Hintergrundmusik

Adele, Kesha und Konsorten

Ein Inbegriff davon ist die Musik der Sängerin Adele, der erfolgreichsten Künstlerin der vergangenen Jahre. Sie ist in der Essenz Selbstmordmusik - wie etwa im Song "Hello from the other side".

Das Besondere - und Geheimnis des Erfolgs - Adeles ist, dass ihre Musik zweifach funktioniert. Sie kombiniert lineare (inhaltliche) Logik mit ontologischer (Ereignis-)Logik. Der Inhalt des Songs ist in der unterbewusst-poetischen Wahrnehmung des Hörers das Sprechen eines Selbstmörders "von der anderen Seite", wo alles bereits verloren ist. Aber der Song wirkt nur deshalb so tief, weil er seine Botschaft tiefster Sinn- und Hilflosigkeit mit oberflächlich ästhetisierendem Konsumgeschmack nicht nur direkt, sondern auch subtiler, nämlich indirekt transportiert: Die Sängerin singt nicht nur aus der Sicht des irreversiblen Untergangs, sie macht sich die Stimme während des Singens auch tatsächlich hörbar kaputt, für immer.

Mehrfach hat das "Stimmwunder" Adele angekündigt, ihre Karriere wegen Stimmband-Problemen beenden zu wollen - weil sie völlig unnatürlich, ja selbstmörderisch singt. Das "verbraucht" ihre Stimme und wird als eine Art ästhetischer Selbstmord, getarnt als Artistik, hörbar. Beides nimmt der Zuhörer gerade über die Hintergrundmusik unterbewusst auf - und meint zuweilen, er habe in dieser zusammenwirkenden Doppelgestalt von Inhalt und Form etwa Künstlerisches empfangen, sofern er überhaupt darüber nachdenkt.

Adele ist mit der zentralen Botschaft der Hintergrund-Radiomusik nicht allein. Diese Botschaft ist immer dieselbe: Alles ist trostloses Gefühl, alles ist Kitsch, alles ist sinnlos. Alles bleibt gleich, ist irgendwie suspendiert und geht trotzdem zu Ende. In der Hintergrundmusik herrscht letztlich dominant stets eine Gefühlsmischung aus Langeweile, Tod und Ratlosigkeit.

"Say something, I am giving up on you" (A Great Big World, featuring Christina Aguilera). Und immer ist "the best still to come" (Kesha: Praying). Paradoxerweise fasst das Video zu Keshas verzweifeltem Superhit die Essenz des Hintergrundradio-Ideologie am besten zusammen. Es beginnt mit den Sätzen: "Am I dead? Or is this one of those dreams? Why? If I am alive, why? Why? If there is whatever, a god, something, somewhere... Why have I been abandoned by everyone, everything? Give me a sign, or I have to give up. I can’t do this anymore."

In der Anspielung des Videos ist es, deutlicher als anderswo, das Motiv des christlichen Erlösers, der am Kreuz verlassen ist - hier im Körper einer Frau, die sich als laszives Model räkelt. Die Botschaft gilt aber letztlich auch für die Wirkung schnellerer Rhythmen. Dort ist es mehr die Kreisbewegung, gepaart mit ständiger Wiederholung, die die Sinnlosigkeit im Unterbewussten des Hörers vollzieht.

Und das alles Tag und Nacht als zentrale unterbewusste Botschaft öffentlicher Räume: Alles ist neutral und letztlich sinnlos, es gibt keine Alternative zum Leben, das ist, und also auch keine Rettung. Nur die Tatsache, dass es diese Musik selbst gibt, erzeugt irgendwie Dauer - nicht nur im Nichts, sondern eben auch als Nichts und also kongenial.

