ICH habe nichts zu verbergen!

Abschied vom Privatleben

Der Bereich, der alle Einzelheiten des persönlichen Lebens und Treibens einschließt und nur die betreffende Person selbst etwas angeht, wird Privatleben oder Privatsphäre genannt. Dieser private (Lebens-)Raum steht dem öffentlichen Raum und seinen (Gemeinschafts-)Interessen gegenüber. Der Bereich des Privatlebens ermöglicht der Person, sich frei und ungezwungen in den eigenen „Räumen“ bewegen und entfalten zu können, ohne dabei befürchten zu müssen, dass andere Personen Kenntnis und Einfluss auf das Verhalten ausüben können1. Hierzu zählen auch die Freiheit des Denkens und des Fühlens, sowie der Bereich der Sexualität. Das Preisgeben der innersten, intimsten und persönlichsten Dinge geschieht in der Regel nur in einer Umgebung äußerster Vertrautheit und gegenüber denjenigen Personen, die dem Kreis der „Vertrauten“ angehören. Ihnen gewähren wir freiwillig Einblicke in Interessen, Sorgen, Wünsche und andere Angelegenheiten unserer Lebensführung- und Planung und erlauben die Teilnahme daran2. So verstanden hat das Privatleben des Einzelnen einen hohen Stellenwert und Verletzungen der Privat- und Intimsphäre werden meistens als besonders kompromittierend und schmerzlich empfunden.

Inzwischen ist jedoch in unserer Gesellschaft zu beobachten, dass die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Leben immer mehr nivelliert wird. Personen sind zunehmend bereit, Privat- und Intimsphäre der öffentlichen Allgemeinheit zu opfern: Es scheint keine schützenswerten persönlichen Angelegenheiten (mehr) zu geben, wenn Menschen sich freiwillig „veröffentlichen“ und einer anonymen Gemeinschaft gestatten, ihr Privatleben einer legalen „Belästigung“ durch unbekannte Fremde auszusetzen.

Nicht nur in (anonymen) Chatrooms und Foren im Internet darf man sich über so manche Offenheit und Vertraulichkeit im Umgang der jeweiligen Nutzer und Teilnehmer untereinander wundern. Auch in Talk-, Live- und Gameshows, „Reality-Soaps“ und anderen Unterhaltungssendungen im Fernsehen sind inzwischen regelmäßig Verhaltensweisen der jeweiligen Studiogäste, Darsteller und Mitwirkenden zu beobachten, die bei Zuschauern unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

Gemeint sind hier nicht-prominente Personen, die ganz selbstverständlich private Streitigkeiten mit ihrem Partner vor laufender Kamera austragen, persönliche Schicksalsschläge einer anonymen Öffentlichkeit preisgeben, über seltene Krankheiten bereitwillig Auskunft erteilen, mit tränenüberströmten Gesichtern Einblicke in menschliche Abgründe gewähren und vieles mehr. Ganz offen und tabulos wird dem Zuschauer und breiten Publikum signalisiert, dass man „nichts zu verbergen“ hat und willig ist, über so ziemlich alles zu reden.

Ebenso vielfältig und vielgestaltig wie die jeweiligen Offenbarungen, sind auch die unterschiedlichen Zuschauerreaktionen. Während der eine Betrachter teilnahmsvoll seiner mitfühlenden Betroffenheit bezüglich des senderechtlich übertragenen Leids Ausdruck verleiht, empfindet ein anderer Zuschauer vielleicht gerade diesen Mangel an dezenter Zurückhaltung als ungenierte Schamlosigkeit und Zumutung.

Man könnte es auch so formulieren, dass sich der eine Betrachter mit dem konfrontierten fremden Kummer identifizieren kann und den sich mutig und selbst offenbarenden „ehrlichen“ Bürger dafür bewundert. Ein anderer Zuschauer kann eine völlig konträre Reaktion auf denselben Sachverhalt zeigen, indem er diese „Offenheit“ als geschmacklose Selbstinszenierung empfindet, sozusagen als Provokation durch die allgemein zur Schau gestellte Intimität.

Private, wie auch öffentlich-rechtliche Sende- und Rundfunkanstalten bieten als Medien zahlreiche Inszenierungsmöglichkeiten für ganz persönliche Auftritte unterschiedlicher Menschen. Bürger, deren Biographie bis dahin in den Medien völlig unbekannt war, werden ganz plötzlich im Fernsehen zu Studiogästen (und nicht selten auch zu Stars), denen für eine gewisse Zeit die Bühne als „Raum der Aufmerksamkeit“ zur Verfügung gestellt wird. Die Auftrittsmotive und Beweggründe dieser nicht-prominenten Gäste sind unterschiedlicher Art. Besondere Talente, Begabungen oder schauspielerisches Geschick sind keine notwendige Voraussetzung oder Bedingung für eine Einladung: Eine beispielsweise konventionelle Erscheinung mit jedoch spektakulärem, besorgniserregendem, tragisch-dramatischem Erlebnishintergrund ist oftmals ausreichend.

