Höhenflug der Grünen: Ein Prozentpunkt vor der Union

Annalena Baerbock. Bild: Scheint sinnig/CC BY-SA 4.0

Ist das ein dauerhafter Trend, so werden die Grünen möglicherweise die neue Volkspartei mit bald 60 Prozent im Rücken

Die Grünen gewinnen an Popularität. Mit 25 Prozent liegen sie an erster Stelle bei der aktuellen YouGov-Sonntagsfrage.

Es folgt mit einem knappen einprozentigen Rückstand die Union. Die SPD kommt auf magere 14 Prozent, die AfD ist mit 11 Prozent gleichauf mit der FDP - beide Parteien, die sich, auf jeweils unterschiedliche Weise, als Kritiker der Corona-Maßnahmen zu profilieren versuchten, legten nicht zu. Die Linkspartei würde auf acht Prozent kommen und die Sonstigen auf sieben Prozent.

Schon letzte Woche, nach den Nominierungen der Kanzlerkandidaten, erstaunte eine Forsa-Umfrage zur Sonntagsfrage mit einem überraschend deutlichen Überholmanöver: Plötzlich hatten die Grünen 28 Prozent und die Union nur 21 Prozent.

Das RTL/ntv-Trendbarometer verzeichnete einen Rückgang bei der Union um sieben Prozentpunkte und ein Plus von fünf Prozentpunkten für die Grünen. Die SPD verlor da zwei Prozentpunkte, die FDP gewann zwei und die Linken wie die sonstigen einen. "Lediglich bei der AfD änderte sich nichts", bemerkte Die Welt zum "Umfragebeben".

"Mehrheit für mehr Ökologie und Klimaschutz"

Das Beben könnte sich noch verstärken, wenn es nach dem Chef der Forschungsgruppe Wahlen, dem Wahlforscher Matthias Jung, geht. Jung ist davon überzeugt, dass eine Mehrheit der Bevölkerung mehr Ökologie und Klimaschutz will und er setzt diese Mehrheit sehr hoch an:

"Um 60 Prozent der Wähler können sich heute grundsätzlich vorstellen, ihre Stimme auch mal den Grünen zu geben."

Interessant an Jungs Lagebeschreibung ist, dass es seiner Meinung nach "in Wirklichkeit gar keine Wechselstimmung" gebe. Würde Merkel als Kanzlerin weitermachen, dann hätte sie beste Chancen. So profitiere Baerbock und mit ihr die Grünen von der augenblicklichen Situation. Hatte die Union bisher "strukturell das höchste Wählerpotenzial" gehabt, so sei dies mit der Wahl Laschets zum Kanzlerkandidaten verspielt worden, stärkt der Wahlforscher und Chef des Umfrage-Instituts Laschets Konkurrenten Söder im Nachhinein den Rücken.

"Markus Söder, der den engen Schulterschluss mit Merkel gesucht hat, wäre eher ein Granat für eine besseres Unions-Ergebnis gewesen als Laschet."

Söder hatte bei seinem Duell mit Laschet immer wieder auf Umfragen verwiesen.

Laut YouGov findet Armin Laschet als Kanzlerkandidat bei den Unionswählern deutlich weniger Anklang als Annalena Baerbock bei den Grünenwählern.

Im Vergleich zum 60-Prozent-Möglichkeitsraum, den der Chef der Forschungsgruppe Wahlen für die Grünen als Vision vor sich hat, sind die Prozentangaben von YouGov zum Zusammenhang zwischen Wählerstimmung und Umweltpolitik zurückhaltender:

16 Prozent der deutschen Befragten gaben im April an, dass Umwelt- und Klimaschutz ihrer Meinung nach das wichtigste Thema sei, um das sich Politiker und Politikerinnen in Deutschland kümmern sollten. Dies unterstreicht wohlmöglich die Relevanz der Grünen im diesjährigen Bundestagswahlkampf.

YouGov

Es liegt noch ein halber Frühling und ein ganzer Sommer vor der Bundestagswahl, das Umfragehoch kann verfliegen, wie Wahlforscher Jung zum "Hype des Neuen" hinzufügt ("Die Halbwertszeit für politische Stimmungen ist sehr kurz geworden") und wie es die Grünen aus bitterer Erfahrung wissen (vgl. "Bühne frei für Olaf Scholz!"). (Thomas Pany)