Holokaust schreibt man jetzt mit »K«

Neue Dokumentationsserie mit Online-Unterstützung

In sechs Folgen wird das ZDF ab dem 17. Oktober Dienstags um 20.15 Uhr eine Reihe von Sendungen über den Mord an den europäischen Juden vom Überfall auf die Sowjetunion 1941 bis zur Befreiung der Konzentrationslager 1945 ausstrahlen.

Der Leiter dieser "Holokaust" benannten Serie, Prof. Dr. Guido Knopp, "gilt unter Historikern längst so viel wie Jürgen Fliege unter Bibelforschern" (Titanic). Der promovierte Historiker, Jahrgang 1948, war nach dem Studium Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Auslandschef der "Welt am Sonntag". Seinen Professorentitel erwarb er sich nicht als Historiker, sondern mit der Ausbildung von Journalisten. Knopp leitet seit 1984 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und trat als Autor von Serien wie "Der verdammte Krieg" (1991), "Entscheidung Stalingrad" (1993), "Hitler - Eine Bilanz" (1995), "Hitlers Helfer" (1996/98) und "Hitlers Krieger" (1998) auf. Mit dem eingeführten Markennamen "Hitler" erzielte er teilweise höhere Einschaltquoten als die RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und exportierte seine Sendungen in 42 Länder. Exportschlager Hitler.

Zumindest die erste Folge der Holokaust-Dokumentation ist jedoch besser, als man es von Knopps früheren Produkten erwarten konnte. Bekam der Zuschauer bisher vor allem weinende SS-Männer und Apologien deutscher Geschichte zu sehen, so überrascht die Holokaust-Dokumentation wenigstens durch das Fehlen der Apologien. Bei der Behandlung des deutschen Völkermordes an den Herero 1904/05 in Deutsch-Südwest bewies Knopp weniger Feingefühl: Ein "Eingeborener" und ein deutscher Kolonialadliger in Klubjackett und kurzen Hosen diskutierten als vermeintliche Kontrahenten die Frage "Völkermord - oder nicht" und einigten sich auf "unschöne Sache, aber eher militärisches Unvermögen als Völkermord." Der vermeintliche Vertreter der Opferseite war jedoch kein Herero, sondern Lukas de Vries, Angehöriger der Baster, ein Mischvolk aus Buren und Khoe, das im Krieg auf Seiten der Deutschen kämpfte - was Knopp mit keinem Wort erwähnte.

Seit 1998 nimmt das ZDF in einer Aktion namens "Die Augen der Geschichte" mittels eines fahrenden Studios Zeitzeugen auf. Jährlich sollen 5.000 Interviews aufgezeichnet und in einem audiovisuellen Archiv des 20. Jahrhunderts gesammelt werden. "Augen" steht hier für "Tränen". Weinende Menschen zuhauf: Egal ob Täter oder Opfer - scheinbar ist keine ZDF-Geschichtsdokumentation mehr ohne dieses bereits durch Talkshows völlig entwertete Stilmittel denkbar.

Wenn von den "Einsatzgruppen", die nach dem Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941 in "Säuberungsaktionen" die Ausrottung der "jüdisch-bolschewistischen Intelligenz" betrieben, erzählt wird, oder wenn Bewohner der Gebiete, die der Terrorherrschaft anheimfielen, davon erzählen, wie sie das Ausmaß der Katastrophe unterschätzten, bieten die Interviews jedoch tatsächlich eine adäquate Art der geschichtlichen Näherung:

"Was ist schon dabei, wenn die Deutschen kommen, die kenne ich noch aus dem ersten Weltkrieg, das sind sehr kulturelle [sic] Leute" zitiert der Litauer Zwi Katz seinen Großvater.

Auf der Täterseite erzählen vorwiegend deutsche Adlige - für die Knopp eine besondere Begeisterung zu hegen scheint (Macht ein "von" vor der Kamera gesprächiger? Erhöht es die Einschaltquoten? Oder war der deutsche Adel in den Weltkriegsgreueln einfach überrepräsentiert?) - von den Vorstellungen ihrer Kameraden, auf ihren "Rittergütern an der Schwarzmeerküste" bald "russische Leibeigene zu prügeln". Sowohl der "Kommissarbefehl", als auch die Tatsache, das in einem Jahr 2 Millionen russische Gefangene dem Hungertod überantwortet wurden, kommen zur Sprache. Der Fernsehgraf Einsiedel erzählt, dass die Judenvernichtung "etablierte Grundthese" bei den deutschen Truppen war. Wenn gezeigt wird, wie in Lemberg auf offener Straße ein Massaker von Ukrainern an Juden von den Besatzern geduldet wird, erinnern die Bilder in bedrückender Weise daran, wie Albaner zur Feier ihres Nationalfeiertages unter Untätigkeit der NATO-Truppen ungestraft ethnische Minderheiten lynchen.

