Hitler und die Dialekte

Die Nationalsozialisten folgten bezüglich der deutschen Mundarten keiner "reinen Lehre". Der Diktator hielt jedoch von einer Pflege sogenannter "Stammeseigentümlichkeiten" nicht viel

Am 30.6.1937 wurde dem "Führer" ein mit Hilfe modernster Technologie erstelltes "Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten zur Zeit Adolf Hitlers" übergeben, welches zunächst 300 Tonträger in einem eigens gefertigten Möbel umfasste.

In der Presse fand die Übergabe dieses reichsweit angelegten Großprojektes ein reichhaltiges Echo. 1938 kam es zu nennenswerten Ergänzungen der Sammlung durch Tonaufnahmen im annektierten Österreich und besetzten Gebieten der Tschechoslowakei. Der Reichsbund der Deutschen Beamten gedachte als Auftraggeber, auch diesmal Hitler eine Freude zu bereiten und plante offenbar noch 1940 eine weitere Fortsetzung der Aufnahmearbeiten in den besetzten Gebieten Polens.

Nach 1945 waren gerade auch die beteiligten Wissenschaftler daran interessiert, das monumentale "Lautdenkmal" dem Vergessen anheimzugeben. Die "dialektalen Sprachproben", die interessantes Forschungsmaterial enthielten, bestanden inhaltlich nämlich zum Großteil aus politischen Bekenntnissen zum "Dritten Reich". Es kursierte später auch das völlig unbelegte Gerücht, Hitler sei von den auf Schallplatte gepressten Tonzeugnissen nicht sehr erbaut gewesen.

Amtliches NS-Programm zur "Ausmerzung der Mundarten"?

Die Frage, wie sich "die" Nationalsozialisten zu den Dialekten bzw. Mundarten stellten, ist in der Forschung mitnichten geklärt. 1

Man kann in diesem Zusammenhang Zeugnisse für extrem gegensätzliche Positionen heranziehen. In einem 1994 erschienenen Forschungsband2 wurde von Philologen vorgetragen, Ziel des Nationalsozialismus sei gewesen "die Uniformierung der Sprache, der Kleidung, der Köpfe, nicht aber die Pflege vielgestaltiger Kultur".

Im Jahr darauf erhob der Historiker Volker Dahm mit einem Beitrag zur "Frage der kulturpolitischen Gleichschaltung im Dritten Reich" 3 Einspruch gegen die These, die Nationalsozialisten hätten sich regionale Bewegungen und regionale Kulturpolitik in einer ersten Phase nur vorübergehend dienstbar gemacht, dann jedoch ein kultur- und sprachzentralistisches Programm verfolgt.

Tatsächlich gibt es serienweise Belege etwa für plattdeutsche Aktivitäten bis in die Kriegsjahre hinein. Repressionen im Zusammenhang mit Dialektdichtung oder Mundartpflege sind hingegen nicht dokumentiert (die erste Germanistik-Professorin Deutschlands, Agathe Lasch, wurde ermordet, weil sie Jüdin war, nicht etwa wegen ihrer herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der niederdeutschen Philologie). Überzeugend hat Dahm aufgezeigt, dass die nahezu obligate Absage an jeglichen "Partikularismus" bei namhaften Nationalsozialisten sehr wohl mit einem profilierten Regionalismus einhergehen konnte. Von Landschaft zu Landschaft hat der Forschende überdies mit ganz unterschiedlichen Verhältnissen zu rechnen.

Es ist nämlich unmöglich, das Konstrukt eines zentralistischen Führerstaates, in dem ausnahmslos alle Bereiche von oben bis in den kleinsten Raum hinein totalitär gelenkt und kontrolliert werden, eins zu eins mit der Wirklichkeit der Jahre 1933 bis 1945 zusammenzureimen.

Es gab trotz des totalitären Wahns eben nicht die totale Uniformität bzw. Gleichschaltung aller Instanzen (Staat, Partei), gesellschaftlichen Gruppen und Akteure. Auch der kulturpolitische Zentralismus im totalen NS-Staat hatte seine Grenzen, und die waren keineswegs immer nur praktischer Natur.

Gegen "modernes Kulturgestotter" und "völkische Rückwärtse"

Hinsichtlich der ideologischen Hintergründe könnte man theoretisch eine - wo auch immer auffindbare - "reine Lehre des Nationalsozialismus" unterscheiden von den Vorstellungen der "Völkischen" und ihrer näheren Verwandten im zivilisationskritischen Spektrum: Die "wirklichen Nazis" sehen alles durch die "Rasse" definiert; sie sind fortschrittgläubig und zentralistisch; sie lieben Technik, Massenaufläufe und Massenkultur etc.. Die "Völkischen" hingegen propagieren "Blut und Boden", verherrlichen ihre "Stammesregion", lieben das Bauerntum, verabscheuen jegliche "Vermassung", fürchten die "entseelende Technik", hängen den alten und uralten Zeiten nach usf..

Eine solche Dichotomie ist verführerisch einfach. Aber sie hat nur wenig zu tun mit dem geistig-kulturellen Gefüge im NS-Staat, in dem sehr unterschiedliche Strömungen zusammenkamen. Der "Führer" brachte es etwa auf dem Reichsparteitag 1934 fertig, "das ganze Kunst- und Kulturgestotter" der Moderne und die Konjunktur der völkischen "Rückwärtse" im gleichen Atemzug zu verdammen.

