Hisbollah droht Rache an

Die Armeen Israels, Syriens und des Libanons sind für einen neuen Krieg gerüstet

Am Montag beging Hisbollah das Ende der 40-tägigen Trauerzeit für Imad Mugniyeh, den im Februar getöteten Superterroristen. Generalsekretär Hassan Nasrallah schwor erneut Rache und die Region ist drauf vorbereitet. Die Armeen Israels, Syriens und des Libanons sind in erhöhter Alarmbereitschaft. Alle sind für einen neuen Krieg gerüstet.

In Israel ist man seit Jahrzehnten daran gewöhnt, dass Frieden und Krieg nahe beieinander liegen. Am Wochenende fand das Purim-Fest statt, zu dem Spaß und Ausgelassenheit gehören, gerade für Kinder, die sich verkleiden und Masken tragen.

Gleichzeitig befanden sich israelische Polizei und Armee in erhöhter Alarmbereitschaft. Polizeibeamte bekamen Urlaubssperre, für die Feiertage wurde Alarmstufe 3 ausgegeben, eine Stufe unter dem höchsten Level. Zusätzliche Truppen wurden an der Nordgrenze zu Libanon stationiert und Verteidigungsminister Ehud Barak ordnete eine totale Absperrung der besetzten palästinensischen Gebiete der Westbank und des Gazastreifens an. Außer Palästinensern, die in israelischen Krankenhäusern behandelt werden mussten, durfte niemand nach Israel einreisen. Die Sperre wurde bis Montag früh aufrechterhalten.

Das Purim-Fest fiel mit dem Ende der muslimischen 40-tägigen Trauerzeit für Imad Mugniyeh zusammen, der am 12. Februar in der syrischen Hauptstadt Damaskus durch eine Autobombe ermordet wurde. In Israel hatte man die Befürchtung, Hisbollah könnte, wie andere islamistische Gruppierungen zuvor, das Ende der Trauerzeit, als Zeitpunkt für Vergeltungsanschläge nutzen.

Bei seiner Ansprache am Montag auf der Massenkundgebung in Beirut beschuldigte Hassan Nasrallah erneut den israelischen Geheimdienst des Mordes an Imad Mugniyeh, was sein Vize-Generalsekretär Niam Qassem, einige Tage vorher bei den Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten bereits bekräftigt hatte: Man habe 100-prozentige Beweise, dass Israel hinter dem Anschlag stecke. Hassan Nasrallah versprach den jubelnden Teilnehmern der Kundgebung Rache an Israel, das ein gewalttätiges Regime sei, das es bald nicht mehr geben würde. „Wir bestimmen die Zeit, den Ort sowie Art und Weise der Bestrafung“, sagte der Generalsekretär der Hisbollah, der sich wie immer sehr selbstbewusst gab. „Israel wird es nicht wagen, eine große Bodenoffensive zu starten.“ Die Israelis wüssten aus Erfahrung, Krieg sei kein Picknick und schon gar nicht mit Hisbollah.

Vor 40 Tagen, auf der Beerdigung Mugniyehs in Beirut, hatte Nasrallah den „offenen Krieg“ gegen Israel erklärt. Eine Ankündigung, die einen Bruch mit ideologischen Grundprinzipien der Organisation bedeutet. Generell sollte militanter Widerstand nur auf eigenem, nationalem Territorium zur Verteidigung geleistet werden. Offensive Kampfhandlungen in anderen Ländern sind nicht erlaubt. Die Ermordung von Imad Mugniyeh benutzte Hisbollah, um von dieser Doktrin abzuweichen. Mit der Argumentation, Israel habe mit dem Attentat in Syrien die Regeln des Konflikts verletzt und ihn „internationalisiert“, räumte sich Hisbollah nun die selben Rechte ein. Ihr militanter Widerstand sei somit nicht mehr auf libanesisches Territorium und im Angriffsfall auf das Land des Aggressors beschränkt, sondern kann an jedem Ort der Erde gegen ihn geführt werden.

