Huizinga, Bartok, Kollwitz

Was 2016 gemeinfrei wird. Teil 3 - Wissenschaftler, Musiker, Künstler

Zu Teil 1 - Die Ideologen
Zu Teil 2 - Die Literatur

Ein bedeutender Mathematiker, dessen Werk 2016 gemeinfrei wird, ist Dmitry Mirimanoff. Der 1861 geborene Russe lehrte und forschte ab 1900 in der Schweiz, wo er Dozent und Professor in Genf, Fribourg und Lausanne war und wo seine Nachkommen noch heute leben. Er lieferte wichtige Beiträge zur Zahlentheorie zur Wahrscheinlichkeitstheorie und zur Mengenlehre. Vor sieben Jahren fand Marc Renault heraus, dass Mirimanoff und nicht (wie man vorher glaubte) Désiré André erstmals das Reflexionsprinzip zur Lösung von Bertrands Abstimmungsproblem entdeckte, das bei der Programmierung von Software eine Rolle spielt. Seine Überlegungen zum Großen Fermatschen Satz, für die er viel Zeit aufwendete, sind heute aber eher von historischer Bedeutung.

Dmitry Mirimanoff

In den Feuilletons besser vertreten als Mirimanoff ist der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga, dessen in Homo Ludens niedergelegte Gedanken und Entdeckungen zur Geschichte des Spiels und seiner Bedeutung für die Entwicklung von Kultur über sein Fach hinaus gelesen wurden. Gleichens gilt für sein wahrscheinlich bekanntestes Werk Herfsttij der Middeleeuwen ("Herbst des Mittelalters"), in dem er die Zeit vor der Renaissance vor allem als Krisenepoche zeichnet. Ebenfalls über sein Fach hinaus wirkte der am 13. April 1945 in New York verstorbene und ab 2016 gemeinfreie Philosoph Ernst Cassirer, der die Welt mit symbolischen Formen" zu erklären versuchte.

Von den Musikern, deren Werk 2016 gemeinfrei wird, ist der Ungar Béla Bartók der international renommierteste. Er war nicht nur Komponist, sondern auch Musikethnologe, der Volksmusik sammelte und in seinen eigenen Werken verwertete. Heute führt man nicht nur seine Bühnen- und Orchesterwerke auf, sondern auch seine didaktischen Stücke, die gar nicht zur Aufführung, sondern als Lehrmaterial für Klavierschüler geschrieben wurden.

Der gelbe Fluss

Ebenfalls im Bereich der klassischen Musik war der Chinese Xian Xinghai zuhause, dessen bekannteste Werke die patriotische Kantate Der gelbe Fluss und das gleichnamige Klavierkonzert sind, an dessen Schluss das Mao-Loblied Dong Fang Hong ("Der Osten ist rot") in die Internationale übergeht. Xinghai hatte sich 1939 den Kommunisten angeschlossen, weshalb sein Werk auch während der Kulturrevolution nicht verdammt, sondern weiter aufgeführt wurde.

Ein Musical wie ein Horrorfilm

Außerhalb Chinas populärer als die von Xinghai ist die Musik von Jerome Kern, der unter anderem die Stücke für die Musicals Show Boat und Swing Time schrieb. Die (selbst noch nicht gemeinfreien) interessantesten Umsetzungen dieser Musik sind die Show-Boat-Verfilmung des Frankenstein-Regisseurs James Whale (in der Paul Robeson eine wie in einem Horrorfilm illustrierte Version des (von Oscar Hammerstein getexteten) Kern-Stücks Ol' Man River singt) und das Astaire-Rogers-Musical Swing Time, aus dem Stücke wie A Fine Romance und The Way You Look Tonight stammen. Die Texte dafür schrieb Dorothy Fields, die erst 1971 starb, weshalb die Gemeinfreiheit vorerst nur für die das Aufführen und Einspielen von Instrumentalversionen gilt.

