Hindu-Nationalisten versuchen auch die Deutsche Welle zu instrumentalisieren

Alleine die ausbleibenden Toten im indischen Straßenverkehr sollen die Sterblichkeitsrate trotz Covid-19 gesenkt haben. Foto: Gilbert Kolonko

DW-Partnerschaft mit WION TV? Hinter dem Sender steckt Subhash Chandra, ein strammer Unterstützer der BJP von Narendra Modi - Sterblichkeitsrate in Indien sinkt trotz Covid-19

Am 24. April verkündeten die Verantwortlichen des internationalen Fernsehsenders WION auf ihrer Webseite, dass sie eine Partnerschaft mit der Deutschen Welle eingegangen sind.

WION TV ist das Aushängeschild der Zee Entertainment Enterprises Limited (ZEEL), die der Essel Group gehört, dessen Vorsitzender der Milliardär Subhash Chandra ist. Die Medien von Zeel geben in der Regel die Meinung der hindu-nationalistischen Zentralregierung wieder - statt Informationen.

Dazu wird bei Interviews auch in die Inszenierungstrickkiste gegriffen, damit die Regierungsstimmen noch besser rüberkommen. Hass zwischen den Religionsgemeinschaften wird auch gesät, dabei werden auch fünf Jahre alte Nachrichten als neu verkauft.

WION verspricht sich von der Zusammenarbeit mit DW auf deren Korrespondentennetz in 30 Ländern der Erde zurückgreifen zu können.

WION TV ließ verbreiten, dass die Deutsche Welle eine Partnerschaft mit ihnen eingegangen ist. Screenshot: Gilbert Kolonko

Die Deutsche Welle (DW) gilt in Indien bis jetzt sogar als alternatives Medium - weder Umweltzerstörungen wurden geleugnet noch Wassermangel oder das aktuelle Leid der Wanderarbeiter. Es wurden sogar äußerst regierungskritische Stimmen zugelassen, wie die der Schriftstellerin Arundhati Roy, die in weiten Kreise der oberen Mittelklasse Indiens als Nestbeschmutzerin gilt. Gerade wegen der Glaubwürdigkeit der Deutschen Welle wurde die angebliche Zusammenarbeit mit WION in Indien rege diskutiert.

Eigentlich wissen die Verantwortlichen der DW, wie es um die Medienlandschaft in Indien bestellt ist - haben doch auch sie schon berichtet, dass die Selbstzensur der Journalisten noch nie so hoch war wie seit der Machübernahme der Modi-Regierung im Jahr 2014. Auch über systematische Verfolgungen ihrer indischen Kolleginnen und Kollegen, die es wagen, Kritik an der hindu-nationalistischen Zentralregierung zu äußern.

"Es gibt keine formelle Partnerschaft mit dem Sender WION"

Über die Abschaltung kritischer Fernsehsender in Indien hat die DW ebenso berichtet. Auf eine Anfrage von Telepolis am 28. April gab es durch Christoph Jumpelt von der Presseabteilung der DW zwei Tage später eine Antwort, die viele in Indien erleichtern wird:

Es gibt keine formelle Partnerschaft mit dem Sender WION.
Wir bedienen aktuell Anfragen einer ganzen Reihe von Sendern weltweit, die für ihre Berichterstattung über die Pandemie eine europäische Warte ins Programm nehmen möchten. Bisher gab es ein Schaltgespräch mit einem DW-Reporter in der Nachrichtensendung von WION. Die Veröffentlichung des Senders über eine Partnerschaft mit der DW ist irreführend. Wir haben bereits um entsprechende Klarstellung gebeten.

Christoph Jumpelt, Deutsche Welle

Sterblichkeitsrate in Indien gesunken

Auch jetzt während der knallharten Ausgangssperre in Indien, die seit dem 24. März andauert, nutzen die Modi-treuen Medien und seine Trollarmee fast jede Nachricht, um sie zugunsten der Regierung auszulegen. Dass Modis hindu-nationale Bharatiya Janata Party (BJP) Tausende von Trolls beschäftigt, die im Netz die Meinung manipulieren, ist ein Fakt, über den fast jedes Medium in Indien berichten musste.

So soll auch die Nachricht manipuliert werden, dass die Sterblichkeitsrate in Indien seit dem Lockdown am 24. April gesunken ist. Doch Experten schreiben das nicht wie die Trolls dem erfolgreichen Kampf der Modi-Regierung gegen Covid-19 zu, sondern dem Umstand, dass es seit dem Lockdown kaum noch Verkehrstote und Morde in Indien gibt.

Allein im indischen Straßenverkehr starben im Jahr 2018 landesweit 151.400 Menschen. Auch die im Schnitt täglich 12 Personen, die im regionalen Zugverkehr von Mumbai zu Tode kommen, bleiben derzeit aus. Bis jetzt gab es in Indien 1075 Tote durch Covid-19. 33.610 Menschen wurden als infiziert gezählt.

