Hochkonjunktur für Bedenkenträger

Bedenkenträger wohin man schaut bei den Berliner Jamaika-Verhandlungen, wenn es um Klimaschutz und Energiewende geht. Ein Kommentar

Ausstieg aus der Kohle? Dann werde Deutschland de-industrialisiert. Richtig ist natürlich das Gegenteil: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Kohleausstieg wird Deutschland re-industrialisieren. Wer sich nicht rechtzeitig auf die Zukunft einstellt, wird von der Konkurrenz im Ausland abgehängt.

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20 Länder haben auf der Klimakonferenz in Bonn soeben beschlossen, spätestens bis 2030 aus der Kohle auszusteigen. Diese neue Kohle-Ausstiegs-Koalition wird angeführt von Kanada, England und Frankreich. Weitere 30 Länder sollen bis zur nächsten Weltklimakonferenz in einem Jahr dazu kommen. Deutschland als Gastgeber der Bonner Konferenz ist nicht dabei und verschläft die Zukunft. Denn diese gehört den Erneuerbaren.

Umstieg auf Elektroautos? Bitte schön langsam. Bitte Rücksicht auf die Arbeitsplätze. Dass exakt die Jobs in der deutschen Autobranche gefährdet sind, wenn wir China und Kalifornien die Zukunft von E-Autos überlassen, will in die Köpfe der hiesigen Dinosaurier-Autobauer einfach nicht hinein. Wenn in Deutschland die Entwicklung der E-Autos so weitergeht wie bisher, dann haben wir vielleicht im Jahr 2040 den Stand von 1899 wieder erreicht. Damals fuhren mehr E-Autos als Benziner.

Angeblich droht Stromausfall, wenn Deutschland bis 2030 aus der Kohle aussteigt. Dass wir hierzulande ständig mehr Strom exportieren und weit mehr produzieren, als wir selbst verbrauchen, wird ebenfalls verdrängt.

In dieser Situation erscheint in diesen Tagen ein Buch, in dem einer der wichtigsten Vordenker zum Thema Energie und Mobilität, der Silicon Valley-Unternehmer Tony Seba, vorhersagt, dass die Welt bis 2030 zu 100% erneuerbar sein wird. Das Buch hat den Titel: "Saubere Revolution 2030".

Seine Haupt-These: Disruptive Veränderungen vollziehen sich immer schneller, als selbst Experten vorhersagen. Wer verstehen will, wie Solarenergie, autonom fahrende Elektroautos und andere exponentiell wachsende Technologien in ein Zeitalter dezentraler und regenerativer Energie und Mobilität führen, sollte die Thesen dieses Buches ernst nehmen.

Die radikale Reform der globalen Energiesysteme ist nicht nur möglich, sie hat längst begonnen. Die Entwicklung der Ökoenergien heute ist vergleichbar mit der des Mobiltelefons in den Achtzigern. Damals sagte McKinsey im Auftrag des US-Telekommunikationskonzerns AT&T voraus, dass es im Jahr 2.000 in den USA etwa 900.000 Handys geben werde. Es waren tatsächlich 120-mal mehr.

Das heißt: eine neue Technologie taucht auf, wird eine Zeit lang verlacht, dann bekämpft und - wumms! - hat sie sich ganz rasch durchgesetzt. Disruptive Entwicklung wird so etwas heute genannt. Seit dem Jahr 2000 haben wir weltweit den Solarstrom verhundertfacht und den Windstrom verfünfzehnfacht. Die Welt kann bis 2030/2040 zu 100 Prozent erneuerbar sein.

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2015 hat das renommierte Fraunhofer-Institut Kilowattstunden-Preise für Solarstrom von zwei bis vier Cent bis zum Jahr 2050 vorausgesagt. Schon 2017 war es in vielen Gegenden der Welt soweit - zum Beispiel in Chile, Südindien und Zentralafrika.

Entscheidend ist freilich, dass die Politik die passenden Rahmenbedingungen schafft. Eine ähnliche Entwicklung halte ich bei Elektroautos und bei Speichertechnologien für erneuerbare Energien für möglich. Einer der erfolgreichsten Solarforscher der Welt, Professor Eicke Weber: "Die Umstellung auf erneuerbare Energien ist ein großes weltweites Konjunkturprogramm." Worauf warten denn die deutschen Jamaikaner noch?

(Franz Alt)

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