Hitlers Chefideologe

Alfred Rosenberg und "Der Mythus des 20. Jahrhunderts"

Alfred Rosenberg hat das nach "Mein Kampf" wichtigste Buch des Nationalsozialismus geschrieben. Hitlers Mann fürs Geistige lieferte, gerade mit seinem "Der Mythus des 20. Jahrhunderts", als Philosoph der nationalsozialistischen Rassenhybris in vorderster Linie weltanschauliche Munition für die Vernichtung "rassisch Minderwertiger" im "Dritten Reich". Rosenberg war damit ein führender Theoretiker des Holocaust. Antisemitismus hat er schon früh mit Antikommunismus verbunden. Der Balte trug wesentlich dazu bei, die Idee vom "Jüdischen Bolschewismus" zu entwickeln und zu popularisieren.

Doch er war nicht ausschließlich Theoretiker. An der Durchführung des Holocaust war er als Leiter des "Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete" (RMfdbO) auch ganz praktisch beteiligt. Alfred Ernst Rosenberg wird am 12. Januar 1893 in Reval, dem heutigen Tallin, geboren. Reval ist damals die Hauptstadt des russischen Gouvernements Estland. Rosenberg hat einen Bruder. Seine Eltern sind evangelisch. Sein Vater ist Woldemar Wilhelm Rosenberg. Als er zwei Monate alt ist, stirbt seine Mutter Elfriede Caroline Siré an Tuberkolose. Pflegemütter werden zwei Tanten des Jungen. Der Vater verscheidet 1904 im Alter von nur 42 Jahren nach langer Krankheit. Der Großvater Friedrich August Siré wird Alfreds Vormund.

Alfred Rosenberg (1941). Bild: Heinrich Hoffmann, Deutsches Bundesarchiv (Bild 146-2005-0168). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Es ist viel über eine mögliche jüdische Abstammung Rosenbergs spekuliert worden. Endgültige Beweise dafür wurden jedoch nie erbracht. Während der deutschen Besatzungszeit der Jahre 1941 bis 1945 wurden offenbar Akten in seiner Heimatstadt, die hier Klärung hätten bringen können, systematisch vernichtet. Alfred besucht die Petri-Oberrealschule, die er im Juni 1910 verlässt. Rosenberg schreibt sich in Riga, der Hauptstadt Lettlands, am Polytechnikum als Student der Architektur ein. Er ist hier Mitglied der Studentenverbindung "Rubonia", die ihm zur Ersatzfamilie wird. Ab dem Wintersemester 1915/16 wird das Polytechnikum wegen des Ersten Weltkrieges für vier Semester nach Moskau verlegt. Rosenberg ist vom Kriegsdienst freigestellt.

Im Frühjahr 1915 heiratet er Hilda Leesmann. Die Ehe hält bis 1923. Eine zweite Ehe mit Hedwig Kramer, die er 1925 schließt, endet erst mit seinem Tod. Mit seiner zweiten Frau hat er einen Sohn, der als Säugling stirbt, und eine Tochter. 1918 kehrt er noch einmal nach Moskau zurück und macht dort seine Abschlussprüfung. Er erhält dabei einen sehr negativen Eindruck vom revolutionären Russland, der für ihn sehr prägend ist. Im selben Jahr zieht er nach München. Er taucht ein in die völkisch-nationalistische Subkultur der bayerischen Landeshauptstadt. 1919 hört er zum ersten Mal Adolf Hitler in einer Veranstaltung sprechen. Er tritt im selben Jahr als Mitglied Nr. 625 in die DAP ein, die dann im Februar 1920 in NSDAP umbenannt wird. Rosenberg ist Gast bei der "Thule-Gesellschaft" und hält Kontakt zu russischen Emigrantenkreisen.

Er wird immer mehr ein glühender Antikommunist und ist überzeugt von der weitgehenden Steuerung der russischen Revolution und des Sowjetstaates durch Juden. Er arbeitet als produktiver völkischer Publizist mit einer monomanischen Fixierung auf die "Judenfrage". 1923 wird Rosenberg "Hauptschriftleiter" des "Völkischen Beobachters", den die NSDAP 1920 erworben hat und dessen Mitarbeiter er schon seit 1921 ist. Ab August 1923 erscheint die Zeitung täglich.

