Hobbessche Welt

In Paul Haggis „L. A. Crash“ ist der „Kampf aller gegen alle“ längst Realität

Nichts scheint mehr vom amerikanischen Traum, der auf Ausgleich und Verständigung zwischen den Rassen, Völkern und Kulturen hofft, im Moloch Los Angeles übrig geblieben zu sein. Jeder, gleich ob Mann oder Frau, Schwarzer oder Weißer, Winner oder Loser, scheint in der „Stadt der Engel“ von seinen Neurosen geplagt oder von seiner Paranoia verfolgt zu werden; und jeder scheint im anderen nur noch den Feind zu erblicken, der ihm ans Leder oder an die Wäsche will. Auch die Erwartung, dass die Politik der „guten Absichten“ an der gesellschaftlichen Misere etwas ändern würde, hat sich längst ins Gegenteil verkehrt. Statt durch Affirmative Action die Benachteiligung von Minderheiten nach und nach zu beseitigen und ihre Integration dadurch zu erleichtern, ist sie in Missgunst, Bitternis und Gehässigkeit umgeschlagen und hat die Feindschaft unter den Ethnien noch erhöht.

Nirgends ist bislang Samuel Huntingtons „Clash of Civilisations“ besser bebildert, Giorgio Agambens „Ausnahmezustand“ des Alltäglichen realistischer in Szene gesetzt worden als in Paul Haggis „L.A. Crash“. Nur kämpfen hier nicht Gruppen, Clans oder Stammeskulturen um Anerkennung und ums nackte Überleben, sondern Individuen. Damit muss auch die Hoffnung auf Abgrenzung und Abschottung der Ethnien und Kulturen, die in Huntingtons "Kulturkreislehre" ständig mitschwingt, fahren gelassen werden. Der Feind, der dem Gegenüber an den Kragen will, ihm den Erfolg neidet oder den Misserfolg an den Hals wünscht, lauert überall, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in den Behörden.

Thandie Newton und Matt Dillon in "L.A. Crash"

Nicht einmal gated communities und Überwachungskameras können davor schützen. Auch auf den Licht durchfluteten und von Polizeipatrouillen kontrollierten Boulevards lauert die Gefahr, überfallen und ausgeraubt, belästigt und zusammengeschlagen zu werden - von Gesetzeshütern ebenso wie von vagabundierenden Gesellen. Die zu Anfang des Films von Haggis geäußerte Hoffnung, die Lage würde sich bessern, wenn die Bewohner von L.A. ihre Schutzschirme in Form verdunkelter Autoscheiben, zynischen Geredes oder herausgeputzter Vorgärten ablegten und mit dem anderen offen kollidieren würden, wird im Laufe des Films Stück um Stück zerpflückt und ad absurdum geführt. Gerade die ungeschützten Kollisionen und alltäglichen Berührungen führen zu all den Psychosen, Gemeinheiten und Gewalthandlungen, die der Film zunächst willkürlich aneinanderreiht, später aber zu einem Handlungsstrang zusammenführt.

Die spannende Frage, ob die Vielzahl der täglich erfahrenen Verletzungen, Demütigungen und Erniedrigungen den Kampf der Kulturen befeuert oder ihr Zusammenprall erst die Erfahrungen derselben, beantwortet der Film nicht. Mit Recht enthält Haggis sich der Antwort. Denn offensichtlich ist das auch gar nicht mehr das Problem. Der „Kampf aller gegen alle“ ist schon so weit fortgeschritten, das Ressentiment schon so tief in die Menschen eingedrungen, dass weder Ursachenforschung noch Psychoanalyse etwas bewirken, geschweige denn lösen oder verbessern würden.

Der mal offene mal heimliche oder versteckte Rassismus hat sich mit dem institutionell sanktionierten Antirassismus, den Regierungen und Fernsehanstalten predigen, längst vermischt. Sie sind beide so unentwirrbar geworden, dass keiner mehr sagen kann, wie es zu dieser Welle ethnisch motivierter Verdächtigungen und Übergriffen, Unterstellungen und Anfeindungen gekommen ist, wie dieser Bazillus trotz aller gütigen Vorsorge die Menschen befallen hat oder wie er bekämpft werden könnte. Sogar dort, wo offizielle Stellen streng und mit Argusaugen über die Einhaltung moralisch korrekter Einstellungen wachen, in den Medien und in der Politik, entkleidet sich die zur Schau getragene „gute Gesinnung“ nur als antirassistische Maskerade. Die politisch korrekte Haltung wird zum Vorwand und Vehikel für den Kampf um Karrieren und Beförderungen, während hinter den Kulissen der Kampf ums nackte Überleben weitergeht.

Ryan Phillippe in "L.A. Crash"

Dabei handeln auch die Personen in sich gespalten und widersprüchlich und entdecken in sich den Feind als "unsere eigene Frage als Gestalt" (Theodor Däubler). Nichts bürstet sich hier nach den bekannten Schwarz-Weiß-Schemata: hier die Guten, dort die Bösen, hier der Freund, dort der Feind, hier der Täter, dort das Opfer. Und nichts wirkt in dem Film moralisch aufgesetzt, beschönigend oder irgendwie klischeehaft. Der weiße Rassist ist keine Ausgeburt der Hölle, er rettet die dunkelhäutige Frau, die er kurz vorher gedemütigt und sexuell belästigt hat unter Einsatz seines Lebens vor den Flammen ihres verunglückten Autos. Sein schwarzer Kollege, der lange Zeit wie der einzig gute Mensch hilflos durch die Wahnwelt stapft, erscheint auch nicht als unschuldig oder bloßes Opfer. In einem cholerischen Anfall, einer Mischung aus Angst und Wut, erschießt er ausgerechnet jenen schwarzen Anhalter, der die weiße Kultur liebt, Countrymusik und Eishockey.

Kein Wunder, dass auch die Exekutive, Polizei und Strafverfolgungsbehörden, in dieser höchst nüchtern und illusionslos geschilderten Realwelt nur noch Akteure im Überlebens- und Selbstbehauptungskampf sind, der noch nicht wie in Sin City zum „Prestigekampf auf Leben und Tod“ (Alexandre Kojeve) ausgeartet ist. Statt Ordnung, Schutz und Sicherheit seinen Bürgern zu gewährleisten und ein ziviles Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gruppen zu ermöglichen, sind sie vielmehr Teil des Problems, von Unordnung, Anarchie und Chaos.

Terrence Dashon Howard in "L.A. Crash"

Selten wurde dem Zuschauer so plastisch, eindringlich und schonungslos die Abdankung des Leviathan, seine Kapitulation vor Korruption und Erpressung, dumpfer Gewalt und seelenloser Aggression, vor Augen geführt. Dass den Menschen angesichts dieser heillos gewordenen Welt nur noch Zeichen und Wunder helfen, unsichtbare Talismänner, unbedachte Handlungen oder einfach glückliche Umstände, kann da kaum mehr verwundern. Schon Heidegger hat daher in den 1960ern vermutet, dass den Menschen nur noch ein Gott helfen könne. (Rudolf Maresch)

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