IBM simuliert - kein Katzengehirn

Sie hätten mit geballter Prozessorenpower ein Katzengehirn simuliert, verkündeten IBM-Forscher, ein führender Neurowissenschaftler sieht darin eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit

IBM-Wissenschaftler veröffentlichten den Text: The Cat is Out of the Bag. Selbst erfahrene technische Journalisten ließen sich täuschen. IBM sei es gelungen, mit dem elftgrößten Computer der Welt ein Katzenhirn zu simulieren, berichtete beispielsweise Golem und führte dazu die beeindruckenden technischen Einzelheiten auf: eine Milliarde Neuronen und zehn Billionen Synapsen simuliert mit Hilfe von 147.456 Prozessoren und 144 Terabyte Arbeitsspeicher. Nebenbei solle der Algorithmus Bluematter die Funktionsweise des Gehirns entschlüsseln. Die schöne Überschrift dazu, als sei das alles wahr: "IBM simuliert ein Katzengehirn – Auf dem Weg zum Gehirncomputer".

Auch Ars Technika ließ sich gerne von den astronomischen Zahlen beeindrucken, die IBM in einer Pressemitteilung bekannt gab, und zur schnellen Schlussfolgerung mitreißen, IBM habe einen Supercomputer geschaffen, der wesentlich klüger sei als eine Katze. Und klar, die vollständige Simulation auch eines menschlichen Gehirns käme damit in Sicht.

Alles Quatsch, lässt sich lautstark Henry Markram vernehmen, der mit dem Blue Brain Project an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) ein ähnliches Forschungsvorhaben leitet. Der Neurowissenschaftler möchte auch gerne ein künstliches Gehirn bauen, neigt aber weniger dazu, die Grenzen der aktuellen Forschung zu leugnen.

Mit 10.000 Nervenzellen und einem Blue-Gene-Supercomputer machte er sich erst einmal daran, zunächst eine Scheibe von Rattengehirn zu simulieren. Die IBM-Behauptung, bereits ein Katzengehirn geschaffen zu haben, machte ihn einfach nur wütend. In einem offenen Brief an Bernard Meyerson, CTO von IBM, ließ er die ganze Wut heraus:

Lieber Bernie,

du hattest mir versprochen, diesen Kerl an den Zehen aufzuhängen, als Mohda zuletzt diese dumme Behauptung aufstellte, er habe ein Mäusehirn simuliert.

Ich hatte erwartet, nachdem sie Blue Brain so vorsichtig angegangen waren, dass die Journalisten als Betrug erkennen würden, was IBM berichtete - nicht entfernt so etwas wie die Simulation eines Katzenhirns, aber irgendwie wurden sie vollkommen getäuscht durch diese unglaublichen Behauptungen.

Ich bin absolut schockiert über diese Veröffentlichung. Nicht weil es eine technische Leistung wäre, sondern weil es eine massenhafte Täuschung der Öffentlichkeit ist.

Henry Markram

Wie eben führende Wissenschaftler mit ihresgleichen umgehen. Bei kürzlich von Hackern enthüllten Emails britischer Klimaforscher blieb ein ganz ähnlicher Eindruck zurück. Im weiteren aber nimmt Markram systematisch auseinander, was er als PR-Show von IBM sieht:

Erstens wurden nur point neurons simuliert und damit 99,999 Prozent des Gehirns einfach übersehen. Zweitens laufen diese Simulationen des Typs artificial neural network (ANN) seit Jahrzehnten und sind absolut trivial, bringen kein sinnvolleres Ergebnis im größeren Maßstab mit einem größeren Computer. Drittens ist es nicht einmal eine innovative Simulationstechnik, "einfach nur ein Hoax und ein PR-Stunt". Viertens sei dies "Lichtjahre entfernt von einem Katzengehirn, nicht einmal nahe einem Ameisengehirn in der Komplexität". Fünftens gibt es keinen qualifizierten Neurowissenschaftler auf diesem Planeten, der zustimmen würde, dass es auch nur annähernd einem Katzenhirn ähnelt.

Eine "Schande und absolut schädlich für das Forschungsgebiet" sei das. Daher komme ihm leider die Rolle zu, in einem offenen Brief die "Katze aus dem Sack" zu lassen über diese plumpe Täuschung der Öffentlichkeit:

Noch schockierender ist, dass IBM und DARPA sich hinter solche irreführenden Behauptungen stellen.

Henry Markram

(Bernd Kling)

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