Holocaust Mahnmal

Willkommen im Freilichtmuseum Berlin

Die Einweihung des Holocaust Mahnmals in Berlin steht unmittelbar bevor. Ob das Denkmal ein Erfolg wird oder nicht, hängt nicht zuletzt davon ab, welche Gefühle das Monument bei seinen Besuchern weckt.

Vor sechzig Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Die Zahl der Zeitzeugen wird jeden Tag kleiner, und viele, die die Konzentrationslager überlebt haben, befürchten, dass mit ihnen auch die Erinnerung an die Grauen des Krieges stirbt. Ähnlich ergeht es den Soldaten der Alliierten, die gegen Nazideutschland und seine Verbündeten kämpften. Die Antwort sind monumentale Gedenkstätten, die mehr sind als nur Orte des stillen Gedenkens und der Information. Es geht um Emotionen. Erlebbare Emotionen. Denn ohne Emotion gibt es keine dauerhafte Verbindung zwischen Mensch und Geschichte. Man muss Orte schaffen, die Emotionen auslösen. Deshalb sehen Gedenkstätten heute ganz anders aus als unmittelbar nach dem Krieg.

Blick auf die Stelen. Foto: Stiftung

Ein Bilderbuchbeispiel für diesen neuen Ansatz ist das so genannte Holocaust Mahnmal in Berlin, das am 10. Mai 2005 feierlich eröffnet wird. Das Mahnmal ist eine monumentale Rauminstallation. Ein begehbares Stelenfeld, das nicht von ungefähr an einen Friedhof erinnert, eine ästhetische Oase inmitten der tosenden Stadt, von allen Seiten einsehbar und gleichzeitig in sich geschlossen. Je tiefer man sich hineinwagt in den steinernen Wald aus über 2.700 Stelen, desto einsamer fühlt man sich, desto drückender wird die Atmosphäre.

Niemand muss das unterirdische Infozentrum besuchen – man kann die Megaskulptur auch ganz unhistorisch auf sich wirken lassen. Genauso wie man das Jüdische Museum von Daniel Libeskind als Bau besuchen kann, ohne sich die Exponate anzusehen. Eine Strategie, zu der sich nicht wenige bekennen. Weil sie sonst schlichtweg überfordert wären. Weil man eben nicht beides zugleich haben kann: umfassendes, synästhetisches Raumerlebnis und Vertiefung in Details. Das geht nur nacheinander. Also muss man mehrmals wiederkommen. Was auch in Ordnung ist. Vorausgesetzt, man hat Zeit.

Erhitzte Debatten und Kritik

Was die Besucher auf Dauer aus dem Mahnmal machen, wird sich zeigen. Für den Architekten Peter Eisenman wären sogar Picknicks auf den Stelen denkbar, wie er unlängst in einem Interview erklärte. Ginge es nach ihm, sollte das Denkmal jederzeit zugänglich sein, rund um die Uhr. Auch die Sicherheitsvorkehrungen sollten so niedrig wie möglich sein. Natürlich müsse man mit Vandalismus rechnen. Trotzdem solle das Stelenfeld ein Ort für alle sein. Ganz bewusst habe er auf Symbole des jüdischen Glaubens verzichtet. Damit der Ort mehr sein kann als ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas – so der offizielle Name des Mahnmals.

Die Einengung des Gedenkens auf jüdische Opfer sorgte immer wieder für Diskussionen und wird inzwischen selbst vom stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden kritisiert, denn die Nationalsozialisten brachten nicht nur Juden, sondern auch all jene um, die nicht ihrer Idealvorstellung vom Herrenmenschen entsprachen bzw. diese nicht teilten, also Roma, Sinti, Kommunisten, Regimekritiker, Widerstandskämpfer, Schwule, Behinderte, Geisteskranke und viele andere mehr.

