Hochleistungsgetreide der Grünen Revolution schuld an Mangelernährung

Ein Bericht macht Umweltschäden und neue Pflanzensorten für einen Rückgang der Intelligenz verantwortlich

Umweltzerstörung schadet nicht nur unseren Körpern, sondern macht uns zusätzlich auch noch dümmer. Zumindest gibt es negative Auswirkungen der Umweltverschmutzung, aber auch durch neue Anbaumethoden und neuen Pflanzenarten auf das menschliche Gehirn und damit die Intelligenz der Mitglieder der Wissensgesellschaft, wie Chris Williams vom Londoner Institute of Education nachweisen will.

Im Rahmen des Global Environmental Change Programme, das vom britischen Economic and Social research Council finanziert wird, analysierte Williams Veröffentlichungen aus den letzten Jahrzehnten, um die Folgen der vom Menschen veränderten Umwelt auf dessen Intelligenz festzustellen. Meist werden dabei allerdings nur einzelne Faktoren berücksichtigt, kritisiert Williams, das Problem aber sei durch die Akkumulation von Veränderungen wahrscheinlich viel größer, als bislang angenommen wurde. Eine Kombination aus Bodenerosion, Verschmutzung und unausgewogener Ernährung, so Williams Fazit, schadet der Intelligenz von Millionen von Menschen. Die Folgen reichen von schweren Gehirnschäden bis zu leichtem kognitiven Abbau und sind vor allem in den Entwicklungsländern zu erkennen. Und dafür gibt es jetzt auch einen Namen: Environmentally-Mediated Intellectual Decline (EMID).

Umweltgifte wie Blei und PCBs (Polychlorierte Biphenyle) reichern sich in den Menschen an. Vor allem in den Ballungsräumen speichern die Kinder schon Blei in ihrem Blut, was ihre kognitiven Fähigkeiten mindert. Angeblich sinkt, wie die UNICEF herausbekommen haben will, bei Kleinkindern, die nicht mehr mit Muttermilch gestillt, sondern mit Ersatzernährung gefüttert werden, der Intelligenquotient um 8 Prozentpunkte ab. Bodenerosion sorgt dafür, dass in den Nahrungsmitteln weniger wichtige Mineralien und Nährstoffe enthalten sind, was wiederum zu einer höheren Aufnahme an Giften führen kann. Verschmutztes Wasser wirkt sich gleichfalls kognitiv aus, ebenso wie mangelnde Proteine (PEM).

Offenbar spielen dabei die Züchtungen von Hochleistungspflanzen, die für die viel gepriesene "Grüne Revolution" gesorgt haben und deren Leistung jetzt durch genveränderte Pflanzenarten noch einmal gesteigert oder auch kompensiert werden soll, eine erhebliche Rolle. Obgleich sie mit dazu beigetragen haben, die Lebensmittelversorgung insgesamt zu verbessern und so für einen Rückgang des Hungers aus Kalorienmangel zu sorgen, besteht weiterhin ein Mangel an essentiellen Nährstoffen bei vielen Menschen. Schuld daran sind auch die durch die "Grüne Revolution" eingeführten Hochleistungsgetreide, die beispielsweise weniger Eisen oder Zink aufnehmen.

Die Hochleistungsgetreide, die oft weniger Mineralien als die zuvor angebauten Arten enthalten, haben sich schnell verbreitet, weil sie die Ernteerträge oft um ein Vielfaches haben ansteigen lassen. Innerhalb von sieben Jahren nach der Einführung dieser neuen Weizenarten konnte Indien seine Weizenproduktion verdoppeln. Allerdings verdrängten sie auch die Vielfalt der noch in der Landwirtschaft verwendeten Arten. Etwa 30000 Pflanzenarten sind essbar, angebaut werden heute noch etwa als Nahrungsmittel 120 Arten, über die Hälfte der Nahrungsenergie stammt dabei aus Weizen, Mais und Reis. Wie Williams schreibt, waren allein durch den von der "Grünen Revolution" verursachten Eisenmangel 1,5 Milliarden Menschen betroffen, vor allem in Süd- und Südostasien. Mehr als die Hälfte der indischen Schulkinder seien dadurch in ihrer Lernfähigkeit behindert. Die Hälfte der schwangeren Frauen in den Entwicklungsländern weisen eine Eisenmangelanämie auf, wodurch sie und ihre Kinder gefährdet sind. Man geht davon aus, dass an Eisenmangel jährlich 200000 Menschen sterben. Bei ebensoviel Menschen besteht die Gefahr eines Jodmangels. Überdies leiden 40 Millionen Kinder an Vitamin-A-Mangel: "Hochertragsgetreide der Grünen Revolution wurden in die armen Länder zur Bekämpfung des Hungers eingeführt", sagt Williams, "aber sie gelten jetzt als Ursache für geistige Defizite, weil sie nicht die wichtigen Mikronährstoffe aufnehmen."

Natürlich wurden bereits Pflanzen gentechnisch erzeugt, die etwa mehr Eisen enthalten, um den Eisenmangel zu bekämpfen. Doch zu welchen Folgen möglicherweise diese neuen Wunderpflanzen wiederum langfristig führen, ist natürlich weitgehend unbekannt. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass die gentechnisch veränderten Pflanzen, die gegen Herbizide und/oder Insektizide resistent gemacht werden, kaum mehr Erträge bringen, aber dazu führen, dass mehr Herbizide und Insektizide in den Boden und damit auch in die Nahrungskette geraten. Vielfach sind heute Bauern dazu gezwungen, wenn sie genverändertes Saatgut kaufen, auch festgelegte Pestizidmengen abzunehmen, die auf das Saatgut abgestimmt sind. Herbizide und Pestizide, die immer wieder angewendet werden, können beispielsweise nicht nur Insekten und Krankheitserreger immun machen, sondern langfristig auch die Mikroflora im Boden verändern.

Williams fürchtet, dass möglicherweise die Evolution des Gehirns beim Menschen durch die Einwirkung auf die Umwelt rückgängig gemacht werden könnte. Wegen der fehlenden Nährstoffe könnte es sein, dass die Menschen mehr in größere oder andere Verdauungssysteme investieren müssten, was langfristig auf Kosten der Intelligenz gehen könnte, während zuvor das wachsende Gehirn für eine bessere Ernährung und ein kleineres Verdauungssystem gesorgt hat. In Brasilien habe man bereits in armen Regionen ein Schrumpfen der Gehirngröße feststellen können: "Das menschliche Gehirn wird jetzt durch sein eigenes Verhalten bedroht, und nichts anderes im Ökosystem schädigt sich selbst auf diese Weise. Selbst Lemminge verhalten sich nicht wirklich wie Lemminge. Das ist ein Mythos. Doch wir machen das." Vor allem aber kritisiert Williams, dass wir mehr oder weniger auch im Hinblick auf unsere Intelligenz ein weltweites Blindexperiment veranstalten. Nur 10 Prozent der 70000 im Handel befindlichen Chemikalien seien überhaupt auf ihre Neurotoxität überprüft worden, und wiederum nur ein Bruchteil davon seien genauer überprüft worden, wobei die Interaktionen zwischen den unterschiedlichen Chemikalien für die menschliche Gesundheit weitegehend unbekannt seien: "Beim Russischen Roulette mit einer Kugel im Revolver liegt das Todesrisiko bei 1 zu 6. Bei den gegenwärtigen EMID-Risikobewertungen, bei denen nicht klar ist, ob der Revolver geladen ist oder nicht, ist das Ergebnis der sogenannten Risikofolgenschätzung 'sicher'."

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