Hitler und die Dialekte

Hitler betätigt sich als "Sprachgeschichtsexperte"

Zwei Quellen mit Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier enthalten wirre Auslassungen Hitlers über Sprache und regionale Kultur aus viel späterer Zeit (1941/42). Eine erste Ausgabe von protokollierten "Tischgesprächen Hitlers" ist bereits 1951 in einer von Henry Picker (1912-1988) bearbeiteten Fassung erschienen. 6

Durch eine Edition des Jahres 1980, die überwiegend Aufzeichnungen von Martin Bormanns Adjutanten Heinrich Heim (1900-1988) enthält, wurde der Umfang der zugänglichen - nach Auskunft der Herausgeber möglichst getreu wiedergegebenen - "Monologe des Führers" noch einmal erweitert. 7 Nachfolgend werden Stellen aus beiden Sammlungen unter thematischen Gesichtspunkten zusammengeführt. Man darf die Protokolle, die zudem manchmal auch Inhalte in Form der indirekten Rede wiedergeben, natürlich nicht ohne weiteres als "wörtliche Führer-Zitate" präsentieren.

Sehr forsch betätigt sich Hitler, ausgehend von Haarfarben, als Hobbyexperte in Sachen "Sprachgeschichte", und zwar in der Nacht des 11./12. Juli 1941:

Die Römer hatten keine Aversion gegen die Germanen, was sich schon daran zeigt, daß blondes Haar Mode geworden war; unter den Goten gab es auch dunkles Haar; die italienische, die spanische, die französische und englische Sprache sind dadurch entstanden, daß sich die Sprachelemente der Völkerwanderung mit den einheimischen Sprachen zu einem Konglomerat verbunden haben, das zunächst ein Kauderwelsch war, bis sich im Laufe der Zeit der Dichter fand, der daraus die Sprache der Nation geprägt hat. In fünf- oder sechshundert Jahren kann eine Sprache entstehen. Wer in ein fremdes Land kommt, muß sich um der Verständigung willen dem dortigen Sprachgut anpassen. Die Sprache ist deshalb auch nicht das unveränderliche Erkennungsmal des Volkstums. Viel stärker haften die Eß-Gewohnheiten den Völkern an.

Von mittelniederdeutscher Schriftlichkeit scheint der Laienforscher in der Wolfsschanze nicht viel gehört zu haben. Bei ihm führt der Weg laut Aufzeichnung für den 21.8.1942 vom Latein geradewegs zu "dem" Kanzleideutsch:

Man mußte, um das Reich zu regieren, zahlreiche Dialekte vergewaltigen, indem man das Kanzleideutsch einführte; vorher war die Kanzleisprache lateinisch. Lateinisch wäre heute wahrscheinlich die Amtssprache, wenn das nicht gekommen wäre.

Am 21.7.1941 geht es zu nächtlicher Zeit - nicht minder redselig - um analoge Entwicklungen in Deutschland und Italien, wobei populäre Anschauungen den Ausgangspunkt ausmachen: Dass Luther..

...es gewagt hat, sich gegen den Papst und das System der Kirche aufzulehnen! Das war die erste Revolution. - Und mit der Bibelübersetzung hat er an die Stelle unserer Dialekte die deutsche Sprache gesetzt, also Charakter und Geist der Nation in einheitlichen Zeichen verlautbart. Es ist auffallend, wie verwandt die Entwicklung Deutschlands und Italiens verläuft. Die Sprachschöpfer standen gegen die Universalherrschaft des Papstes: Dante [1265-1321!] und Luther [1483-1546!]. [...] Eine ganz besondere Freude ist stets eine Begegnung mit dem Duce. [...] Und man sage nicht, daß die Vorgänge in Italien ohne Einfluß auf uns waren. Das Braunhemd wäre vielleicht nicht entstanden ohne das Schwarzhemd.

Wohlgemerkt, am Ende dieser pseudowissenschaftlichen Plaudereien ist vom "Braunhemd" die Rede und nicht etwa von einer Nachahmung der - unter ganz anderen Vorzeichen stehenden - dialektfeindlichen Sprachpolitik der italienischen Faschisten.

