Hitler boomt nicht nur am Bosporus

"Mein Kampf" wird weltweit gedruckt und vertrieben

Die Tatsache, dass Adolf Hitlers "Mein Kampf" in der Türkei derzeit die Bestsellerlisten stürmt, sorgte hierzulande für Schlagzeilen. Die Aufregung angesichts mehrerer zehntausend verkaufter Exemplare ist sicherlich berechtigt, doch die antisemitische Hetzschrift erfreut sich nicht nur am Bosporus größter Beliebtheit: In den USA, in Asien, in Skandinavien, in Osteuropa, quasi weltweit besteht große Nachfrage danach. Selbst in der BRD ist der Besitz eines Exemplars nicht strafbar - ebenso wenig wie der antiquarische Vertrieb.

Nahezu zeitgleich brachten 13 türkische Verlage in den vergangenen Monaten das Buch "Kavgam" - die türkische Übersetzung von "Mein Kampf" - auf den Markt und unterbieten sich derzeit gegenseitig mit Dumpingpreisen. Die genauen Verkaufszahlen sind nicht bekannt, sie variieren in den Medien von 50.000 bis 100.000. Im Februar rangierte das Buch bei "D&R", einer der größten Buchhandelsketten in der Türkei, auf Platz vier der Bestsellerliste.

Das Interesse in der Türkei an dem Buch, "das nicht ein einziges Gramm Menschlichkeit enthält", wie der türkische Politikwissenschaftler Dogu Ergil sagt, ist indes nicht neu. Schon vor Jahrzehnten ließ die faschistische MHP (Partei der Nationalen Bewegung), hierzulande besser bekannt als "Graue Wölfe", Hitlers Hetzschrift übersetzen und begann mit dem Vertrieb - inzwischen gibt es mehr als 40 Auflagen.

Antisemitische Ideologie in der Türkei

Antisemitismus ist kein neues Phänomen in der Türkei. Bei der Gründung 1923 lebten dort rund 100.000 Jüdinnen und Juden, heute sind es weniger als ein Viertel davon. 1934 kam es im europäischen Teil der Türkei zu antisemitischen Übergriffen, bei denen die jüdische Bevölkerung vertrieben und ihr Vermögen geplündert wurde. 1942 beschloss die damalige türkische Regierung eine Vermögenssteuer, wobei jüdischen und anderen nicht-muslimischen Geschäftsleuten ein sehr viel höherer Steuersatz auferlegt wurde, als den islamischen. Wer nicht zahlen konnte, wurde verhaftet und in ein Arbeitslager deportiert.

Wie überall auf der Welt hat die antisemitische Ideologie auch in der Türkei eine mörderische Praxis. Am 6. September 1986 wurden bei einem Anschlag auf die Neve-Shalom-Synagoge in Istanbul 22 Menschen ermordet. Bei einem Angriff am 1. März 1992 auf dieselbe Synagoge wurden mehrere Menschen verletzt. Im April 1994 wurde der jüdische Friedhof in Istanbul geschändet, Ende Dezember 1994 wurden bei einem Bombenanschlag auf ein Intellektuellen-Café ein Filmkritiker und eine jüdische Archäologin getötet. In einem Bekennerschreiben wurde die Bereitschaft, "noch mehr Juden zu töten", kundgetan. 1995 folgte ein Mordanschlag auf den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Ankara, den er knapp überlebte. 1996 wurde die Synagoge in Ankara geschändet, 2001 wurde einer der bekanntesten jüdischen Geschäftsleute getötet.

Am 15. November 2003 erfolgte ein Anschlag auf zwei jüdische Gotteshäuser in Istanbul, eines davon die Neve-Shalom-Synagoge. Bei den Attentaten kamen 57 Menschen ums Leben. Yusuf Polat, einer der verhafteten Attentäter, gab bei seiner Vernehmung zu Protokoll, "aus Unerfahrenheit" seien die Bomben zu früh gezündet worden, ansonsten "wären die Juden alle zusammen vom Gottesdienst gekommen". Trotzdem wurde es in der Öffentlichkeit, sowohl in der Türkei als auch im Rest der Welt, nicht als antisemitischer Anschlag wahrgenommen, sondern nur im Zusammenhang mit Al-Qaida und den Terroranschlägen vom 11. September '01 diskutiert.

Antisemitismus ist der türkischen Bevölkerung völlig fremd, hieß es weltweit unisono in den Medien. Die derzeitige Renaissance von Hitlers "Mein Kampf" indes führte dazu, dass in Europa in den Medien und von den Politikern die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei in Frage gestellt werden. Wenn die Verkaufszahlen von "Mein Kampf" zum offiziellen Kriterium für den Beitritt von Staatenbündnissen erhoben würden, gäbe es künftig nur Bündnisse ohne Staaten. Denn Antisemitismus ist kein türkisches Phänomen, er feiert weltweit fröhliche Urständ. Ebenso wie Hitlers Hetzschrift sich von Alabama bis Zittau großer Beliebtheit erfreut, selbst in Israel wird sie laut Wikipedia auf englisch und hebräisch nachgedruckt.

Die Rechte an dem Buch beim Freistaat Bayern

Die Rechte an dem Buch besitzt der Freistaat Bayern, der diese nach eigenem Bekunden restriktiv wahrnimmt, um "eine Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts zu unterbinden". Doch beispielsweise die USA und Großbritannien erkennen die Rechte Bayerns nicht an. Dort kann problemlos nachgedruckt werden. Auch in Skandinavien laufen derzeit Verfahren, in denen die Ansprüche Bayerns auf das Copyright geprüft werden.

Dennoch wird die bayrische Landesregierung immer wieder tätig und versucht die Verbreitung der Hetzschrift zu unterbinden, zur Zeit in der Türkei. Allerdings bisweilen ohne - oder nur mit mäßigem - Erfolg: Der tschechische Verleger Michal Zitko brachte im Januar 2000 eine tschechische Übersetzung heraus. U.a. auf Betreiben bayrischer Behörden wurde ein Verfahren gegen Zitko eingeleitet. 90.000 Exemplare wurden jedoch verkauft, bevor die Edition beschlagnahmt werden konnte. Zitko wurde im August 2003 zu 22 Monaten Haft verurteilt, Anfang März 2005 wurde er vom Obersten Gericht Tschechiens frei gesprochen. Im Internet wird die Schmähschrift von Barnes & Noble vertrieben - allerdings in englischer Sprache. Der Bertelsmann-Konzern ist zu 40% an dem Verlag beteiligt. Der Gütersloher Konzern untersagte inzwischen der deutschen Barnes & Noble, "Mein Kampf" zu verschicken, lässt es aber via USA weltweit vertreiben.

Hierzulande ist der Besitz eines Exemplars nicht strafbar, ebenso - laut einem Beschluss des Bundesgerichtshofs (BGH) - der antiquarische Vertrieb. Auch hier gilt: Wer unter dem Ladentisch nicht fündig wird, kann getrost auf das Internet zurückgreifen. Dort findet sich z.B. bei Sammelbörse.at folgendes Inserat:

Mein Kampf Hochzeitsausgabe im Schuber 2. Bände in einen Franz Eher-Verlag. Jahr 1940 in Top Erhaltung. Mit der Widmung des Oberbürgermeisters der Hauptstadt der Bewegung.

(Birgit Gärtner)