Der Adyar Fluss in Chennai. Foto: Gilbert Kolonko

Vor Corona sind nur schon aufgrund der Luftverschmutzung mindestens 1,2 Millionen Inder pro Jahr gestorben, im selben Zeitraum 500.000 an Tuberkulose. Ein weitere halbe Million sterben jährlich an Durchfallerkrankungen. Doch solange die Wirtschaft boomte, hat auch die Modi-Regierung dies als Preis für Wachstum hingenommen.

Auch die Verteidiger des neoliberalen Wirtschaftssystems bei uns, verweisen gerne darauf, dass in Indien so zwischen 2006 und 2016 etwa 271 Millionen Menschen aus der Armut geholt werden konnten. Zum Glück muss niemand von ihnen vor Ort nachschauen, wie diese "Glücklichen" jetzt leben dürfen, wo sie es "aus der Armut geschafft" haben.

Plastiksammler in Kolkata, die mit 12-Stunden-Tagen 10.000 Rupien (120 Euro) im Monat verdienen. Sie wohnen in morschen Hütten inmitten von Lärm, Dreck und Abgasen. Genauso leben Millionen anderer, die mittlerweile mehr als 1,90 US-Dollar am Tag verdienen - ein Betrag, der als "Hürde" gilt, die angeblich übersprungen werden muss, um nicht mehr arm zu sein.

Wenn die Wirtschaftsneoliberalen auch in Indien konsequent gewesen wären, hätten sie jetzt auch die Toten durch Covid-19 als Preis fürs Wachstum hinnehmen müssen. Doch dieses Mal gefährdet der Virus auch die Wohlhabenden. Dazu trifft die Ausgangssperre in Indien den Mittelstand und die 400 Millionen Tagelöhner am härtesten, die im informellen Sektor beschäftigt sind.

Auch den vielen ehrenamtlichen Helfern geht mittlerweile die Puste aus, genauer gesagt das Geld: Denn nicht die indische Zentral-Regierung, sondern die Ehrenamtlichen waren es in erster Linie, die mit ihren kostenlosen Essenlieferungen jenen Millionen Armen halfen, die durchs Raster gefallen waren.

Auch das Wissenschaftsmagazin The Lancet kam in einer Analyse zu dem Schluss, dass die Zentralregierung von Narendra Modi den Bundesstaaten die Hauptlast im Kampf gegen Covid-19 aufbürdet und das, ohne die Bundesstaaten angemessen in die Entscheidungen miteinzubeziehen. Zudem konstatierten die Wissenschaftler, dass die landesweite Ausgangssperre hastig und ohne jegliche Vorbereitung ausgesprochen wurde.

Jede Krise trifft die Armen am härtesten. Foto: Gilbert Kolonko

Was die Zentralregierung unternehmen wird, damit die indische Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, ist schon jetzt vorauszusehen: Die Last wird auf die Arbeiter/innen abgeladen.

So hat die Modi-Regierung eine Verordnung vorbereitet, die es erlaubt, dass Arbeiter und Angestellten auch offiziell 12 Stunden am Tag arbeiten "dürfen" - zum Wohle der "Wirtschaft", nicht der Masse der Bevölkerung, die vom Wachstum ohnehin nur einen Bruchteil abbekommt, wie auch die finanzielle Ungleichheit in Indien zeigt: Das reiche eine Prozent in Indien hält 73 Prozent der Vermögen des Landes.

Es wird hammerhart kommen

Die Hitze hat schon jetzt in vielen Städten Indiens die 40-Grad-Celsius Marke erreicht - in der 5,5-Millionen-Einwohnerstadt Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat sind es sogar 44 Grad Celsius.

Da bedeuten 12 Stunden Arbeit am Tag eine ganz andere Nummer. In vielen anderen Städten werden die Temperaturen bald an die 50-Grad-Marke heranreichen: Denn im Juni 2019 hatte das Thermometer sogar in der indischen Hauptstadt Delhi bis auf 48 Grad Celsius angezeigt.

Dazu stellt sich die Zentralregierung nach eigener Aussage auf einen Zwei-Fronten-Kampf ein: Neben Covid-19 und den aktuellen Anstrengungen gegen Hunger prognostiziert sie eine riesige Heuschreckenplage.

