Hyperschallwaffen erzwingen Wettrüsten der autonomen Systeme

Angeblich erfolgreicher Test des bodengestützten Aegis-Raketenabwehrsystems mit dem Abschuss einer SM-3-Rakete von der Pacific Missile Range Facility (PMRF) in Kauai, Hawaii, mit der eine ballistische Mittelstreckenrakete getroffen und zerstört wurde. Bild: MDA.mil

Mit der Verkürzung der Reaktionszeiten auf wenige Minuten wächst die weltweite Kriegsgefahr wie im Kalten Krieg mit den mobilen Mittelstreckenraketen in Europa

Es wird gefährlich und eigentlich Zeit für eine neue Friedensbewegung. Mit den Hyperschalldrohnen und -raketen, die Russland, China und die USA entwickeln und die wahrscheinlich bald einsatzfähig sind, geht es wieder einmal um die Geschwindigkeit in der militärischen Logik (Sputnik-Schock bei Hyperschallraketen?). Die vorhandenen Raketenabwehrsysteme sind nicht in der Lage, manövrierbare Hyperschallwaffen, die mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden können, abzuschießen, zumal wenn mehrere gleichzeitig Ziele angreifen. Und dann ist da auch noch das Zeitfenster, das auf jeden Fall Menschen ausschließt und die Entscheidung von autonomen Systemen erzwingt.

Der amerikanische Ausstieg aus dem ABM-Vertrag, um das Raketenabwehrschild (NDM) aufzubauen sowie das Konzept des Global Strike dürften den Wettlauf zur Entwicklung von Hyperschallwaffen zumindest erheblich verstärkt haben. Das Global Strike-Konzept bzw. CONPLAN 8022 wurde seit 2005 öffentlich diskutiert, geht aber bereits auf den Nuclear Posture Review von 2001 zurück, in dem mit die Entwicklung von neuen Atomwaffen und eine Strategie des Präventivschlags gefordert wurde. 2003 hatte die Darpa dann das Falcon-Projekt (Force Application and Launch from the Continental US)) aufgelegt, eine Hyperschalldrohne, um überall auf der Erde von den USA aus in zwei Stunden zuschlagen zu können (Globale Angriffs- und Zerstörungskapazität).

Wettrüsten im Weltraum

Nachdem die USA bei der Entwicklung von Hyperschallraketen und -drohnen aber zurückgefallen zu sein scheinen - in Entwicklung sind die Tactical Boost Glide-Waffe und HAWC (hypersonic air-breathing weapon concept - , steht die Einrichtung des von Donald Trump angeordneten Weltraumkommandos auch in diesem Kontext. Dies erfolgte als schnelle Reaktion, nachdem Wladimir Putin letztes Jahr ein Arsenal an neuen russischen Wunderwaffen wie ein neues Hyperschall-Raketensystem (Kinschal), atomgetriebene Marschflugkörper, Unterwasserdrohnen und Laserwaffen vorgestellt hatte, mit denen sich die amerikanischen Abwehrsysteme überwinden ließen. Besonders hervorgehoben hatte er dabei Hyperschall-Präzisionsraketen, die mit Mach 20 fliegen könnten.

Aus dem Pentagon hieß es dann, um Hyperschallraketen abwehren zu können, sei es notwendig, entsprechende Sensoren und Abfangraketen im Weltraum zu stationieren (Pentagon will Raketen im Weltraum stationieren). Das hat US-Präsident Donald Trump gestern noch einmal mit der Veröffentlichung des Missile Defense Review bestätigt. Explizit wurde zwar neben dem Ausbau der Raketenabwehr nur von neuen Sensoren im Weltraum gesprochen, aber mit einer "new space-based kill assessment capability" dürften auch Raketen eingeschlossen sein. Niedrigfliegende Hyperschalldrohnen könnten aber mit Raketen aus der Umlaufbahn nicht abgeschossen werden. Möglicherweise denkt man auch an Laserwaffen im Weltraum, vorerst sollen sie angeblich nur auf Drohnen und Luft-Luft-Raketen angebracht werden.

Donald Trump bei der Vorstellung des Missile Defense Review. Bild: DoD

Michael Griffin, Staatssekretär für Forschung und Entwicklung im Pentagon, hatte bereits im September 2018 mit Überlegungen zur Stationierung von Waffen im Weltraum deutlich gemacht, dass die USA nicht an einem Rüstungskontrollabkommen interessiert sind. Das wurde auch deutlich mit der Ankündigung, aus dem INF-Vertrag auszusteigen, ohne Vorschläge für einen Nachfolgervertrag zu geben, der andere Staaten und auch Hyperschallwaffen einschließen würde.