Am 9. November 1923 nimmt er beim Hitler-Putsch am Marsch auf die Feldherrenhalle teil. Er gilt als einer der Autoren des Putschplans. Nach dem gescheiterten Aufstand kommt es am 23. November 1923 zum Verbot der NSDAP. Der Völkische Beobachter muss sein Erscheinen einstellen. Rosenberg führt jetzt auf Anordnung Hitlers die illegale Bewegung. Er meldet als eine Ersatzorganisation die "Großdeutsche Volksgemeinschaft" (GVG) an. Hitler wird am 1. April 1924 zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt, die er unter Luxusbedingungen in Landsberg absitzen soll. Am 20. Dezember 1924 wird er vorzeitig entlassen.

Alfred Rosenberg in Uniform (ca. 1933 - 1941). Bild: Friedrich Franz Bauer, Deutsches Bundesarchiv (Bild 183-1985-0723-500). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Am 4. Mai 1924 erreicht eine Liste von Nationalsozialisten und "Deutschvölkischer Freiheitspartei" (DVFP) als "Nationalsozialistische Freiheitspartei" bei den Reichstagswahlen 6,5 % und damit 32 Mandate. Im August 1924 vereinigen sich Deutschvölkische und Nationalsozialisten gegen den Willen Hitlers zur "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands", mit Erich Ludendorff, Gregor Strasser und Albrecht von Graefe an der Spitze. Bei den Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924 erlangt die von politischen und menschlichen Konflikten zerrissene Gruppierung nur noch 3 Prozent der Stimmen. Die Hitler treue "Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft" in Norddeutschland ist streng antiparlamentarisch ausgerichtet.

Nach der Haftentlassung macht sich Hitler an die Reorganisation seiner Bewegung. Er beendet das Bündnis mit den Völkischen. Im Februar 1925 erfolgt die Neugründung der NSDAP. Rosenberg hat im Juni 1924 die vor allem gegen das Judentum gerichtete Zeitschrift "Weltkampf" gegründet. Er ist bis 1930 ihr Herausgeber. Am 26. Februar 1925 erscheint der Völkische Beobachter wieder. Rosenberg wird erneut Chefredakteur.

Es schwelen in der Bewegung weiter Konflikte. Rosenberg ist mit vielen NS-Funktionären zerstritten. Hitler persönlich muss ihn bewegen, anhängige Beleidigungsklagen gegen Ernst Hanfstaengl und Hermann Esser zurückzuziehen.

Rosenberg hat auch scharfe Differenzen mit den "NS-Linken" um die Brüder Otto und Gregor Strasser, deren sozialrevolutionären Kurs und vor allem auch relativ prosowjetische oder wenigstens prorussische Haltung er strikt ablehnt. Die Auseinandersetzung zieht sich hin, bis schließlich Otto Strasser mit einigen Getreuen am 4. Juli 1930 die Partei verlässt. Die letzten Reste des linken Flügels werden während des sogenannten "Röhm-Putsches" von Ende Juni bis Anfang Juli 1934 ausgeschieden, als Gregor Strasser von der SS ermordet wird.

1928 gründet Rosenberg die "Nationalsozialistische Gesellschaft für deutsche Kultur" (NGDK), die sich bald "Kampfbund für deutsche Kultur" (KfdK) nennt und ab 1934 dann in der "Nationalsozialistischen Kulturgemeinde" aufgeht. Mit dem KfdK beginnt er einen Feldzug gegen "Kulturbolschewismus" und "entartete Kunst". Rosenberg hat zahlreiche Prozesse am Hals, wegen Beleidigung, Pressevergehen und Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz. Es kommt sogar zu kurzen Haftstrafen, eine Woche 1921 und einen Monat 1928.

1930 gründet er die "Nationalsozialistischen Monatshefte". Im selben Jahr veröffentlicht er im Hoheneichen-Verlag sein Hauptwerk "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" mit dem Untertitel "Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit". Das Buch wird bis 1944 eine Auflage von 1.335.000 Exemplaren erreicht haben. Der "Mythus", der am 7. Februar 1934 vom Vatikan auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher gesetzt wird, mit seiner Theorie über Rassenseelen und seiner manichäisch-dualistischen Gegenüberstellung von Judentum und nordischer Rasse stellt das mit bedeutsamste und anspruchsvollste theoretische Dokument des deutschen Faschismus dar.

Nach den Reichstagswahlen vom 14. September 1930, bei der die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen erhält und sich damit von 12 auf 107 Sitze im Parlament steigert, wird Rosenberg Abgeordneter im Reichstag. Er wird dort außenpolitischer Sprecher der Partei. In dieser Zeit gibt es allerlei Gerüchte wegen seiner Herkunft. Man unterstellt ihm auch, er habe im Ersten Weltkrieg für die Entente spioniert oder sei zeitweise sogar kommunistischer Agitator gewesen. Rosenberg wehrt sich mit zahlreichen Beleidigungsklagen und hat damit teilweise auch Erfolg.