So leben Menschen in Kolkata, die es aus der Armut geschafft haben. Foto: Gilbert Kolonko

Doch es wird mehr als ein Kampf an zwei Fronten werden. Oder hat die Regierung die Wasserkrise vergessen, über die auch auf Telepolis schon mehrfach berichtet wurd? Die Wasserkrise ist ein ebenso hingenommener Preis fürs Wirtschaftswachstum, damit die Stadtverdichtung ungehindert weitergehen konnte; der Immobilienmarkt ist ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Nur kann der Regen wegen der Bodenversiegelung nicht mehr ins Grundwasser sickern - die 10-Millionen-Einwohnerstadt Chennai stand so im letzten Sommer ohne Trinkwasser da und musste aus dem benachbarten Bundesstaat Kerala per Zug mit Wasser versorgt werden. Dazu geht in 20 anderen indischen Großstädten das Grundwasser aus.

Da 70 Prozent des Oberflächenwassers in Indien verdreckt sind, scheiden die Flüsse in der Regel als Trinkwasserquelle aus. Auch in der 20-Millionen-Einwohnermetropole Delhi ist der Hausfluss Yamuna eine Kloake. Genauso der Mithi River in Mumbai oder der Adyar in Chennai. Anschließend kommt der Monsun, der sich mit dem Klimawandel verändert hat.

Während des Südwest-Monsuns zwischen Juni und September gehen in der Regel 2100 mm Niederschläge auf Mumbai nieder. Im letzten Jahr hatte die Metropole schon innerhalb dreier Tage 1000 mm Regen. Da das zugebaute Mumbai den Regen nicht aufnehmen konnte, kam es zu schweren Überschwemmungen.

Das Offensichtliche sprach dann im letzten Jahr auch Shoko Noda aus, Vertreterin der UNDP (United Nations Development Programme) in Indien: "Ob Luftverschmutzung oder Wassermangel: Die Ärmsten trifft es am härtesten", sagte sie gegenüber dem Indien Express.

Wenn kein Regen kommt, haben die ärmsten Chennais zu leiden, und wenn er kommt… Foto: Gilbert Kolonko

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Covid-19 ist auch für Indien eine gefährliche Krankheit, gegen die es noch keine Impfung gibt. Welchen Schaden der Virus in Indien schon angerichtet hat oder noch anrichten wird, ist nicht wirklich abzusehen, weil in Indien einfach zu wenig getestet wurde und wird.

Dafür macht Indien jetzt auch eine chinesische Firma verantwortlich bei der 650.000 Testkits bestellt worden sind - laut des Council of Medical Research sind die Tests aus China einfach zu ungenau. Die chinesische Botschaft in Delhi wehrte sich am 27. April offiziell durch ihren Pressesprecher Ji Rong gegen die Beschuldigung, Produkte aus China seien fehlerhaft.

Luftverschmutzung, vermeidbare Krankheiten und die Folgen eines miserablen staatlichen Gesundheitssystems spielen mindestens in der gleichen Gefahrenliga wie Covid-19.

Was die knallharte Ausgangssperre in Indien wirtschaftlich anrichtet, wird dagegen mit jedem Tag klarer: In Assam und Darjeeling blieb die Frühlingsernte des sogenannten first flush nahezu ungepflückt stehen: Die Verluste werden auf 110 Millionen Kilogramm Tee geschätzt.

Dass auch das Geschäft mit dem Tee in Indien ein dreckiges ist, zeigte im letzten Jahr die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit einer Studie auf: In Darjeeling bekommen die Teepflücker 1,4 bis 2,8 Prozent des Verkaufspreises, der in Deutschland erzielt wird. Mit 177 Rupien beträgt der Mindestlohn in Darjeeling nicht einmal zwei Euro am Tag (Ausbeutung von Indien bis nach Deutschland).

Auch das nächste Virus ist mit Hilfe von Billigproduktion "schon in Arbeit", die ersten "Superbugs" sind schon da. Gemeint ist die Antibiotika-Herstellung in Indien. In einer der Hochburgen in Hyderabad werden die Abwasser der Pharmaindustrie nahezu ungefiltert in die Flüsse geleitet. In Gewässerproben rund um die Pharmafabriken in Hyderabad wurden die Grenzwerte von Antibiotika sowie Pilzmedikamenten zum Teil um das Tausendfache überschritten.

Auch multiresistente Superkeime wurden gefunden. Was "wir" damit zu tun haben? Fast alle großen deutschen Generikahersteller - wie Ratiopharm, Hexal oder Stada - lassen ihre Wirkstoffe auch in Indien produzieren. Dazu bringen 20 bis 70 Prozent der Indien-Touristen resistente Erreger angeblich mit nach Hause.

Bis jetzt waren das auch in unseren Medien nur Randthemen. Umso erfreulicher, wenn in der jetzigen Corona-Krise, in der auch bei uns vielen alternativen Medien die Werbegelder wegbrechen, sich ein "alternatives" Medium in Indien zur Wehr setzt: WION TV hat die Ankündigung von der angeblichen Partnerschaft mit der Deutschen Welle mittlerweile von ihrer Webseite genommen.