Hofberichterstattung für die IT-Industrie

Wie sich der Journalismus in manchen IT-Publikationen durch die Krise verändert hat

"Ich lasse mich von allen bestechen, und bin dann frei zu tun, was ich will." Nach diesem Motto handelte der nach den Wirren der Französischen Revolution zum Außenminister Frankreichs avancierte Charles Maurice de Talleyrand. In einer ähnlich komfortablen Lage sahen sich IT-Journalisten in den 70er und 80er Jahren. Sie tafelten auf Kosten des einen Anbieters, ließen sich von dessen Mitbewerber zu einer Messe nach New York fliegen und recherchierten bei einem dritten Anbieter auf einem Termin in Nizza (Freizeitprogramm inklusive). Danach schrieben sie nach bestem Wissen und Gewissen ihren Artikel - abhängig nur von der Tendenz ihrer Publikation.

Diese Zeiten sind vorbei. Ein großer Teil der Informations- und Telekommunikationsbranche hat herbe Einbrüche erleben müssen. Das allerorten fehlende Geld verschärft die Konkurrenz; Geld für Presseaktivitäten wie Reisen, Konferenzen und Anzeigen gibt es nur noch bei guten Erfolgsaussichten. Die Reaktion der Kunden auf Anzeigen lassen sich schlecht steuern, wohl aber - in schlechten Zeiten - die Berichterstattung der Fachpresse. Und die Zeiten sind schlecht. Dutzende Magazine sind eingegangen, andere haben sich ihr Überleben durch Entlassungswellen erkauft.

Diese Schwäche wird von der Industrie weidlich ausgenutzt. Alt, aber inzwischen deutlich erfolgreicher als früher, ist die Methode, sich beim Chefredakteur oder Verlagsleiter über "mangelhafte Recherche" zu beschweren, und dabei die Möglichkeit eines Anzeigenstopps anklingen zu lassen. Doch wer keine Anzeigen schaltet, kann nicht mit ihrem Entzug drohen.

Außerdem gibt es weit probatere Mittel: Lange Zeit war es üblich, einen Ghostwriter zu beauftragen, dessen Artikel dann, geziert mit dem Namen des Geschäftsführers, das Ansehen der Firma mehrte. Angesichts des angegriffenen Renommees von Firmenlenkern, geht man heute den umgekehrten Weg. Heute darf der Ghostwriter unter eigenen Namen auftreten, dafür bekommt er sein Geld erst, wenn er den Auftragsartikel auch in einem guten Blatt untergebracht hat. Der Vorteil dieser Methode: Der Hersteller erhält ohne eigenes Risiko eine freundliche Presse.

Natürlich kennen die Redaktionen diesen Trick, aber angesichts der durch Entlassungswellen geschwächten Personalstärke und knapper Kassen, lässt das Interesse an der Entstehungsgeschichte eines Artikel rasch nach. Ja manche arbeiten sogar bewusst damit. Eine besonders pikante Variante: Ein Computermagazin plant ein Sonderheft, dessen inhaltliche Erstellung einem Redaktionsbüro übertragen wird. Dieses erhält vom Verlag dafür zwar kein Geld, aber dafür die scheinheilige Vorgabe, auf die Qualität zu achten. Wie das funktioniert? Das Redaktionsbüro füllt das Sonderheft mit Beiträgen, die es sich von interessierten Herstellern bezahlen lässt. Die Kunst der Autoren liegt in solchen Fällen darin, die Firmen-PR wie einen ausgewogen recherchierten Artikel klingen zu lassen. Mit etwas Geschick kann der Verlag sogar doppelt profitieren. Zum einen durch die kostenlose Erstellung eines Sonderhefts, zum anderen durch Akquise von Anzeigen bei genau den Firmen, die ihre Erfolgsgeschichten dort platzieren konnten.

Methode Golfkrieg

Besonders preisgünstig ist für die Hersteller die Methode "Golfkrieg". Damit gemeint ist, die absolute Informationssteuerung. Wichtigste Voraussetzung: Es darf nur eine Quelle geben. Bei so genannten Success-Stories ist das rasch arrangiert. Einst gehörte es zum Vertrag, dass die Anwender um der höheren Glaubwürdigkeit willen den Journalisten Rede und Antwort stehen sollten. Dieses Kriterium scheint heute keine Rolle mehr zu spielen, daher "entlasten" die Hersteller ihre "Jubelkunden" von der lästigen Pressearbeit und versorgen Journalist bestens mit Informationen - solange er keine kritischen Fragen stellt. Wagt er es dennoch, lässt er sich leicht mit dem Hinweis abspeisen, der Kunde wolle diese Information nicht preisgeben. Bleibt der Kollege hartnäckig und wendet sich direkt an den Anwender, verweist ihn dieser stante pede zurück zum Hersteller, der laut Vereinbarung für die Pressearbeit zuständig sei. Zur Methode Golfkrieg gehört auch, dass Informationen vage in Aussicht gestellt werden, falls der Journalist sich bereit erklärt, den fertigen Artikel vor Veröffentlichung vorzulegen. Auf diese Weise, so der scheinbar freundliche Hinweis, ließen sich sachliche Missverständnisse vermeiden.

Gegen solche Methoden hilft eigentlich nur, sich Quellen jenseits von Pressestellen und Geschäftsleitungen zu erschließen. Doch investigativer Journalismus ist zeitraubend. Den "gesund" geschrumpften Redaktionen fehlt dafür das Personal und freie Journalisten werden dafür viel zu schlecht bezahlt. Sie müssen bei jedem Arbeitsschritt daran denken, ob er sich rechnet. Und hier gilt: Noch zahlt die Industrie weit besser als jeder Verlag.

Die heutige Generation von Fachjournalisten wächst in eine zynische und illusionslose Welt hinein, in der Idealismus und Wahrheitssuche oft als blauäugig belächelt werden. Als Maßstab gilt heute fast nur noch der geschäftliche Erfolg. Da muss man sich nicht wundern, wenn sich ehrgeizige Schreiber an den Managern orientieren, über die sie berichten. Doch so wie es unjournalistisch ist, die Branche zu verachten, über die man schreibt, so falsch ist es, sie zu bewundern. Es geht vielmehr darum, die Leser mit aller nötigen Distanz darüber zu informieren, was geschieht, wie es geschieht und wem es nutzt oder schadet.

Abgesehen von den Wirtschaftsteilen , in denen mangelnde Distanz zur Wirtschaft allgemein grassiert, würde in einer Tageszeitung niemand akzeptieren, was in Fachjournalen gang und gäbe ist. Stellte sich heraus, dass der Artikel über die Eigenheimzulage in einer bekannten Tageszeitung von der Bauindustrie lanciert wurde, der Journalist wäre seinen Job los und die Zeitung viele ihrer Leser. Unkritische, von Interessen gesteuerte Berichterstattung schadet nicht nur dem Leser, der damit im Falle von Fachzeitschriften zu Kaufentscheidungen veranlasst werden soll. Er schadet den Medien und damit indirekt auch den Herstellern. Denn auch ihnen kann nicht daran gelegen sein, dass niemand mehr glaubt, was in den Fachblättern und auf deren Onlineseiten steht. Wie wollen sie künftig ohne vertrauenswürdige Informationskanäle ihre Produkte bekannt machen? (Hermann Gfaller)

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