Anfang Dezember 1931 reist er nach England. Es ist die erste offizielle Auslandreise eines prominenten Nationalsozialisten. Er trifft unter anderem den britischen Kriegsminister Lord Hailsham. Eine zweite Reise unternimmt er nach der Machtergreifung in seiner offiziellen Funktion als Leiter des neu gegründeten "Außenpolitischen Amtes der NSDAP" (APA) im Mai 1933. Diese Reise wird ein Desaster mit weitreichenden Folgen für seine Karriere. Vor dem Hintergrund des Boykotts von jüdischen Geschäften vom 1. April 1933 und der Bücherverbrennung am 10. April ist die britische Öffentlichkeit gegen das NS-Regime eingestellt. Der Premierminister MacDonald weigert sich, Rosenberg, der sehr ungeschickt agiert und auch des Englischen nicht mächtig ist, zu empfangen. Er verlässt England zwei Tage früher als geplant.

Rosenberg hatte sich nach der Machtübernahme Hoffnungen gemacht, an Hitlers Kabinettstisch Platz nehmen zu können, bevorzugt als Außenminister. Daraus wir nach diesem Fiasko nichts. Im Juni 1933 wird Rosenberg immerhin Reichsleiter und ist dadurch Teil der NS-Führungsriege und gleichrangig mit Ministern. Im Januar 1934 wird er zum "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" und steht einer Dienststelle vor, die als "Amt Rosenberg" (ARo) bezeichnet wird.

Am 15. November 1933 tritt Rosenberg als einziger führender Nationalsozialist aus der Kirche aus. Die christlichen Kirchen sehen in Rosenberg ihren wichtigsten Kontrahenten in der NSDAP und widmen seinem "Mythus" verschiedene Entgegnungsschriften. Hitler will die Auseinandersetzung mit dem Christentum bis nach dem Krieg vertagen. Er grenzt sich von den kirchenkritischen Bemühungen Rosenbergs ab und drängt ihn zu betonen, dass die in dem Buch geäußerten Ideen nicht parteioffiziell sind, sondern seine Privatmeinung. Dabei hat er bekannt, das Werk seines Gefolgsmannes nicht zur Gänze gelesen zu haben, weil es ihm zu schwer verständlich sei.

Rosenbergs Ambitionen richten sich auch auf den skandinavischen Raum. Er ist im "Großen Rat" der "Nordischen Gesellschaft", die im Juni 1934 dem APA unterstellt wird und im Ostseeraum für deutsche Interessen Freunde gewinnen will. Rosenberg wird während der ganzen Zeit des "Dritten Reiches" mit NS-Größen wie Ribbentropp, Goebbels, Ley und Himmler um Einfluss im polyzentrischen Kompetenzen- und Hierarchiengewirr des Regimes und um Zugang zu Hitler konkurrieren. Hitler wird sich bei diesen Konflikten nie endgültig für eine Seite entscheiden, sondern sich alle Optionen offenhalten.

Im September 1937 erhält Rosenberg den als Gegen-Nobelpreis gedachten Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft. Er wird im "Dritten Reich" Ehrenbürger der Städte Lemgo, Düsseldorf, Münster und Köln. 1941 wird ein "Alfred Rosenberg-Preis" gestiftet. Rosenbergs APA spielt eine wichtige Rolle bei der Invasion Norwegens am 9. April 1940. Rosenberg hat früh Kontakte zum norwegischen Faschistenführer Vidkun Quisling. Nach einer Aussprache von Quisling mit Hitler, die indirekt von Rosenberg vermittelt wurde, fällt die Entscheidung für den Einmarsch am 14. Dezember 1939 in Berlin.

Rosenberg (2.v.l.) spricht zur Judenfrage vor Diplomaten (1939). Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 183-2006-0717-500). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Rosenberg betreibt das Projekt einer nationalsozialistischen Eliteuniversität, der "Hohen Schule". Zu ihr gehören Institute in verschiedenen Städten, teils geplant, teils realisiert. Nur geplant ist ein gewaltiges Gebäude für diese Schule an den Ufern des Chiemsees. Als erste Einrichtung wird am 26. März 1941 das "Institut zur Erforschung der Judenfrage" in Frankfurt am Main eröffnet. Bei Kriegsende finden sich 2 Millionen europaweit zusammengestohlene Bücher im Bestand dieses Instituts.

