Hitparade der Schuldgefühle

Einer neuen Studie nach unterscheiden sich Christen in ihren sexuellen Aktivitäten wenig von Agnostikern und Atheisten, fühlen sich dabei aber schlechter

Der Psychologe Darrel W. Ray wurde 2009 mit seinem Buch The God Virus bekannt. Sein nächstes Werk soll Sex and God heißen. Anlass dazu bot ihm seinen eigenen Angaben nach der Anschein, dass Religionen geradezu von der menschlichen Sexualität besessen sind und von der Abtreibung über die Homosexualität bis hin zur Masturbation Kontrolle darüber ausüben wollen. Für eine vorab erschienene Studie, die Ray zusammen mit der Studentin Amanda Brown erstellte, wurden etwa 14.500 jetzt säkular lebende Amerikaner zu ihrer ehemaligen Religionszugehörigkeit sowie zu ihren geschlechtlichen Gewohnheiten und Gefühlen befragt.

Ray bewirbt Sex and Secularism mit der Bemerkung: "Selbst wenn Sie nicht an Sex interessiert sind (was schwer zu glauben ist) könnten Sie die vielen demografischen Tatsachen interessieren, die wir herausfanden." Eine dieser von ihm postulierten Tatsachen ist, dass es zwischen Religiösen und Nichtreligiösen keine wesentlichen Unterschiede in der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs gibt. Ebenso verhält es sich angeblich mit Masturbation, dem Konsum von Pornografie, Oralverkehr und Ehebruch. Eine methodische Schwäche seiner Untersuchung ist allerdings, dass Ray keine Daten von aktuell, sondern lediglich von ehemals Religiösen verwendet. So ließe sich beispielsweise auch argumentieren, dass sich die Befragten deshalb so ähnlich sind, weil sie ihren Trieb nicht auf Dauer mit religiösen Anforderungen vereinbaren konnten.

Ray jedoch schließt aus seinen Daten, dass das eigene Sexleben bei Religiösen deutlich häufiger mit Schuldgefühlen verbunden ist und fasst das Grundergebnis der Studie mit den Worten zusammen: "Die Religion hält Menschen nicht von sexuellen Aktivitäten ab, sie sorgt nur dafür, dass sie sich schlecht fühlen." Der Effekt, dass sich viele Religiöse an ihren Gott oder ihren Beichtvater wenden, um die Schuldgefühle zu lindern, trägt seiner Ansicht nach auch dazu bei, dass der Bedarf nach Religion aufrecht erhalten bleibt. Dass der Psychologe darüber hinaus postuliert, Religiöse hätten weniger Spaß an der Sexualität, könnte jedoch auch mit zu wenig komplexen Fragestellungen zu tun haben, die den Reiz des Verbotenen nicht in ausreichendem Maße mit einbeziehen.

Am schuldigsten fühlen sich der Studie nach ausgerechnet die früher für ihre Vielweiberei berüchtigten Mormonen, die auf einer bis 10 gehenden Skala einen Wert von 8,19 erreichen. Danach folgen Zeugen Jehovas, Pfingstler und Baptisten. Katholiken liegen mit 6,34 nur überraschend knapp vor Lutheranern, die auf 5,88 kommen. Noch weniger Schuldgefühle haben Agnostikern mit einem Wert von 4,81 und Atheisten mit 4,71.

Von den Befragten, die in sehr religiösen Elternhäusern aufwuchsen, berichteten 22,5 Prozent von negativen Reaktionen der Eltern bei der Entdeckung der Masturbation, während dieser Wert bei Personen, die in weniger gläubigen Haushalten lebten, nur bei 5,5 Prozent liegt. Und während 79,9 Prozent der befragten Sprösslinge sehr religiöser Eltern angaben, dass sie sich zumindest für einen Teil ihrer sexuellen Aktivitäten schämten, liegt dieser Welt bei Personen, die in einem säkularen Umfeld groß wurden, nur bei 26,3 Prozent. Kinder von religiösen Eltern bezogen ihr Wissen über Sexualität darüber hinaus stärker als andere aus Pornografie. Das ist insofern schlüssig, als Rays Daten nach 38 Prozent der eher säkularen Eltern, aber nur 13 Prozent der religiösen mit ihren Kindern über das tabuisierte Thema sprachen.

Allerdings legen die Ergebnisse der Studie auch nahe, dass der Einfluss religiöser Elternhäuser nicht unüberwindbar ist: 55 Prozent der Personen, die später Atheisten oder Agnostiker wurden, bewerteten ihr Sexualleben danach (auf einer Skala bis 10) im Bereich zwischen 7 und 10, während nur 2,2 Prozent von einer Verschlechterung berichten. Der Effekt, der die beiden Autoren der Studie (die mit lang anhaltenderen Prägungen rechneten) nach eigenen Angaben überraschte, könnte jedoch auch mit der Überwindung pubertärer Schwierigkeiten zu tun haben, welche nicht in jedem Fall religiös bedingt sein müssen. (Peter Mühlbauer)