ILO: Gute Löhne und soziale Absicherung sind Wachstumsmotoren

Der Weltarbeitsbericht beobachtet in Entwicklungsländern eine bessere Krisenpolitik als in Europa

"Wirtschaftliche Entwicklung läuft nicht alleine über Exporte, freien Handel und Direktinvestitionen aus dem Ausland" - der aktuelle Weltarbeitsbericht der International Labour Organisation (ILO) stützt das Credo von Keynesianern, wie dem deutschen Ökonomen Heiner Flassbeck: Gesundes Wachstum geht mit guten Löhnen und guten Arbeitsbedingungen einher.

140 Länder, sogenannte Entwicklungs-und Schwellenländer, werden in dem mehr als 220-seitigen Bericht (Kurzfassung, 10 Seiten, hier) analysiert. Die grundlegene These ist schon im Titel angerissen: "Developing with Jobs"; in einem Satz lautet sie:

Länder, die seit dem Jahr 2000 am meisten in gute Arbeitsplätze investiert haben, verzeichneten seit 2007 gegenüber anderen Entwicklungs-und Schwellenländern ein um etwa ein Prozent höheres Wachstum.

Das heißt, sie haben die Krisenjahre seit 2008 besser überstanden. Als Negativbeispiel führen die Verfasser fortgeschrittene Volkswirtschaften in Europa an, wo der Trend in die andere Richtung laufe. Mit dem guten Trend gemeint ist die Verbesserung der Qualität der Arbeitsbedingungen, der Bezahlung von Arbeit, der sozialen Absicherung und der Maßnahmen, die gegen Ungleichheit gerichtet sind.

Positive Beispiele: Peru, Vietnam und Senegal

Beobachtet würde dies vor allem in lateinamerikanischen und asiatischen Ländern, so der große Überblick, den der federführende Autor des Berichts, Moazam Mahmood, Vizechef der ILO-Forschungsabteilung gibt.

Vor allem an drei Ländern, Peru, Vietnam und einem afrikanischen Land, Senegal, wird der Zusammenhang zwischen qualitätvoller Arbeitsplätze, verschiedenen Instrumenten zur sozialen Absicherung und einer guten Wirtschaftentwicklung aufgezeigt (siehe S.65ff.).

Dass Anstellungen mit verlässlichen Bedingungen statt prekären Arbeitsplätzen (vgl. etwa Nullstundenverträge in Großbritannien) einen Unterschied machen, wird am Beispiel Senegal demonstriert, wo die Produktivität im Schnitt um ein halbes Prozent im Jahr anstieg, nachdem man den Anteil der nicht mit einem Niedriglohn, sondern angemessen vergüteten Arbeitsplätze von 12 Prozent im Jahr 1991 auf 26 Prozent im Jahr 2013 steigerte. Damit habe der Anteil der working poors deutlich abgenommen und es konnte sich eine Mittelklasse entwickeln.

Dies ist das andere Herzstück, das der Bericht für eine gute Entwicklung heraushebt. Wie dies zu befördern sei, dafür haben die Länder jeweils ihre eigenen Programmenmix gefunden, um die unteren Schichten zu unterstützen, ausgehend von dem Gedanken, dass die Ärmeren Unterstützung brauchen, um überhaupt Zeit und Gelegenheit zu finden, sich für gute Jobs auszubilden und für Bewerbungen iun Frage zukommen.

Jugendarbeitslosigkeit und die Problemzonen in Nordafrika und im Nahen Osten

Als weltweite Problemzonen werden Nordafrika, Länder des Nahen Ostens und Osteuropa herausgehoben. In Nordafrika registriert die ILO mit durchschnittlich 12,3 Prozent und im Nahen Osten mit durchschnittlich 11,3 % die höchsten Arbeitlosigkeitsraten für das Jahr 2014. Den kräftigsten Zuwachs erwartet man für Mitteleuropa, Südosteuropa und in den Ländern des ehemaligen Ostblocks.

Die meisten Arbeitsplätze, 90 Prozent (!), werden künftig in den Entwicklungs-und Schwellenländern geschaffen, prognostiziert die Organisation. Herausgestellt wird, wie schon im vorhergehenden Bericht, das Problem der Jugendarbeitslosigkeit, das sich mit der Tendenz zu Billiglöhnen zu einer Katastrophe entwickeln könnte.

In den nächsten fünf Jahren schätzt man die Zahl der Neuankömmlinge auf dem Arbeitsmarkt auf weltweit 213 Millionen, davon allein 200 Millionen in den Entwicklungsländern. Schon jetzt liege die durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit dort bei über 12 Prozent. Den höchsten Anteil hat sie in Ländern des Nahen Ostens und Nordafrika, dort sei beinahe jeder dritte erwerbsfähige Jugendliche ohne Arbeit.

Der Teufelskreis: Löhne unter zwei Dollar am Tag

Für Unruhe in den kommenden Jahren könnte auch das Heer der unterbezahlten Arbeitskräfte sorgen. Insgesamt 839 Millionen arbeiten in den Entwicklungsländern für einen Lohn unter zwei Dollar täglich. Allerdings zeigt sich hier eine positive Entwicklung. Mittlerweile machen die am ärmsten Bezahlten unter den Erwerbstätigen nur mehr ein Drittel aus; in den frühen 2000er Jahren stellten sie noch die Hälfte.

Nach den Schätzungen der ILO sind allerdings mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen in den Entwicklungsländern, insgesamt 1,5 Milliarden Arbeitnehmer, unter sehr unsicheren Arbeitsbedingungen, ohne Verträge, sozialen Schutz, garantierte Bezahlung usw. tätig, was sie daran hindert, in die eigene Gesundheit und die ihrer Familie - und in die Ausbildung - zu investieren Aus dem Teufelskreis sei nach Stand der Dinge auch in künftigen Generationen kaum ein Entkommen möglich. Als Krisenzone dafür nennt der Bericht das subsaharische Afrika und Südasien an, wo drei von vier Arbeitern unter fragilen, miesen Bedingungen arbeiten. (Thomas Pany)

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