Hitler: "In die russischen Städte gehen wir nicht hinein, sie müssen vollständig ersterben"

Leningrader verlassen ihre Häuser, die vom NS-Bombardement zerstört wurden. Bild: RIA Novosti Archiv/Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0

Erinnerung an ein deutsches Kriegsverbrechen zum 75. Jahrestag der Befreiung Leningrads

Am 27. Januar 1944 endete die Blockade Leningrads. Ganze 872 Tage hatten die Einwohner gehungert. Rund eine Million Zivilisten starben hierbei. Heute vor genau 75 Jahren endete "die größte, die Zivilbevölkerung betreffende Katastrophe der bekannten Geschichte" (Timo Vilhavainen). Leider ist es fraglich, ob an diesem Tag in Deutschland das Gedenken dem deutschen Verbrechen gerecht wird.

Erinnerungsschwäche

Bis in die Tiefen 1980er Jahre hinein wurde in der Bundesrepublik Deutschland so gut wie kaum der Blockade Leningrads gedacht. Sie war "zu einer normalen Belagerung marginalisiert" (Wigbert Benz). Stattdessen wurde Stalingrad zum zentralen Erinnerungsort des deutsch-sowjetischen Krieges. Das Gedenken an das Schicksal der Sechsten Armee bestimmte die Art und Weise, wie die Deutschen den Krieg gegen die Sowjetunion gedachten, "den größten Gewaltexzess in der modernen Menschheitsgeschichte" (Wolfram Wette), der auf Seiten der Sowjetunion 27 Millionen Menschenleben forderte.

Erst nach der Wiedervereinigung und dem Kontakt mit der Erinnerungskultur der DDR, wo die Blockade Leningrads einen festen Platz hatte (wenn auch als Heldengeschichte), rückte das Gedenken an das Kriegsverbrechen mehr und mehr ins Zentrum.

Erste Zeichen

Im Jahr 2001 legte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder gemeinsam mit dem russischen Präsident Vladimir Putin, dessen ältester Bruder in der Blockade verstorben war, auf dem zentralen Gedenkort der Blockadeopfer in Leningrad einen Kranz nieder. So wurde 60 Jahre nach Beginn der Blockade symbolisch das Leiden der Leningrader Bevölkerung während der deutschen Belagerung anerkannt.

Am 27. Januar 2014 war der Schriftsteller und Überlebende der Blockade Daniil Granin in den Deutschen Bundestag eingeladen, um dort eine vielbeachtete Rede zu halten. Am selben Tag versprach dann der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck dem russischen Präsidenten: "Deutschland ist sich seiner geschichtlichen Verantwortung für das Leid, das den Einwohnern Leningrads angetan wurde, und für die brutale Kriegsführung seiner Soldaten, Einsatzgruppen und SS-Formationen bewusst."

Genozid

Wird es heute ein entsprechendes Wort der deutschen Regierung geben? Während die Politik bis heute vermeidet, die Blockade als Kriegsverbrechen zu bezeichnen, ist dies unter Historikern unumstritten. So schreiben der US-amerikanische Historiker Richard Bidlack und sein russischer Kollege Nikita Lomagin: "Nach dem Holocaust war die Blockade Leningrads der größte Akt eines Genozids in Europa während des Zweiten Weltkrieges." Auch die deutschen Historiker Jörg Ganzenmüller und Christian Hartmann sprechen explizit von einem "Genozid". Karl Schlögel betont, heute sei "unbestritten, dass die über Leningrad verhängte Blockade zu den großen Kriegsverbrechen zu zählen ist". Wird aber heute ein Gedenken, das dem Ausmaß des Kriegsverbrechens gerecht wird, stattfinden?