In der israelischen Tageszeitung Haaretz nannte man dies eine „Wiederherstellung der Balance des Terrors vis-a-vis Israel“. Hisbollah fühlt sich nun legitimiert, alle israelischen Ziele im In- und Ausland angreifen, kann aber auch ganz offen ihre unterdrückten Brüder und Schwestern in Palästina im Kampf gegen Israel unterstützen.

Das Timing der Ermordung Imad Mugniyehs, von dem man nicht weiß, welche und ob er überhaupt eine Funktion bei Hisbollah in den letzten Jahren innehatte, war von den Tätern perfekt gewählt. Sie kam rechtzeitig zum Gedenktag des Bombenanschlags auf Rafik Hariri am 14. Februar, und die Beerdigung des Superterroristen stahl den Feierlichkeiten der Regierungskoalition die Show. Zudem fiel das Ende der muslimischen Trauerzeit mit dem israelischen Purim-Fest zusammen und brachte Israel umfassend in Alarmbereitschaft, aus Angst vor möglichen simultanen Anschlägen in und außerhalb des Landes.

Ein Zufall zuviel, könnte man sagen. Ganz unabhängig davon, ob Hisbollah tatsächlich in den kommenden Tagen oder Wochen zuschlägt oder nicht, in jedem Fall wurde der Krieg des Schreckens mit Israel in dieser Phase gewonnen. Darauf spielte Hassan Nasrallah bei seiner Rede am vergangenen Montag an. „Natürlich ist es normal, dass die Menschen im Libanon vor einem neuen Krieg Angst haben, aber die Israelis haben das auch."

Schon vor Wochen ließ die israelische Regierung Syrien über Dritte warnen, dass man im Falle eines Hisbollah-Angriffs, Damaskus verantwortlich halten würde. Mögliche israelische Vergeltungsaktionen für ein Hisbollah-Attentat werden auch Syrien treffen, das erst letztes Jahr im September von Israel bombardiert worden war (Rätselraten um israelischen Luftschlag in Syrien). Als Vorsichtsmassnahme beorderte Syrien drei Divisionen ins Grenzgebiet zu Libanon. Dazu soll es Kämpfer der pro-syrischen Populären Front zur Befreiung Palästinas/ Generalkommando in der Gegend geben.

Man sei für einen Krieg gerüstet, erklärte der syrischen Außenminister Walid Moallem. „Alles ist möglich, jeder vernünftige Mensch sollte für alle Eventualitäten vorbereitet sein. Bei der verrückten Politik der USA, die ganz bestimmt nicht Stabilität und Sicherheit in der Region bringen wird.“ Syrien hat sich militärisch bereits letztes Jahr auf eine Konfrontation vorbereitet. Im März 2007 wurden zahlreiche Raketenstellungen an Israels Grenze installiert. Die meisten davon stammen aus Russland, das seinen Verbündeten aus alten sozialistischen Sowjet-Tagen nach wie vor mit Waffen beliefert.

Am allerwenigsten würde man sich im Libanon über einen neuerlichen Krieg wundern. Nach den Erfahrungen vom letzten israelischen Angriff im Sommer 2006 sieht man heute die Chancen für Krieg oder Frieden bei 50:50. Im Südlibanon, der von den Bombardements und Bodenkämpfen am meisten in Mitleidenschaft gezogen wurde, sollen sich die Bewohner erneut auf Flucht eingestellt haben. Viele von ihnen sollen bereits ihre Pässe erneuert haben lassen, um jederzeit und für einen längeren Zeitraum abreisefertig zu sein. Im Zedernstaat weiß man, Hisbollah ist nicht nur Israel, sondern auch den USA ein Dorn im Auge und der Konflikt wird erst mit der kompletten Neutralisierung der schiitischen Miliz beendet.

