiskussion daran fest, dass Kunst keineswegs politisch zu sein hat. Vielmehr sei dies ein von „neoliberalen“ Kunstmagazinen wie „Monopol“ ausgerufener und gut vermarktbarer Gegenwartstrend.

Ganz neu will dieses Auf und Ab und Für und Wider von Realismus und Formalismus in der Kunst nicht erscheinen. Doch mit der Auszeichnung einer Arbeit wie „Burn Station“, eine mobile Kopierstation für Audiodateien mit dem „Copyleft“-Siegel, erweist sich das Festival, trotz aller Sympathie für lizenzfreie Musik, nicht ganz auf der Höhe des Kunstdiskurses.

„Smile Machines“, 3.2.-19.3.2006, Akademie der Künste, Hanseatenweg, Berlin. (Helmut Merschmann)