Da konnte sich jeder das Passende aussuchen. Der parteiamtliche NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg förderte innerhalb seiner Einflussbereiche die "völkisch-provinzielle Dichtung", und es wurde sogar eigens eine "Niederdeutsche Kultstätte Stedingsehre" eingerichtet. Auch die westfälischen Nazis hielten sehr viel von Mundartförderung. An der Universität Münster übte sich der Philologe Karl Schulte Kemminghausen, ein habilitierter Scharlatan übelster Sorte, in nationalsozialistischer Apologie des Niederdeutschen. 4

Er betrachtete, seine Kenntnis von jüdischen Mundartdichtern unterschlagend, vorzugsweise Juden als Mundartfeinde und beteiligte sich als SA-Oberscharführer aktiv an den Pogromen vom 9./10. November 1938 gegen die Juden in Münster. Angesichts der unzähligen "niederdeutschen" Kollaborateure und Täter im deutschen Faschismus wirken manche Versuche, nach 1945 die "niederdeutsche Bewegung" im Rückblick irgendwie auf eine Opferseite zu schlagen, wie ein Verdrängungsprojekt.

Auslassungen über Sprache in "Mein Kampf"

Wie nun stand der "Führer" selbst zu Fragen der Sprachpolitik und der sprachlichen Vielfalt? Eine ganze Reihe von Passagen, die in unserem Zusammenhang von Interesse sind, enthält schon Hitlers krude und menschenverachtende Publikation "Mein Kampf". Das möchte ich nachfolgend mit ausführlichen Textzitaten aufzeigen. 5 Mit großem Nachdruck wird an einen "Sprachenkampf des alten Österreich" erinnert:

Von dem ewigen unerbittlichen Kampfe um die deutsche Sprache, um deutsche Schule und deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung.

Bei einem Besuch im österreichischen Parlament ist der junge Hitler nicht nur entsetzt über den "geistige[n] Gehalt des Vorgebrachten", "denn einige der Herren sprachen nicht deutsch, sondern in ihren slawischen Muttersprachen oder besser Dialekten". Hitlers eigene Erstsprache lag fern vom Wiener Sprachklang:

Mir erschien die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande. - Mein Deutsch der Jugendzeit war der Dialekt, den auch Niederbayern spricht; ich vermochte ihn weder zu vergessen, noch den Wiener Jargon zu lernen. Je länger ich in dieser Stadt weilte, um so mehr stieg mein Haß gegen das fremde Völkergemisch, das diese alte deutsche Kulturstätte zu zerfressen begann.

Wie anders dagegen das Gefühl von Vertrautheit jenseits der Grenze:

Im Frühjahr 1912 kam ich endgültig nach München. [...] Eine deutsche Stadt!! Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden.

Dem Autor sagt die Alltagsprache der Niederbayern offenkundig zu. (Das Wort "niederdeutsch" taucht in Hitlers Schrift hingegen nur ein einziges Mal auf und zwar in Zusammenhang mit einer geographischen Bezeichnung.)

"Rasse", Judenhass, Kultur und Sprache

Hitlers rassistische Weltanschauung bestimmte seine aberwitzigen Ausführungen über das, was er für "Kultur" hält. Es bilden seiner Ideologie zufolge die sogenannten Arier jene "Rasse, die Träger der menschlichen Kulturentwicklung war und ist". Hitlers Dogmen hierzu lauten:

Die Rassenfrage gibt nicht nur den Schlüssel zur Weltgeschichte, sondern auch zur menschlichen Kultur überhaupt.

Menschliche Kultur und Zivilisation sind auf diesem Erdteil unzertrennlich gebunden an das Vorhandensein des Ariers. Sein Aussterben oder Untergehen wird auf diesen Erdball wieder die dunklen Schleier einer kulturlosen Zeit senken.

Das Klima scheint Hitler übrigens als einen wichtigen Faktor zu bewerten: Die Germanen der vorchristlichen Zeit seien keineswegs "kulturlose Barbaren" gewesen, aber es "zwang sie die Herbheit ihrer nordischen Heimat unter Verhältnisse, die eine Entwicklung ihrer schöpferischen Kräfte behinderten".

Der Sprache kommt in Hitlers früher Rassenlehre nur eine vergleichsweise untergeordnete Stellung zu:

Es ist aber ein kaum faßlicher Denkfehler, zu glauben, daß, sagen wir, aus einem Neger oder einem Chinesen ein Germane wird, weil er Deutsch lernt und bereit ist, künftighin die deutsche Sprache zu sprechen [...]. Da das Volkstum, besser die Rasse, eben nicht in der Sprache liegt, sondern im Blute, würde man von einer Germanisation erst dann sprechen dürfen, wenn es gelänge, durch einen solchen Prozeß das Blut der Unterlegenen umzuwandeln. Das aber ist unmöglich. [...] Besonders die kulturellen Kräfte würden bei einer Paarung mit einer minderen Rasse verschwinden, wenn auch das entstandene Mischprodukt tausendmal die Sprache der früher höheren Rasse spräche.

