Hunger in Ostafrika: Alle 48 Sekunden stirbt ein Mensch

Mangel an Nahrungsmitteln entsteht in Ostafrika durch Dürre und Klimawandel. Bild: Виктор Пинчук, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

G-7-Staaten schmieden Allianz gegen Welthunger. Doch ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, so ein aktueller Bericht. Es fehle der politische Mut, schnell zu helfen

Der Hunger ist als Thema wieder auf die politischen Bühne zurückgekehrt. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) warf zum Beispiel Russland am Mittwoch vor, Getreideexporte als Kriegswaffe einzusetzen.

"Russland hat einen Kornkrieg begonnen, der eine globale Nahrungsmittelkrise anfacht", sagte sie während eines Treffens der Außenminister bei den Vereinten Nationen in New York. Moskau tue dies, indem es nicht nur ukrainische Häfen blockiere, sondern auch Silos, Straßen, Eisenbahnen und Felder zerstöre.

Baerbocks Kernaussage: Russland führt nicht nur Krieg in der Ukraine, sondern auch gegen die Länder; denn all‘ das, was sie der Regierung in Moskau vorwirft, tue diese in einer Zeit, in der im Nahen Osten und in Afrika bereits Millionen Menschen von Hunger bedroht sind. Sei die eigentliche Ursache auch die Klimakrise, die Folgen der Coronapandemie oder regionale Konflikte – der Krieg in der Ukraine verschärft das weltweite Leid.

Ähnlich argumentierte auch Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD). "Es gibt Hungersnöte, weil Putin den Hunger gezielt als Waffe einsetzt", sagte sie der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Dem müsse man nun ein neues Bündnis für globale Ernährungssicherheit entgegensetzen – und dieses will sie nun mit ihren Amtskollegen aus den anderen G7-Staaten ins Leben rufen.

Dabei betonte Schulze aber, dass die Lage auf den Agrarmärkten ohnehin schon angespannt war, durch den Krieg in der Ukraine werde die Not nun noch einmal verschärft. Helfen will sie mit Geld: 430 Millionen Euro will sie zur Verfügung stellen. Außerdem solle das Bündnis die Maßnahmen der internationalen Gemeinschaft zur Ernährungssicherheit koordinieren. Die Weltbank und die Afrikanische Union (AU) seien eingebunden, auch Stiftungen und Unternehmen seien eingeladen.

Zweifel an Glaubwürdigkeit der G-7-Staaten

Die Entwicklungsorganisation Oxfam zweifelt allerdings an der Glaubwürdigkeit solcher Verlautbarungen. "Die G7-Staaten müssen ihre Zusagen einhalten und ausweiten, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht vollends verspielen wollen", mahnte Tobias Hauschild, Referent bei Oxfam.

Er spielte damit auf frühere Versprechen der Industriestaaten an. Diese hatten sich zum Beispiel 2009 verpflichtet, "ihre Unterstützung für Klimaschutz in den einkommensschwachen Ländern bis 2020 auf jährlich 100 Milliarden US-Dollar zu erhöhen". Dieses Ziel wurde nicht nur nicht erreicht, es gebe bisher auch "kaum Anzeichen, dass es in naher Zukunft erreicht werden könnte", heißt es bei Oxfam.

Mit Blick auf die sich abzeichnende Hungerkatastrophe in Ostafrika hatte Oxfam im März erst darauf hingewiesen, dass die versprochenen Mittel für die humanitäre Hilfe ebenfalls nur zum geringen Teil bereitgestellt wurden: Nur drei Prozent der versprochenen sechs Milliarden US-Dollar für die Hilfen in Äthiopien, Somalia und dem Südsudan. Für Kenia stünden nur elf Prozent der benötigten Mittel zur Verfügung.

Die Entwicklungsorganisation äußerte klare Vorstellungen, wie die Entwicklungsminister der G-7-Staaten helfen könnten: Durch einen Schuldenerlass und durch höhere Entwicklungsausgaben könnte für finanzielle Entlastung gesorgt werden, hieß es am Dienstag bei Oxfam. Aber auch in Sachen Pandemie und Klimakrise könnten die vermögenden Länder mehr tun. Ob sie sich diese Punkte zu eigen machen werden, ist bislang noch offen.

Um die Mitverantwortung der Industriestaaten für den Hunger in der Welt zu unterstreichen, hat Oxfam am Mittwoch gemeinsam mit Save the Children den Bericht "Dangerous Delay 2: The Cost of Inaction" vorgestellt. Er schildert vor allem die Situation der von extremer Dürre geplagten Länder Äthiopien, Kenia und Somalia. Schätzungen zufolge stirbt dort alle 48 Sekunden ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung.

Es fehlt weder Essen noch Geld, sondern politischer Mut

Gabriela Bucher, Geschäftsführerin von Oxfam International, erklärte in Berlin dazu: "Die Menschen in Ostafrika hungern nicht, weil es der Welt an Nahrung oder Geld mangelt, sondern weil es an politischem Mut fehlt". Die bislang zugesagten Gelder reichten nicht aus und führende Politiker hätten trotz vieler Alarmsignale zu spät oder zu verhalten reagiert.

Und die schnellen und umfassenden Reaktionen der Staatengemeinschaft auf den Krieg in der Ukraine oder in der Pandemie hätten gezeigt: Die Länder könnten Ressourcen erfolgreich mobilisieren, um Leid zu lindern – "aber nur, wenn sie den festen Willen dazu hat", so Bucher. Der Hunger sei deshalb die Folge politischen Versagens.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die betroffenen Länder und die internationale Staatengemeinschaft immer noch zu zögerlich handelten, obwohl es verbesserte Warnsysteme im Kampf gegen Dürren und Hunger gebe. Verkrustete Bürokratien und eigennützige politische Entscheidungen würden weiterhin schnelle globale Reaktionen auf Ernährungskrisen verhindern. (Bernd Müller)