Schon in der Planungsphase gab es erhitzte Debatten. Die Idee für das Denkmal hatte die Publizistin Lea Rosh bereits 1988. Als man sich nach mehr als zehn Jahren auf die Umsetzung und schließlich auf den Entwurf von Peter Eisenman geeinigt hatte, befürchteten Kritiker den ästhetischen Supergau im Zentrum von Berlin. So bezeichnete Martin Walser in seiner umstrittenen Paulskirchenrede von 1998 Eisenmans Entwurf als "fußballfeldgroßen Albtraum" und "Monumentalisierung der Schande". Diese Art von Kritik ist inzwischen verstummt. Bislang konnte man das Arrangement der Steine nur aus der Distanz bewundern, doch schon heute denken Besucher beim Anblick der Steine eher an wogende Getreidefelder und alles deutet darauf hin, dass das begehbare Mahnmal ein Erfolg wird, ein weiterer Besuchermagnet im Zentrum Berlins.

Beinahe vergessen ist inzwischen der Streit um die Anti-Graffiti-Beschichtung der Steine. Nur zur Erinnerung: Produziert wurde der Schutzanstrich von der Firma Degussa, deren Tochterfirma Degesch im Zweiten Weltkrieg das Giftgas Zyklon B herstellte, mit dem Millionen von Menschen getötet wurden. Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass ausgerechnet die Firma Degussa am Holocaust Mahnmal mitverdient, kam es zum Eklat. Inzwischen ist der Streit beigelegt, ausschlaggebend waren vergaberechtliche sowie finanzielle Gründe (vergaberechtlich wäre es äußerst schwierig gewesen, von vornherein sämtliche Firmen auszuschließen, die im Dritten Reich Geschäfte mit den Nazis gemacht hatten; hätte man für die Beschichtung eine andere Firma finden müssen, wäre das Mahnmal einige Millionen Euro teurer geworden, außerdem wäre es womöglich nicht rechtzeitig fertig geworden). Stattdessen wird nun darüber gestritten, ob in unmittelbarer Nähe des Stelenfeldes demonstriert werden darf.

Ein Ort für Alle?

Eines jedoch wird kaum jemals diskutiert: wie wirkt sich die Errichtung eines solchen Mahnmals eigentlich auf die Bewohner aus? Schließlich gehört Berlin nicht nur den Touristen, und auch nicht nur den Politikern, die sich – wie Touristen – meist nur gastweise in der Stadt aufhalten, vielmehr gehört Berlin auch und hauptsächlich den Menschen, die tagein tagaus hier leben. Wird das Stelenfeld für sie Teil der Stadt, oder wird es das Gefühl verstärken, in einem riesigen Freilichtmuseum zu leben?

Schon heute meiden viele Einheimische die Gegend rund ums Brandenburger Tor, das historische Schaufenster der Stadt. Erstens laufen da zu viele Touristen rum. Zweitens verdirbt die Verkehrsführung jedem Autofahrer die Laune. Drittens kann man außer Sightseeing nicht viel machen. Nicht mal Fußballspielen ist erlaubt. Vvon 1939 bis 2003 wurde regelmäßig auf dem Rasen vor dem Reichstag gekickt. Entsprechend sah die Grünanlage aus. Die Rumpelhalde passte nicht zum neuen Image Berlins. Also wurde der Rasen restauriert, die Fußballer verbannt. Seither hat die Anlage merklich an Reiz verloren.

Insofern kann man sich nur wünschen, dass Peter Eisenmans Vision vom Stelenfeld als Ort für Alle Zukunft hat. Dass es wirklich erlaubt sein wird, auf den Stelen zu tanzen und Kuchen zu essen. Dass Kinder im Inneren des Labyrinths Verstecken spielen dürfen. Dass die Steine Teil der Stadt werden. Weil es der Würde eines Ortes nicht automatisch abträglich ist, wenn an ihm gelacht wird. Weil es unehrlich ist, bei den Besuchern einerseits Gefühle wecken zu wollen und ihnen andererseits vorzuschreiben, welche Gefühle sie haben dürfen und welche nicht.

Für Eisenman ist die Eröffnung des Mahnmals nicht das Ende der Debatte, sondern erst der Anfang. Für deutsche Verhältnisse ist seine Vision gewagt. Andererseits kann Freiheit nur als Wagnis gelebt werden. Alles andere wäre Manipulation, Bevormundung, Diktatur. (Katja Schmid)