Dass in "Mein Kampf" die Sprache als Kulturphänomen nicht in enger Beziehung zur sogenannten "Rasse" steht, scheint insbesondere mit dem glühenden Judenhass des Autors zusammenzuhängen:

Die Rasse aber liegt nicht in der Sprache, sondern ausschließlich im Blute, etwas, das niemand besser weiß als der Jude, der gerade auf die Erhaltung seiner Sprache nur sehr wenig Wert legt, hingegen allen Wert auf die Reinhaltung seines Blutes. Ein Mensch kann ohne weiteres die Sprache ändern, d.h. er kann sich einer anderen bedienen; allein er wird dann in seiner neuen Sprache die alten Gedanken ausdrücken; sein inneres Wesen wird nicht verändert. Dies zeigt am allerbesten der Jude, der in tausend Sprachen reden kann und dennoch immer der eine Jude bleibt.

Wer deutsch redet, gehört für Hitler noch lange nicht zum "deutschen Volkstum", und das soll wiederum an erster Stelle für "die Juden" gelten:

Auf dieser ersten und größten Lüge, das Judentum sei nicht eine Rasse, sondern eine Religion, bauen sich dann in zwangsläufiger Folge immer weitere Lügen auf. Zu ihnen gehört auch die Lüge hinsichtlich der Sprache des Juden. Sie ist ihm nicht das Mittel, seine Gedanken auszudrücken, sondern das Mittel, sie zu verbergen. Indem er französisch redet, denkt er jüdisch, und während er deutsche Verse drechselt, lebt er nur das Wesen seines Volkstums aus. - Solange der Jude nicht der Herr der anderen Völker geworden ist, muß er wohl oder übel deren Sprachen sprechen, sobald diese jedoch seine Knechte wären, hätten sie alle eine Universalsprache (z.B. Esperanto!) zu lernen, so daß auch durch dieses Mittel das Judentum sie leichter beherrschen könnte!

Hier begegnet uns folgende Konstruktion des Autors: Die Juden hingen gar nicht an ihrer eigenen Sprache, passten sich vielmehr überall mit einer ihnen eigentümlichen Vielsprachigkeit an und würden am Ende den ganzen Globus mit Hilfe einer einzigen Weltbeherrschungssprache knechten. In übernationaler Perspektive verheißen demzufolge Sprachzentralismus oder auch nur eine Weltsprache als "Lingua franca" nichts Gutes.

Hitlers konfuse Auslassungen über Sprache sind durchaus nicht deckungsgleich mit den Annahmen jener Niederdeutsch-Ideologen, die sogar die Lautverschiebungen irgendwie auf besonders "arische Gene" zurückführen. Absurde "Sprachtheorien" der Völkischen haben jedoch Eingang gefunden in seinen hasserfüllten Text. Behauptet wird ja z.B., es könne "der Jude" keine deutsche Dichtung hervorbringen, sondern nur "deutsche Verse drechseln". (Wollte man nach 1933 einen allseits bekannten Text Heinrich Heines vortragen, musste man ihn kurzerhand als "Volksgut" deklarieren.)

Völkische Bewegung und Großstadtkultur

Hitlers Polemiken aus der Weimarer Zeit gegen die besonders esoterisch ausgerichtete Konkurrenz innerhalb der Rechten, darunter "deutschvölkische Wanderscholaren", bezopfte völkische Theoretiker mit einer Vorliebe für altgermanische Ausdrücke und "Altertumsschwärmer", ergeben keine strikte weltanschauliche Trennungslinie. In der rassistischen und insbesondere antisemitischen "Kulturkritik" ist man sich weitgehend einig:

Kulturell verseucht er [,der Judeʻ] Kunst, Literatur, Theater, vernarrt das natürliche Empfinden, stürzt alle Begriffe von Schönheit und Erhabenheit, von Edel und Gut und zerrt dafür die Menschen herab in den Bannkreis seiner eigenen niedrigen Wesensart.

Seit der Jahrhundertwende habe man außerdem begonnen, "das beste Alte herunterzusetzen und als minderwertig und überwunden hinzustellen". Das "Reinemachen unserer Kultur" habe "sich auf fast alle Gebiete zu erstrecken. Theater, Kunst, Literatur, Kino, Presse, Plakat und Auslagen sind von den Erscheinungen einer verfaulenden Welt zu säubern und in den Dienst einer sittlichen Staats- und Kulturidee zu stellen."

All dies ist untrennbar verbunden mit einer Kritik der Großstadt:

Im neunzehnten Jahrhundert begannen unsere Städte immer mehr den Charakter von Kulturstätten zu verlieren und zu reinen Menschenansiedlungen herabzusinken.

Hitler will rücksichtslos "mit dem Unrat unserer sittlichen Verpestung der großstädtischen Kultur aufräumen".

Zentralismus und Kulturpolitik

Adolf Hitler rühmt in "Mein Kampf" das Deutsche Reich, da es im Gegensatz zu Österreich weitgehend "nur Angehörige eines Volkes" besitze. Hier handele es "sich nur darum, politische Traditionen zu überwinden, da kulturell eine gemeinsame Grundlage immer vorlag". Schon während des ersten Weltkrieges will Hitler den "verfluchten Hader unter den deutschen Stämmen" und namentlich eine "berechnete Verhetzung des Süddeutschen gegen den Norddeutschen" gehasst haben:

Es war ein geschicktes, raffiniertes Spiel, das der Jude damals zur steten Beschäftigung und Ablenkung der einzelnen deutschen Stämme trieb, um sie unterdessen desto gründlicher ausplündern zu können.

