Hintergrundmusik

Die Musik der Sängerin Adele, der erfolgreichsten Künstlerin der vergangenen Jahre, ist in der Essenz Selbstmordmusik. Bild: Kristopher Harris/CC BY-2.0

Vom Elend ästhetischer Konsum-Traurigkeit als Seelenwäsche

Kommerzielle Hintergrundmusik füllt alle Gemeinschaftsräume aus. Sie ist die unaufhörliche Injektion unbewusster Traurigkeit, die zum Konsum als Ersatzhandlung führen soll. Man kann sich ihr nicht entziehen - und unterliegt dabei einer ständigen Seelen- und Gehirnwäsche, die nur ein Ziel verwirklicht: ästhetische Einstimmung in Konsumtraurigkeit - was wiederum nach mehr Berieselung verlangt. Wie sich dem Teufelskreis entziehen?

Ständige Radiomusik im Hintergrund füllt Supermärkte, Einkaufszentren, Kaffees, Bars, Fitnesscenter, Schwimmbäder, Geschäfte, Meetingräume, Hotelhallen, Frühstücksräume, Wellnesszentren, Amtsstuben der Verwaltung, öffentliche Schalterräume, Banken, Postaufgabestellen, Busse, Taxis, Arztwarteräume, Arztbehandlungsräume, Apotheken, ja die Vorräume von Erste-Hilfe-Einrichtungen in Spitälern und die Therapieräume Langzeitkranker. Ein ganzes System der Hintergrundberieselung hat sich etabliert - dem sich im Alltag kaum jemand entziehen kann.

Die Konsumgesellschaft hat sich im Prinzip der Hintergrundmusik einen kulturellen Überbau geschaffen, ohne dass dies von irgendjemand Bestimmtem ausgegangen wäre oder kontrolliert würde. Universale Hintergrundmusik ist die Metaphysik der Konsumgesellschaft: Sie scheint sich als technologischer Selbstläufer längst von jeder menschlichen Kontrolle emanzipiert zu haben und sich selbst fortzuschreiben.

Das Prinzip der Hintergrundmusik funktioniert weitgehend über das kommerzielle Radio. Es verlangt nach der Produktion von immer neuer Plastikmusik, der niemand zuhört, die aber jeder wahrnimmt - ja in der technologisch aufgerüsteten Gesellschaft wahrnehmen muss, wenn er überhaupt in die Öffentlichkeit geht. Denn Radio-Hintergrundmusik ist überall. Sie ist in alle Ritzen des nicht-privaten Raums eingedrungen, und sie ist dabei erstaunlich homogen. Ihre Wirkung ist eine ständige Seelen- und Gehirnwäsche im Halb- und Unterbewussten. Ihr Effekt ist in erster Linie seelische Gleichmachung, damit niemand aus dem Mainstream ausschert.

Dieses System transportiert letztlich nur eine Botschaft, die ebenso einfach wie effizient und tiefgehend ist. Hintergrund-Radiomusik wirkt als subtile Verstärkerin: als dauernde, unbewusste Stimulation zu sinnloser Traurigkeit an mir selbst. Das soll mich letztlich zum Konsum führen.

Die ständige Hintergrundberieselung hat nur eine Botschaft: Das Leben ist ebenso zärtlich wie sinnlos, ebenso weich wie weiß und leer, ebenso oberflächlich-emotional wie kitschig-unveränderlich. Alles ist nichts, gib auf, spür das Nichts an und in dir selbst als Ödnis. Dann gib dich hin, konsumiere, um etwas zu tun und die Traurigkeit loszuwerden.

Kaum ein Radiohit transportiert heute etwas anderes - schon gar nicht die Top50, die die meisten Radiosender mit wenigen Abwechslungen den ganzen Tag lang spielen, sodass man nach drei Stunden dasselbe Lied schon mindestens dreimal gehört hat. Die Künstler selbst, die diese Musik für das allgegenwärtige Musikradio schaffen, scheinen wie in einem Trance-System gefangen. Sie meinen, kreativ zu sein - und wiederholen hilflos eine seelische Konditionierung, der sie selbst unterliegen und die sie für alle anderen unaufhörlich erneuern - über Kulturen, Geschlechter und Generationen hinweg.

Das Medium ist hier endgültig zur Message geworden: Nicht was gespielt und gesungen wird, ist wesentlich, sondern dass es gespielt und gesungen wird als letztlich immer Gleiches. Niemand ist anders, alle sind gleich und ebenso traurig, hoffnungslos, gelangweilt und "neutral" wie alle anderen - und das ist eben das Leben. Auf der anderen Seite braucht in solcher Konstellation niemand etwas Eigentliches preiszugeben - weil ja ohnehin alles so ist, wie es ist. Das Wesentliche des Eigenen gibt es nicht. Es gilt zu füllen, nicht etwas auszudrücken.

Es ist das Prinzip der ständigen Wiederholung des Inhaltslosen: des sich im Kreisdrehens. Ist solcherart mit der Allpräsenz des Prinzips der Hintergrundmusik nicht das Ende der Geschichte tatsächlich in einer bestimmten Dimension unserer Gesellschaft Realität geworden?

Wie der Künstler Nick Cave einmal über das Wesen dieser Radio-Hintergrundmusik sagte: Man hat alles schon einmal gehört. Es ist wie ein Essen, das jemand schon einmal gegessen und wieder ausgekotzt hat, das dann jemand anderer aufgeleckt, wieder gegessen und wieder ausgekotzt hat. Und so weiter, und so weiter. Bis alle von der Speise gekostet haben - und darüber Brüder geworden sind: Brüder der Sinnlosigkeit, der Indifferenz, des kommerzialisierten Nichts.

Dieses Nichts schafft sich in der Konsumgesellschaft seine paradoxale kulturelle Identität. Kein anderer Ort in der Gesellschaft trieft so von beschworenen Idealen, Liebe und Trauer wie die Hintergrundplastikmusik - nur um diese durch die bloße Art dieser Beschwörung als Seitenaspekt des Konsums als ihr Gegenteil zu erweisen. Die unaufhörlichen Liebesbeschwörungen in der Hintergrundmusik meines Einkaufsvorgangs erweisen den Vorrang des Konsums vor dem Ideal.

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