Homo oeconomicus

Wie Altruisten das Wirtschaftsleben beeinflussen

Er ist durch und durch rational veranlagt, stets auf seinen Vorteil bedacht und dominiert dank dieser Eigenschaften den Handel. Soweit die klassischen Wirtschaftstheorien zum so genannten Homo oeconomicus. In der Realität jedoch setzen sich die Egoisten nicht immer und überall durch. Stattdessen bestimmen altruistische Wesen, denen das Allgemeinwesen und Fairness am Herzen liegen, den Gang der Dinge. Um dieses Phänomen besser erklären und vorhersagen zu können, haben Wissenschaftler aus den USA und der Schweiz mithilfe der Spieltheorie neue Modelle entwickelt, die im Wissenschaftsmagazin Science ausführlich beschrieben werden.

Im Zentrum der Überlegungen von Colin Camerer und Ernst Fehr stand die Frage, welche Faktoren darüber entscheiden, ob sich Gruppen so verhalten, wie klassische Theorien voraussagen, und welche Faktoren für das Gegenteil sorgen. In diversen Experimenten stellte sich heraus, dass es nicht darauf ankommt, ob die Mehrheit der Akteure Egoisten oder Altruisten sind. Vielmehr gibt es Situationen, in denen die Anwesenheit einiger weniger Egoisten bzw. Altruisten den Ausschlag gibt, teilweise reicht bereits der Glaube daran, es mit Egoisten bzw. Altruisten zu tun zu haben, um das Gruppenverhalten nachhaltig zu beeinflussen.

Die Experimente der Autoren basierten auf klassischen Problemstellungen der Spieltheorie wie etwa dem Gefangenendilemma, dem Schönheitswettbewerb oder dem Ultimatumspiel.

Hier ein Beispiel: Beim Gefangenendilemma sind zwei Personen eines gemeinschaftlichen Verbrechens angeklagt, das mit fünf Jahren Haft bestraft wird. Beiden Gefangenen wird nun ein Handel angeboten: Gestehen beide, bekommt jeder vier Jahre. Schweigen beide, ist die Justiz auf Indizien angewiesen, so dass jeder nur zwei Jahre Haft bekäme. Straffrei bleibt nur, wer den anderen zuerst verrät, wobei der andere volle fünf Jahre absitzen muss. Die Angeklagten können sich nicht absprechen, wissen aber, dass sie beide denselben Deal angeboten bekommen haben. Sie müssen sich also entscheiden, ohne die Entscheidung des Mitangeklagten zu kennen. Jetzt kommt es darauf an, den anderen gut einschätzen zu können.

Handel klappt nur, wenn man an den anderen glaubt

In der aktuellen Studie haben die Autoren das klassische Gefangenendilemma auf eine ökonomische Situation übertragen, in der die Handelspartner geographisch getrennt sind. Wenn beide simultan handeln müssen, muss der Käufer Geld überweisen, ohne zu wissen, ob die Ware jemals abgeschickt wird – und der Verkäufer muss die Ware verschicken, ohne zu wissen, ob er dafür Geld erhält. Hält jeder den jeweils anderen für einen selbstsüchtigen Egoisten, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, kommt der Handel nicht zustande. Gehen beide jedoch davon aus, dass der andere ein ebenso rechtschaffener Mensch ist wie er selbst, dann kommt der Handel zustande.

Einfacher wird die Entscheidung, wenn die jeweiligen Aktionen nacheinander ablaufen, denn dann kann A die Ware nur dann erhalten, wenn er auch tatsächlich zahlt. Entgegenkommendes Verhalten wird außerdem gefördert, wenn die Akteure die Möglichkeit erhalten, einander zu loben bzw. abzustrafen. Der Online-Marktplatz Ebay wird von den Autoren in diesem Zusammenhang zwar nicht erwähnt, entspricht aber exakt der zuletzt beschriebenen Variante des Gefangenendilemmas. Schließlich ist es bei Ebay üblich, dass zuerst bezahlt und dann verschickt wird, außerdem kann man sich anschließend mithilfe der Bewertungen gegenseitig loben oder strafen. Sogar das gern belächelte Motto von Ebay – "Wir glauben grundsätzlich an das Gute im Menschen" – entspricht den Forschungsergebnissen, wonach der Glaube an die Redlichkeit des Geschäftspartners für ein Gelingen dieser Art des Handels sorgt.

Ob eine Gruppe ein klassisches, rationales Geschäftsgebaren an den Tag legt oder nicht, hängt darüber hinaus von der Art der Transaktion ab. So gibt es Transaktionen, die "komplementäre Strategien" und andere, die "substituierende Strategien" erfordern. Außerdem sollte man – um mit Gewinn zu handeln – einen gewissen Informationsvorsprung haben und rational handeln. "Komplementäre Strategien" erfordert eine Anpassung an das Verhalten anderer, "substituierende Strategien" das genaue Gegenteil.

Wetten, Börse und Politik

Beim Aktienhandel zum Beispiel profitieren rationale Akteure davon, wenn sie ihr eigenes Verhalten – zumindest eine Weile – dem der Mehrheit anpassen; gleichzeitig können einige wenige irrational handelnde Individuen am Aktienmarkt für ziemlich verrückte Ergebnisse sorgen. Bei Termingeschäften und Sportwetten dagegen können gut informierte Händler große Gewinne machen, wenn sie anders wetten als schlecht informierte; und einige wenige rational handelnde Individuen reichen aus, um das Verhalten der Gruppe insgesamt den Erwartungen an ein rationales Modell anzupassen.

Wertvoll sind die Erkenntnisse der aktuellen Studie vor allem deshalb, weil sie nicht nur im wirtschaftlichen Bereich angewendet werden können, sondern auch im Hinblick auf politische Konflikte, die auch nicht immer von rational handelnden Wesen dominiert werden. Da hilft es, zu wissen, dass die Altruisten siegen können, auch wenn sie nicht die Mehrheit haben. (Katja Schmid)