Für die einzelnen deutschen Bundesstaaten (bzw. Länder) gelte, dass sie "fast in keinem Falle sich mit stammesmäßigen Grenzen decken. Sie sind rein politische Erscheinungen", verdanken "ihr Dasein weniger stammesmäßigen Unterlagen als rein politischen Ursachen". Hitlers Votum für einen starken Zentralstaat und gegen Ländersouveränität steht außer Frage:

Der moderne Verkehr, die moderne Technik läßt Entfernung und Raum immer mehr zusammenschrumpfen. [...] Wer sich den aus einmal gegebenen Tatsachen resultierenden Folgen verschließt, bleibt eben in der Zeit zurück. Menschen, welche dies tun, gab es zu allen Zeiten und wird es auch in der Zukunft immer geben. Sie können jedoch das Rad der Geschichte kaum hemmen, niemals zum Stillstand bringen.

Insbesondere das Militär soll einen strikt "überstammlichen" Charakter aufweisen:

Das deutsche Heer ist nicht dazu da, eine Schule für die Erhaltung von Stammeseigentümlichkeiten zu sein, sondern vielmehr eine Schule des gegenseitigen Verstehens und Anpassens aller Deutschen. Was sonst immer im Leben der Nation trennend sein mag, soll durch das Heer zu einender Wirkung gebracht werden. [...] Der landsmannschaftliche Charakter soll in der Truppe bleiben, aber nicht in der Garnison. Jeder Versuch einer Zentralisation mag unsere Mißbilligung finden, die des Heeres aber niemals!

Für die Zukunft gilt:

Der Nationalsozialismus muß grundsätzlich das Recht in Anspruch nehmen, der gesamten deutschen Nation ohne Rücksicht auf bisherige bundesstaatliche Grenzen seine Prinzipien aufzuzwingen und sie in seinen Ideen und Gedanken zu erziehen.

Indessen soll der Zentralismus nicht unterschiedslos für alle Bereiche gelten:

Die Bedeutung der einzelnen Länder wird in Zukunft unbedingt mehr auf kulturpolitisches Gebiet zu verlegen sein. Der Monarch, der für die Bedeutung Bayerns das meiste tat, war nicht irgendein störrischer, antideutsch eingestellter Partikularist, sondern vielmehr der ebenso großdeutsch gesonnene wie kunstsinnig empfindende Ludwig I. [...] Die Bedeutung der Einzelstaaten wird künftig überhaupt nicht mehr auf staats- und machtpolitischem Gebiet liegen; ich erblicke sie entweder auf stammesmäßigem oder auf kulturpolitischem Gebiete. Allein selbst hier wird die Zeit nivellierend wirken. Die Leichtigkeit des modernen Verkehrs schüttelt die Menschen derart durcheinander, daß langsam und stetig die Stammesgrenzen verwischt werden und so selbst das kulturelle Bild sich allmählich auszugleichen beginnt.

Mit anderen Worten: Man muss sich hier nicht auf staatliche Zwangsmaßnahmen verlegen. Die Zeit wird schon alles im gewünschten Sinne richten.

Wer auf das zentralistische Programm in "Mein Kampf" verweist, darf im Zusammenhang mit dem Thema "Mundarten" die besonderen Passagen zur Kulturpolitik nicht einfach überlesen! Unterschlagen werden sollte ebenso wenig, dass Hitler am 30. Januar 1934 vor dem Reichstag die sogenannten "deutschen Stämme" als "gottgewollte Bausteine unseres Volkes" gewürdigt wissen wollte.

Hitler betätigt sich als "Sprachgeschichtsexperte"

Zwei Quellen mit Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier enthalten wirre Auslassungen Hitlers über Sprache und regionale Kultur aus viel späterer Zeit (1941/42). Eine erste Ausgabe von protokollierten "Tischgesprächen Hitlers" ist bereits 1951 in einer von Henry Picker (1912-1988) bearbeiteten Fassung erschienen. 6

Durch eine Edition des Jahres 1980, die überwiegend Aufzeichnungen von Martin Bormanns Adjutanten Heinrich Heim (1900-1988) enthält, wurde der Umfang der zugänglichen - nach Auskunft der Herausgeber möglichst getreu wiedergegebenen - "Monologe des Führers" noch einmal erweitert. 7 Nachfolgend werden Stellen aus beiden Sammlungen unter thematischen Gesichtspunkten zusammengeführt. Man darf die Protokolle, die zudem manchmal auch Inhalte in Form der indirekten Rede wiedergeben, natürlich nicht ohne weiteres als "wörtliche Führer-Zitate" präsentieren.

Sehr forsch betätigt sich Hitler, ausgehend von Haarfarben, als Hobbyexperte in Sachen "Sprachgeschichte", und zwar in der Nacht des 11./12. Juli 1941:

Die Römer hatten keine Aversion gegen die Germanen, was sich schon daran zeigt, daß blondes Haar Mode geworden war; unter den Goten gab es auch dunkles Haar; die italienische, die spanische, die französische und englische Sprache sind dadurch entstanden, daß sich die Sprachelemente der Völkerwanderung mit den einheimischen Sprachen zu einem Konglomerat verbunden haben, das zunächst ein Kauderwelsch war, bis sich im Laufe der Zeit der Dichter fand, der daraus die Sprache der Nation geprägt hat. In fünf- oder sechshundert Jahren kann eine Sprache entstehen. Wer in ein fremdes Land kommt, muß sich um der Verständigung willen dem dortigen Sprachgut anpassen. Die Sprache ist deshalb auch nicht das unveränderliche Erkennungsmal des Volkstums. Viel stärker haften die Eß-Gewohnheiten den Völkern an.

