Hisbollah und Hamas: Freunde! Helfer?

Mit martialischen Worten hat Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah auf die israelische Operation im Gazastreifen reagiert. Aber will und kann die Organisation der Hamas zur Hilfe kommen?

Die Konfrontation zwischen Israels und der Hamas im Gazastreifen geht weiter: Nach wie vor fliegt die Luftwaffe Angriffe auf Ziele in dem von der radikalislamischen Organisation regierten Landstrich, während diese weiterhin Raketen in Richtung Israel abfeuert, die mittlerweile auch Beer Schewa, die viertgrößte Stadt Israels erreichen. Zwar sagen manche israelische Analysten mittlerweile ein baldiges Kriegsende voraus, aber wirkliche Anzeichen dafür gibt es noch nicht.

Kein ausländischer Staat ist zur Zeit in der Lage, zwischen beiden Seiten zu verhandeln. Israel lehnt weiterhin einen Waffenstillstand ab, auch wenn viele Analysten von Medien und Militär dazu raten: Man solle besser aufhören, so lange alles gut geht; mittelfristig könne einfach zu viel schief gehen. Zum Beispiel, dass die Hisbollah tatsächlich der Hamas zu Hilfe kommt und ihre Kämpfer Raketen in Richtung Nord-Israel abfeuern lässt. Bereits am Freitag vergangener Woche entschärften Soldaten der libanesischen Armee fünf abschussbereite Katjuscha-Raketen; in den vergangenen Tagen meldete sich mehrmals Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah mit martialischen Kommentaren zu Gaza zu Wort: Der Norden Israels werde "brennen, wie Gaza brennt", sollte Israel in den Gazastreifen einmarschieren.

Ob die Hisbollah dies allerdings Wirklichkeit werden lassen will und kann, ist zur Stunde unklar. Zum Einen könnte sie dadurch im Libanon, wo es in den vergangenen Tagen immer wieder Massenproteste gab, weiter an Einfluss gewinnen, zum Anderen müsste sie aber selber mit herben Verlusten rechnen, weil davon auszugehen ist, dass Israels Armee nun besser vorbereitet ist, als vor dem Ausbruch des Libanon-Krieges im Sommer 2006. Falls sie aber tatsächlich mobil machen sollte, werden weder Libanons Armee noch die Blauhelme von UNIFIL (Mit heißer Nadel gestrickte UN-Mission), den Friedensschützern der Vereinten Nationen, das kaum verhindern können, auch wenn dort für Silvester und Neujahr Urlaubssperren verhängt wurden.

Man gibt sich bewusst gelassen. "Wir sind zu mehr als 100 Prozent vorbereitet", sagt ein Soldat der israelischen Heimatfront, während er gemeinsam mit seinen Kameraden einen Luftschutzbunker in der nordisraelischen Stadt Kirjat Schmonah von Müll befreit, so wie es in diesen Tagen aller Orten im Norden des jüdischen Stadt geschieht, während außerhalb das Leben normal weiter geht.

In Kirjat Schmonah gehen die Menschen ihrer Arbeit nach, wenn sie welche haben, denn die Arbeitslosigkeit in dieser trostlosen Peripherie-Ortschaft ist, und bleiben zu Hause, wenn sie keine haben, denn es regnet in Strömen, seit Tagen schon. In Tiberias, einer ebenso trost- und hoffnungslosen Stadt mit kleinem Lustkern, in dem sich wie immer in- und ausländische Touristen bei zu teurem Essen, zu teurem Alkohol in zu teuren Hotels von der Tatsache ablenken, dass es so gut wie unmöglich ist, an den See Genezareth zu gelangen, weil dessen Ufer nahezu vollständig zugebaut ist, wollen die Menschen von Krieg nichts wissen. "Hier passiert doch nie was", sagt Avi, der an einer Hauptstraße einen von insgesamt 17 neben einander liegenden Falafel-Ständen mit absolut identischem Angebot betreibt: "In Tiberias hat man Spaß; hier spricht man nicht über Krieg."