Bei seinem Besuch in Israel am Mittwoch letzter Woche bestätigte der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain, auch er sehe die Notwendigkeit, neben der Hamas auch Hisbollah zu eliminieren. „Beide wollen all das ausrotten, woran Israel, die USA und der Westen glauben und eintreten“, meinte der US-Senator. Damit sprach er aus, was offizielle Position der Regierung im Weißen Haus ist und auch bleiben wird – auch dann, wenn ein Barak Obama oder eine Hillary Clinton von der demokratischen Partei Präsident werden sollte. Beide haben wiederholt ihre uneingeschränkte Unterstützung Israels als Bündnispartner bekräftigt.

Für die Libanesen weckte die Stationierung des Kriegsschiffs USS Cole vor der Mittelmeerküste alte Erinnerungen. Während des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) wollten US-amerikanische Soldaten als Teil einer internationalen Friedenstruppe das Kriegsgeschehen beenden. Nach mehreren blutigen Bombenattentaten mussten sie jedoch erfolglos wieder abziehen. Mit der USS Cole vor der libanesischen Küste will die US-Regierung heute ihre Sympathie für die Regierungskoalition von Premierminister Fuad Siniora demonstrieren. Für die christlich-schiitische Opposition bedeutet das Kriegsschiff eine Bedrohung der Souveränität und Unabhängigkeit ihres Landes.

Das Dreiländerdreieck Israel, Libanon und Syrien gleicht einem Pulverfass, das die angekündigte Vergeltungsaktion von Hisbollah leicht zur Zündung bringen könnte. Die Frage ist nur, welche Ziele die schiitische Organisation angreifen wird. Man kann sich kaum vorstellen, dass Hisbollah einen neuen Krieg provozieren will. Blutige Bombenattentate unter Zivilisten in Israel kämen einem Desaster gleich. Israelische Kampfflugzeuge wären wenig später in der Luft, um Ziele im Libanon und in Syrien verheerend zu bombardieren. Zudem wäre damit auch das positive Image von Hisbollah in vielen muslimischen Ländern ramponiert. Anschläge gegen Zivilisten sind dort nicht gerne gesehen.

Hisbollah muss ihre Racheaktion, bei deren Vorbereitung, laut israelischen Geheimdienstinformationen, der Iran und Syrien behilflich sein sollen, gezielt und wohl temperiert ausführen. Hassan Nasrallah hatte einen schweren Schlag für Israel angekündigt, aber letztendlich bleiben ihm dafür nur wenige Optionen, will er den Libanon nicht wieder ins kriegerische Unglück stürzen. Denkbar wäre eine neuerliche Entführung von israelischen Soldaten oder von Diplomaten und Regierungsbeamten. Ein Raketenbeschuss des Hauptquartiers des israelischen Geheimdienstes Mossad wäre etwas, das Hisbollah auch Sympathie in breiten Bevölkerungsschichten arabischer Staaten einbringen würde. Ebenso ein prestigeträchtiges Ziel könnte die militärische Forschungsanlage von Dimona in der Negevwüste sein. Ob so etwas tatsächlich machbar ist, bleibt eine andere Frage.

Über das Wer, Wo und Wann hat man sich bei Hisbollah lange ausführlich bis in alle Details den Kopf zerbrochen und eine Entscheidung getroffen. Die militärische Aufrüstung nach dem Krieg 2006 ist abgeschlossen. Neue Befestigungsanlagen wurden nördlich des Litani-Flusses in den Bergen des Südlibanons unterirdisch gebaut. Dazu soll es über 30.000 Raketen geben, wobei nicht genau bekannt ist, über welche Typen mit welcher Reichweite sie verfügen. Als sicher gilt jedoch, dass sie die Stadt Tel Aviv erreichen können. Ein Grund, dass es sich auch Israel gut überlegen wird, wie sie auf die Vergeltungsaktion Hisbollahs angemessen reagiert, ohne die Einwohner einer Millionenstadt zu gefährden.

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