Von mittelniederdeutscher Schriftlichkeit scheint der Laienforscher in der Wolfsschanze nicht viel gehört zu haben. Bei ihm führt der Weg laut Aufzeichnung für den 21.8.1942 vom Latein geradewegs zu "dem" Kanzleideutsch:

Man mußte, um das Reich zu regieren, zahlreiche Dialekte vergewaltigen, indem man das Kanzleideutsch einführte; vorher war die Kanzleisprache lateinisch. Lateinisch wäre heute wahrscheinlich die Amtssprache, wenn das nicht gekommen wäre.

Am 21.7.1941 geht es zu nächtlicher Zeit - nicht minder redselig - um analoge Entwicklungen in Deutschland und Italien, wobei populäre Anschauungen den Ausgangspunkt ausmachen: Dass Luther..

...es gewagt hat, sich gegen den Papst und das System der Kirche aufzulehnen! Das war die erste Revolution. - Und mit der Bibelübersetzung hat er an die Stelle unserer Dialekte die deutsche Sprache gesetzt, also Charakter und Geist der Nation in einheitlichen Zeichen verlautbart. Es ist auffallend, wie verwandt die Entwicklung Deutschlands und Italiens verläuft. Die Sprachschöpfer standen gegen die Universalherrschaft des Papstes: Dante [1265-1321!] und Luther [1483-1546!]. [...] Eine ganz besondere Freude ist stets eine Begegnung mit dem Duce. [...] Und man sage nicht, daß die Vorgänge in Italien ohne Einfluß auf uns waren. Das Braunhemd wäre vielleicht nicht entstanden ohne das Schwarzhemd.

Wohlgemerkt, am Ende dieser pseudowissenschaftlichen Plaudereien ist vom "Braunhemd" die Rede und nicht etwa von einer Nachahmung der - unter ganz anderen Vorzeichen stehenden - dialektfeindlichen Sprachpolitik der italienischen Faschisten.

Hitler betätigt sich als "Sprachtheoretiker"

In einem Eintrag vom 29.8.1942 bringt Hitler seine Abneigung gegen "die Professoren" zum Ausdruck, wobei der eigene Deutschlehrer nicht gut wegkommt:

Die Professoren sind Steißtrommler und werden es bleiben. [...] Lesen Sie meine Zeugnisse. Ich habe in Deutsch schlechte Noten gehabt. Dieser Idiot von Professor hat mir die deutsche Sprache verekelt, dieser Stümper, dieser kleine Knirps.

Die geschwätzige "Hitlerische Sprachphilosophie" ist wohl aus höchst verschiedenen Quellen aufgeschnappt worden und ergibt ganz sicher kein geschlossenes System. Der Führer will z.B. laut Protokoll vom 7.6.1942 wissen, dass - "wie Houston Stewart Chamberlain einmal geäußert habe - die deutsche Sprache die wertvollste und schönste für Denker" ist, dass deshalb "die deutsche Sprache für Ausländer so schwer zu erlernen sei" - und schließlich, dass das "Sprechen eines guten Deutsch" eine "Gehörsache" sei.

Am 7.3.1942 standen zuvor schon Auslassungen über den großen Vorzug der deutschen Sprache auf der Tagesordnung:

Der englischen Sprache fehlt die Fähigkeit, Gedanken auszudrücken, die über allgemein erwiesene Tatsachen und Vorstellungen hinausgehen. Die deutsche Sprache hat die Fähigkeit, Erkenntnisse weiter klarzumachen, auch wenn irgendwo die Grenze des Erwiesenen erreicht ist. Das deutsche Volk ist das der Denker, weil unsere Sprache uns die Voraussetzungen gibt, in Neuland zu führen.

Hat diese "Neuland" erschließende deutsche Sprache vielleicht doch irgendwie mit spezieller Genetik zu tun? Der Vergleich mit einem protokollierten "Führer-Monolog" vom 5.11.1941 legt es zwingend nahe, nicht nach irgendeinem Sinn oder Zusammenhang all dieser "Aphorismen" über Sprache zu suchen. Hitler greift immer wieder in den gleichen Baukasten mit Phrasen hinein, und fast immer bestimmt sein Judenhass die Richtung:

Bei uns heißt es Philosophie, bei den Juden Rabulistik. Was bei uns tiefstes Eindringen in schwer durchforschbare Zonen der Natur und des Metaphysischen ist und deshalb nicht leicht in Worte gefaßt werden kann, weil es in Neuland führt, das versucht der Jude im Wortgedrechsel zu meistern.

Also doch deutsches Geraune aus der Tiefe statt "klarmachender" Sprache. Eine Sentenz vom 8.8.1942 lautet:

Sprachen können sich verlieren, aber das Blut muß ja irgendwo bleiben!