Sich selbst vor anderen Personen möglichst positiv darzustellen, ist sicher eine generelle Tendenz in Auftrittssituationen in der Öffentlichkeit. Vom Publikum umringt, bringt der ambitionierte Studiogast mitteilungsfreudig und meist von starkem Gefühlsausdruck begleitet, seine eigene Person zur Aufführung. In der redseligen Selbstkundgabe und Selbstbezogenheit bietet ihm dabei das Publikum den Resonanzboden für seine offenbarten Alltagserfahrungen3.

Neben dem Unterhaltungs- und Informationswert eines solchen Auftritts darf auch das Geltungs- und Klatschbedürfnis nicht unterschlagen werden: Belanglosigkeiten können ebenso zur amüsanten Kurzweil beitragen wie inszenierte Übertreibungen persönlicher Grenzerfahrungen4. Den Varianten phantasievollen Auftretens werden dabei von Seiten des Senders kaum Grenzen gesetzt, sodass Komponenten emotionalen Erlebens und/oder persönlichkeitsspezifischen Befindlichkeitsstörungen, nebst Einblicken in die Intimsphäre des jeweiligen Studiogasts, so gut wie jede Ausdrucksmöglichkeit gestattet wird.

Solange Profanisierung und Intimisierung publikumswirksam aufbereitet werden und die unterschiedlichen und oftmals fragwürdigen Bedürfnisse der Zuschauer befriedigen, ist die intentionale Bemühung des Studiogasts, seine „Augenblicksberühmtheit“ zu feiern, gestattet und willkommen5. Diesem Gast, der ganz damit beschäftigt ist, seine wie auch immer gearteten „Besonderheiten“ in den Mittelpunkt der Sendung zu stellen, ist dabei nicht unbedingt bewusst, dass das Publikum um ihn herum - wie auch die Zuschauer vor ihren Fernsehgeräten - wichtige, jedoch wechselnde und grundsätzlich austauschbare Adressaten sind6.

Es wird vorausgesetzt, dass sich der Studiogast oder Teilnehmer freiwillig, d.h. ohne Einwirkung durch äußeren Zwang bereit erklärt, über seine Person, Persönlichkeit, Probleme, Krankheiten, Erlebnisse und vieles mehr Auskunft zu erteilen. Diese Handlung bietet ihm Chance und Möglichkeit, Aufmerksamkeit für die dargebotene Form des Sich-selbst-Ausdrückens und Selbst-Darstellens zu erhalten. Eventuell erfährt er durch die ihm entgegengebrachte Aufmerksamkeit ein Gefühl der Wertschätzung, Bestätigung, Zusammengehörigkeit, Erleichterung, des Trostes, Mutes oder Ähnliches7.

Ungeachtet dessen, ob der Inhalt seiner Darstellung und Übermittlung als spektakulär oder langweilig, banal oder außergewöhnlich originell von den jeweiligen Zuschauern empfunden wird, steht der Studiogast als „Akteur“ im Mittelpunkt des momentanen Geschehens. Diese Veranstaltung ist in der Regel ein Erlebnis besonderer Art für ihn, da sie die Alltäglichkeit und Routine des üblichen Lebens unterbricht und durch den Reiz der Besonderheit, bzw. der Einmaligkeit glänzt8. Mit Hilfe und Unterstützung der Medienwelt (hier dem Fernsehen) kann man sozusagen aus einem persönlichen Erlebnis ein Ereignis kreieren, dass durch seinen geschickten „Inszenierungswert“ zum sensationellen Event avanciert, auch wenn in diesem Bemühen lediglich die einmalige Faszinationskraft des Augenblicks fixiert wird9.

Aber immerhin hat man trotz der leichtflüchtigen Vergänglichkeit dieser Situation erreicht, den Status der „Wichtigkeit“ durch zigtausende Zuschaueraugen einzunehmen und zu genießen. Es geht um Gesehen- und Wahrgenommenwerden von der Umwelt, seinen Mitmenschen und der Gesellschaft, um (endlich) als herausragende, einzigartige Persönlichkeit anerkannt zu werden. Die bis dahin anonyme „Durchschnittsbürger-Vita“ löst sich im Rampenlicht auf und gewährt (hoffentlich) den Durchbruch zum gesellschaftlichen und/oder persönlichen Aufstieg. Sicher ist die Sehnsucht danach nicht wesentlich größer als die Angst davor, nach diesem Auftritt wieder von der „Bühne des Bewusstseins“ zu verschwinden, ohne eine Spur der Erinnerung beim Publikum hinterlassen zu haben.

