Home Office: Woher kommt die Ablehnung?

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Die Zukunft wird realistischerweise ein Hybrid-Modell. Eine Reaktion auf Kommentare

Die Corona-Krise hat beim Thema Home Office die Wende gebracht: Im März und April, als die Infektionszahlen stiegen und weitreichende Kontaktbeschränkungen verhängt wurden, schickten zahllose Unternehmen ihre Büro-Arbeiter an die heimischen Schreibtische, gezwungenermaßen.

Traditionell sind die Arbeitgeber in Deutschland eher keine Freunde des Home Office, ganz im Gegensatz zu den Arbeitnehmern, die das Arbeiten von zu Hause nicht nur in großer Mehrheit gut finden, sondern es auch nach der Krise gerne beibehalten würden, wie mehrere Umfragen übereinstimmend zeigen

Es gibt allerdings auch Arbeitnehmer, die das Home Office strikt ablehnen. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel gab in den Umfragen an, dass ihnen die Heimarbeit Probleme bereitet und sie lieber rasch wieder ins Büro zurück möchten - dementsprechend kritisch sehen sie den Vorstoß von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der den Arbeitnehmern per Gesetz 24 Home-Office-Tage pro Jahr zusichern möchte.

Doch woher kommt die Ablehnung? Sieht man sich Umfragen, aber auch Kommentare im Forum zum Artikel Die Zukunft der Arbeit heißt Home Office und in sozialen Medien genauer an, bilden sich rasch zwei Gruppen heraus: Die einen haben generelle Probleme, die auch oft mit der individuellen Lebenssituation zusammenhängen. Zum Beispiel fehlt ihnen aufgrund der Wohnverhältnisse die Ruhe oder der Platz zum Arbeiten oder sie haben Schwierigkeiten, sich zu motivieren, fühlen sich isoliert und haben Angst, den Anschluss an Kollegen und Vorgesetzte zu verlieren - das lässt sich unter anderem aus einer Studie der Universität Konstanz vom März diesen Jahres herauslesen.

Bei anderen wiederum scheint es eine generelle Angst vor Veränderung zu sein, die sich oft auch in hitzigen Kommentaren Bahn bricht. Eine Reform oder gar jegliche politische Einmischung werden strikt abgelehnt - auch wenn man selbst gar nicht betroffen wäre, denn schließlich geht es bei den aktuellen Überlegungen keineswegs darum, alle Arbeitnehmer ins Home Office zu zwingen, sondern lediglich jenen, die dort besser arbeiten können, die Möglichkeit zu eröffnen, das auch zu tun - und zwar auch dann, wenn der Arbeitgeber kein Freund dieses Modells ist.

Befürchtungen

Die Arbeitgeber ihrerseits fürchten, das zeigten jüngst Aussagen ihrer Verbandsvertreter, dass mit einem Home-Office-Gesetz auch ein neuer Schwung an Bürokratie einhergehen könnte. Eine Befürchtung, die nicht unbegründet ist. Denn zum einen müssten ans Home Office, zumindest bei jenen Arbeitnehmern, die sich regelmäßig oder dauerhaft dort aufhalten, ähnliche Maßstäbe angelegt werden wie an den Büroarbeitsplatz: Es müssten also Regeln zur Arbeitssicherheit und für einen ergonomischen Arbeitsplatz eingehalten und gegebenenfalls kontrolliert werden.

Außerdem ist auch bei begründeter Ablehnung, etwa weil ein Arbeitnehmer zwingend im Betrieb vor Ort gebraucht wird, zu befürchten, dass es zu Rechtsstreitigkeiten kommt - wenigstens bis erste Präzedenzurteile vorliegen. Die Bürokratie kann man hierbei, je nachdem, wo man steht, als notwendiges Übel zum Arbeitnehmerschutz ansehen - oder als Stein im Weg, der Zeit raubt und Kosten verursacht.

Relevanter ist aber sowohl aus Arbeitgeber- wie auch aus Arbeitnehmerperspektive die Frage, inwiefern Teamarbeit, persönliche Entwicklung und auch Aufstieg im Unternehmen behindert werden, wenn der persönliche Kontakt reduziert wird. Dies ist auch ein Thema, auf das Arbeitspsychologen regelmäßig verweisen.