Frauen haben sich als Geld verkleidet, um reizvoller zu wirken

Nur die Texte gemeinfrei werden bei den Stücken von Harry Warren und Al Dubin, die die Musik für die meisten Busby-Berkeley-Musicals schrieben. Der Komponist dieses Songschreiberduos, Harry Warren, starb nämlich erst 1981, während der Texter Al Dubin bereits 1945 durch eine Kombination aus Barbituratmissbrauch und Lungenentzündung das Zeitliche segnete. Der Sohn russischer Juden begann seine Karriere als singender Kellner und verstand es wie kein zweiter, den Zeitgeist der 1920er und 1930er Jahre in Wortspiele und Anzüglichkeiten zu packen - in Stücken wie der Depressionszeitüberwindungshymne We're In The Money aus Gold Diggers Of 1933, den Sexualitätswettbewerbshymnen Keep Young and Beautiful [If You Want To Be Loved], I'm Young and Healthy und Shuffle Off To Buffalo, dem selbstironisch mit Minstrel-Klischees spielenden Goin' To Heaven On A Mule (in dessen filmischer Umsetzung Al Jolson im Blackface-Makeup eine jiddische Zeitung liest) oder dem kinoreflexiven I Only Have Eyes For You aus Berkeleys Meisterwerk Dames.

Die in Deutschland bekannteste unter den bildenden Künstlern, die 1945 starben, ist (alleine schon wegen der Vielzahl der nach ihr benannten Schulen) die Grafikerin, Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz. Sie wurde von den Nationalsozialisten zwar in ihrer Arbeit behindert, aber nicht von ihnen ermordet, sondern starb als 77-Jährige kurz vor Kriegsende, am 22. April 1945. Eineinhalb Jahre vorher wurde ihre Wohnung in Moritzburg bei Dresden ausgebombt, wobei zahlreiche ihrer Arbeiten verbrannten. Ihr Werk ist von einem protestantischen Asketismus geprägt, der heute häufig wie Moral-Agit-Prop wirkt. Das zeigt sich bereits in der Benennung ihrer Arbeiten und Zyklen, die Titel wie Krieg, Proletariat und Tod tragen.

Alexander Stirling Calder bei der Arbeit (1913)

Mehr zu entdecken als im Werk von Käthe Kollwitz gibt es in den Schöpfungen des amerikanischen Bildhauers Alexander Stirling Calder. Der New Yorker fertigte seine Skulpturen (die unter anderem am California Institute of Technology in Pasadena zu sehen sind) häufig nach bekannten Schauspielerinnen. Für Star Maiden stand ihm beispielsweise Audrey Munson Modell. Außer mit Frauenkörpern beschäftigte sich der 1870 geborene Spross einer Künstlerdynastie auch mit historischen Motiven - zum Beispiel in seinem Leif-Eriksson-Denkmal in der isländischen Hauptstadt Reykjavik oder in dem für die Panama-Pazifik-Ausstellung 2015 gefertigten Nations of the West.

Ein wichtiger Vertreter des Jugendstils, der 1945 starb, ist der 1866 in Flensburg geborene Hans Christiansen. Er gestaltete nicht nur die Zeitschrift Die Jugend mit, die der Bewegung ihren Namen gab, sondern auch Möbel, Schmuck, Dekorationsgegenstände und sogar Stollwerck- Schokolandensammelbilder. Die Villa Rosen, in der er wohnte, hatte er ganz nach seiner Vorstellung von dieser Blume gestaltet. Sie kann auch nach der Gemeinfreiheit nicht bewundert werden, weil sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Als Christiansen 1933 von der Reichskulturkammer aufgefordert wurde, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, verweigerte er das angeblich mit der Bemerkung "Geschieden wird nicht - Heil Hitler!"

Von den Comics werden 2016 die Werke des Schweden Oscar Jacobsson gemeinfrei. Seine mit Abstand bekannteste Schöpfung, die Hunderte von Zeitungen weltweit druckten, ist der in den USA als "Silent Sam" bekannte Zigarrenraucher Adamson, den er sich 1920 für die Zeitschrift Söndags-Nisse ausdachte. Optisch und in ihren Missgeschicken ist die Figur dem 65 Jahre später erschaffenen Homer Simpson bemerkenswert ähnlich. Nach Jacobsson Tod wurde sie vom Dänen Viggo Ludvigsen übernommen. (Peter Mühlbauer)

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