Hinkley Point muss gebaut werden - aus militärischen Gründen

Ein mit Trident-Raketen bewaffnetes U-Boot der Vanguard-Klasse, das ersetzt werden soll. Bild: LA(Phot) Will Haigh/MOD/OGL

Eine Studie der Universität Sussex zeigt auf, dass hinter dem extrem teuren Atomkraft-Neubau militärische Anforderungen stehen

Setzt man sich mit dem extrem teuren Neubau der beiden neuen Atommeiler im britischen Hinkley Point auseinander, dann wird schnell klar, dass es eine massive Vermischung von verschiedensten Interessen gibt, die dafür sorgen, dass ein Projekt umgesetzt werden soll, das zweifellos "wirtschaftlicher Wahnsinn" ist und Verbraucher und Steuerzahler sehr teuer zu stehen kommen wird. Dass die französische Atomindustrie auf eine Wiedergeburt und die Rettung ihres Pleite-Sektors aus ist, liegt auf der Hand (Der neue Traum von der "Wiedergeburt der Atomenergie"). Die Universität Sussex kommt in einer Studie zur Feststellung, dass das militärische atomare Abschreckungsprogramm (Großbritannien baut neue Atomsprengköpfe) letztlich den Ausschlag gab, koste es was es wolle, unsinnige und teure zivile Atomprojekte zu realisieren.

Die Universität Sussex in England hatte schon im September eine 97-seitige Studie vorgelegt, die sich mit der britischen Atompolitik, auch mit dem geplanten Neubau von zwei Meilern in Hinkley Point, auseinandersetzt. Schon bevor der Vertrag zwischen der französischen EDF (zum größten Teil in Staatshand), die federführend das Projekt realisieren soll, dem chinesischen Staatsunternehmen General Nuclear Power Corporation (CGN), das zu einem Drittel beteiligt ist, und der britischen Regierung unterschrieben wurde, hatten Forscher der Universität herausgestellt, dass das Programm der atomaren Unterseeboote des Königreichs hinter dem Projekt steht, da sonst das Abenteuer nicht erklärbar ist.

"Understanding the intensity of UK policy commitments to nuclear power: the role of perceived imperatives to maintain military nuclear submarine capabilities", lautet der Titel der Studie. Die Autoren machen darin darauf aufmerksam, dass weiter an den Plänen, 16 Gigawatt Leistung aus Atomkraftwerken aufbauen zu wollen, festgehalten werde. Da es aber viele durchführbare Alternativen für eine effiziente, sichere und klimafreundliche Energieversorgung gäbe, sei es "es schwierig", dieses Vorhaben allein so zu begründen, wie es offiziell versucht wird.

Bisher war diese Sussex-Studie praktisch unbeachtet geblieben. Sie wurde gerade erst diese Woche breiter durch einen Artikel in der New York Times bekannt. Denn darin geht Peter Wynn Kirby, Atom- und Umweltexperte der renommierten Universität von Oxford, auch auf das Thema ein und weist auf die Studie hin. Schon der Titel des Artikels gibt eine Zusammenfassung: "Britische Nuklear-Vertuschung". Der Autor spricht dabei schon zu Beginn vom wohl "umstrittensten und aussichtslosesten" Plan. Dabei gehe nicht nur um ein Energieprojekt: "Es ist auch eine verdeckte Initiative, um Großbritanniens nukleare Abschreckung zu stärken."

Der erste Schritt dazu ist der Bau von zwei sogenannten "European Pressurized Reactors" (EPR) in Hinkley Point. Nach Angaben der Regierung sollen sie ab 2025 insgesamt 7% des gesamten nationalen Strombedarfs decken. Das bedeutet, dass in nicht einmal neun Jahren die beiden Meiler am Netz sein sollen, weshalb offiziell der Bau auch mit der Versorgungssicherheit begründet wird.

Glauben muss und sollte man das natürlich nicht. Der EPR-Konstrukteur Areva hat es auf den bisherigen vier EPR-Baustellen nicht beweisen können, dass diese Reaktoren jemals Strom erzeugen werden. Besonders dramatisch ist Projekt Olkiluoto, denn man hängt in Finnland schon fast zehn Jahre hinter dem Zeitplan her. Dabei wollen die Franzosen in Britannien den gesamten Bau von sogar zwei Meilern in kürzerer Zeit abschließen. Und was die geplanten - ohnehin enormen - Baukosten in Großbritannien von mehr als 22 Milliarden Euro angeht, so hat man schlicht die derzeit geschätzten Kosten für den Meiler in Olkiluoto verdoppelt.