Kontaktverlust

Der Kontaktverlust muss nicht, kann aber Probleme mit sich bringen. Und zwar über die Unternehmenskultur hinaus in Form psychischer und sozialer Auswirkungen. Laut Statistischem Bundesamt lernen rund zwölf Prozent der Deutschen ihren Partner bzw. ihre Partnerin am Arbeitsplatz kennen, bei im Arbeitskontext geschlossenen Freundschaften dürfte diese Zahl noch deutlich höher liegen. Dass für jene Menschen, deren engere Sozialkontakte auf der Arbeit entstehen, das Home Office problematisch sein kann, liegt auf der Hand.

Es ist aber eine Veränderung, auf die man sich einstellen kann. Denn dass man nicht mehr im selben Büro arbeitet, bedeutet ja nicht, dass man nicht trotzdem abends und an den Wochenenden Zeit miteinander verbringen kann. Das bezieht sich allerdings - der Einwand ist korrekt - auf bereits bestehende kollegial-freundschaftliche Bindungen. Neue entstehen zu lassen mit Menschen, die man nicht täglich, sondern zum Beispiel nur wöchentlich sieht, ist schwieriger.

Aufstieg und Karriere

Anders ist es mit der Frage von Aufstieg und Karriere. Hier könnte das Home Office sogar zu einer neuen Dynamik führen und bestehende problematische Strukturen aufbrechen. Denn bislang ist es faktisch so, dass Extrovertierte, die gezielt Seilschaften knüpfen und Kontakte pflegen, bessere Chancen auf Aufstieg haben und dass hier auch Blender regelmäßig voranpreschen. Wenn diese Möglichkeiten, sich zu präsentieren, reduziert werden, rückt die tatsächliche Arbeitsleistung in den Vordergrund, nebst dem Einbringen eigener Ideen.

Das Faktische hätte die Chance, dem Emotionalen den Rang abzulaufen und Blender, die sich zwar gut verkaufen, tatsächlich aber eher wenig messbare Eigenleistung erbringen, dürften es dann deutlich schwerer haben. Für die Unternehmen wäre das ebenso ein Gewinn wie für die Belegschaft.

Auslagerung?

Im Telepolis-Forum wurde außerdem mehrfach die Befürchtung geäußert, dass Jobs, die sich ins Home Office verschieben lassen, womöglich irgendwann komplett ausgelagert werden, zum Beispiel ins Ausland. Doch diese Angst ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum begründet.

Bestimmte Bürotätigkeiten, die sich ohne größere Probleme in Niedriglohnländer verschieben lassen (einige IT-Jobs, Callcenter etc.) wurden im Wesentlichen schon ausgelagert. Spezialisiertere Tätigkeiten oder auch Verwaltungsaufgaben, die engeren Kontakt zu Kollegen und Kunden erfordern und bei denen der Arbeitnehmer zumindest für einige Termine greifbar sein muss, dürften kaum ausgelagert werden - anderenfalls kann man davon ausgehen, dass dies bereits geschehen wäre. Denn erfahrungsgemäß sind hiesige Unternehmen wenig zimperlich, wenn es darum geht, Personalkosten einzusparen.

Die Zukunft dürfte realistischerweise ein Hybrid-Modell sein aus wenigen Mitarbeitern, die nahezu vollständig im Home Office oder mobil arbeiten und solchen, die zum Teil von zu Hause und zum Teil vom Büro aus arbeiten - eine Flexibilisierung, die unterm Strich allen Arbeitnehmern zugutekommt. Darauf weist auch eine Studie des Instituts der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hin. Direktoriums-Mitglied Dietmar Harhoff sagt dazu:

"Je nach Aufgabe scheinen zwei bis drei Arbeitstage pro Woche ideal, damit die Zusammenarbeit im Team nicht darunter leidet und der Austausch erhalten bleibt."

Er sieht durch die Erfahrungen in der Corona-Krise auch auf der Unternehmerseite ein Umdenken, während die Studienergebnisse klar aufzeigen, dass die Arbeitnehmer mehrheitlich ihren Chefs voraus sind, denn diese zögern noch viel eher - allerdings deutlich weniger als vor der Krise.

Die Frage sollte also schlussendlich gar nicht sein, ob das Home Office in Zukunft ausgeweitet wird, sondern wie - und wie man neue Arbeitsmodelle so gestalten kann, dass auch jene mit- und ernstgenommen werden, die damit Schwierigkeiten haben. (Gerrit Wustmann)