Wenn die die drei Atommächte - und vielleicht noch andere Länder - versuchen, strategische Vorteile mit den neuen schnellen Waffensystemen zu erreichen (Wettrüsten bei Hyperschall-Raketen und -Fluggeräten), dann entsteht natürlich auch wieder ein neues Patt - nicht bei der Abwehr, sondern beim Angriff und Rückschlag. Es sei denn, man geht von einem Szenario aus, dass ein Land ein anderes mit einer Vielzahl von mit nuklearen Sprengköpfen ausgerüsteten Hyperschallwaffen mehr oder weniger auslöscht. Auch dann würde dies zu einem atomaren Rückschlag von Bombern und U-Booten führen können. Weniger dramatisch, aber ebenso bedrohlich wäre es, wenn ein Land mit einer in großer Höhe gezündeten Atombombe durch einen gewaltigen elektromagnetischen Impuls (EMP) lahmgelegt würde.

Aber zunächst einmal gleicht die Situation den 1980er Jahren, als die Sowjetunion und die USA atomare Mittelstreckenraketen in Europa stationierten, die bereits ebenfalls wegen der verkürzten Reaktionszeit (OODA - Observe, Orient, Decide, Act) das Risiko eines Atomkriegs verstärkten. Die mit bis zu drei nuklearen Sprengköpfen ausrüstbaren russischen Mittelstreckenraketen SS-20 mit bis zu 5000 km Reichweite und die amerikanischen Pershing-II-Raketen mit einer Reichweite von 1800 km und einer Geschwindigkeit von Mach 8 waren mit ihren mobilen Abschussrampen beweglich und verkürzten in Europa die Vorwarnzeiten erheblich auf wenige Minuten.

Ende mit dem "human in the loop"

Jetzt aber kommen wir in die Nähe der Geschwindigkeit, die auch anderswo notwendig zur Ausschaltung des Menschen führt, der einfach zu langsam wird, um noch steuernd eingreifen zu können. Beispiel ist der automatisierte Hochfrequenzhandel, mit dem im Millisekundenbereich Entscheidungen über Käufe oder Verkäufe von Wertpapieren nach Algorithmen oft mit minimalen Vorteilen gefällt werden, was im militärischen Bereich die Strategien noch gefährlicher machen könnte, zumal strategisch taktische Atomwaffen von Militärs gefordert werden, um die Schwelle eines Atomkriegs zu unterschreiten. Dazu kommt wie im Hochfrequenzhandel die Co-Location, also das Bestreben, die Rechner bzw. die Waffen möglichst nah zum Rechenzentrum der Börse bzw. zum Territorium des Gegners zu verlegen, um die Geschwindigkeit zu erhöhen, also die Reaktionszeit des Gegenspielers zu verringern. Dabei sind Glasfaserverbindungen im Hochfrequenzhandel schon zu langsam, man nähert sich mit Mikrowellen und Laser der Lichtgeschwindigkeit (siehe Franca Contratto: Hochfrequenzhandel und systemische Risiken).

Der Hochfrequenzhandel kann mit allen Problemen und Risiken - beobachtet wurde eine Häufung von extremen Marktereignissen, v.a. der "ultrafast extreme events" - als Paradigma nicht nur für KI-gestützte Entscheidungen mit Hyperschallwaffen dienen, sondern auch für künftige autonome Kampfsysteme, die viel schneller als Menschen den strategischen Möglichkeitsraum mit den Entscheidungs- und Täuschungsspielräumen anderer autonomer Systeme erfassen und entscheiden, also angreifen können.

Ende 2018 hatte das russische Verteidigungsministerium im Beisein von Präsident Putin, was die Bedeutung herausstreichen sollte, die manövrierbare Hyperschall-Rakete "Avangard", die mit einem nuklearen Sprengkopf von einer oder zwei Megatonnen TNT ausgerüstet werden kann und von einer Interkontinentalrakete gestartet wurde, angeblich erfolgreich getestet. Sie soll eine Geschwindigkeit von Mach 27 erreichen können, also von 32.000 km/h.

Neben Hyperschalldrohnen und -raketen sind bald auch Railguns (Schienenkanone) einsatzfähig. Sie können Stahlgeschosse schnell hintereinander mit einer Geschwindigkeit von über 7 Mach über Entfernungen von bis zu mehreren hundert Kilometer abfeuern und damit womöglich auch Hyperschallwaffen abschießen. China und die USA sind in der Entwicklung führend.

Die U.S. Army denkt überdies daran, aus 155mm-Haubitzen ein Hyper Velocity Projectile (HVP) abfeuern zu können, auch von Schiffskanonen könnten sie abgeschossen werden. Die Projektile sollen eine Geschwindigkeit Mach 7 haben und ebenfalls Raketen abschießen können. Gegenüber anderen Raketenabwehrsystemen wären sie deutlich billiger, sekundenschnell nacheinander abfeuerbar und der Gegner könnte nicht so leicht erkennen, wie viele Abwehrsysteme, die eigene, gut identifizierbare Abschussrampen benötigen, wo vorhanden sind. Die Reichweite ist allerdings mit 80 km gering. (Florian Rötzer)

Anzeige