Eine Stadt soll ausradiert werden

Entgegen dem jahrzehntelang gepflegten Mythos, es handele sich bei der Blockade Leningrads um eine gewöhnliche Belagerung, wie sie seit Jahrtausenden in der Kriegsgeschichte vorkommt, war das Schicksal Leningrads schon kurz nach Kriegsbeginn beschlossene Sache. So schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Vom Bolschewismus darf nichts mehr übrig bleiben. Der Führer hat die Absicht, Städte wie Moskau und Petersburg ausradieren zu lassen. Es ist das auch notwendig. Denn wenn wir schon Russland in seine einzelnen Bestandteile aufteilen wollen, dann darf dieses Riesenreich kein geistiges, politisches oder wirtschaftliches Zentrum mehr besitzen."

Auch vor Ort erhielt die militärische Führung entsprechende Anweisungen. Nur zwei Wochen nach Kriegsbeginn notierte Franz Halder, Generalstabschef des Heeres: "Feststehender Entschluss des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten."

Reichsmarschall Hermann Göring, der die ökonomische Ausbeutung der besetzten Gebiete koordinierte, erklärte das geplante Kriegsverbrechen lapidar: "Aus wirtschaftlichen Überlegungen ist die Eroberung großer Städte nicht erwünscht, ihre Einschließung ist vorteilhafter."

Entsprechend schrieb Generalquartiermeister Eduard Wagner seiner Frau: "Der Nordkriegsschauplatz ist so gut wie bereinigt, auch wenn man nichts davon hört. Zunächst muss man sie in Petersburg schmoren lassen, was sollten wir mit einer 3,2 Mill. Stadt, die sich nur auf unser Verpflegungsportemonnaie legt. Sentimentalitäten gibt's dabei nicht."

Vorsätzliche Hungerkatastrophe

Die deutsche Militärstrategie zielte von Anbeginn darauf ab, möglichst schnell eine Hungerkatastrophe in der Stadt herbeizuführen. Bereits am vierten Tag der Blockade zerstörten sie das größte Lebensmittellager der Stadt.

Wie gravierend der Hunger in der Stadt wütete, war den deutschen Verantwortlichen durchaus bewusst. Der Lagebericht der Wirtschaftsinspektion Nord berichtete: "Die Masse der Bevölkerung hungert und kann teilweise vor Schwäche das Bett nicht verlassen." Mitleid war jedoch eine Kategorie, die in Nazi-Deutschland als sentimental galt und abzulehnen war. Entsprechend kalt erklärte Göring, das Schicksal der großen Städte, speziell Leningrad, sei ihm "vollständig egal. Dieser Krieg wird die größte Hungerkatastrophe seit dem 30jährigen Krieg zeigen."

Eine Kapitulation ist abzulehnen

Neben dem vorsätzlichen Ziel, Leningrad auszuhungern, ist besonders der Umstand zu betonen, dass die deutsche Kriegsführung nicht gewillt war, eine Kapitulation des Gegners anzunehmen. Die eindeutige Weisung für die Heeresgruppe Nord am 28. September 1941 lautete: "Eine Kapitulation ist nicht zu fordern."

Das Schreiben der Seekriegsleitung war noch mitleidsloser formuliert: "Sich aus der Lage der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden, da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht." Eine Woche später bestätigte Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabs, die Entscheidung: "Der Führer hat erneut entschieden, dass eine Kapitulation von Leningrad oder später von Moskau nicht anzunehmen ist, auch wenn sie von der Gegenseite angeboten würde."

Sonderfall der Geschichte

Es kann nicht deutlich genug betont werden: Die Blockade Leningrads ist ein Sonderfall der Geschichte, denn niemals zuvor ist die Einnahme einer Stadt ausgeschlossen und der Hungertod aller Einwohner eingeplant worden. Adolf Hitler erklärte kategorisch: "In die russischen Städte gehen wir nicht hinein, sie müssen vollständig ersterben."

Die Entscheidung, in keinem Fall eine Kapitulation Leningrads anzunehmen, war das Todesurteil für die mehr als drei Millionen Menschen innerhalb des Blockaderings. Nüchtern notierte Wilhelm Ziegelmayer, Ernährungsexperte des Oberkommandos der Wehrmacht: "Wir werden uns auch künftig nicht mit Forderungen nach einer Kapitulation Leningrads belasten. Es muss durch eine wissenschaftlich begründete Methode vernichtet werden."

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