Dabei wird es wohl nicht bleiben. Einst hatte Areva die Kosten mit 3,3 Milliarden Euro in Finnland beziffert. Die haben sich aber im Laufe der Jahre schon mehr als verdreifacht. Es ist angesichts der Zerschlagung der Areva inzwischen sogar fraglich, ob das Projekt jemals beendet wird. Denn es sagt viel aus, dass die EDF diese heiße Kartoffel nicht übernehmen wollte, als ihr mit der Pleite von Areva die Verantwortung von der französischen Atom-Regierung aufgehalst wurde (Olkiluoto 3: Ende des ambitionierten AKWs in Finnland?).

Auch der Atomexperte aus Oxford weist in der New York Times darauf hin, dass "nicht klar ist, ob die EPR-Technik funktionsfähig ist", da bisher keine funktionierende Reaktor-Version existiert. Die beiden am weitesten fortgeschrittenen Projekt in Olkiluoto und dem französischen Flammanville "haben mit wichtigen Sicherheitsproblemen zu kämpfen", spricht Wynn Kirby auch die Tatsache an, dass in Frankreich vermutlich sogar der Druckbehälter ausgetauscht werden müsste (Flamanville: "Anomalien" beim Reaktordruckbehälter).

Doch er geht noch einen Schritt weiter und verweist darauf, dass sich auch beim ersten Guss des Druckbehälters für Hinkley Point ernsthafte metallurgische Fehler an dem Teil gezeigt hätten, das den gefährlichen Reaktorkern beherbergt. Und er bezieht sich in seiner Analyse überdies auf den Atomingenieur Tony Roulstone von der Universität Cambridge. Der Atomkraft-Befürworter hält das gesamte Design der EPR-Reaktoren für "nicht konstruierbar".

AKW Hinkley Point. Bild: Richard Baker/CC BY-SA 2.0

Bei seinen Ausführungen verweist auch er auf den Rücktritt von EDF-Finanzchef Thomas Piquemal im vergangenen März. Denn der glaubt, dass eben das Projekt in Hinkley Point dem französischen Konzern das Genick brechen und es in "eine ähnliche Situation" wie den Kraftwerksbauer Areva bringen könnte. "Wer würde mit 60 bis 70% seines Vermögens auf eine Technologie wetten, von der man nicht weiß, ob sie funktioniert, obwohl man seit zehn Jahren versucht, sie zu konstruieren", erklärte Piquemal genervt und zog die Konsequenzen.

Frankreich verspricht sich mit Hinkley Point, aus der extrem teuren Pleite-Sackgasse herauszukommen, in die das Land seit Jahrzehnten mit einer verfehlten Energiepolitik steuert. Doch ganz ähnlich handelt auch die britische Regierung, die nach Ansicht des Oxforder Experten weiterhin das Projekt "um fast jeden Preis vorantreiben wolle".

Um es nicht alleine schultern zu müssen, hatte man die Chinesen mit einem Drittel ins Boot geholt. Denn China will seinen Namen als Atomkraftwerksbauer aufpolieren und Know-how über das Projekt absaugen. Vorsorglich wurde zudem festgelegt, dass China Großbritannien als Testgelände für einen weiteren Reaktor nutzen darf. Der soll in Bradwell-on-Sea, nordöstlich von London, später noch gebaut werden. Damit ist die Interessenslage von China ebenfalls in dieser Gemengelage klar. Es erhält nicht nur Zugriff auf die Stromversorgung in Großbritannien, sondern will seine Rolle als Global Player im Kraftwerksbau stärken.

Angesprochen, aber noch nicht erklärt ist, warum sich die Großbritannien den extrem teuren Spaß leistet, denn schließlich sollen die Kosten für den Wahnsinn über extreme Strompreise für die Verbraucher an die Betreiber zurückfließen, falls die EPR-Reaktoren jemals ans Netz gehen. Angesichts der derzeitigen Wechselkurse und Strompreise wurden EDF und CGN ein Phantasiepreis für 35 Jahre garantiert.

Umgerechnet etwa 110 Euro pro Megawattstunde soll der Strom aus den beiden Atommeilern kosten und zudem noch an die jährliche Inflation angepasst werden. Derzeit liegt der durchschnittliche Strompreis an der Börse aber nur bei 25 Euro pro Megawattstunde. Für die Verbraucher und Steuerzahler wird es also extrem teuer. So weist auch Wynn Kirby darauf hin, dass der Preis damit "über den Preisen der meisten erneuerbaren Energiequellen" liegt und zudem die Internationale Agentur purzelnde Preise für erneuerbare Quellen vorhersagt.

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