Hoher Preis für Flexibilisierung

Atypisch Beschäftigte halten weniger von Demokratie als Festangestellte

Es war die Bertelsmann Stiftung selbst, die als neoliberaler Think-Thank wie viele andere das Hohelied der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt gesungen hat. "Mittel- bis langfristig ist eine hohe Flexibilisierung am deutschen Arbeitsmarkt zu realisieren, um eine Anpassung an den internationalen Wettbewerb sicherzustellen", hieß es etwa in dem Positionspapier "Moderne Regulierung am Arbeitsmarkt" von 2005.

Jetzt wird in einer von der Stiftung in Auftrag gegebenen Umfrage der Preis für diese Flexibilisierung deutlich: Zeitarbeiter und geringfügig Beschäftigte sind mit der Demokratie unzufrieden, gehen weniger zur Wahl als Vollzeitbeschäftigte, halten Gesellschaft und Wirtschaft für sehr ungerecht. "Viele Zeitarbeiter und geringfügig Beschäftigte sind offensichtlich über das politische und wirtschaftliche System in der Bundesrepublik desillusioniert", so die Bertelsmann-Stiftung.

In der Studie "Beschäftigungsformen in Deutschland" wurden von der Universität Bamberg 1.633 Arbeitnehmer in verschiedenen Beschäftigungsformen über ihre Einstellung befragt. Es verwundert wenig, dass prekäre Arbeitsverhältnisse einhergehen mit Demokratieverdrossenheit und dem tiefen Gefühl, einer ungerechten Gesellschaft ausgesetzt zu sein. Dieser "Kollateralschaden" einer zunehmenden Flexibilisierung - sprich Unsicherheit am Arbeitsmarkt - ist historisch nun wirklich nicht neu, die NSDAP schwamm auf der Woge von Massenarbeitslosigkeit und Abstiegsängsten daher. Heute nehmen diese prekären, atypischen Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung und die damit einhergehende Verunsicherung zu. Ihr Anteil stieg von 16,2 Prozent in 1998 auf 22,2 Prozent in 2008 (Han-Böckler-Stiftung: Atypische Beschäftigung. Eine wissenschaftliche Bilanzierung, 2010).

Wie wirken sich nun diese atypischen Beschäftigungsverhältnisse auf die Einstellung der davon Betroffenen aus? Eine Auswirkung ist bei der (Un)Zufriedenheit mit der Demokratie zu sehen: Während 42 Prozent derer mit einer Vollzeitstelle eher und sehr zufrieden mit der Demokratie sind, meinen dies bei den Zeitarbeitern und geringfügig Beschäftigten nur 27 beziehungsweise 22 Prozent. Dies wirkt sich auch auf die politische Teilnahme aus: Wenn morgen Bundestagswahl wäre, würden zehn Prozent weniger Zeitarbeiter und geringfügig Beschäftigte zur Wahl gehen als die Normalarbeiter.

Dass unsere Gesellschaft gerecht wäre, daran glauben insgesamt die wenigsten Arbeitnehmer. Mehr als jeder zweite Zeitarbeiter (58 Prozent) aber hält die Gesellschaft für ziemlich oder gar sehr ungerecht, bei den Vollzeitarbeitern tut dies nur jeder Dritte (36 Prozent). Von diesen unbefristet Beschäftigten meint fast die Hälfte (46 Prozent), dass das aktuelle Wirtschaftssystem nicht für Chancengleichheit sorge. Bei den atypisch Beschäftigten sagen dies allerdings mehr als 60 Prozent.

Weitgehend einig, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, sind sich beide Beschäftigtengruppen in der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn (Vollzeitarbeiter: 82 Prozent, Zeitarbeiter: 95 Prozent). Gleiches gilt für die Ablehnung von Ein-Euro-Jobs als guten beruflichen Wiedereinstieg (60 und 70 Prozent) sowie für die Meinung, dass die Kosten der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt die Beschäftigten tragen. Dem stimmen 50 Prozent der Vollzeitarbeiter und 55 Prozent der Zeitarbeiter zu.

Politisch schlägt sich die soziale Lage der Beschäftigten sehr deutlich bei der Parteienpräferenz nieder: Zeitarbeiter und geringfügig Beschäftigte entscheiden sich mit fast 20 Prozent beziehungsweise 16 Prozent für die Linkspartei, bei den unbefristeten Vollzeitarbeitern sind dies nur 8,6 Prozent.

Ein Blick auf die soziale Lage und die Sicherheit des Arbeitsplatzes ersetzt auch die leidige Diskussion um das "aussterbende Deutschland". Querbeet durch alle Beschäftigungsformen halten die allermeisten Arbeitnehmer (95 Prozent) ein regelmäßiges und sicheres Einkommen als wichtig für die Familiengründung. Rund 80 Prozent meinen dies auch für ausreichende Kinderbetreuungsstellen. Wer also will, dass mehr Kinder in Deutschland geboren werden, sollte für sichere Arbeitsplätze und Kitas sorgen, freilich eine Binsenweisheit angesichts so manchen Endzeit-Geschwurbels.

Die Bertelsmann-Studie hat aber auch den Unternehmen, die gerne auf "flexible" Arbeitskräfte zurückgreifen, um ihre Produktion kostengünstig am Laufen zu halten, etwas zu sagen. Also, Personalmanager aus dem "Human Ressources"-Bereich herhören: Je unsicherer oder prekärer die Arbeitsverhältnisse sind, desto geringer ist die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Atypisch Beschäftige leisten seltener (58 Prozent) einen bedeutsamen Beitrag für die Firma als festangestellte Normalarbeiter (78 Prozent). "Einer der zentralen Herausforderungen für Unternehmen ist der Spagat zwischen der betrieblichen Flexibilität und den vertraglichen Arbeitsbedingungen. Gerade durch die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse droht ein Verlust an Motivation und Teilhabe in den Betrieben", so ein Fazit von Bertelsmann zur Untersuchung. (Rudolf Stumberger)