Hysterie und Herrschaft

Notre Dame de Paris,15. April 2019. Foto: Milliped/ CC BY-SA 4.0

Kommentar: Europa zieht sich selbst einen tausendjährigen Eichenbalken über den Schädel und nennt es Kultur

Neulich, als die Notre Dame brannte, drohte mal wieder das Abendland unterzugehen. Schon einen Tag später war der Untergang abgeblasen, denn es stellte sich heraus, dass das Familiensilber zwar ein wenig Ruß abbekommen hatte, aber noch da war. Wenn das so weitergeht, erleben wir demnächst mehrere Apokalypsen täglich.

Seit dem 11.9.2001 hat die Welt schon einige Momente anzubieten, denen vom heißen Wind der Medien eine ähnliche Relevanz zugefönt werden sollte, und am 15.4.2019 war es dann wieder soweit: Brand in der Notre Dame! Das Netz hielt kurz erschreckt den Atem an, aber wie bei einem verletzten Kleinkind, das nur Kraft sammelt, brach der Sturm danach umso beherzter los: Jedes zweite Bild auf Facebook war ein verwackeltes Foto vom letzten Paris-Urlaub oder ein Blick auf und in das "flammende Inferno", den die offiziellen Medien nur zu gern gewährten.

Bald wurde feste gefleht und gebetet, aber so richtig spielte die Hysterie-Orgel erst auf, so richtig fand die Stimme des Volkes erst zu ihrem Wesen und Wollen, als ihr die großen Medien die Tonart vorgaben: Herz Europas getroffen, Gedächtnis der Menschheit in Gefahr, Juwel der Kulturgeschichte möglicherweise unrettbar verloren. Wer immer sich ein wenig mehr Nüchternheit wünschte, traf auf die Kehrseite der hysterischen Ergriffenheit, einen spezifischen Hass, der das Sentiment um jeden Preis verteidigt, weil es sich so angenehm darin badet.

Die Aufregung um die brennende Kirche mit der Gelassenheit angesichts des Grenfell-Feuers (2017) zu vergleichen, wurde mir noch spätabends sehr übelgenommen: aber die Orgeln! Und die Rosette! Die unvergleichliche Schönheit! Und wiederum: das Gedächtnis der Menschheit! So unausgesprochen wie konkret stand der Vorwurf im Raum, dass diejenigen, die nicht ganz doll mitleiden wollten, Verrat an Europa übten. 72 Menschenleben gegen das tausendjährige Eichengebälk einer mittelalterlichen Kirche - da hatten die Verlierer festzustehen.

Der Président de la République beschwor die Einheit der Franzosen im Trotz gegen die größte Tragödie seit der Niederlage der Franzosen im WM-Endspiel 2006. Claus Kleber stand neben sich, Twitter stand Kopf. Die ganz Gläubigen machten das Übliche, sie knieten sich hin und beteten.

Wie gerufen traten natürlich auch die professionellsten aller Abendlandverteidiger auf den Plan: Die AfD und andere rechtsradikale Katastrophengeier, die ihre üblichen Spiele spielten.

Die obszöne Leichtigkeit der Superreichen

Waren am Abend und in der Nacht schon Tragödie und Farce nicht auseinanderzuhalten gewesen, so lieferte der folgende Morgen das Slapstick-Finale: Macron verkündete, die Kathedrale würde schöner als zuvor aufgebaut und zwar in nur fünf Jahren. Alle relevanten Kunstschätze waren gerettet worden, und natürlich das wichtigste Glaubenszubehör von allen auch: die wahrhaft echte Dornenkrone von Jesus Christus. Das Gold am Kruzifix war nicht geschmolzen, und die Bienen waren nicht verbrannt.

Das beste Wunder von allen: Französische Milliardärsfamilien leisteten sich eine Bieterschlacht um den größten Spendenbeitrag zur Renovierung der Touristenattraktion, und der Hammer fiel bei 800 Millionen Euro. Stattlich, und sicher das eine oder andere Widmungskapellchen in der dann schöner als zuvor glänzenden Notre Dame wert.

Allein, die Trauergemeinde wollte sich die gute schlechte Laune noch nicht verderben lassen. Tau-send-jäh-rige Ei-chen-bal-ken! Ge-dächt-nis der Mensch-heit! Bemerkungen dahingehend, dass die ohnehin stattfindende Renovierung der Kirche jetzt nur ein bisschen länger daure, wurden ebenso wenig goutiert wie der Hinweis auf die Tatsache, dass die Notre Dame auch ein Teil der europäischen Unheilsgeschichte ist.

Das Gedächtnis der Menschheit erstreckt sich nun einmal ungern auf ungeliebte Erinnerungen, auch wenn sie einen aus den steinernen Friesen selbst anstarren. Einzig die obszöne Leichtigkeit, mit der ein paar Superreiche 800 Millionen Euro hervorzauberten, um das echte, alte Glaubens-Disneyland Notre Dame in einen neu aufgeschäumten Remix zu verwandeln, stieß dem Publikum dann doch sauer auf.

Wobei man sich wirklich fragen kann, ob den Beschwerdeführern in dieser Hinsicht nicht vorher schon klar war, was für einen riesigen Misthaufen an Geld die edlen Spender zusammengekehrt hatten, ohne jemals daran zu denken, dass man damit auch was Sinnvolles anstellen könnte. Die Existenz von Gesellschaftsklassen scheint für die Leute ganz neu zu sein, die die 800 Millionen ein wenig suspekt finden. Wäre das Geld in gigantische Luxusyachten geflossen, hätte sich kaum jemand daran gestört, aber vom Ge-dächt-nis der Mensch-heit, oho! sollen diese Geldschlangen die Finger lassen.

Letztlich bringt das Trara um den Brand der Notre Dame ein paar unschöne Gewissheiten hervor. Die Aufklärung reicht auch heutzutage nur bis zu einer imaginären "Identität", die je eifriger verteidigt wird, je hohler sie ist. Wenn man den ganzen erzkatholischen, eurozentrischen Mummenschanz vom Bienenwunder bis zur Dornenkrone "Kultur" und "Europa" nennt, ist man so nah an den "Identitären", dass man sich später über brennende Flüchtlingsheime nicht mehr wundern muss.

Das Aufwallen der identitätssüchtigen Volksseele fand sein Echo in den pathetischen Erklärungen der Regierungsschefs und der ebenso pathetischen Ergriffenheit der Nachrichtensprecher. Bei diesem europatriotischen Aufmarsch der Gefühle fehlte eigentlich nur noch ein passender Krieg, den es gleichzeitig zu feiern und zu beweinen galt.

Ja, man kann den Leuten wirklich jeden Unfug erzählen, weil sie ihn selber hören wollen, und mit der Lust auf verlogenen Quatsch kann man wirklich Feuer machen, wenn’s drauf ankommt - ein viel heißeres Feuer als dasjenige, das in der Notre Dame brannte. (Marcus Hammerschmitt)