Während Fremdwörter im italienischen Faschismus verhasst waren, hat sich Hitler übrigens vehement gegen die Eliminierung von etablierten Fremdwörtern durch "Sprachverbesserer" ausgesprochen, so auch am 7.3.1942:

Wir haben keine Dichter heute und suchen dem Mangel durch Wortverbesserung aufzuhelfen. Das Wort ist jedoch immer nur ein Mittel zum Zweck: Auf den Gedanken kommt es an und darauf, die Worte richtig ansetzen zu können! [...] Man stelle sich vor: Wenn wir damit anfingen, Fremdworte auszumerzen, wo sollten wir dann auf hören! Ganz abgesehen von dem Gefahrmoment, zu irren, was die Sprachwurzel angeht! Die Arbeit vieler Generationen vor uns ginge uns dabei verloren! [...] Hat sich mit einem aus einer fremden Sprache übernommenen Begriff ein Fremdwort eingebürgert und klingt es gut, so kann es uns zur Bereicherung unseres Sprachschatzes nur willkommen sein! [...] Das Wort muß von uns so geschrieben werden, daß jeder, der es liest, es richtig spricht!

Mundartdichtung, Bayerisch und "klassisches Deutsch" im Rundfunk

Am 21.8.1942 hört man aus dem Führer-Hauptquartier Auslassungen des Hausherrn, die einerseits ein Lob für den Mundartdichter Franz Stelzhamer (1802-1874) enthalten, andererseits aber auch ein - sehr anfechtbares - Lamento über die Reichweite von Mundartkunst:

Ein Mann meiner Heimat, Stelzhamer, hat wunderbare Gedichte gemacht, aber in Mundart! Er wäre ein Gegenstück zu Bruckner geworden. Er war begnadet. Würde sein Zeitgenosse Adalbert Stifter in Mundart geschrieben haben, so hätte auch er nur 10.000 Leser bekommen: Niemand hat etwas davon! - Auch eine andere Sache ist mir zum Bewußtsein gekommen. Wie bedenklich ist das: der wirklich gute Komiker, der nur in der Mundart tätig ist! Von anderen wird er nicht verstanden! Ein Mensch wie der Valentin kann schon im Allgäu nicht mehr verstanden werden. Um da mitzukommen, muß einer schon ein ganz genauer Kenner des Oberbayerischen sein. In Berlin kann er nicht auftreten. Hätte er sich auf das Hochdeutsche verlegt, so wäre er berühmt gewesen, längst bevor die amerikanischen Groteskkomiker aufkamen!

Ein Nachsatz klärt jedoch, dass es in diesem Zusammenhang aus Hitlers Sicht keinen akuten Handlungsbedarf gibt: "Aber mit der Zeit verschleift sich das!"

Nun aber kommt unmittelbar im Anschluss ein ernster Tonfall ins Spiel:

Das Schlimmste liegt in etwas anderem. Ein Ausländer lernt Deutsch. Er braucht zwei, drei Jahre, dann kommt er nach München. Das erste, was er hört, ist: hha??? Wenn nun ein richtiger Giesinger merkt, das ist ein Ausländer, so bemüht er sich nicht, hochdeutsch zu sprechen, sondern in der Vermutung, das könnte ein Preuße sein, spricht er sein reinstes Idiom. Da steht der andere machtlos vis á vis. - Ich bemühe mich, daß ich Dänen, Schweden, Norwegern Deutsch beibringe, und dann bringe ich im Rundfunk Dialektstücke! Ich schaffe die sogenannte gotische Schrift ab, weil ich damit nicht weiterkomme, und dann rede ich Dialekt! Einer meiner Kriegskameraden war Allgäuer. Die ersten Tage stand ich ihm wie einem Chinesen gegenüber. Das ist alles sehr schön gewesen, der gute Fritz Reuter wunderbar, aber es kann ihn nur ein kleiner Teil lesen. Wo wären wir hingekommen, wenn Hoffmann von Fallersleben das Deutschlandlied in Dialekt gedichtet hätte! Man mag seine Heimat noch so lieben, aber das allein ist es ja nicht. Von Zeit zu Zeit muß man sein Haus entrümpeln, sonst kommt so ein Unrat zusammen! Dann ist das irgendwie blamabel, wenn man einen gebildeten Tschechen hört und der spricht dann besser als ein Deutscher!

Hier schließt sich direkt ein schon oben vermerktes Votum über die notwendige Vergewaltigung zahlreicher Dialekte durch die Einführung von "Kanzleideutsch" an. Sollte man das als Drohung verstehen?

Die zeitlich frühere Wiedergabe eines Monologs vom 2.5.1942 weist darauf hin, dass Hitler über den Rundfunk einem "klassisches Deutsch" - was immer das heißen mag - zum Durchbruch verhelfen möchte: Da "die Sprache mit das elementarste Bindemittel der Gemeinschaft sei, so habe sich im Mittelalter der Reichsgedanke im deutschen Volk nicht zuletzt aufgrund der Lutherschen Schöpfung einer klaren deutschen Schriftsprache durchgesetzt. - Eine Feststellung, die uns auch für unsere heutige politische Arbeit richtungweisend sein müsse. Wie damals die Bibelübersetzung Luthers die Verbreitung der deutschen Schriftsprache besorgt habe, so müsse heute der großdeutsche Rundfunk die Aufgabe übernehmen, gewissermaßen das klassische Deutsch zu sprechen und damit zu seinem Teil zur Überwindung der volkstrennenden Erscheinungen auf dem Gebiet der Sprache, also insbesondere zur Überwindung der Dialekte, beizutragen".

