Hungern wie im Krieg

Bahnt sich im Irak eine neue Katastrophe an?

Bekannt sein dürfte dies hierzulande oder in den USA nur den wenigsten: Weit mehr als die Hälfte der Iraker – 60 Prozent – hängen von Lebensmittelgutscheinen ab. Und ihnen stehen im neuen Jahr härtere Zeiten bevor, sie bekommen 2008 weniger Nahrungsmittel als in den Jahren zuvor. Trotz Erfolgsmeldungen bleibt der Irak ein failed state.

Laut dem irakischen Handelsminister würden jetzt nur mehr 5 Arten von grundlegenden Lebensmittel anstelle der bislang 10 (einschließlich Hygienemittel) verteilt, meldete die irakische Zeitung as-Saman am vergangenen Freitag.

Und von dem Wenigeren gibt es auch noch weniger: Wie Handelsminister Abid Falah as-Sudani vom UN-Informationsdienst IRIN bereits Anfang Dezember zitiert wurde, fehlt der irakischen Regierung das Geld, um die gleiche Menge an Lebensmittel zu verteilen wie 2007 und in den Jahren zuvor. Man bräuchte 5 bis 6 Milliarden Dollar mehr im Jahr, um angesichts der gestiegenen Preise das bisherige Niveau der Lebensmittelverteilung (Public Distribution System – PDS) zu halten1.

Geschätzte 60 Prozent der Iraker hängen von dem Lebensmittelverteilungssystem (PDS) ab, das in der jüngsten Zeit immer größere Versorgungslücken aufwies: Die Zahl stammt vom irakischen Handelsministerium. Dessen Chef as-Sudani machte Ende letzten Jahres vor dem irakischen Parlament Korruption und Personalknappheit für die Fehler der Versorgung in der Vergangenheit verantwortlich. Wer genau die Verantwortung für die Beschränkungen der Lebensmittelzuteilung im neuen Jahr trägt, wird offiziell freilich nicht benannt. Manche Beobachter vermuten indessen einen Einfluss des Weltwährungsfonds, der den erneuten Kredit, der im Dezember an Irak vergeben wurde, an Bedingungen geknüpft habe, die solche Entscheidungen wie die Kürzung der Vergabe kostenloser Lebensmittel nahelegen würden.

Jenseits solcher Mutmaßungen steht für die Ärmeren in der irakischen Bevölkerung fest, was laut IRIN seit Jahresbeginn nicht mehr umsonst verteilt wird: Tee (wöchentliche Ration 200 gr/Person), Erbsen (250 gr), Kindermilchpulver (1,8 kg/Kind), Tomatenpaste (500 gr) sowie Hygienemittel und Seife. Weiterhin verteilt werden sollen: Reis (3kg pro Person im Monat), Zucker (2 kg), Speiseöl (1,27 l), Mehl (9 kg) und Milch (für Erwachsene, 250 g).

Laut dem Blogger "Badger", spezialisiert auf Nachrichten aus arabischen Medien, um „Lücken zu füllen“, hat Oxfam bereits im Juli letzten Jahres in einem Bericht auf die sich anbahnende Katastrophe hingewiesen. Oxfam erwähnt darin „4 Millionen (Iraker), deren Ernährung nicht gesichert ist, für welche die Notwendigkeit, sie mit unterschiedlichen Arten humanitärer Hilfe zu unterstützen, dringend geboten ist“.

Die Hilfsorganisation warnte in ihrem Juli-Bericht, dass angesichts des Gewaltproblems im Irak die humanitären Bedürfnisse der Bevölkerung ins Hintertreffen gerieten und betonte, „dass hier mehr getan werden könnte.“ Ein halbes Jahr später wird allenthalben von einem deutlichen Rückgang der Gewalt im Irak berichtet, der chronische Hunger jedoch bleibt – vorerst? An solchen elementaren Indikatoren wird sich zeigen, wie nachhaltig der Erfolg der amerikanischen Strategie ist.

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