Kommerzielle Hintergrundmusik kündet nicht nur in ihren Inhalten, sondern vielmehr durch ihre bloße Präsenz von diesem Nichts, droht ständig mit ihm, verwirklicht sich in ihm. Sie trichtert dieses Nichts als permanente Seelen- und Gehirnwäsche allen, die die Hintergrund-Radiomusikräume betreten, gnadenlos, unaufhörlich, mit maschineller Präzision ein. Die Antwort kann und soll nur Konsum sein, zum Beispiel der Konsum der Plastiklieder - und die Welt funktioniert, eben weil sie schon sinnlos ist.

Doch warum entzieht sich niemand? Warum ertragen alle die Hintergrundmusikräume, ohne zu murren? Warum geben sich alle in diesen Räumen einfach seelisch auf? Oder haben sich Immunitäten entwickelt?

Niemand entzieht sich, weil man die Botschaft unterschiedlicher Lieder und Akteure der Musik-Industrie (die nicht zufällig so heißt) unterbewusst als ein und dieselbe Botschaft versteht - und zwar ganz zu Recht. Hintergrund-Radiomusik behauptet, dass es letztlich nur eine Botschaft gibt: die ewige Wiederkehr des Gleichen ohne Sinn. Und ein Schelm sei, wer Böses dabei denkt. Niemand lenkt hier im Hintergrund die "Gehirnwäsche": keine Verschwörung oder bestimmte Interessen. Sondern die Konsumgesellschaft hat sich ihren Gehirnwäschemodus gewissermaßen selbst geschaffen, und dieser Modus erschafft umgekehrt die gleiche Konsumgesellschaft andauernd neu. Die ewige Wiederkehr des Gleichen ist zur in tausend Liedern und Rhythmen variierten Selbstaffirmation der Konsumtraurigkeit geworden.

Dabei tut die Plastik-Hintergrundmusik viel mehr mit dem Menschlichen, als sie zugibt - vor allem bei jenen, die sie im Alltag schon gar nicht mehr bemerken. Gerade diejenigen, die - vielleicht berufsbedingt - in solchen Räumen leben müssen und sagen: "Ich höre das gar nicht mehr", hören es in Wirklichkeit am allermeisten.

Die Hintergrund-Radiomusik tut mit der natürlichen inneren Sinnzuneigung und persönlichen Entwicklungshoffnung des Einzelnen, vielleicht durch Inkubationskreisläufe hindurch, viel mehr als angenommen: Sie geht viel tiefer, als er weiß, und erzeugt einen inneren Ohrwurm materialistischer Sinnlosigkeit. Dass die meisten Radiostationen wie erwähnt tagein, tagaus nur mehr die Top50 spielen, sodass man in drei Stunden Aufenthalt dasselbe Leid dreimal gehört hat, ist das Prinzip der Seelen- und Gehirnwäsche selbst.

Doch wie in Trance erdulden es alle und besiedeln widerstandslos die Hintergrundmusikräume. Niemand hält sich die Ohren zu. Aber auch kaum jemand beißt beim fünften Mal "Hello from the other side" in einer Stunde und dem vierten Mal "Prayer" auch nur die Zähne zusammen. Alle schlafwandeln wie Schafe auf der Seelenschlachtbank und wehren sich nicht.

Die Geschichte der Hintergrundmusik ist eine Art Leidensgeschichte im öffentlichen Raum, die sich mit Passion verwechselt: kurzfristige rhythmische Anstachelungen enden immer wieder in altbekannter tiefer Hoffnungslosigkeit und Hingabe an das Bestehende, und das muss in der Logik der ästhetisierend induzierten Konsum-Traurigkeit auch so sein.

Das Ideal ist der Ohrwurm, mit dem man in der Nacht aufwacht - und mit dem sich die Menschen hier selbst ein Knebelungsinstrument geschaffen haben, das sie gar nicht mehr bemerken. Das sich selbst als Ästhetik gibt, obwohl es im Kern nur Aufforderung zum Konsum und ansonsten widerstandslosen Hinnahme des Bestehenden ist.

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