Hintergrundmusik

Das Medium ist die Message ist die Massage

Abschließend: Was bedeutet das?

Hintergrundmusik ist die Kulturplage ständiger unterbewusster Seelen- und Gedankenwäsche. Zwar mag Musik ihrer Natur nach bis zu einem gewissen Grad immer melancholisch sein, auch wenn sie Geist hat, weil sie mehr als andere Kunstformen in ihrer Konzentration auf die Zeitgestalt Endlichkeit nicht nur reflektiert, sondern vor allem ist.

Doch bei aller Liebe zu Bewegung, gepaart mit Bewegtheit, in der Risikogesellschaft: Der Zustand heutiger Populärmusik ist katastrophal. Dies umso mehr, als der Großteil direkt für das (Hintergrund-)Radio geschrieben wird. Die Hintergrundmethode biegt die tiefe Metaphysik, die der Zeitkunstform Musik als Seinsereignis in der Trinität von Innigkeit, Zärtlichkeit und Demut innewohnt, ins dumpfe Nichts um. Die dauernde Wiederholung der Top50 wird so für manche tatsächlich zur Überwindung von Endlichkeit mittels einer Art "Wiedererkennens" der "ewigen Wiederkehr des Gleichen".

Diese Wiederkehr des Gleichen realisiert sich mittels der Einheit von Medium, Message und Massage. Ästhetik ist hier, wie in manch anderem Bereich der Gegenwart, vollständig zum Mechanismus einer Tautologie geworden - einer Tautologie, die Faktizität blind und widerspruchslos affirmiert, und eben darin einen leeren oder "weißen" Raum des Selbst erschafft.

Dabei ist der Sieg des Englischen in der Hintergrundmusik ebenso hilfreich wie dasjenige, was manche als Suspendierung oder gar "Überwindung" des traditionellen Erotischen in einen neutralen Raum deuten - mittels hoher Männerstimmen zwischen Falsetto und Weiblichkeit, die heute bei fast allen Gruppen und Sängern nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel und nicht mehr ein Seitenaspekt, sondern der Hauptteil des Liedes ist. Dabei geht es oft eher um näselnd-jaulende Laute als darum, Worte zu "singen". Man braucht nicht zu verstehen, was da gesungen wird. Es geht um Emotion statt Gefühl.

Die Perspektive? Räume ohne Hintergrundmusik zu schaffen wird zur Kunstform

Hintergrundmusik stellt das Gefühl der Zeit aber nicht nur her. Sie ist auch dessen Ausdruck. Weißer Raum ist in der Tat, was viele fühlen. Darin liegt nicht nur ein Verlust. Sondern darin liegt auch das Ringen um eine Verwandlung aus der Leere heraus, das viele heute durchlaufen, und mit dem auch die Kultur langsam beginnt, wenn auch noch oft unterschwellig. Das Bewusstsein der postmodernen Kultur kommt dem Nichts immer näher - und die Universalität der Hintergrundmusik ist ein Ausdruck davon. Aber eben darin umkreist es ein Etwas, das es noch nicht kennt. Die säkulare Kultur umspielt ein kulturelles und individuelles Nichts oder eine "produktive Leere", in der keine Ideologien und keine festgelegten Gedanken übrig bleiben. Kann daraus etwas entstehen, was mit diesem Nichts umgehen kann?

Wohl nur dann, wenn Ausweichräume und Alternativen geschaffen werden. Man muss sich dazu nicht unbedingt die Frage stellen, ob die heutige Plastik-Hintergrundmusik einer Adele und Konsorten in Charakter und Wirkung eine politisch liberale oder illiberale ist - aber man kann es. Befreit oder fesselt diese Musik, bis in die nächtlichen Träume hinein? In welcher Absicht? Was ist in der Essenz ihr gesellschaftspolitischer Charakter? Auch, und gerade wenn ihre Urheber das gar nicht bemerken?

Es mag provokant wirken, aber für mich ist allpräsente Hintergrundmusik klar illiberale, ja autoritäre Musik. Sie lähmt schöpferische Kräfte herab und lässt Phantasie und Individualität keinen Raum. Stattdessen gleicht sie an und stimmt auf das scheinbar Unvermeidlich ein. Sie ist Selbstknebelung der freiheitlichen, offenen Gesellschaft an ihren Schatten, ihr Nichts: die Indifferenz. Wie ihr entgegenwirken, da sie doch längst auch noch die kleinsten Ritzen von Gesellschaft und Alltag in Beschlag genommen hat? Da ist guter Rat teuer.

Eine Lösung? Öffentliche Räume ohne Hintergrundmusik schaffen. Und das zum zeitgenössischen Kunstraum erklären. "Aufbauende" Kulturpolitik heute heisst, Räume ohne die dauernde Unterbewusst-Apoetisch-Nach-Unten-Spirale der Hintergrundmusik zu schaffen - für Erwachsene auf der einen Seite und für Jugendliche auf der anderen. Wie viele Kinder wachsen heute in den Hintergrundmusik-Räumen auf - und nehmen die Konsumtraurigkeit-Botschaft für ihr ganzes Leben mit, ohne es zu wissen? Wie das Rauchverbot sollten per Gesetz auch Räume mit akustischem Umweltverschmutzungsverbot errichtet werden - zumindest als experimentelle Schutzräume gemeinschaftlicher Gesundheit außerhalb der Konsumtempel.

Ein Modell? Das Wiener Kaffeehaus. Seine Auszeichnung ist, dass die Stimmen der Besucher und das Klappern der Geräusche den Raum erfüllen - ohne Hintergrundmusik. Man spürt den Raum und die Zeit, und letztlich sich selbst, anders ohne Hintergrundmusik. Das hat in der heutigen tiefenverschmutzten Umwelt fast schon eine heilsame Wirkung an sich.

Roland Benedikter, Dr. Dr. Dr., ist Zeitanalytiker an der Eurac Bozen, am Willy Brandt Zentrum der Universität Breslau und am Institute for Ethics and Emerging Technologies Hartford, Connecticut. Er ist Co-Leiter des Center for Advanced Studies der Eurac Bozen. Kontakt: rolandbenedikter@yahoo.de.

(Roland Benedikter)

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