Hyperexhibitionismus und Hyperangepasstheit

Sind Castingshows und MySpace verwandte Phänomene?

Die vierte Staffel "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) ging am Samstag zu Ende – und immer noch hatte die Sendung gute Quoten, auch wenn man nach bislang durchwegs erfolglosen "Gewinnern" meinen sollte, dass mittlerweile auch der letzte Trottel begriffen hat, dass man mit diesen Castingshows kein "Superstar" wird. Warum also gibt es immer noch Nachschub für dieses Format - nicht nur an Zuschauern, sondern auch an Kandidaten?

Potentielles DSDS-Nachfolgeformat: Die Tierdoku "Wer wird Bienenkönigin?" Foto: Los Alamos National Laboratory

Der Konsum des zur kulturellen Pflicht gewordenen Spektakels ist wahrhaftig kein Vergnügen: Man fühlt sich schlecht, unbehaglich und gruselt sich. Aber warum geschah dies bei einem Format, das gar nicht zum Fürchten gedacht war? Immerhin wurde doch niemand getötet, verstümmelt, geschändet ... doch halt - wirklich nicht? Es war die Popmusik, die auf's grausamste gemeuchelt und von drei bösen Feen in eine Schreinerlehre verwandelt wurde.

Die Popmusik, die in den 1960er und 70er Jahren durch Narrenfreiheit gekennzeichnet war, wurde in der Bertelsmann-Show wie eine Mischung aus Cargo-Kult, Lehre und Bundeswehr-Grundausbildung betrieben. Inklusive Devotheit der "Auszubildenden", bräsiger Witze der "Handwerksmeister" (Jury) mit Lachzwang für die Lehrlinge und – besonders ekelhaft - erzwungener Selbstkritik ("Warst du mit dir selbst zufrieden?").

In Amerika gab es bereits zu Anfang der Reagan-Jahre in Filmen wie Flashdance und A Chorus Line diese ideologische Verbindung von freiwilliger Erniedrigung und Erfolg in einer Unterhaltungsmaschinerie – eine Art Passionsspiel, das Paul Verhoeven mit seinem Meisterwerk Showgirls vom Kopf auf die Beine stellte.

Der deutsche Fernsehzuschauer kannte solche Szenen vor der Castingshow-Welle vorwiegend aus Dokumentationen über das Dritte Reich, in denen junge Menschen erzählen, wie wichtig es ist, dass man sie im Arbeits- und Wehrdienst richtig "rannimmt." Da passte es ganz gut, dass der DSDS-Juror der ersten Stunde, der Plattenboss Thomas M. Stein meinte, dass "die Schneise, die der Krieg in die deutsche Musiklandschaft geschlagen hat, nun zugewuchert [sei]." Die neuen technologischen Errungenschaften aber bedrohten laut Stein diese von ihm geschätzte Entwicklung. Also forderte er umfassendere Monopolrechte, damit es kulturell wieder mehr wie im Dritten Reich zugeht.

Die Teilnehmer der vierten Staffel waren durchwegs austauschbare Beispiele für diese Degeneration von der Kunst zum Handwerk, egal ob sie nun Lisa Bund, Martin Stosch oder Mark Medlock hießen. Keiner der Kandidaten rüttelte an der ihm zugewiesenen Rolle des "Lehrlings." Auch der als "Rebell" verkaufte Max Buskohl konnte das System der Unterwerfung nicht aufbrechen, sondern wechselte nur den Lehrherrn, der dann vom Rapper Dr. Gewalt die Idee der Verhöhnung mittels Schleyer-Plakat übernahm – nur weniger lustig.

Doch nicht nur DSDS, sondern auch die anderen Castingshows verbreiteten dieses Ambiente. Da war zum Beispiel Heidi Klum mit ihrer Modelshow, die bewies, dass man auch als Rheinländerin wie eine ukrainische Dorfnutte aussehen kann. Dort schwärzte die Musterkandidatin Fiona zwei Konkurrentinnen an, weil sie angeblich "gar keinen Bock mehr auf die ganze Show hätten." Dafür wurde sie gelobt, die anderen beiden zur Rede gestellt und getadelt. Das Thema der Castingshows war letztlich austauschbar - Hauptsache, die Regeln wurden befolgt.

Diese Umerziehungslager mit Schwerpunkt Gehirnwäsche schienen zwei neue Persönlichkeitstypen hervorzubringen: Die Kandidaten betrieben entweder totalen Hyperkonformismus, glatt bis in die Nano-Subtilität - oder sie verhielten sich besonders bizarr und wurden dann wie in einer Freakshow vom Sender vorgeführt. War es tatsächlich nur die Jugendarbeitslosigkeit, die Teenager zu so etwas trieb – oder steckt mehr dahinter?

Recherchen, die Emily Nussbaum über das Phänomen MySpace machte, legen nahe, dass es möglicherweise die potentielle dauernde Beobachtung sein könnte, die zu einer massenhaften Verhaltensänderung führt. Nussbaum fiel auf, dass sich nicht nur MySpace auf eine bemerkenswert hohe Akzeptanz unter Teenagern stützen kann, sondern dass viele Teenager auch freiwillig an Reality-TV-Shows teilnehmen würden. Sie kam zu dem Schluss, dass diese Generation möglicherweise eine vollkommen andere Vorstellung von Privatsphäre hat - was daran liegen könnte, dass amerikanische Teenager den Wegfall der Privatsphäre bereits völlig verinnerlicht haben: Überall stehen Überwachungskameras, jeder Zutritts- und Bezahlvorgang erlaubt die genaue Verfolgung der Aktivitäten einer Person, jede Email, jedes Telefonat, kann von Providern und/oder Regierungsstellen problemlos überwacht werden. Das Leben ist öffentlich - ob man das will oder nicht.

Dieser Effekt würde das Phänomen des Hyperexhibitionismus in Social Communities ebenso wie in Castingshows psychologisch erklären – doch woher kommt die andere Komponente, die Hyperangepasstheit? Sie erklärt sich einerseits ökonomisch – siehe Reagan-Musicals und Reichsarbeitsdienst. Andererseits könnte sie aber auch einem Phänomen entspringen, das die Medienwissenschaftlerin Danah Boyd "invisible audiences" nannte: Nach dieser Theorie verändert die Selbstdarstellung als Massenphänomen die Persönlichkeit, weil sich die "authentischen" Äußerungen stilistisch wie inhaltlich immer mehr auf ein vorgestelltes Publikum ausrichten - wie bei Zootieren, die ab und zu Erdnüsse bekommen, wenn sie sich besonders "artgerecht" benehmen. Eine Konformismuswirkung der Kulturindustrie, wie sie sich nicht einmal ein Adorno hätte träumen lassen.

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