Hitler und die "Norddeutschen"

Für die Wettervorhersage im Reich schlägt der "Führer" am 14./15.10.1941 vor, per Telefonleitung systematisch "Menschen mit einem sechsten Sinn" einzubinden. Es spiele keine Rolle, ob sie Hochdeutsch sprechen oder nicht:

Der Mann braucht keine schriftlichen Meldungen zu machen, er mag auch ruhig seinen Dialekt sprechen; vielleicht ist er zeitlebens aus seiner Gegend nicht herausgekommen. Aber er weiß zu lesen aus dem Flug der Schwalben und der Mücken [...].

Ein Monolog vom 2./3. Januar 1942 verweist auf weitere "Perspektiven" jenseits überkommener Kulturtechniken:

Die Vogelsprache ist ja sicher viel weiter entwickelt, als wir glauben.

Hitler hat den Norddeutschen ein bedeutsames Stück seiner "Heimatkultur" zum Opfer gebracht und träumt am 17.2.1942 - womöglich etwas rachlüstig - davon, dass plattdeutsche Hamburger Jungs die kurze Lederhose anziehen:

Ich habe mich früher [...] über Hagenbeck wahnsinnig geärgert. Da waren immer zwei Dörfer da, das Ashantidorf und daneben das Juhu-Bayerndorf! Für Deutschland ist das eine Gemeinheit. In Wahrheit sind das nun gar keine Bayern, ein wirklicher Schuhplattler ist der männlichste Tanz, den es gibt [...]. Die Amerikaner haben das Steppen bühnenfähig gemacht - mit Afrika hat es nichts zu tun, es ist etwas Schottisches. Bei uns hat man das Schuhplatteln verblödelt und Idioten dafür genommen. Leider hatte Norddeutschland dafür kein Verständnis. Ein Norddeutscher in der kurzen Wichs, das geht einfach nicht, es bedeutet eine Verminderung des Ansehens! [...] Einer der schmerzlichsten Momente war es mir, wie ich die kurze Wichs habe ablegen müssen, aber: Wenn ich mit einem Mann von Coburg nördlich redete, bildete der sich ein, er brauche mich nicht ernst zu nehmen. [...] Ich bin von Jugend auf drin aufgewachsen [...]. Ich habe Himmler schon gesagt, zwei oder drei Standarten müssen in kurzer Wichs gehen. Warum nicht, wenn das sauber gewachsene Burschen sind, eine Truppe, die bei original Hamburger Aussprache mit braunen Knien daherkommt!

Ähnlich heißt es auch noch einmal am 12.8.1942:

Es gibt keinen Zweifel, daß die gesündeste Kleidung, die es gibt, kurze Wichs ist mit Halbschuh und Wadelstrümpfen! [...] Das Freiheitsgefühl, das man dabei hat, ist etwas Wunderbares! Eines der schwersten Opfer ist es gewesen, daß ich das aufgeben mußte. Nur wegen der Norddeutschen habe ich das getan! [...] Eine SS-Standarte Hochland wird in Zukunft kurze Wichs tragen!

Für Belgien hält Hitler laut Protokoll vom 27.2.1942 führendes Besatzungspersonal aus norddeutschen Landschaften - trotz der schon im ersten Weltkrieg genutzten sprachlichen Brücken - offenbar für weniger geeignet:

Nach Belgien muß ich jetzt einen Mann hinkriegen: Es ist ausschließlich die Personenfrage! Einen strammen norddeutschen Herrn kann ich da nicht hinsetzen. Es muß ein Mann sein, der kolossal gewandt ist, glatt wie ein Aal, liebenswürdig, zäh und hart. [...] Ich muß wirklich sagen, für diese Arbeit käme in erster Linie wieder ein Landsmann von mir aus der Ostmark in Frage.

Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische Sprache sein

Wie schon in "Mein Kampf" erweist sich der "Führer" 1942 noch immer als ausgesprochener Gegner eines zu eifrig betriebenen Fremdsprachenunterrichts an deutschen Schulen:

Es hat doch gar keinen Sinn, jedem Kind in einer Mittelschule zwei Sprachen beizubringen! Fünfundneunzig Prozent brauchen das doch gar nicht! (3.3.1942) Wir lernen jeder zwei, drei Sprachen, die sind vollkommen zwecklos. Außerdem kann einer nie reden, wenn er wo hinkommt. (29.8.1942) "Ein Beweis für Intelligenz ist es nicht, wenn einer mehrere Sprachen spricht. (4.9.1942)

Das eigene Talent auf diesem Feld ist laut Selbstbekenntnis begrenzt:

Ich habe kein Sprachentalent gehabt, aber vielleicht hätte ich es auch gehabt, wenn der Professor nicht so ein Idiot gewesen wäre. (7.9.1942)

Indessen heißt es jedoch an anderer Stelle:

Diese Balkaniden sind eigenartig. Die haben ein Sprachentalent sondergleichen!

