IS: Massenmord an Schiiten in Afghanistan

80 Tote bei einem Anschlag in der Hauptstadt Kabul. Taliban nennen Attacke "Angriff von Feinden"

Im April dieses Jahres ging das deutsche Innenministerium auf eine Anfrage der Linksfraktion auf die Sicherheitslage in Afghanistan ein. Es ging um Rückführung von Flüchtlingen. In seiner Antwort entwarf das Ministerium das Bild eines Landes mit "vergleichsweise stabilen" Gegenden, in die Afghanen zurückkehren könnten. Auf Nachfrage präzisierte man: Die Lage in den "meisten urbanen Zentren" gelte als "ausreichend kontrollierbar".

Eingeschränkt wurde, dass für das gesamte Land aber "eine mindestens abstrakte Gefahr von Kampfhandlungen oder Attentaten" bestehe, denen auch Zivilisten zum Opfer fallen könnten. Allerdings, so hieß es, in einem allgemeinen Abriss: Sei die Bedrohung vor allem für "westliche Staatsbürger, Soldaten und örtliche Behörden" gegeben. Bei Zivilisten sei die Bedrohung geringer, "da die Talibanführung ihre Kämpfer wiederholt glaubhaft und deutlich angewiesen hat, zivile Opfer zu vermeiden und zivile Infrastruktur zu schonen".

Die Antwort enthält, wie sich an diesem Wochenende erneut zeigte, mehrere Irrtümer. Darunter stechen besonders zwei hervor: Es gibt eine Gruppe der afghanischen Bevölkerung, sprich Zivilisten, die besonders gefährdet ist, nämlich die schiitische Minderheit der Hazara, die etwa 15 Prozent der geschätzten 30 Millionen Einwohner Afghanistans ausmachen.

Sie werden in der ministeriellen Antwort nicht weiter erwähnt. Zum anderen ist jenseits der Verlässlichkeit der vom Innenministerium zitierten Anweisung der Talibanführung "zum Schutz der Zivilbevölkerung" festzustellen, dass die Taliban nicht die einzigen Milizentruppen stellen, deren Auffassung von Sicherheit mit denen der Regierung in Kabul und ihrer internationalen Unterstützer kollidiert.

Zum Anschlag vom Samstag auf eine Demonstration der Hazara im urbanen Zentrum Kabul bekannte sich der IS laut seiner Medienvertretung Amak. 80 Tote und 231 Verletzte lautet die bisherige Bilanz des Anschlags in Kabul.

Die Teilnehmer der Demonstration kritisierten die Sicherheitsmaßnahmen in der afghanischen Hauptstadt, die Sicherheitsprioritäten erkennen lassen, zu denen die Demonstration der Hazara - immerhin 10.000 Teilnehmer - nicht gehörten: Die Regierung habe schütze sich mit Containern, aber nicht die Bevölkerung trotz der Überwachungskameras, zitiert die New York Times Teilnehmer der Demonstration. Laut Guardian ahnte der afghanische Geheimdienst Schlimmes, man habe versucht, die Demonstration abzusagen.

Bemerkenswert ist, dass die Taliban nach Medienberichten sich nicht nur vom "tragischen Anschlag" distanzierten - man habe damit nichts zu tun -, sondern ihn als Werk von Feinden bezeichneten.

Die Führung des IS in Afghanistan rekrutiert sich aus Abtrünnigen der Taliban. Mit viel Geld und einer außergewöhnlichen Brutalität hat der "IS in Khorasan" seit Herbst letzten Jahres die Kontrolle über Gebiete in der Provinz Nangarhar erlangt (vom Einsickern des IS in Afghanistan war schon Ende des Jahres 2014 die Rede).

Nangarhar liegt im Osten des Landes und grenzt an Pakistan, weswegen Gerüchte im Umlauf sind, wonach der pakistanische Geheimdienst seine Finger im Spiel habe. Augenscheinlich sind Verbindungen zu pakistanischen Taliban. Im Distrikt Achin war die Brutalität der IS-Herrschaft derart ausgeprägt, dass sich laut New York Times lokale Taliban-Führer im Herbst letzten Jahres der Regierung ergaben.

Der "Emir des IS in Khorasan", Hafiz Saeed Khan. Foto: Propagandamaterial

Der ehemalige Guantanamo-Häftling Abdul Rahim Muslim Dost, der sich dem IS in Afghanistan angeschlossen hatte und zur Führung gehörte, brach Anfang Juli mit der Gruppe, sie sei zu brutal und die Führungsmitglieder, allen voran der Emir Hafiz Saaed Khan, zu "primitiv".

Schätzungen über die Stärke der IS-Milizen sind ungenau. Medienberichte wie von der Tagesschau gehen von etwa 3.000 IS-Kämpfern aus.

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