Im Vergleich zu anderen historischen Dokumentationen machte man bei der Holokaust-Reihe aber nicht beim in Mode gekommenen Befragen von Zeitzeugen halt: In zweijähriger Arbeit durchforschten Mitarbeiter der Produktionsfirma mehr als 50 Archive und einige Millionen Meter Filmmaterial - eine fast vergessene Tugend, die der Dokumentation gut bekam. Vor allem in osteuropäischen Archiven lagerte offenbar durchaus noch auswertungwertes Material.

Trotzdem: Vergleicht man Geschichtsdokumentationen aus den 1970ern mit solchen aus den 1990ern, fällt auf, dass der Informationsgehalt zugunsten des Emotionsgehalts stark in den Hintergrund gedrängt wurde. Waren in den 1970er Jahren Landkarten in solchen Dokumentationen noch gang und gäbe, so tauchen sie heute äußerst selten auf. Bei der Holokaust-Dokumentation will das ZDF die Information nun wenigstens über die Online-Unterstützung der Serie liefern. Landkarten sollen Orte des Geschehens wie Libau oder Lemberg in einen geographischen und geschichtlichen Zusammenhang einordenbar und die Ereignisse fassbar machen - nicht in einer anderen Dimension außerhalb von Geschichte und Geographie angesiedelt. Das Material soll laut ZDF eine Woche vor der Ausstrahlung abrufbar sein.

Die Schreibweise mit "k" wurde eingeführt, weil, laut ZDF, die aus dem Englischen stammende Schreibweise mit "c" "sprachliche Distanz" ausdrücke. Aus "linguistischen und historisch-moralischen Gründen" habe man sich deshalb für das "k" entschieden. Die Mode der politischen Korrektheit scheint jetzt auch Deutschland erreicht zu haben. Sprache wird als bequemer Ersatzkriegsschauplatz gesellschaftlicher Konflikte entdeckt.

Wobei die Geschichte des Begriffs eher gegen die ZDF-eigene Schreibweise spricht: Der erstmals bei Xenophon auftauchende griechische Ausdruck für Brandopfer aus "holo" (ganz) und "kaustos" (verbrannt) gelangte über die Septuaginta in die lateinische Bibel (wo er mit "c" geschrieben wurde) und von dort aus seit 1250 über volkssprachliche Übersetzungen in das Englische. Weil Luther für seine Übersetzung das Wort "Brandopfer" benutzte, konnte sich der Begriff im Deutschen nicht etablieren. Im Englischen dagegen wurde das Wort bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zum Synonym für Großbrand, Gemetzel, Blutbad und Massaker. Im Januar 1979 wurde der amerikanische Fernsehfilm "Holocaust" in Deutschland ausgestrahlt, der den Begriff hierzulande erst bekannt machte.

Stolz ist man beim ZDF auf die "Rekontextualisierung" der Bilder, auf die Zuordnung bisher ikonenhaft eingesetzten Film- und Fotomaterials zu realen Ereignissen. Neu entdeckte Filmquellen und Archivbilder werden für Fernsehverhältnisse relativ genau den historischen Ereignissen zugeschlagen. So werden zu den Bildern eines schon oft illustrativ eingesetzten Films eines Wehrmachtssoldaten, der Augenzeuge einer Massenerschießung in Lettland war, die genaueren Umstände des Massakers in der Nähe von Libau im Juli 1941 erzählt. Leider wird der gute Vorsatz nicht konsequent durchgehalten: Als Simon Wiesenthal von der Beichte eines deutschen Soldaten erzählt, der von Menschen, die in Häusern verbrannt wurden, berichtet, erscheint auf dem Bildschirm das meist - mangels entsprechender Filmdokumente aus Deutschland - zur Illustration der Reichspogromnacht eingesetzte Bild der brennenden Synagoge von Riga.

Ob die internationale Beteiligung an der Produktion (u.a. Arte, Phoenix, der US-amerikanische History Channel, der britische Channel 4, der ORF sowie Sender aus den Niederlanden und Australien) die Kosten (über die sich das ZDF auch nach Rückfrage ausschweigen will), die Mitwirkung von Simon Wiesenthal, des Leiters des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, oder des wissenschaftlichen Beirats (bestehend aus Yehuda Bauer, Christopher R. Browning, Ian Kershaw, Peter Longerich und Eberhard Jäckel) die Qualitätssteigerung herbeiführten, bleibt offen.

Der in Futurama als "Fungineering" bezeichneten Art der Aufbereitung von Geschichte geht das ZDF dann wieder in seiner Reihe "History - So spannend ist Geschichte" nach, in der erzählt wird, "wie ein angeblicher Mörder durch die Liebe einer Frau seine Freiheit zurück gewann". Diese Reihe startet am Sonntag den 29. Oktober um 22.50 Uhr. (Peter Mühlbauer)