16.8.1942

Ein Monolog-Protokoll für den 2./3.11.1941 enthält die offenbar in Anwesenheit Himmlers getätigte Weissagung, Deutsch werde gesamteuropäische Sprache:

Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische Sprache sein. Die Länder des Ostens, des Nordens wie des Westens werden, um sich mit uns verständigen zu können, unsere Sprache lernen. Die Voraussetzung dafür: An die Stelle der gotisch genannten [Buchdruck-]Schrift tritt die Schrift, welche wir bisher die lateinische Schrift nannten und jetzt Normalschrift heißen. Wir sehen jetzt, wie gut es war, daß wir uns im Herbst vorigen Jahres zu diesem Schritt entschlossen haben.

Am 3.11.1941 folgt jedoch die Ergänzung, dass Hitler im Rahmen seines "Rassenkrieges" in besetzten "Ostgebieten" nur "glückliche" Analphabeten anzutreffen wünscht:

Am besten ist, man lehrt sie nur eine Zeichensprache verstehen. Durch einen Rundfunk wird der Gemeinde vorgesetzt, was ihr zuträglich ist, Musik unbegrenzt. Nur geistige Arbeit sollen sie nicht lernen, wir dürfen ja nichts drucken lassen!

Die These einer amtlich betriebenen "Mundart-Ausmerzung" ist noch nicht belegt!

Die in einer Untersuchung Rechtschreibreform und Nationalsozialismus von Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner beispielhaft herangezogenen Quellen lassen - trotz der Bevorzugung von zentralistischen bzw. mundartfeindlichen Voten in der Auswahl - erkennen, dass es keineswegs ein einheitliches sprachpolitisches NS-Programm gegeben hat und bis in die 1940er Jahre hinein höchst unterschiedliche Positionen bei Institutionen und regimetreuen Wissenschaftlern anzutreffen sind. 8

In unserem Zusammenhang ist besonders ein langer Abschnitt über die "Herstellung der hochsprachlichen Reichseinheit" bedeutsam. Die Überschrift ist ein Zitat und verweist auf Maximilian Weller, der 1939 "die mundartfreie Rechtlautung des deutschen Volkes" gefordert hat. In der offen expansionistischen Phase des NS-Staates geht es offenbar nicht mehr allen Beteiligten am Sprachdiskurs nur um eine "überstammliche Reichssprache" (Herbert Ahmels). 1937 heißt es in einer Quelle aus der Reichsrundfunkkammer: "Sprachgeltung ist Volksgeltung und Volksgeltung ist Weltgeltung." Zur Weltherrschaft gehört nach Ansicht einiger Sprachideologen eine Weltsprache, und die könne - wie 1942 Fritz Fikenscher meint - "nur ein einheitlich gesprochenes Deutsch" ohne mundartliche Färbung sein.

Eine Verfügung des Reichspressechefs vom 31. März 1941 wurde in Westfalen als Order zur Ausmerzung der Mundarten aufgefasst. Auch eine parteiinterne Anweisung in den "Vertraulichen Informationen" (Nr. 32/312 vom 26.7.1941) sowie zwei protokollierte "Führer-Voten" vom 2.5.1942 und 21.8.1942 weisen auf eine Unerwünschtheit regionaler Dialekte im öffentlichen Kulturgeschehen des "Dritten Reichs" hin. Ist damit nicht erwiesen, dass die sogenannten "Stämme" - zumal angesichts des offenbar seit 1942 waltenden Erwartungshorizontes einer "deutschen Weltsprache" - über kurz oder lang dem Reich ihre Mundarten zum Opfer würden darbringen müssen?

Zur Erhärtung der These einer amtlich betriebenen "Mundart-Ausmerzung" - wider allen politischen Pragmatismus - bieten die von mir bislang gesichteten Indizien noch keine überzeugende Grundlage. Was in dieser Sache wirklich vonstattenging, lässt sich nur durch solide und materialreiche Regionalstudien erhellen. Für meinen eigenen südwestfälischen Forschungsbereich deutet alles hin auf eine mundartfreundliche Kulturpolitik. Unten wurden die Nazis vielfach geradezu als Retter und Bewahrer "stammeseigener Kulturgüter" betrachtet. Die Juden hingegen, so schrieb ein Heimatmatador 1942, seien Schuld am Niedergang des Plattdeutschen und an einer Verachtung des ländlichen Menschen.

Vor wenigen Wochen hat mir der Historiker Dr. Karl Ditt einen äußerst interessanten neuen Archivfund mitgeteilt, der ein Schreiben des Reichspropagandaministers betrifft. Joseph Goebbels habe auf eine Anfrage des westfälischen Landeshauptmanns Kolbow am 2. Mai 1942 (!) geantwortet, dass man trotz kriegsbedingter Maßnahmen im Bereich der Papierwirtschaft "nachwievor an höchster Stelle die wichtige Aufgabe der Pflege der deutschen Mundarten" nicht vernachlässige.

Die von mir zusammengestellten Voten Adolf Hitlers zeigen, dass dieser den Dialekten nicht zugetan war. Sie ergeben jedoch noch kein "Ausmerzungsprogramm". Selbst wenn die Befunde anders ausfielen, bliebe die Frage, welche Kompetenzen dem "Führer" des NS-Staates in dieser Frage wirklich zukamen. Ein nennenswerter Einfluss Hitlers auf Programmatik und Praxis nationalsozialistischer Kulturpolitik gilt in der Forschung keineswegs als erwiesen.