Gewährt der Studiogast tiefe Einblicke in sein Privatleben, indem er über persönliche Probleme, Schicksalsschläge oder Nöte öffentlich Zeugnis und Beichte ablegt, so geschieht dies sicher auch der psychischen Erleichterung wegen. Er bricht das Siegel der Verschwiegenheit, hebt die Privatsphäre aus ihrer Isolierung und vertraut all dies dem Kollektiv der Öffentlichkeit an. Vielleicht spielt auch die Hoffnung dabei eine nicht unwesentliche Rolle, dass seine geständige Offenbarung die bisherige (Lebens-) Last verringert, weil „geteiltes Leid halbes Leid“ sein soll!?

Je nach Aufbau der jeweiligen Sendung stehen Berater und Diskussionspartner in Echtzeit oder im Anschluss an die Sendung mit Hilfestellungen und Handlungsanleitungen persönlich zum Gespräch bereit. Auf der Suche nach Problemlösungsstrategien werden Wege aus der jeweiligen Krise angeboten, die beispielsweise zur Genesung, Behebung des negativen Zustands, zur sehnsüchtigen Wunscherfüllung oder zum Glücklichwerden führen sollen. Verbesserungsvorschläge und Risikoabschätzung in Sachen Lebensführung, sowie Beratungsformen jedweder Art, dienen somit nicht nur dem Studiogast und seiner situationsspezifischen „Selbstplatzierung“, sondern können auch vom sensibilisierten Publikum als Orientierungshilfe und Wegweiser verstanden werden10.

Im medizinischen Bereich definiert man Exhibitionismus als wiederkehrende oder anhaltende Neigung, die eigenen Genitalien vor meist gegengeschlechtlichen Fremden in der Öffentlichkeit zu entblößen, ohne dabei zu einem näheren Kontakt aufzufordern, jedoch um eine gewisse Befriedigung aus diesem Verhalten zu ziehen. Dieses Verhalten gehört nach WHO-Definition in den Bereich der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen11.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat der Begriff des Exhibitionismus eine Erweiterung erfahren, sodass man darunter auch eine übertriebene intime Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit versteht, die sich nicht nur auf rein sexuelle Aspekte beschränkt. Das übersteigerte ich-bezogene Zur-Schau-Stellen und Preisgeben von charakterlichen Eigenschaften, Gefühlen, Fertigkeiten, Überzeugungen und Schwächen, wird ebenfalls zum Exhibitionismus gezählt. Die Motivationen dafür sind vielfältig und liegen u. a. im Erregen von Aufmerksamkeit und/ oder Mitleid, sowie im Kokettieren mit Besonderheiten. Für exhibitionistisch veranlagte Menschen steht das Bedürfnis nach (körperlicher) Beachtung und Bestätigung ihrer Person im Vordergrund. Aus dieser Beachtung von Seiten der Öffentlichkeit können sie eine gewisse Anerkennung, Zustimmung und Genugtuung ziehen12.

Es scheint in unserer derzeitigen Gesellschaft einen allgemeinen Trend zum Exhibitionismus zu geben, denn der Wunsch und Wille, die privatesten Dinge offen darzulegen, ist auffällig und inzwischen weit verbreitet13. Die Neigung, seine eigene Lebensweise, das Denken und Verhalten übertrieben in den Vordergrund zu stellen, kann ebenso als „Ego-Trip“ betrachtet werden14.

Im Rahmen diverser Shows und anderer Unterhaltungssendungen werden unterschiedliche und auffällige „Imponiertechniken“ der jeweiligen Studiogäste und Teilnehmer zum Besten gegeben, die scheinbar ganz selbstverständlich dazugehören. Das zur Verfügung stehende Repertoire zur Selbstinszenierung erschöpft sich nämlich längst nicht in extrem übertriebenen Gesten des Sich-Aufspielens, Sich-Produzierens, des Eindruck-schinden-Wollens oder in Form von maßloser „Selbst-Beweihräucherung“. Den zahlreichen Handlungsoptionen stehen je nach Veranlagung kreative Demonstrationsmöglichkeiten zur Verfügung, die nicht selten Niveau und „Geschmack“ auf das Peinlichste vermissen lassen15.

Als Werbende in „eigener Sache“ ist diesen Selbstdarstellern offensichtlich jedes Mittel recht, sich ihrer Umwelt gegenüber in Szene zu setzen. Diese Entblößung und Überwindung des Privatlebens verlangt großen persönlichen Einsatz. Die Hoffnung auf Belohnung für die Veröffentlichung seiner selbst beinhaltet aber bei nicht gänzlich eliminierter Selbstreflexion dennoch eine beunruhigende Befürchtung:

„Könnte man sich mit den Augen der anderen sehen, man würde sogleich spurlos verschwinden.“

E. M. Cioran

Literaturnachweis/Internetrecherche

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