Dem Raub von Büchern und Kunstgegenständen dient ab Juli 1940 der "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" (ERR) unter Leitung des APA. Er beschafft im Krieg Bücher und andere Materialien aus Archiven und Bibliotheken jüdischer, freimaurerischer, linker und demokratischer Organisationen für die Hohe Schule. Mit der Zeit wurde das Requirieren von Kunst in den besetzten Gebieten wichtigstes Aufgabengebiet des ERR. Es wird im Zusammenhang mit seinen Aktivitäten vom größten Kunstraub der Geschichte gesprochen. Allein in Frankreich sammelt die Organisation über 21.000 Objekte, in Russland über 500.000.

Vier Wochen nach dem Überfall auf die UdSSR wird der Balte am 17. Juli 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete (Baltikum, Weißrussland und Ukraine). Mit dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) wird er zum zentralen Mittäter des Holocaust. Das Ostministerium ist auf der administrativen, planerischen, politischen und ideologischen Ebene am Mordprogramm beteiligt. Sein Projekt ist die "Germanisierung" des Ostens

Zwei Vertreter des Ministeriums nehmen an der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 teil, auf der der begonnene Holocaust systematisch koordiniert und die Verbringung der Juden in den Osten zu deren Vernichtung geplant wird. Das Ostministerium vertritt einen radikalen Standpunkt. Selbst kriegsrelevante Überlegungen, nach denen die Juden vor der Auslöschung noch wirtschaftlich vernutzt werden sollen, werden von ihm zugunsten einer möglichst schnellen Ermordung außer Acht gelassen.

Den nichtrussischen Völkern in der Sowjetunion bringt er hingegen ein gewisses Verständnis entgegen. Er will sie als antibolschewistische Alliierte gewinnen. Damit wird er zum Gegenspieler von Vertretern einer "Herrenmenschen"-Haltung wie dem Reichskommissar in der Ukraine, Erich Koch, für den auch die nichtrussischen Völker des Ostraumes Untermenschen sind, die sich nur als Sklaven eignen.

Mit schwindendem Kriegsglück der Wehrmacht wird das Territorium unter der Verwaltung des Ostministeriums im Laufe des Krieges immer kleiner. Am 6. Mai 1945 entlässt der Nachfolger Hitlers als Reichspräsident Karl Dönitz Rosenberg als Minister. Am nächsten Tag unterzeichnet Generaloberst Jodl die Gesamtkapitulation des Deutschen Reiches. Ebenfalls Anfang Mai wird Alfred Rosenberg von den Alliierten verhaftet.

Er wird im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, der vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 stattfindet, angeklagt. Rosenberg steht nicht zu seiner Schuld, sondern versucht, sie auf Hitler, Himmler und Bormann abzuwälzen. Bis zum Schluss hält er an seiner Ideologie fest. Er erklärt, der Nationalsozialismus sei die edelste Idee, für die ein Deutscher die ihm gegebenen Kräfte einzusetzen vermochte. Er sei eine echte soziale Weltanschauung und ein Ideal blutbedingter kultureller Sauberkeit gewesen.

General Alfred Jodl, Hans Frank, and Alfred Rosenberg (von links nach rechts) bei den Nürnberger Prozessen (1946). Bild: US Government

Alfred Rosenberg wird am 1. Oktober 1946 zum Tode verurteilt und gehenkt. Auf dem Weg zum Schafott fragt ihn der amerikanische Gefängnisgeistliche, ob er für ihn beten soll. Als einziger Verurteilter verneint Rosenberg. "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" entwickelt die weltanschaulichen Vorstellungen des nationalsozialistischen Theoretikers systematisch. Er sieht das Werk dabei als eine Art Fortsetzung von Houston Stewart Chamberlains antisemitischen und rassistischen "Klassiker" "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" aus dem Jahre 1899.

Der arische Mensch ist der primäre Kulturstifter der Menschheit. Schon früh kämpfen in Kulturen wie der indischen oder persischen lichte Impulse nordischer Art mit dunklen Einflüssen niederer Rassen. Repräsentant des Ariertums ist beispielsweise der iranisch-zoroastrische Lichtgott Ahura Mazda, der mit dem niederrassigen Dämon Angromainyu ringt.

Vielleicht schönster Ausdruck des nordischen Menschentums ist Hellas mit seinem blonden Gott Appollon und der Kriegerin Pallas Athene. Sie stehen im Kampf mit erdhaften Göttern wie Demeter oder Dyonisos, die sich mit der Zeit durchsetzen. In Rom zeigt sich der Kampf zwischen Licht und Dunkelheit noch gewaltiger. Das ursprüngliche Rom ist ein echt völkischer Staat. Mit der Zeit kommt es aber auch hier zu einer Degeneration, es entsteht ein Rassenchaos.