Hitler betätigt sich als "Sprachtheoretiker"

In einem Eintrag vom 29.8.1942 bringt Hitler seine Abneigung gegen "die Professoren" zum Ausdruck, wobei der eigene Deutschlehrer nicht gut wegkommt:

Die Professoren sind Steißtrommler und werden es bleiben. [...] Lesen Sie meine Zeugnisse. Ich habe in Deutsch schlechte Noten gehabt. Dieser Idiot von Professor hat mir die deutsche Sprache verekelt, dieser Stümper, dieser kleine Knirps.

Die geschwätzige "Hitlerische Sprachphilosophie" ist wohl aus höchst verschiedenen Quellen aufgeschnappt worden und ergibt ganz sicher kein geschlossenes System. Der Führer will z.B. laut Protokoll vom 7.6.1942 wissen, dass - "wie Houston Stewart Chamberlain einmal geäußert habe - die deutsche Sprache die wertvollste und schönste für Denker" ist, dass deshalb "die deutsche Sprache für Ausländer so schwer zu erlernen sei" - und schließlich, dass das "Sprechen eines guten Deutsch" eine "Gehörsache" sei.

Am 7.3.1942 standen zuvor schon Auslassungen über den großen Vorzug der deutschen Sprache auf der Tagesordnung:

Der englischen Sprache fehlt die Fähigkeit, Gedanken auszudrücken, die über allgemein erwiesene Tatsachen und Vorstellungen hinausgehen. Die deutsche Sprache hat die Fähigkeit, Erkenntnisse weiter klarzumachen, auch wenn irgendwo die Grenze des Erwiesenen erreicht ist. Das deutsche Volk ist das der Denker, weil unsere Sprache uns die Voraussetzungen gibt, in Neuland zu führen.

Hat diese "Neuland" erschließende deutsche Sprache vielleicht doch irgendwie mit spezieller Genetik zu tun? Der Vergleich mit einem protokollierten "Führer-Monolog" vom 5.11.1941 legt es zwingend nahe, nicht nach irgendeinem Sinn oder Zusammenhang all dieser "Aphorismen" über Sprache zu suchen. Hitler greift immer wieder in den gleichen Baukasten mit Phrasen hinein, und fast immer bestimmt sein Judenhass die Richtung:

Bei uns heißt es Philosophie, bei den Juden Rabulistik. Was bei uns tiefstes Eindringen in schwer durchforschbare Zonen der Natur und des Metaphysischen ist und deshalb nicht leicht in Worte gefaßt werden kann, weil es in Neuland führt, das versucht der Jude im Wortgedrechsel zu meistern.

Also doch deutsches Geraune aus der Tiefe statt "klarmachender" Sprache. Eine Sentenz vom 8.8.1942 lautet:

Sprachen können sich verlieren, aber das Blut muß ja irgendwo bleiben!

Während Fremdwörter im italienischen Faschismus verhasst waren, hat sich Hitler übrigens vehement gegen die Eliminierung von etablierten Fremdwörtern durch "Sprachverbesserer" ausgesprochen, so auch am 7.3.1942:

Wir haben keine Dichter heute und suchen dem Mangel durch Wortverbesserung aufzuhelfen. Das Wort ist jedoch immer nur ein Mittel zum Zweck: Auf den Gedanken kommt es an und darauf, die Worte richtig ansetzen zu können! [...] Man stelle sich vor: Wenn wir damit anfingen, Fremdworte auszumerzen, wo sollten wir dann auf hören! Ganz abgesehen von dem Gefahrmoment, zu irren, was die Sprachwurzel angeht! Die Arbeit vieler Generationen vor uns ginge uns dabei verloren! [...] Hat sich mit einem aus einer fremden Sprache übernommenen Begriff ein Fremdwort eingebürgert und klingt es gut, so kann es uns zur Bereicherung unseres Sprachschatzes nur willkommen sein! [...] Das Wort muß von uns so geschrieben werden, daß jeder, der es liest, es richtig spricht!