Auch in der Großstadt Haifa und in den arabischen Städten im Dreiländer-Eck Jordanien, Israel, Palästinensische Autonomiegebiete geht das Leben weiter, während Soldaten und freiwillige Helfer damit beschäftigt sind, alles kriegsfest zu machen, so gut es geht. Weiter nördlich, direkt an der Grenze, wurden derweil Truppen zusammen gezogen - "nur für den Fall, dass...", sagt ein Sprecher des Militärs beschwichtigend, man wolle eben nicht die gleichen Fehler zwei Mal machen. Deutlichere Worte findet ein Bürgermeister in der Region: "Mir ist versprochen worden, dass die Armee, falls Raketen abgeschossen werden, jedes Dorf dem Erdboden gleich macht, von dem aus sie abgeschossen wurden", sagt der Mann, der darum bittet, seinen Namen nicht nennen will, und auch nicht sagen will, wer ihm das versprochen hat - aber Äußerungen wie diese waren durchaus in der Vergangenheit von israelischen Militärs zu hören gewesen (Hummus, Hisbollah und Israel).

Vermutlich ist es eine Drohgebärde, denn auf beiden Seiten der Grenze wird in diesen Tagen viel gedroht: Israels Norden werde "brennen, wie Gaza brennt", hatte Hassan Nasrallah, Chef der Hisbollah, am Sonntag in einer an Israel gerichteten Rede regelrecht gewettert, denn der Mann stimmt gerne laute Töne an, wenn er sich aus seinem Versteck per Videobotschaft (er zeigt sich aus Angst vor Attentatsversuchen nie persönlich in der Öffentlichkeit) zurück meldet. Und Israels Verteidigungsminister Ehud Barak warnte am Montag, man werde keinen einzigen Raketenangriff auf den Norden des Landes unbeantwortet lassen. Währenddessen dringen israelische Kampfflugzeuge immer wieder in den libanesischen Luftraum ein, um über Städten und Dörfern, die als Hochburgen der Hisbollah gesehen werden, Luftangriffe vorzutäuschen und dort für Besorgnis und manchmal auch für Panik zu sorgen.

Auch im Süden des Libanon ist man deshalb dabei, sich auf einen eventuellen Krieg vorzubereiten: Kontakte in der Region berichten, die Menschen seien dabei, Vorräte einzukaufen und das Wichtigste ihrer Habe zusammen zu packen, um im Ernstfall schnell die Flucht ergreifen zu können. Zunehmend seien auch wieder junge Männer in Kampfuniformen auf den Straßen zu sehen. "Die Hisbollah ist gerade dabei, hier wieder ihre Oberhand zu zeigen, während sie seit dem Ende des Libanon-Krieges eher ein niedriges Profil gezeigt hat", sagt einer der Kontakte, der zu seinem eigenen Schutz nicht namentlich genannt werden kann: Jeder, der hier auch nur eine Email in Richtung Israel absendet, kann leicht als Verräter abgestempelt werden, auch wenn er oder sie Journalist ist.

Die Menschen haben zunehmend Angst davor, dass es tatsächlich zu neuen israelischen Luftangriffen kommt: "Auch wenn viele hier hinter der Hisbollah stehen, und zudem gegen die Situation im Gazastreifen demonstrieren, sind die Erinnerungen an den Libanonkrieg noch sehr frisch." Die Gefühle seien sehr ambivalent: Vor allem die palästinensischen Flüchtlinge und deren Nachkommen, die im Libanon leben, erwarteten, dass die Hisbollah den Menschen im Gazastreifen zu Hilfe komme, denn wie fast überall in der arabischen Welt werden die israelischen Luftschläge auch hier als Krieg gegen alle Palästinenser gesehen.

Auf der anderen Seite seien die Menschen aber alles andere als begeistert von der Aussicht auf einen weiteren Krieg. Zunächst scheint sich die Hisbollah ebenfalls auf Drohgebärden zu beschränken: Mitarbeiter der libanesischen Polizei halten es für gut möglich, dass die Armee die fünf abschussbereiten Raketen am Freitag hatte finden sollen. Im Moment habe die Hisbollah noch kein Interesse daran, die Lage an der Grenze zu eskalieren, sondern wolle erst einmal zeigen, dass sie dazu bereit ist, etwas zu unternehmen. Und dass sie es kann, wenn sie will.

