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Vom Raubkopierer und Tauschbörsianer zum Erhalter verlorenen Kulturguts

Es gibt etliche Liebhaber und Sammler alter Fernsehserien oder historischer Radiosendungen, die diese seit Jahrzehnten auch auf Kassetten untereinander tauschen. Im Internetzeitalter werden solche Hobbyisten von der Musik- und Filmindustrie durchaus gejagt. Manchmal ist man dann aber froh, dass es sie noch gibt.

In der Schule tauschten wir Platten und nahmen diese auf Kassetten auf, weil wir nicht das Geld hatten, uns alle Platten selbst zu kaufen. Irgendwann hatte man dann alles Wichtige und suchte nur noch nach Raritäten. So tauschte ich mit einer angehenden Journalistin Bootleg-Aufnahmen von Bruce Springsteen-Live-Konzerten in schauderbarer Tonqualität, weil der Mann live noch viel besser ist als im Studio, es aber schlicht keine offizielle Live-Platte von ihm gab. Lediglich auf dem Südtiroler Sender Radio C wurde eines Tages ein Live-Konzert des „Boss“ aus Mailand gespielt, doch leider kein zweites Mal, denn – oops – auch das war ein illegales Bootleg gewesen.

Erst 1986 tauchte dann die erste offizielle Live-Scheibe von Bruce auf – fünf Vinylplatten in einem Schuber. Darunter auch ehemalige Bootleg-Aufnahmen. Daran, die Konzerte offiziell mitzuschneiden, hatten die Plattenfirmen bis einige Jahre vor dem Erscheinen der Live-Box einfach nicht gedacht und nun war man froh über gut gelungene und gut erhaltene Aufnahmen, die zugegeben eher rar waren – schließlich kann ein Bootlegger nur selten in guter Qualität aufnehmen, das wäre zu auffällig.

Lange vor MP3 und Internet jagte die Musikindustrie schon böse Raubkopierer...

Später tauschte man auch interessante Radiosendungen. Thomas Gottschalk in „Pop nach 8“ sturzbesoffen im Fasching mit der Technik kämpfend, ungewöhnliche Piratensenderaufnahmen („Hier ist Radio Uferlos, liebe Funkfahnder, wir sehen euch kommen, aber wir wollen es euch nicht zu leicht machen und schalten deshalb jetzt ab!“) oder die Abschiedssendung von AFN Munich in Longplay auf 8 Stunden VHS-Kassetten – denn auf normale Audio-Kassetten wären ja nur 45 Minuten am Stück gegangen und man musste in die Arbeit…

Kurze Ansagen oder Jingles von vergangenen Stationen gibt es heute auch online im Netz. Ganze Sendungen allerdings nicht, denn die Plattenindustrie sieht auch eine verrauschte, quäkende Mittelwellenaufnahme eines sinkenden Piratenschiffs durchaus noch als Raubkopie des zufällig laufenden Musikstücks. Da hilft auch das Reinquatschen des Discjockeys nichts.

Heiße Sammlerware

Manchmal haben die Liebhaber aber auch hier noch eine Kopie eines historischen Schätzchens, dessen Original nicht mehr existiert. Nicht wegen des untergegangenen Sendeschiffs, sondern weil nicht nur für uns Schüler einst die Kassetten teuer waren – auch Unternehmen wie die BBC hatten nicht genug Geld für Bänder und Archivräume. Also archivierten sie nur „hohe Kunst“ wie beispielsweise die 200. Beethoven-Einspielung, doch gewöhnliche Comedy unter anderem von einer dubiosen Truppe namens Monty Python wurde nach der Ausstrahlung sofort wieder mit der nächsten Sendung überspielt. Dass jemand diesen Unsinn noch ein zweites Mal sehen wollte, war unvorstellbar…

Spätestens, als das Farbfernsehen kam, wurden alte Schwarzweiß-Bänder entsorgt. Doch über die Jahre werden auch öffentlich-rechtliche Sender mitunter weiser und irgendwann wurde es als Ärgernis empfunden, dass manche historischen Aufnahmen nicht mehr existierten. Selbst solcher Schrott wie die deutschen Lederhosensexfilme oder TV-Galas der 70er sind heute unter dem Aspekt interessant, welche alten Autos und Computer darin zu sehen sind. Nach einem Projekt namens „Missing Believed Lost“ („fehlt, vermutlich verloren“) des British Film Institute wurde deshalb das Projekt “Missing Believed Wiped“ („fehlt, vermutlich gelöscht“) gestartet.

Entlohnung für treue Dienste in Naturalien

Hier restaurierte die BBC nun die gelöschten Sendungen aus privaten Aufnahmen von Sammlern. Da diese ja keine Rechte an ihren Schätzen haben, wurden sie dafür nicht finanziell entlohnt, aber sie durften sich selbst in den BBC-Archiven umsehen und nach Wahl VHS-Kopien anderer Sendungen mit nach Hause nehmen. Was einem Sammler zugegeben viel mehr wert ist.

In einem Kommentar dazu berichten die Erben eines puertoricanischen Musikers davon, dass sie über 100 Werke ihres Vaters nur über Sammler wieder fanden, da die zugehörigen Plattenfirmen längst nicht mehr existierten. Die nach Ansicht der Plattenbranche illegalen Sammler und Tauscher erhalten also kulturelle Werte, die sich mit modernem DRM und Kopierschutz längst selbst zerstört hätten (Wolf-Dieter Roth)

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