Dieser Verfall führt schließlich zum Aufstieg der römischen Kirche. Rosenberg bekundet großen Respekt vor der Gestalt Jesu Christi, der für ihn kein Jude ist. Bei Paulus jedoch wird das Christentum jüdisch-asiatisch deformiert. Durch die Geschichte bekämpfen sich paulinisch-niederrassiges Judenchristentum und heroisch-nordisches Positives Christentum. Beispiele für letzteres sind Ketzerbewegungen wie die Waldenser und Katharer, oder Lutheraner und Hugenotten.

Jedes Volk, jede Rasse, strebt einem Höchstwert, einem höchsten Ideal zu. Wendet sich ein Volk einem ihm seelisch fremden Höchstwert zu, so entsteht Chaos. Eigentlicher Höchstwert des Ariers sind die Freiheit und vor allem die Ehre. Fremde Höchstwerte sind das katholische Dogma der Liebe und demutsvollen Unterordnung unter eine Priesterschaft, oder der schrankenlose materialistische Individualismus des bürgerlichen Liberalismus. Rasse ist weniger ein biologisches, als ein seelisches Phänomen. In einem Volk teilen sich alle Glieder eine Rassenseele, die mit andersgearteten Rassenseelen ringt.

Größter Apostel des nordischen Abendlandes ist der Mystiker Meister Eckehart. Eckehart steht für eine neue, arische Religiosität. Seine Lehre verspricht Gottesunmittelbarkeit ohne priesterliche Vermittlung. Große Kunst ist ein Ausdruck einer reinen Rassenseele. Fehlt sie, so wird das Abstoßende, das absolut Hässliche und Naturwidrige schön, wie zum Beispiel in jüdischer Kunst. Dem Juden fehlt echte Genialität. Ausdruck nordischen Schönheitsempfindens sind beispielsweise Michelangelo, Tizian oder Dante. Mit Vincent Van Gogh, Paul Gaugin oder Picasso entsteht schließlich Mestizenkunst im Rassenchaos der modernen Stadt, Ausdruck von geistiger Syphilis und malerischem Infantilismus.

Jeder Kunstschöpfung liegt ein gestaltender Wille zugrunde. "Wille" wird hier nicht verstanden als der schopenhauersche blinde Trieb, sondern als ein Impuls, der absolut zielstrebig und schaffend ist. Germanische Kunst ist Tat, d. h. geformter Wille. Jedes Volk hat und braucht einen Mythus. Im antiken Griechenland war das die Götterwelt Homers. Das Judentum hat einen negativen Mythus, den der eigenen Auserwähltheit. Der Mythus des nordischen Menschen ist der Mythus des Blutes. Dieser Mythus vom Blut liegt der neuen Religion, der neuen deutschen Volkskirche zugrunde. Ein deutscher Staat kommender Zeiten hat diese Religion zu beschützen. Rassenschutz, Rassenzucht und Rassenhygiene sind das Gebot der Zukunft. Auf geschlechtlichen Kontakt zwischen Ariern und Juden muss die Todesstrafe stehen.

Die deutsche Volkskirche wird sich vom Alten Testament als Urkunde der jüdischen Rassenseele befreien und auch das Neue Testament einer strengen Redaktion unterziehen. Der demutsvolle Jesus, der Gekreuzigte, muss dieser Redaktion zum Opfer fallen. Es wird der heldische Nazarener bleiben, der die jüdischen Händler aus dem Tempel treibt.

Hat Alfred Rosenberg ein Nachleben? Sicher ist es so, dass sein "Mythus" nicht zur bevorzugten Lektüre des Nazi-Fußvolks zählt. Es war aber schon im historischen Nationalsozialismus der Fall, dass sein Buch vor allem auf und über Multiplikatoren wie Parteifunktionäre oder Lehrer wirkte. Das dürfte sich nicht verändert haben. Rosenbergs Werk ist immerhin als Hörbuch im Internet verfügbar, von einer Website für Nazi-Esoterik zur Verfügung gestellt. Eine Rezeption dürfte es daher auch in Kreisen des extremistischen Neuheidentums erfahren, das schon im "Dritten Reich" zu seinen Verbündeten gehörte. Andreas Molau, unter anderem ehemaliger Mitarbeiter der sächsischen und mecklenburg-vorpommerschen NPD-Landtagsfraktionen und später Mitglied der "Bürgerbewegung PRO NRW", hat im rechten Siegfried Bublies-Verlag ein Buch über den Hausphilosophen des Nationalsozialismus vorgelegt. Ein Bedarf scheint also vorhanden zu sein. (Dietmar Gottfried)