I'm a Cyborg, but that's OK

Der neue Film von Park Chan-wook ist zugleich sein ungewöhnlichster

Die Geschichte des Kinos ist von einer Wanderung geprägt: Während in den 1920er Jahren das deutsche und in den 1940er Jahren das amerikanische Kino führend war, lag der Innovationsschwerpunkt in den 1960ern eher in Frankreich, in den frühen 1970ern in Italien, in den 1990ern in Hong Kong und im noch laufenden Jahrzehnt am ehesten in Korea. Maßgeblicher Mitverantwortlicher daran ist der Cannes-Gewinner und studierte Philosoph Park Chan-wook, der mit "Joint Security Aera" die Ästhetik des koreanischen Kinos revolutionierte.

Der bereits 2006 fertiggestellte Film, der am Donnerstag regulär in die deutschen Kinos kommt, ist grundlegend anders als die anderen Filme von Park Chan-wook. Wer beispielsweise seinen ausgezeichneten Rachezyklus schätzt, der wird in "I'm a Cyborg, but that's OK" möglicherweise die narrative Stringenz vermissen – was den Film aber nicht schwächer macht. Teilweise ist er eine Art Wizard of Oz mit etwas expliziterer Gewaltdarstellung, dann wieder erinnert er an Ostblock-Märchenfilme und an Alejandro Jodorowsky. Vor allem aber ist er neu.

Young-goon

Kunst – das zeigt uns Park – besteht unter anderem aus Technologieentwürfen die nicht funktionieren, aber rühren. Die Hauptfigur Young-goon (gespielt vor der aus dem Horrorfilm "A Tale of Two Sisters" bekannten Kim Ji-woon) fühlt sich als Cyborg. Dieses Gefühl setzt sie um, wie es ein kleines Kind machen würde: Sie verweigert Nahrung und hält sich stattdessen Batterien an die Zunge oder steckt sich Kabel in die aufgeschnittenen Adern, mit denen sie sich einen Stromstoß verpasst. Überhaupt scheint ihr Zustand viel mit Essen zu tun zu haben: Wenn sie das Gebiss ihrer Grußmutter trägt (die in eine Anstalt eingewiesen wurde, weil sie sich nur noch von Rettich ernährte und Mäuse fütterte), dann glaubt sie, mit einem Getränkeautomaten und einer Deckenlampe sprechen zu können.

Young-goon läuft ihrer Großmutter mit deren Gebiss hinterher, erreicht den Anstaltswagen aber nicht mehr. Dafür findet sie sich selbst in einer Anstalt wieder. Diese ist weder ganz pastellfarbene Kindergartenidylle, noch ganz Elektroschockhölle. Young-goon kämpft dort mit sich, die sieben Todsünden für Cyborgs abzulegen, darunter Mitleid, Dankbarkeit, Unentschlossenheit und Grübeln. Illustriert wird dieser Kampf mit einer Art Struwelpeter-Unterweisungsbilderbuch für Kinder mit einem kleinen Mädchen und Katzen.

Was Realität ist - und was nicht, bleibt jedoch häufig unscharf: So überwindet eine extrem übergewichtige Insassin mittels einer ausgesprochen seltsamen Methode die Schwerkraft und fliegt nachts herum. Young-goon selbst verschießt mehrmals mit ausgestreckten Armen Maschinengewehrgarben aus den aufgeklappten Fingern, während sich in ihrem Mund das Magazin dreht – ohne, dass die Erschießungen und Verwüstungen in den weiteren Verlauf des Films einbezogen würden.

Jeder der Patienten lebt in seiner eigenen Welt – und in der Hauptsache geht Parks Film darum, wie sich die verschiedenen Welten begegnen, aufeinanderprallen, wie die Protagonisten teilweise eine gemeinsame Sprache finden, um ihre Universen kompatibel zu machen.

Il-sun

In diesem Irrenhaus lebt unter anderem auch Il-sun, gespielt von Rain, einem der bekanntesten Popsänger Ostasiens. Il-sun trägt zur Anfang des Films eine Maske aus hochglanzbedruckter Pappe, mit der er aussieht wie ein eine Mischung aus Hase und Anime-Kampfroboter. Später tauscht er sie gegen eine ebenfalls aus Hochglanzpapier gefertigte Krone aus, die ihm Ähnlichkeit mit einem Turm aus einem Schachspiel verleiht. Il-sun behauptet von sich, anderen Leuten Fähigkeiten abnehmen zu können. Da andere Insassen der Anstalt ihm das offenbar glauben, gelingt ihm das im Laufe des Films auch ein paar Mal: Er "stiehlt" so unter anderem einen Tischtennistrick und die Fähigkeit zum exzessiven Entschuldigen.

Il-sun trägt – wie Young-goon - ein Objekt mit sich herum, das sowohl auf seine Familie als auch auf sein mögliches Trauma verweist: Ein Schmuckdöschen mit dem Bildnis seiner Mutter. Als Young-goon zu verhungern droht, macht er sie durch das Aufzeichnen und vermeintliche Aufschneiden einer Tür auf ihrer Haut glauben, er hätte ihr dieses Objekt eingesetzt und es wäre eine Apparatur, mit der sich Reis in elektrischen Strom verwandeln ließe.

Gegen Ende des Films entschlüsseln die beiden die von der Großmutter gesprochenen letzten Worte über den Sinn der Existenz, die Young-goon nur noch durch die Heckscheibe des Anstaltstransporters von den Lippen ablesen konnte: "Du bist eine Atombombe. Weltenende. Eine Milliarde Volt." Dann basteln sie sich aus einem Infusionsständer einen Blitzfänger und warten während eines Gewitterpicknicks auf einen Einschlag.

Dann endet der Film. Die Auflösung in Traumata, wie sie für einen Hollywoodfilm Pflicht wäre, wird zwar mehrfach angetäuscht, entpuppt sich aber nie als wirklich verlässlich ursächlich: Obwohl ständig erklärt wird, gibt es am Ende keine Erklärung. (Peter Mühlbauer)