Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge bis 2050?

Bevölkerungsdichte und Grundwasserabfluss in der Sahelzone. Karte: CARE International and CIESIN at the Earth Institute of Columbia University

In einem Bericht wird gewarnt, dass Migration und Vertreibung als Folgen der Klimaerwärmung bislang unterschätzt würden

Während Klimaskeptiker immer noch abstreiten, dass es eine Klimaerwärmung oder zumindest eine von Menschen mit verursachte gibt, weswegen man auch nicht wirklich schnell handeln müsse, finden jetzt bereits erste Vertreibungen und Migrationen aufgrund der ersten Folgen des Klimawandels statt. In der Studie Obdach gesucht. Auswirkungen des Klimawandels auf Migration und Vertreibung von CARE International, dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) und dem International Earth Science Information Network (CIESIN) der Columbia Universität wird gewarnt, dass „das Ausmaß der Migration alles bisher Dagewesene übertreffen“ könne.

Besonders und zuerst betroffen von den Folgen der Klimaerwärmung sind die Menschen in Entwicklungsländern und den kleinen Inselstaaten. Da sie nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um den Menschen zu helfen, eine neue Lebensgrundlage zu finden oder das Land vor Dürre, Stürmen, Überschwemmungen oder dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen, muss damit gerechnet werden, dass viele in andere Teile ihres Landes oder auch ins Ausland flüchten. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) rechnet bis 2050 mit bis zu 200 Millionen Migranten, anderen Schätzungen gehen von 25-50 Millionen im Jahr 2010 und bis zu 700 Millionen bis zur Jahrhundertmitte aus.

So wird die Gletscherschmelze in Asien die landwirtschaftliche Produktion in einigen der am dichtesten bevölkerten Regionen der Erde gefährden, der Anstieg der Meeresspiegel bedroht ebenso dicht besiedelte und landwirtschaftlich genutzte Gebiete an den großen Flussmünden etwa von Ganges, Mekong oder Nil. In Mexiko und Mittelamerika besteht die Gefahr, dass Dürre und zunehmend starke Wirbelstürme Menschen vertreiben, während die fortschreitende Wüstenbildung in der Sahel-Zone die Bewohner in die Flucht zwingt. Auch die weitere Urbanisierung kann zu „Wärmeinseln“ führen, die regionale Dürretrends verstärken. Einige der großen Städte liegen überdies an Küsten und sind wie Dhaka, Buenos Aires, Rio de Janeiro, Schanghai, Alexandria, Kairo, Mumbai, Kolkata, Tokyo, Osaka-Kobe, Lagos, Bangkok, New York City und Los Angeles.

Himalaya-Gletscher und große Flüsse. Karte: CARE International and CIESIN at the Earth Institute of Columbia University

Dazu kommt, dass nicht nur die armen Länder meist stärker von der Klimaerwärmung betroffen sind, sondern auch die ärmeren Menschen, wie es im Bericht heißt, da sie aus wirtschaftlichen und politischen Gründen gezwungen seien, in risikoreicheren Gebieten zu leben. Und da sie kaum über Ressourcen verfügen, treffen sie Veränderungen der Umwelt auch stärker. Ein Problem allerdings ist, dass selbst manche Maßnahmen der Regierung zur Anpassung auch negative Folgen haben können. So werden in Vietnam Menschen umgesiedelt, die in Gebieten leben, die von Flussbetterosion, Fluten und Sturmwellen bedroht sind, aber durch die Umsiedlung, so der Bericht, mit dem „Risiko von kulturellem Verfall, verlorenen Lebensgrundlagen und eingeschränktem Zugang zu sozialen Dienstleistungen“ konfrontiert sind.

Bevölkerungsdichte und Grundwasserabfluss in Mittelamerika. Karte: CARE International and CIESIN at the Earth Institute of Columbia University

Klimaskeptiker werden natürlich wieder rufen, dass dies alles Panikmache sei. Tatsächlich handelt es sich ebenso wie bei den Vorhersagen der Klimaerwärmung um Schätzungen, die in diesem Fall auf weit weniger soliden Annahmen erstellt werden. Allerdings ist richtig, dass jetzt gehandelt werden muss, um das Schlimmste zu vermeiden, was eigentlich auch im Selbstinteresse der reichen und nur am Rande von Klimaerwärmung betroffenen Staaten sein müsste, die ja jetzt schon immer stärker versuchen, die Grenzen zu schließen, um Migranten abzuwehren. „Wir brauchen neue Denkanstöße und praktische Ideen, um die Gefahren zu verringern, die Klima-Migration auf menschliche Sicherheit und Gesundheit auslöst“, sagt auch Dr. Koko Warner vom Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit an der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) und Hauptautorin der Studie.

Bevölkerungsdichte und Anstieg des Meeresspiegels im Nildelta. Karte: CARE International and CIESIN at the Earth Institute of Columbia University

Politisch fordern die Autoren des Berichts die Senkung der Treibhausgas-Emissionen, Investitionen in die „Widerstandsfähigkeit“ durch ortsabhängige Anpassungsmaßnahmen oder Stärkung der Frauen, wobei der Schwerpunkt auf die „verwundbaren Bevölkerungsgruppen“ gelegt werden sollte. Innerstaatliche oder internationale Migration als Anpassungsstrategie müsse in die Vorbereitungen einbezogen werden, in internationale Vereinbarungen sollte der Klimawandel und die Rechte der durch ihn Vertriebenen integriert werden. „Die politischen Entscheidungen, die wir heute treffen, bestimmen, ob Migration in Zukunft nur eine von mehreren möglichen Anpassungsmaßnahmen sein wird. Oder ob sie der tragische Beweis unseres kollektiven Scheiterns sein wird, weil wir nicht rechtzeitig bessere Alternativen geboten haben“, so Warner. (Florian Rötzer)