Denn daran haben viele Zweifel: Die UNIFIL, die nach dem Libanonkrieg personell und ausrüstungstechnisch aufgestockt wurde, werde die Raketenschützen der Hisbollah schon gemeinsam mit der libanesischen Armee aufhalten, heißt es in Medien in Israel und im Ausland, und auch von einigen innerhalb der israelischen Regierung. Militär und israelische Geheimdienste sehen die Fähigkeiten von Blauhelmen und libanesischen Soldaten weniger optimistisch: "Wie sollen ein paar Tausend ausländische Soldaten gemeinsam mit libanesischen Soldaten, die möglicherweise auf der Seite der Hisbollah stehen, Zehntausende von Leuten mit Waffen und Raketen aufhalten?", fragt ein Mitarbeiter des israelischen Verteidigungsministeriums.

Man betrachte man die Lage mit großer Besorgnis sagt ein Sprecher der UNIFIL und betont, man sei vorbereitet, falls es zur Eskalation kommen sollte. Das israelische Eindringen in den libanesischen Luftraum bezeichnet er als "Provokationen, die der Hisbollah als Legitimation für Raketenabschüsse dienen könnten". Allerdings kann der Sprecher nicht genau sagen, was die ausländischen Soldaten im Ernstfall tun würden: Was wäre, wenn UNIFIL-Blauhelme Hisbollah-Kämpfer auf dem Weg zum Abschuss von Raketen antreffen? "Wir hoffen, dass unsere Leute sie dann zum freiwilligen Aufgeben werden bewegen können"

In der Vergangenheit hatten sich Leute der Hisbollah allerdings recht unbeeinträchtigt im Süden des Libanon bewegen können; Kontaktleute gehen davon aus, dass die Hisbollah auch ungehindert Waffenlieferungen erhalten hat, obwohl dies in der UNO-Resolution 1701 (Skepsis über die Umsetzbarkeit) untersagt wird (genauso wie das Eindringen Israel in den Luftraum des Libanon). Ob die UNIFIL-Soldaten auch schießen würden, um potentielle Raketenschützen aufzuhalten? "Dies ist im Moment nur für den Fall vorgesehen, dass sie bedroht werden."

Dennoch bereitet man sich auch hier für den Ernstfall vor: UNIFIL-Mitarbeiter haben genauso wie die Soldaten der libanesischen Armee Urlaubssperren erhalten; die Libanesen haben zudem ihre Patrouillen entlang der Grenze zu Israel verstärkt. Ihre Hauptaufgabe: Sie sollen versuchen, zu verhindern, dass die Hisbollah Raketen in Richtung Israel abfeuert. Nur ob sie das können wird, daran bestehen auch in der Regierung des Libanon Zweifel: "Es ist eine komplizierte Situation", sagt ein Mitarbeiter von Premierminister Fuad Siniora. "Wir haben eine schwere Regierungskrise hinter uns, die uns fast an den Rande des Bürgerkrieges gebracht hätte, und stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, den Frieden bewahren zu müssen. Wir befürchten durchaus, dass unser Status Quo gefährdet sein könnte, wenn die Armee gegen die Hisbollah vorgeht, um Raketenangriffe gegen Israel zu verhindern, zumal es sehr schwer fällt, Teilen der Bevölkerung zu erklären, warum sie das tut, wenn Israel ständig gegen die Resolution der Vereinten Nationen verstößt. Das Letzte, was wir hier im Libanon gebrauchen können, sind gewaltsame Auseinandersetzungen des Militärs mit der Hisbollah."

Doch die scheint im Moment ohnehin unentschlossen, ob sie wirklich von den martialischen Reden ablassen und der Hamas tatkräftig zur Seite springen wird, sagen Kenner der Organisation. Auf der einen Seite glaube sie, dadurch im Libanon weiter an Einfluss gewinnen zu können, müsste aber mit großen Verlusten rechnen, weil Israels Militär besser vorbereitet ist, als vor zweieinhalb Jahren. Zudem, so die Befürchtung, könnte ein Krieg im Süden des Libanon und im Norden Israels die internationale Aufmerksamkeit von der Situation im Gazastreifen ablenken, wie es bereits vor zweieinhalb Jahren geschah (Der vergessene Krieg). Die Hisbollah sei im Moment noch am Abwägen, was für sie am Besten ist, und sie spreche dabei mit der Führung der Hamas in Damaskus.

Es könnte also passieren, dass sich die Menschen im Norden Israels und im Süden des Libanon umsonst auf einen weiteren Krieg vorbereiten.

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