Hundertausende syrischer Kinder ohne Schulausbildung

Eine „verlorene Generation“. Vor dem Krieg lag die Rate der Syrer, die lesen und schreiben konnten, bei 90 Prozent

Die Zahlen sind wenig verlässlich, wenn es um Flüchtlinge geht, das ist mittlerweile bekannt. Die Dimensionen lassen sich dennoch erahnen: So erläutert ein aktueller Guardian-Artikel, die Herausforderung für deutsche Schulen, die sich angesichts von geschätzt zusätzlichen 365.000 Schüler stellen.

Die Zahl hat er von einem englischsprachigen Spiegel-Artikel. Der Artikel zeigt einen Ausschnitt aus der Realität, der Tenor ist: Es gibt viele Schwierigkeiten, es ist hart, aber irgendwie, lässt der Ton verstehen, schaffen es die deutschen Schulen mit vielen Überstunden und großem Einsatz.

In der Türkei und im Libanon sieht es schlechter aus. Die beiden Länder sind bekanntlich die ersten Anlaufstationen für Flüchtlinge aus Syrien. Zwar würden für die syrischen Kinder, deren Familien in Flüchtlingslagern untergebracht wurden und dort leben, so gut es geht Möglichkeiten geschaffen, zur Schule zu gehen, aber unter den Familien, die außerhalb leben, gebe es eine große Zahl von Kindern, die ohne Schule aufwachsen.

Insgesamt sollen 2,8 Millionen syrische Kinder im Alter zwischen sechs und 17 Jahren nicht zur Schule gehen. Die Zahl stammt von einem UNICEF-Bericht. Aufgenommen wird sie in einem aktuellen Situationsbericht des US-Think-Tanks Carnegie Endowment.

Dort ist die Rede von einer „verlorenen Generation“. Im Mittelpunkt stehen dort die Schwierigkeiten, die syrische Familien haben, die in den Libanon geflüchtet sind und dort außerhalb der Flüchtlingseinrichtungen in Armut leben. Seit 2014 sei der Prozentsatz der Flüchtlingshaushalte, die mit einem täglichen Budget unter 3,84 US Dollar auskommen müssen, von 50 bis auf 70 Prozent angestiegen.

Das hat Konsequenzen für die geschätzt 400.000 syrischen Kinder im schulpflichtigen Alter, die mit den Familien in den Libanon gekommen sind - eine Zahl, welche die Zahl der libanesischen Schüler in öffentlichen Schulen übersteige, so der Bericht. Tatsächlich seien aber 2014/2015 nur 30.000 Kinder der syrischen Flüchtlinge offiziell in Schulen angemeldet gewesen, ist dort zu lesen.

Viele Kinder würden arbeiten, in schlecht bezahlten Jobs mit langen Arbeitszeiten („informal economy“), um der Familie beim materiellen Überleben zu helfen. Dazu komme, dass die libanesischen Schulen nicht die räumlichen und personellen Möglichkeiten hätten, die große Zahl der Schüler aufzunehmen und der Besonderheit der Situation der Flüchtlingskinder gerecht zu werden. Resultat ist, dass etwa in der libanesischen Bekaa 35 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder weder schreiben noch lesen können. Man kann sich vorstellen, wie die Chancen dieser Kinder auf dem Arbeitsmarkt später aussehen.

Syrien hatte vor dem Krieg eine gute Schulbildung. 90 Prozent der Bevölkerung konnten lesen und schreiben.

In der Türkei, so ein aktueller Bericht der Menschenrechtsorganisation HRW bekommen 485.000 Kinder syrischer Flüchtlinge keine Schulbetreuung. Auch hier heißt es, dass für Kinder, deren Familien in Flüchtlingseinrichtungen untergebracht sind, gesorgt werde, nicht aber für die anderen.

Insgesamt geht weniger als ein Drittel der 700. 000 syrischen Kinder im Schulalter, die in den vergangenen vier Jahren in die Türkei gekommen sind, zur Schule. Das bedeutet, dass annähernd 485.000 keinen Zugang zu einer Schulausbildung haben.

Die Gründe, die den Schulbesuch verhindern, sind ähnlich wie im Libanon.

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